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22/04/2016 13:06 CEST | Aktualisiert 23/04/2017 07:12 CEST

Was wirklich zählt im Leben - ein Gespräch mit Walter Gunz

Caiaimage/Paul Bradbury via Getty Images

„Lerne das zu lieben, was du tust!" - Ein Gespräch mit dem Mitbegründer der Media-Markt-Kette über Erfolg und Niederlagen, über depressive Phasen, den Glauben und die Hoffnung.

Immer mehr Menschen werden aufgrund psychischer Probleme krankgeschrieben. 2014 waren es 1,9 Millionen Berufstätige, wie aus dem DAK-Psychoreport 2015 hervorgeht. Für die meisten Ausfalltage sind Depressionen der Grund. Seit 1997 hat sich die Anzahl der Fehltage, die von Depressionen verursacht werden, verdreifacht . Erschreckende Zahlen, wie ich finde. Wenn Sie an Ihre aktive Zeit beim Media Markt zurückdenken, wie häufig haben Sie da von depressiven Erkrankungen Ihrer Mitarbeiter erfahren?

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Foto: Walter Gunz

Gunz: Merkwürdiger Weise so gut wie gar nicht. Wir hatten im Media Markt ganz wenige krankheitsbedingte Fehlzeiten unserer Mitarbeiter. Ich führe das darauf zurück, dass sich unsere Mitarbeiter an dem Ort, wo sie gearbeitet haben, geschätzt und geliebt gefühlt haben, weil sie Verantwortung tragen und Freiheit an ihrem Arbeitsplatz leben konnten.

Schon als wir das Unternehmen gegründet hatten, bin ich von der Idee ausgegangen, dass Menschen, die den Großteil ihrer wachen Zeit an ihrem Arbeitsplatz verbringen, in ihrer Arbeit auch einen persönlichen, essenziellen Lebenssinn finden müssen.

Ich denke, wir haben im Media Markt auch das Glück gehabt, dass wir in einer aufbauenden Zeit unterwegs waren. Heute, im Zuge der Digitalisierung und einer falsch verstandenen Individualisierung, wäre das sicherlich so nicht mehr möglich. Wir hatten damals im Auge, dass es den Menschen, die bei uns arbeiten, gut gehen soll. Aber dieser Gedanke - so glaube ich - fehlt heute weitgehend in den großen Unternehmen.

Das Ergebnis ist, dass der Mensch zu dem wird, was ich in meiner Zeit bei Karstadt erlebt habe: Er wird zu einem Erfüllungsgehilfen, dessen Ideen nicht gefragt sind - einem Gehilfen ohne eigene Meinung, der einfach nur funktionieren muss. Doch einen Menschen darauf zu reduzieren, führt über kurz oder lang zu einem Kräfteverschleiß. Niemand kann immer nur funktionieren. Und irgendwann mündet das dann wahrscheinlich in einen Burn out oder gar in eine Depression.

Womit erklären Sie sich den rasanten Anstieg von Depressionen? Glauben Sie, dass eine der Ursachen auch in den steigenden Belastungen und dem Erfolgsdruck im Job sowie an unserer 24-stündigen Erreichbarkeit liegen?

Gunz: Ich bin der Meinung, dass es vor allem die Folgen der Digitalisierung, die Isolierung und Vereinzelung sind, die zu diesem Anstieg depressiver Erkrankungen geführt haben. Der Mensch, der in dieser kalten Welt lebt - in der er keinen Sinn mehr in seiner Arbeit sieht und in der er wenig Anerkennung und keine Liebe findet für das, was er tut - macht sich selbst zum Sklaven, indem er vielen Dingen, die nicht wichtig sind, einen Stellenwert einräumt, der ihnen nicht gebührt.

Wir haben heute zudem das große Problem, dass wir uns im Zuge der Verwissenschaftlichung unseres Denkens überhaupt nurmehr das vorstellen können und wollen, was wir sehen. Doch Tatsachen sind nun einmal keine Wahrheiten. Die Wahrheit ist viel mehr als eine Tatsache, denn in ihr steckt eben auch all das, was man nicht beweisen, nicht rational fassen, begründen und begreifen, sondern nur glauben kann.

Dieser Glaube kommt uns heute zusehends abhanden. Die Digitalisierung hat schließlich dazu geführt, dass wir einen anderen Glauben entwickelt haben, nämlich jenen, ständig erreichbar sein zu müssen. Ich sehe das auch an mir: Wie schwer tue ich mich damit, diese permanente Erreichbarkeit via iPhone und iPad auch mal abzustellen. Vielleicht hängt das auch mit dem pervertierten Gedanken „Ich bin wichtig" zusammen.

Natürlich sind wir alle sehr wichtig. Jeder einzelne ist das Wichtigste, das es in der Schöpfung überhaupt gibt. Und auf jeden einzelnen kommt es an. Aber ich denke, wir müssen uns frei machen von dem Gedanken, dass wir unersetzbar sind, frei machen davon, zu glauben, dass nur wir selbst alles richtig und gut machen können.

Und dass wir diesen Ansprüchen hinterherlaufen, hat wieder etwas mit dem Perfektionismus zu tun?

Gunz: Ja, das weiß ich am allerbesten, denn ich bin nun einmal ein ganz furchtbarer Perfektionist und leide sehr darunter. Natürlich weiß ich, dass es Unsinn ist, alles immer perfekt machen zu wollen. Wir brauchen uns ja nur einmal den Ursprung des Begriffs „Perfekt" ansehen: Er kommt aus dem Lateinischen und bezeichnet eine Vergangenheit, die wir mit aller Macht in die Gegenwart bringen wollen. Aber die Gegenwart ist eben nie perfekt. Es wäre ja auch ein armes Leben, wenn alles immer nur perfekt wäre.

Als einer der Mitbegründer der Media Markt-Kette sind Sie mit Ihrem Lebenswerk unglaublich erfolgreich und für viele - gerade auch für junge Unternehmer - sicher ein Vorbild. Wie hat es sich für Sie angefühlt, als Sie auf dem Höhepunkt Ihres Erfolges waren?

Gunz: Da sprechen Sie eine Seite an, die mir erst in den letzten Jahren bewusst geworden ist, denn lange Zeit war ich von meinem guten Lauf beseelt. Vieles ist mir gelungen, die Menschen haben sich bei mir und auch in unserem Unternehmen wohlgefühlt, und man kann sagen, dass ich der „liebende Patron" war.

Aber es gab auch Zeiten, in denen mich die Hybris geküsst hat und ich in die Falle des Hochmutes getappt bin. Ich denke, dass ich damit wohl nicht allein bin und dass viele Menschen, denen etwas Großartiges gelungen ist oder etwas Großes gelingt, von der Hybris geküsst werden, denn an diesem Punkt lauert sie. Zu meiner Ehrenrettung muss ich aber sagen, dass mich dieser Wahn Gott sei Dank nur partiell ergriffen hat.

Wie hat sich das geäußert?

Gunz: Es hat sich so geäußert, dass ich manchmal eine meiner Grundqualitäten - nämlich das Hinhören und Zuhören - partiell verloren habe. Dass ich keine Geduld hatte, um in Ruhe eine Entscheidung zu treffen. In dieser Phase habe ich einige falsche Entscheidungen getroffen, auch weil ich mir einen Irrtum nicht wirklich zugetraut habe. Aber dann hat mich das Leben durch meine Irrtümer und durch das Leid, das mir das Schicksal auferlegt hatte, wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt.

Was kann man tun, um nicht in die Falle der Hybris zu gehen?

Gunz: Da gibt es ein ganz einfaches Prinzip: Dankbar zu sein und zu wissen, dass alles im Leben ein Geschenk ist.

War Ihnen das damals auch schon bewusst?

Gunz: Ja, in den guten Stunden war mir das schon bewusst. Aber nicht in allen. Heute, glaube ich, würde mir das nicht mehr widerfahren. Nicht weil ich ein besserer Mensch geworden bin, sondern weil ich es heute rechtzeitig durchschaue. Wenn ich spüre, dass da wieder „der großartige Walter" auf mich zu kommt, kann ich anders damit umgehen.

Jeder von uns kennt das: Wenn wir etwas erreicht haben, was wir uns schon lange erträumt hatten, kommt danach der Blues. Als ich beispielsweise meine Promotion bestanden hatte, musste ich an dem Abend, als wir meinen Erfolg feiern wollten, weinen. Sicher war es auch etwas von der Anspannung, die da von mir abfiel, aber vielleicht war es auch der Tatsache geschuldet, dass ich dachte: "Und was nun? Nun hast du alles erreicht, was du wolltest, was kommt jetzt? Soll es das schon gewesen sein?"

Wie haben Sie Ihren größten Erfolg erlebt? Stellte sich auch bei Ihnen der „Erfolgs-Blues" ein? Welche Veränderungen haben Sie an sich selbst bemerkt und wie erklären Sie sich diese?

Gunz: Diesen "Erfolgs-Blues" habe ich nicht erlebt. Warum? Weil wir uns mit dem Media Markt in einem permanenten Wachstum befunden haben. Das heißt, wir waren immer unterwegs. Immer wieder gab es etwas Neues und Spannendes, immer wieder haben sich neue Herausforderung ergeben - wir haben neue Märkte eröffnet, haben uns neue Länder und andere Kulturen erschlossen, uns anderen Sprachen zugewandt ...

Natürlich kenne ich diesen Blues, der sich einstellt, wenn man eine Sache abgeschlossen hat. Dann kommt der Moment der Leere. Aber diese Leere kann sehr wertvoll sein, wenn man sie richtig nützt. Ich würde das mit der Besteigung eines Berges vergleichen: Ist man erst einmal oben auf dem Gipfel, ist man überwältigt, man genießt den Ausblick, aber man weiß auch, dass man wieder runter muss und nicht ewig dort oben verweilen kann.

Im Leben kann man eben nicht einfach von Gipfel zu Gipfel springen. Man muss zwischendurch, um einen neuen Gipfel erklimmen zu können, auch immer wieder absteigen und auch durch Momente der Leere gehen. Und dann beginnt das Spiel von vorn.

Welche Veränderungen haben Sie durch den Erfolg an sich selbst bemerkt?

Gunz: Man kann der Hybris nur begegnen, wenn man lernt, wieder zu staunen und sich dem Neuen mit der gleichen Naivität und der gleichen Begeisterung zuwendet wie bei allem, was man zuvor getan hat. Im Grunde heißt das, dass wir den Aufstieg genauso lieben müssen wie den Gipfel. Und wenn wir uns erst einmal auf den Weg gemacht haben, ist der Blues bereits vergessen.

Wie sind Sie mit den Schattenseiten des Erfolges umgegangen? Gab es in Ihrem Leben je Phasen, in denen Sie verzweifelt, hoffnungslos oder depressiv waren? Und wenn ja, wann und wie haben Sie diese Phasen erlebt?

Gunz: Ja, ich glaube, jeder, der ehrlich ist, wird zugeben, solche Phasen erlebt zu haben. Auch ich habe sie erlebt - im beruflichen, im gesundheitlichen und im privaten Bereich. Im beruflichen war es vor allem die Schwierigkeit mit meinen Partnern zurechtzukommen, denn wir waren grundverschieden.

Das war auf der einen Seite natürlich ein Segen, weil wir uns gut ergänzt haben, aber es fehlte die Vertrautheit des Ähnlichen. Es war zwar so, dass wir alle Deutsch sprachen, aber oft sehr weit auseinander waren. Zu erkennen, dass wir zwar eigentlich das Gleiche wollten, aber nicht in der Lage waren, uns den Raum zu geben, den jeder brauchte und anzuerkennen, dass der Andere einfach anders war, das hat mich wirklich deprimiert.

Ich komme zurück zum Erfolg. Manche Menschen, die Erfolg haben, bekommen Schuldgefühle. Gerade christlich verankerte Menschen fühlen sich schuldig, wenn sie das Ziel erreicht haben und ein anderer nicht. Haben Sie je solche Schuldgefühle gehabt?

Gunz: Nein, diese Schuldgefühle hatte ich nie. Für mich war es so, dass ich den materiellen Erfolg des Media Marktes und den Erfolg meiner Person betrachtet habe wie einen Apfelbaum, der voller schöner Äpfel ist. Ich wusste, dass das ein Geschenk Gottes ist, und ich habe mich daran gefreut. Natürlich war es mir wichtig, diesen Erfolg und die Freude mit anderen zu teilen, sowohl geistig als auch materiell.

Wer an einer Erfolgsdepression leidet, das schreibt Anselm Grün in seinem Buch über Depressionen, muss sich zuerst seiner eigenen Wahrheit stellen, denn all das, was er vor lauter Streben nach Erfolg übersehen und verdrängt hat, wird nun sichtbar. Kennen Sie dieses Gefühl?

Gunz: Dieses Gefühl kenne ich Gott sei Dank nicht. Trotz meiner vielen Schwächen und Fehler war der Erfolg in meinem Leben immer ein Nebenprodukt. Ich habe nie etwas getan, um Erfolg zu haben, sondern hatte immer eine Vision, eine Idee, der ich nachgegangen bin. Wir haben den Media Markt gegründet, weil wir frei sein wollten, weil wir gemeinsam arbeiten und Freude in unserem Alltag haben wollten. Wenn mich Journalisten gefragt haben, wie ich das mit dem Media Markt gemacht habe, und wie wir von 12 Mitarbeitern auf 50.000 gekommen sind, habe ich geantwortet: „Das weiß ich auch nicht, es ist einfach passiert."

Schon als 14-jähriger habe ich Karlfried Graf Dürckheim gelesen und verinnerlicht: Man kann die Frucht, die man ernten will, nicht anstreben. Vielmehr muss man mit Dankbarkeit annehmen, wenn sich diese Frucht zeigt. So gesehen bin ich um das, was Anselm Grün hier beschreibt, herumgekommen.

Denn dieser Prozess tritt ja nur ein, wenn man sich auf der Ebene des ständigen „Etwas-Erreichen-Müssens" bewegt. Wenn ich diese Ebene jedoch nie betrete, ist es für mich immer so wie für die Kinder an Weihnachten: Es kommt einfach etwas auf mich zu, ich packe es aus und sage voller Dankbarkeit: "Wunderschön!"

Und noch etwas Wichtiges kommt hinzu: Wenn ich mich auf der Ebene des „Etwas-Erreichen-Müssens" befinde, kann ich niemals etwas Meisterliches schaffen. Denn meisterliches Schaffen setzt immer voraus, dass ich mich vollkommen zurücknehme. So wie der Künstler, der nicht seine Figur prägt, sondern nur herausarbeitet, was bereits da ist.

Gerade so wie in der Geschichte vom perfekten Glockenständer: Dort heißt es, dass der Meister nur das überflüssige Holz wegschlägt, um den Glockenständer, also die Figur zu befreien, die bereits vorhanden ist. Der Künstler tut das um der Freude und um des Schaffens willens. Wenn ich also selbst zurücktrete, mein Ego hintenanstelle und ein selbstvergessener Schaffender bin, kann das, was Anselm Grün da beschrieben hat, überhaupt nicht eintreten.

Sie schrieben mir mal, dass die Depression "ein Dämon" sei, „der unter bestimmten Umständen Eingang zum Menschen findet. Erstens ist sie ein Mangel an Glaube und Hoffnung - etwas das bereits Mephisto vermitteln will: "Es ist ja sowieso umsonst." Dieser Dämon ist es, der die „negative Selbstreflexion" fördert. Wenn wir diesem Bild folgen, dass die Depression tatsächlich ein Dämon ist, was haben Sie getan, um diesen Dämon abzuschütteln?

Gunz: Ich hatte das Glück, dass ich partiell weitgehend von diesem Dämon verschont wurde. Vielleicht auch durch das Glück der Freude. Denken wir nur einmal an das spielende Kind, das auf dem Boden des Wohnzimmers kauert und mit den Bauklötzchen hantiert. Es ist ganz und gar bei dem, was es tut und völlig auf den Turm konzentriert, den es gerade baut. Das ist die heile Welt des kindlichen Schaffens und Spielens.

In dem Moment, wo ich das Spielerische verliere, wird das, was ich tue, zur Pflicht und ich werde zum Knecht dessen, was ich tun muss. Wenn ich mich aber in dem Akt des Spielens befinde, hat mein Ego und haben all meine Ängste, Befürchtungen und auch die Gier, etwas haben zu wollen, keinen Platz.

Schauen wir doch einmal in die alten Geschichten christlicher Wüstenväter. Dort heißt es, die Dämonen beobachten die Menschen. Sie können nicht in ihr Herz schauen. Aber sie beobachten, was und wie sie etwas tun und achten darauf, was sie sagen. Sie halten Ausschau nach ihren Schwächen und wenn sie diese Schwächen erkennen, machen sie ein Ranking und finden heraus, was ihre Hauptschwäche ist. Und wenn die Dämonen die Hauptschwäche eines Menschen erkannt haben, versuchen sie, sich Zugang zu ihm zu verschaffen. Und das geschieht vollkommen unbemerkt.

Niemand ist vor dem Bösen permanent gefeit. Ich habe in meinem Wohnzimmer ein wunderschönes Bild hängen. Darauf ist eine herrliche Landschaft zu sehen mit einem traumhaften, strahlenden Licht. Dieses Bild habe ich vor vielen Jahren auf einer Antiquitätenmesse in München entdeckt und war ganz begeistert davon. Während der Antiquitätenhändler mir erzählte, dass es von dem Maler angefertigt wurde, der Goethe kennengelernt hatte, als er in Italien war, hab ich plötzlich zwei kleine Figuren am unteren Bildrand entdeckt: Die eine Figur hat zwei Hörner. Und ich fragte ihn: „Was ist denn das?". Darauf antwortete der Antiquitätenhändler: „Das ist die Versuchung Jesu."

Hier begegnet Jesus Mephisto und dieser sagt mit derselben ausladenden Geste wie auf dem Bild zu ihm: „Dies alles schenke ich dir, wenn du einmal vor mir niederkniest." Und Jesus antwortete: "Was kannst du mir schon schenken?" und der Teufel sagte: „Ich kann aus Steinen Brot machen."

Das wiederum erinnert mich an eine Begebenheit, die ich mit meinem Mentor, Professor Weinreb, vor vielen Jahren am Münchner Hauptbahnhof erlebt habe. Ich kam damals von einer Computertagung und hab ihn vom Zug abgeholt. Von dem dort Gesehenen und Erlebten vollkommen überwältigt, sagte ich voller Begeisterung zu ihm: „Mensch, Herr Professor Weinreb, diese Nanotechnologie ist ja toll.

Was da alles auf uns zukommt! Was da alles möglich ist. Das ist schier unglaublich!" Doch Professor Weinreb blieb ruhig, vollkommen unbeteiligt und sagte nichts. Wir fuhren dann eine Weile mit dem Auto Richtung Innenstadt, und noch immer schwieg mein Mentor. Plötzlich sagte er unvermittelt: „Ja, das klingt fast so wie aus Steinen Brot machen."

Die Entwicklung, die wir heute erleben - die zunehmende Digitalisierung, die Genmanipulation, das falsche Herrschen-Wollen über die Welt - hat ihm Recht gegeben. Wir glauben, dass wir - nur weil wir danach streben, dass es uns immer besser geht, dass wir immer schlauer werden, immer mehr wissen, dass wir mehr Erfolg haben und dass das Bruttosozialprodukt steigt - unser kleines Paradies geschaffen haben. Doch in Wirklichkeit begeben wir uns genau in die entgegengesetzte Richtung.

Hatten Sie je in einer depressiven Phase Suizidgedanken?

Gunz: Suizidgedanken hatte ich nie. Schon deswegen nicht, weil ich mir niemals vorstellen könnte, dass irgendjemand zu meiner Mutter sagen müsste, dass ich mich umgebracht hätte. Aber es gab durchaus Phasen, wo ich das, was in mir steckte, als lebensüberdrüssig bezeichnen würde.

Was waren das für Gedanken? Können Sie sie beschreiben?

Gunz: Beispielsweise, dass ich dachte, dass mir ein unrechtes Schicksal begegnet ist und ich mich ungerecht behandelt fühlte. Immer dann, wenn mir etwas widerfahren ist, das ich inadäquat empfand - selbst bei Kenntnis und Aufrechnung all meiner Schandtaten und der Mängel meiner Person, derer ich mir in meinem Leben immer sehr bewusst war und bewusst bin - haderte ich mit meinem Schicksal.

So auch als ich infolge einer Kurzschlusshandlung bei Karstadt kündigte und vor dem vermeintlichen Nichts stand. Oder als ich die Streitereien mit dem Metro-Konzern hatte und so sehr darauf hoffte, bei ihnen Menschen zu finden, die erkennen und anerkennen, was für eine positive Struktur wir beim Media Markt zum Wohle aller geschaffen hatten. Leider hat das in einem „Gemetzel" geendet.

In meinem Leben gab es viele dunkle Stunden und Tage der Verzweiflung. Und Wiederholungen der Verzweiflung, wenn ich beispielsweise mit dem Vorstandsvorsitzenden der Metro stundenlang telefonierte und er mich praktisch ununterbrochen anschrie. Das waren Kämpfe, die mich viel Kraft und Energie gekostet haben. Gut, man muss im Leben manchmal eben auch kämpfen - aber klug zu kämpfen heißt in erster Linie mit sich selbst zu kämpfen und für Werte, die einem wichtig sind, einzustehen.

Kämpfen ja, aber wenn es zermürbende Stellungskriege sind, bei denen es nur um Eitelkeiten gegen Freiheit geht, ist das kontraproduktiv. Die Eitelkeit des Vorstandsvorsitzenden bestand vor allem darin, dass er meinte, er müsste mich kontrollieren und ich müsste fortan der „funktionierende Walter" sein, wie zu Karstadt-Zeiten. Und so musste ich erneut um das kämpfen, was ich mir ja mit dem Media Markt bereits erkämpft hatte - nämlich Freiheit. Das war schon ziemlich zermürbend.

Ich glaube, das Entscheidende im Leben ist, dass man auch dann die Hoffnung, die Kraft und den Mut nicht verlieren darf, wenn diese graue Wand auf einen zukommt und man sich fragt: „Warum passiert mir das jetzt?" Das Leben ist eben nicht gerecht und verläuft ganz und gar nicht so, wie wir es uns selbst gern zurechtlegen. Auch mit meinem Autounfall war das so: An jenem Morgen im Januar hatte ich noch aus dem Fenster geblickt und gesagt: „Ach, was für ein schöner Tag, die Sonne scheint!" und hab mich beim lieben Gott dafür bedankt, dass alles so gut ist.

Dann fuhr ich mit meinem Auto los und erwachte plötzlich in der Notaufnahme eines Krankenhauses und musste dabei zusehen, wie die Ärzte mich in die MRT-Röhre schoben und mir Kanülen unter die Haut setzten. Ich glaube, dass diese dunklen Stunden einfach zum Leben gehören - sofern sie nicht anhalten - damit man seine Hoffnung und vor allem den Glauben nicht verliert.

Sie sagten, dass Sie vor einigen Jahren schwer an Staphylokokken erkrankt waren: Welche Rolle hat Ihre Glaube für Ihre Genesung gespielt?

Gunz: Das kann ich nicht mit absoluter Sicherheit sagen. Eigentlich bin ich ja getauft und evangelisch aufgewachsen. Aber eines Tages hat mich meine Tante Berta, die katholisch war, mit in die Kirche genommen. Dort fand ich den Weihrauch so wunderschön und hab mich irgendwie wohler gefühlt. Zu diesem Zeitpunkt war ich etwa Mitte 30. Ich bin dann zu den Benediktinern in die Kirche St. Joseph gegangen und hab ihnen gesagt: „Eigentlich bin ich ja evangelisch, aber ich möchte gerne in die katholische Kirche eintreten." Einer der Benediktiner hat mir ans Herz gelegt, dass ich mich an Pater Martin Löffler wenden soll. Das hab ich dann gemacht und bin schließlich konvertiert.

Natürlich hab ich dem Pater auch von meiner furchtbaren Krankheit erzählt. Und er sagte zu mir: „Ja, wissen Sie, bei uns gibt es ja so eine Art Generalbeichte. Sie beichten mir einfach Ihr Leben und ich entscheide dann, ob ich Ihnen eine Generalabsolution geben kann." Gesagt, getan. Ich hab alles gebeichtet, was mir eingefallen ist. Und der Pater sagte am Ende schließlich: „Ich kann Ihnen ruhigen Herzens Absolution erteilen. Wenn Sie jetzt hier rausgehen, sind Sie befreit." Die Inder würden sagen: „Das Karma ist jetzt aufgelöst." Aber mit meiner Erkrankung hatte das eben nichts zu tun, denn sie ging weiter.

Als ich wieder im Krankenhaus lag, kam der Chefarzt mit seinem Oberarzt und den Assistenzärzten zur Visite. Nachdem sie nichts Auffälliges gefunden hatten, sagte der Oberarzt schließlich: „Ja, wir haben jetzt herausgefunden, dass Ihr Immunsystem zusammengebrochen ist und mit dem Erreger nicht fertig wird. Aber wir wissen nicht, warum." Plötzlich wandte sich der Chefarzt an den Oberarzt und fragte: „Habt ihr eigentlich mal einen Aids-Test gemacht?" „Nein, einen Aids-Test haben wir nicht gemacht", antwortete der Oberarzt. „Also", beschloss der Chefarzt, „dann machen wir mal einen Aids-Test." Ohne weitere Erklärungen verließen die Ärzte daraufhin mein Zimmer.

Ich war geschockt, saß in meinem Bett und dachte: „Walter, könnte das denn sein?" Und dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Na klar, du warst doch mal in New York, im „Limelight" und hast an jenem Abend eine bildschöne junge Dame kennengelernt, mit der du getanzt hast. Anschließend warst du noch was mit ihr essen und hast sie mit ins Hotel genommen ... Und dann dachte ich mir: „Um Gottes willen. Einmal in deinem Leben machst du sowas und dann soll es das gewesen sein und du wirst dafür mit einer tödlichen Krankheit bestraft!"

Natürlich bin ich dann ins Internet gegangen und hab so ziemlich alles über Aids gelesen. Und natürlich hatte ich dann auch alle Symptome, die man haben kann und war überzeugt: „Walter, du hast Aids! Jetzt musst du dein Testament machen!" Ab jenem Tag konnte ich kaum mehr eine Nacht geschlafen. Und eines Morgens um vier Uhr kam dann die Nachtschwester zu mir ins Zimmer und sagte: „Herr Gunz, Sie schlafen ja keine Nacht. Versuchen Sie doch mal zu schlafen. Wir haben Ihnen doch gestern wieder ein Schlafmittel gegeben. Sie müssen schlafen. Ach und im Übrigen: Gestern Abend kam ihr Aids-Test, der war natürlich negativ."

Puh, das Gefühl, dass ich dann hatte, kann ich gar nicht beschreiben. Als die Nachtschwester gegangen war, hab ich mich angezogen, bin heimlich aus dem Krankenhaus geschlichen, hab mich ins Auto gesetzt und bin eine Stunde durch München gefahren. Einfach so, ziellos, planlos hab ich meinen Wagen über die Leopoldstraße gelenkt, die morgens ziemlich leer war. Aber das Gefühl, das ich dabei hatte, war unbeschreiblich.

Ich fühlte mich wie neu geboren, gerade so, als ob mir jemand ein zweites Leben geschenkt hätte. Ich war so dankbar und hätte am liebsten die ganze Welt umarmt. Alles schien neu und wunderschön zu sein. Zwei Stunden später bin ich zurück in die Klinik gefahren, hab meinen Wagen auf den Parkplatz gestellt und bin in mein Krankenzimmer zurückgekehrt.

Hat sich Ihre Einstellung zum Leben, nachdem Sie diese Erkrankung überwunden hatten, verändert?

Gunz: Ich glaube, dass jede Überwindung einer Krankheit, jede Überwindung einer Not etwas in einem Menschen mobilisiert, und dass er hinterher nicht mehr derselbe ist. Ich denke, dass das, was uns „geschlagen" hat - nämlich die Krankheit - uns dazu bringt, in unserem Leben weiter voran zu kommen, ohne dass man das jetzt im Detail definieren kann.

Im Rückblick sind auch die vermeintlichen Schicksalsschläge Fortschritte - sei es, dass sie uns dabei helfen, unsere Schwächen zu überwinden, oder auch eine Krankheit zu besiegen. Meist wird einem erst rückblickend klar, was genau es war, das man da überwunden hat.

Was sind generell wichtige Kraftquellen, die Menschen nutzen können, um schwere Erkrankungen zu bewältigen?

Gunz: Diese Frage muss man ganz vorsichtig beantworten, auch, weil man keine falschen Hoffnungen wecken darf. Es mag sein, dass die Hoffnung und der Glaube daran, etwas zu überwinden, einem die Kraft gibt, es auch tatsächlich zu überwinden. Wobei es jedoch immer der Mithilfe einer anderen Seite bedarf, die wir nicht beeinflussen können.

Denn letzten Endes ist es doch so, dass man sich nicht selbst heilt, sondern dass Gott es tut. Aber es gibt eben auch Begebenheiten im Leben, die uns scheinbar unerklärbar, schicksalhaft erscheinen und doch im Nachhinein einen Sinn ergeben.

Dazu fällt mir eine Geschichte von meiner früheren Sekretärin, Frau Meier, beim Media Markt ein. Sie war damals Anfang 20 und hat eine gleichaltrige Schwester in Paris. Eines morgens kam sie total verheult ins Büro und sagte: „Herr Gunz, es ist etwas ganz Furchtbares passiert. Stellen Sie sich vor, der Lebenspartner meiner Schwester ist gestern Nacht in Paris ums Leben gekommen."

"Das ist alles so fruchtbar, er war doch so ein junger Mann, so ein guter Mensch." Daraufhin hab ich sie angesehen und gefragt: „Wollen Sie mir nicht erzählen, wie es passiert ist?" Und dann hat sie mir wiedergegeben wie es war: „Er hatte ein Motorrad und wollte plötzlich zu später Stunde unbedingt nochmal weg. Meine Schwester hat ihn dann gefragt, wo er denn hin wolle. 'Na, ich will nur durch die Stadt fahren.' Aber irgendetwas sagte ihr, dass er nicht fahren sollte. Also versteckte sie seinen Zündschlüssel und hoffte, dass sich die Sache damit erledigt hätte. Doch weit gefehlt."

"Er fand den Schlüssel und verschwand mit einem kurzen: 'Ich muss jetzt fahren', startete sein Motorrad und fuhr los. Wenig später verlor er in einem Tunnel in der Innenstadt die Kontrolle über sein Motorrad, prallte gegen eine Betonwand und starb noch an der Unfallstelle." Ich hab dann zu ihr gesagt: „Frau Meier, so wie Sie mir es jetzt erzählen, hatte der junge Mann eine Verabredung, ein Date woanders. Das ist für uns weder nachvollziehbar noch erklärbar, und es nimmt dem Ganzen auch weder Tragik noch Trauer, aber so ist es."

Um auf die Frage nach den Kraftquellen zurückzukommen: Ich glaube, es ist nicht der Kampf, mit dem Menschen schwere Erkrankungen überwinden können. Viel wichtiger ist, dass man sich mit dem arrangiert, was man hat, dass man nicht kapituliert, sondern eine liebende Akzeptanz entwickelt, die letztlich das Heilwerden möglich macht. Aber letzten Endes können wir die Überwindung einer Erkrankung nicht auf eine bestimmte Kraftquelle zurückführen.

Warum ist es so wichtig, dass Prominente wie der kürzlich verstorbene Ex-Außenminister Guido Westerwelle öffentlich über ihre Erkrankungen sprechen?

Gunz: Guido Westerwelle hat in dem Fernsehinterview gesagt, dass er Betroffenen helfen und ein Signal geben möchte, dass man selbst einer solch niederschmetternden Diagnose wie seiner mit Hoffnung und Zuversicht begegnen kann. Natürlich habe ich ihm von Herzen gewünscht, dass sich das auch für ihn bewahrheitet, er wieder ganz gesund wird und wir uns wieder in die Arme schließen können. Leider hat das Schicksal anderes mit ihm vorgehabt.

Ich denke schon, dass es wichtig ist, über Erkrankungen offen zu sprechen. Denn das Wissen darum, dass wir das Leid mit anderen teilen können, hilft uns. Zu wissen, dass wir nicht ganz allein sind und dass es auch anderen widerfahren kann und wir trotzdem hoffen und glauben, dass es gut ausgehen kann, ist eine wichtige Teilstrecke, die wir auf dem Weg hin zur Überwindung der Erkrankung zurücklegen.

Auch der Glaube spielt eine große Rolle dabei. In der Bibel heißt es ja auch: „Euch geschehe nach eurem Glauben." Und daraus könnte man schon ableiten, dass der Glaube an etwas, der Glaube an die Errettung, der Glaube an die Heilung mich dieser Heilung zumindest ein großes Stück näher bringen kann. Ohne dass es hier einen Automatismus gibt nach dem Motto: "Wenn du glaubst, dann wirst du gesund."

Welche Tipps würden Sie Menschen geben, die an einer Erfolgsdepression leiden?

Gunz: Tue das, was du tust, nur um der Freude willen. Und wenn es Zwänge gibt, gewinne dem, was du tust, im Sinne einer Pflicht, die Freude ab. Wende dich immer dem sinnhaften deines Tuns zu - und denke nie zuerst an die Frucht, die du ernten möchtest! Lerne das zu lieben, was du tust!

Dieses Gespräch wurde im Rahmen der Initiative "Was wirklich zählt im Leben" geführt. In Kürze erscheint ein Buch von Dr. Sandra Maxeiner zu diesem Thema. In diesem Buch offenbaren die Interviewten ungewöhnliche Einblicke in ihr Innenleben.

"Was wirklich zählt im Leben. Über Mitmenschlichkeit, Herzenswärme und die wesentlichen Dinge des Lebens."

ISBN: 978-3-952444122 (Taschenbuch), 9,99 EUR

ISBN: 978-3-952412466 (e-book), 8,88 EUR

Hier könnt ihr das Buch kaufen.

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