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04/12/2016 11:49 CET | Aktualisiert 05/12/2017 06:12 CET

Der digitalen Vereinheitlichung

Rawpixel via Getty Images

Seit dem Enthüllungen von Edward Snowden wissen wir ganz konkret, das sämtliche Kommunikation überwacht wird. Die Datenmenge, die dabei anfällt ist inzwischen beherrschbar geworden. Und sie wird immer beherrschbarer, da die Leistungsfähigkeit der Computer steigt.

Die digitalen Spuren, die die Nutzer im Internet hinterlassen, erzeugen ein vollständiges Identität-Profil. Vergleichbar mit der menschlichen DNA, nur auf mentaler Ebene.

Die Yogis kennen 81 Facetten des menschlichen Geistes, die in unterschiedlichen Kombinationen miteinander Interagieren. Das bedeutet 81 mal 81 unterschiedliche Identitäten. Bei 6560 wäre demnach Schluss. Das ist eine überschaubare Größe.

Selbstverständlich gibt es bereits Computer, die die unterschiedlichen Identitäten sortiert haben und als Kopien in den Sozialen Netzwerken aktiv sind. Passend dazu sind spezielle Programme zur Hand, die Profilbilder so entfremden, dass ein neuer Mensch entsteht, den niemand kennt. Fertig ist die Klon-Armee, die beliebig einsetzbar ist. Und falls dies alles wirklich nur Science Fiction ist, dann nur deshalb, weil die Klone noch nicht so massenhaft zum Einsatz gekommen sind, dass es auffallen würde.

Aber die Klone sind überall. Sie bevölkert die Sozialen Netzwerke. Auf Facebook sind sie allgegenwärtig. Diese Fake-Accounts werden mit jedem Tag, an dem sie interagieren, besser. Vielleicht redet sie bereits in deinem Forum mit und stimmen bei Online-Abstimmungen mit ab (sogenannte Social Bots). Wenn sie es noch nicht tun, dann wird es bald der Fall sein.

Jeder von uns wird kontinuierlich gescannt, kategorisiert und dann hundertfach digital geklont. Anschließend wird die Klon-Armeen durch die Glasfaserkabel geschickt um die Menschen zu einer Minderheit im Netz zu machen. Sie haben sich in die digitale Welt gewagt, aber hier gelten andere Regeln als in der realen Welt. Hier bestimmt der Algorithmus, wo es lang geht. Und wer am besten programmieren kann, beherrscht die Taktung, mit der Informationen verteilt werden. Die neue Weltmacht sind die Programmierer. Und selbst die sind durch die immer ausgefeilteren Algorithmen irgendwann ersetzbar.

In dieser digitalen Welt hat das Individuum nur noch einen Platz als Füllmasse. Es gibt nicht mehr den Ausschlag, ob Dinge sich ändern oder nicht. Es setzt keine Impulse mehr. Die Klon-Armeen kämpfen gegen einander und jegliche Möglichkeit, hierbei so etwas wie Aufmerksamkeit zu erzeugen, erlischt.

Wer sich ersetzbar fühlt, wird innerlich passiv. Bewusstsein scheint unnötig, wenn es keinen Einfluss ausüben kann. Es verkümmert wenn klar ist, dass es irgendwann an Grenzen stoßen muss, weil kein freier Raum da ist, der leer und unbenutzt ist.

Wen es nicht unberechenbares mehr gibt, erlischt der kreative Impuls. Eine Folge davon ist die Vereinheitlichung der individuellen Identität. Diese mentale Steifheit führt zur körperlicher Steifheit. Körperliche Krankheiten entstehen, die es vorher in dieser Fülle nicht gab und die sich unter dem Begriff Autoimmunkrankheiten zusammenfassen lassen.

Auf der mentalen Ebene wiederum kommt es zu Depression oder zu Erschöpfungszuständen.

Meditation ist nur denkbar in einem freien, geschützten inneren Raum. Wenn der fehlt, dann verliert sie ihre Grundlage, ihren Sinn und ihre Bedeutung.

Dadurch tritt an die Stelle einer gewachsenen menschlichen Kultur ein Mechanismus, der sich - wie alle mechanischen Strukturen - irgendwann tot läuft.

Dieser Verlust der eigenen Identität hat aber auch etwas befreiendes und hoffnungsvolles. Er mach flexibler, anpassungsfähiger und hat weniger Angriffsfläche. Eine neutrale Haltung scheint möglich zu sein, die mehrere Lebensentwürfe parallel zulassen kann.

So kämpft das reale Leben mit der digitalen Wirklichkeit. Die Beiden begeben sich in eine Polarität, die aufgelöst werden will.

Auf der eigenen Seite steht das Selbst, dass sich aus dem Mensch-Sein nährt. Das Selbst benötigt einige besondere Merkmale, die es identifizieren muss um sich als einzigartig erkennen zu können. Was ist das besondere an dir? Dein Körper? Vielleicht. Deine Lebenskraft? Sicherlich. Die eigene Identität? Kaum. Denn diese kann durch Einsen und Nullen nachvollzogen werden.

Der eigene Bedeutungsverlust und der eigene Selbstwert-Verlust kann gestoppt werden, indem man aufhört, Erfolg oder Misserfolg an die eigene Identität zu koppeln. Das Recht auf Existenz erklärt sich aus der Tatsache der eigenen Existenz. Es benötigt dafür keinerlei Rechtfertigung.

Anpassungsfähigkeit ist die menschliche Kapazität, Stress-Faktoren unwirksam werden zu lassen. Sie benötigt keinen festen Anker, sondern erschließt sich aus der Beobachtung der eigenen Umgebung und der Entscheidung, für die eigene Entwicklung.

Wenn wir den Fluss des Lebens nicht länger durch eine zu strikte Auffassung von Identität blockieren, steigt unsere Vitalität. Identität ist der Teil der menschlichen Existenz, der durch das Informationszeitalter bedeutungslos wird. Sie löst sich nicht auf, aber sie hat keinen Einfluss mehr. Dann können Gefühle so sein, wie sie sind und Ängste und Widerstände bereichern den natürlichen Fluss unserer Intelligenz, anstatt ihn zu begrenzen.

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