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24/03/2015 12:53 CET | Aktualisiert 24/05/2015 07:12 CEST

An das drogenabhängige Mädchen beim Frauenarzt

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Er stand mal wieder bevor. Der Besuch bei meinem Frauenarzt. Ohne groß über etwas nachzudenken, betrat ich die Praxis. Als ich in das Wartezimmer sah, sollte sich das schlagartig ändern.

Denn da saßt du.

Es war mir sehr unangenehm, mich neben dich zu setzen, doch woanders war leider kein Platz mehr frei. Du sahst mich an als würdest du mir am liebsten die Augen auskratzen und dein Freund versuchte, dich zu beruhigen.

Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, was du in deinem Leben für Probleme hast und es wäre auch besser gewesen, ich hätte es nie erfahren, denn dann müsste ich hier diese Zeilen nicht verfassen.

Ich musste zur Toilette. Als ich mir im Vorraum die Hände waschen wollte, standest du wieder da. Mit aggressivem Blick und einem jungen Mann mit einem Joint hinter dem Ohr, der, wie sich herausstellte, zu dir gehörte. Schnell verschwand er in der Toilette und du wolltest ihm hinterher. Doch er ließ dich nicht. Er zog es alleine durch.

Im Fachgebiet "Drogen und Rauschgift" bin ich kein Spezialist und ich denke, das muss man auch nicht sein. Aber ich weiß, dass es vielerlei Drogen gibt, die man durch die Nase aufnimmt. Du kamst mit ihm aus dem Klo und zu meinem Entsetzen musste ich feststellen, dass es nicht der Joint war, den er sich durchzog, denn den hatte er nach wie vor hinter dem Ohr.

Es war scheinbar eine härtere Droge, denn auf dem Weg von der Toilette zum Wartezimmer schniefte er noch zweimal durch die Nase.

Du wurdest immer unruhiger, zittriger und ungenießbarer. Lag es etwa an deinem Verlangen nach Rauschgift oder dann doch an der Tatsache, dass du höchst wahrscheinlich schwanger warst?

Deine Mutter, die du dir zweifelsfrei zum Vorbild nahmst, saß neben dir, roch unheimlich stark nach Alkohol, genauso wie das ganze Wartezimmer. War es ein Wunder? Auch dein Kumpan saß bereits mit einer Bierflasche beim Frauenarzt. Ganz zu schweigen davon, dass er eine weitere volle Bierflasche wenige Minuten später an der Anmeldung fallen ließ.

Seid ihr so tief gesunken, dass es euch nicht mehr peinlich ist, wenn andere Leute dieses Elend mit ansehen müssen? Wenn andere Leute im Prinzip euer Leben durch ihre Steuerabgaben finanzieren?

Dieser Gedanke war noch nicht mal der Schlimmste.

Tausende von Gedanken schossen mir durch den Kopf. Ich wusste nicht viel von deinem Leben und das war auch besser so. Doch diese 45 Minuten, in denen ich dich ungewollt kennen lernen musste, war mir klar, dass dein Ungeborenes später keine Chance auf ein normales Leben hat.

Viele Paare, die sich sehnlichst Kinder wünschen, können keine bekommen, aus verschiedenen Gründen. Schwanger sein zu dürfen, ist für viele Menschen ein Geschenk des Lebens. Und für dich?

Ich schätzte dich auf höchstens 20 Jahre. Heutzutage nichts Außergewöhnliches, so früh ein Kind zu bekommen. Für dich der blanke Horror.

Du warst schwanger, alkohol- und wahrscheinlich auch drogenabhängig, hattest keine Arbeit und auch keine Perspektive für deine Zukunft.

Ich stelle mir die Frage und eigentlich solltest du das auch tun: Kannst du deinem ungeborenen Kind jemals gerecht werden? Ich antworte mit: "Nein, du kannst es nicht."

Selbst wenn dir die Behörden dein Kind nach der Geburt wegnehmen würden, was ich sehr unterstützen würde, selbst dann hat das Kind keine 100% Chance auf eine normale Zukunft und ein schöneres Leben.

Denn höchst wahrscheinlich kommt es mit größeren Schäden zur Welt. Wieso? Weil du nicht im Stande bist, 9 Monate lang auf Alkohol und Drogen zu verzichten. Ganz im Gegenteil, auf diesen Schock, dass du ein Kind bekommst, hast du dich sicherlich gleich in den nächsten Rausch begeben.


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