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10/03/2015 07:26 CET | Aktualisiert 10/05/2015 07:12 CEST

"Trauer durchlebt man": Im Gespräch mit einer Trauerbegleiterin

Teil 5: Für diese Dokumentations-Reihe spreche ich mit Menschen, die selbstlos für andere da sind, Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren, anderen in Notsituationen geholfen haben und die Zivilcourage und Mitmenschlichkeit zeigten und zeigen. Es sind Menschen, die im Stillen arbeiten, Großartiges vollbringen und Gutes tun, ohne dass die Öffentlichkeit in der Regel je davon erfährt. Aber auch prominente Persönlichkeiten - Sänger, Schauspieler und Politiker -, die sich sozial engagieren und für mehr Mitmenschlichkeit einsetzen, werden hier zu Wort kommen.

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Foto: Patricia Winheim, © Patricia Winheim

An diesem Donnerstagabend spreche ich via Skype mit der 47-jährigen Patricia Winheim, einer ausgesprochen sympathischen Frau mit warmer Stimme. Gleich zu Beginn unseres Gespräches entdecken wir eine gemeinsame Leidenschaft: Die Liebe zu Tieren, und ganz besonders die für den besten Freund des Menschen, den Hund. Patricia, die Heilpraktikerin für Psychotherapie, zeigt mir ein Foto ihres verstorbenen Schäferhundes „Lämmchen" - ein wunderschönes schneeweißes Tier mit kuscheligem Fell und schwarzen Knopfaugen. Eine Geste, die mich sehr berührt.

Im Verlauf unseres Interviews erlebe ich eine lebensbejahende kraftvolle, aber auch sehr einfühlsame Frau, die sich - so erzählt sie - inzwischen auch traut, zu ihrer emotionalen Seite zu stehen. Lange Zeit hatte sie diese verdrängt und überspielt. Wir sprechen über ihren langen Abschied von ihrer Jugendliebe, die sich mit nur 21 Jahren infolge einer Depression das Leben nahm, und darüber, warum man Trauer nicht behandeln muss.

Patricia ist ehrenamtliche Trauerbegleiterin - eine Tätigkeit, die zumeist von Frauen ausgeübt wird. Die meisten sind zwischen 40 und 65 Jahre alt, und unter ihnen finden sich Pädagogen, Heilpädagogen, Religionspädagogen, Psychologen, Sozialarbeiter, Sozialpädagogen, Theologen, Psychotherapeuten, Erzieher und Heilpraktiker.

Wie Patricia Winheim begleiten sie Menschen, die sich von ihren Lieben für immer - oder zumindest für dieses irdische Leben - verabschieden. Natürlich geht es dabei um Trauer, um Abschied, um Tränen, Verzweiflung, Liebe und Schmerz und manchmal vielleicht auch um Wut. Aber es geht auch um Aufbruch - darum, dass Angehörige die Kraft finden, sich neu auf das Leben einzulassen.

Patricia Winheims Einstellung, den Menschen bedingungslos so anzunehmen wie er ist - mit all seinen Stärken, aber auch mit seinen Schwächen - seine Ansichten und sein Erleben zu akzeptieren ohne zu werten, und ihre Liebe zu den Menschen, die ich zwischen all ihren Worten gespürt habe, haben mich demütig gemacht und sehr bewegt.

Maxeiner: Warum engagieren Sie sich ehrenamtlich in der Trauerbegleitung? Gab es vielleicht ein persönliches Erlebnis?

Winheim: Ja, es gab dieses persönliche Erlebnis. Ich war damals gerade 23 Jahre alt, als sich mein bester Freund, meine große Jugendliebe, mit nur 21 umgebracht hat. Niemand war damals für mich da. Niemand hat mich verstanden. Alle meine Freunde haben mit Unverständnis reagiert und nach ein paar Wochen zu mir gesagt „So, jetzt muss es aber mal gut sein, ihr wart doch noch nicht einmal zusammen".

Aber für mich war es noch lange nicht gut. Insgesamt neun Jahre lang habe ich getrauert. Heute weiß ich, dass das auch vollkommen normal war, weil ich keine Möglichkeit hatte, meiner Trauer Ausdruck zu verleihen. Einige sprechen ab und an von pathologischer Trauer - aber davon halte ich gar nichts.

Maxeiner: Warum nicht?

Winheim: In meiner Ausbildung wurde mir gesagt, und ich glaube das auch, dass es so etwas gar nicht gibt. Ich denke, dass es nur Menschen gibt, die krank sind bzw. ein Problem haben, und wenn sie trauern, dann sind es kranke Menschen, die trauern. Nicht die Trauer ist krank.

Maxeiner: Wie lange arbeiten Sie jetzt schon in der Trauerbegleitung?

Winheim: Acht Jahre.

Maxeiner: Wenn Sie sich an ihre erste Trauerbegleitung zurückerinnern: Was war das für ein Mensch, den Sie begleitet haben?

Winheim: Damals bin ich von der Leiterin der ambulanten Ehrenamtlichen gefragt worden, ob ich eine Angehörige eines sterbenden Herrn übernehmen würde. Der Mann lag im Lazarus Hospiz, in dem ich ausgebildet wurde. Ich habe die Dame eine Zeitlang begleitet, wahrscheinlich bis zum Tod des Herrn - sie hat sich dann einfach nicht mehr gemeldet,

Maxeiner: Das heißt, eine Trauerbegleitung setzt meist vor dem Tod eines Angehörigen ein oder ist es individuell verschieden - je nachdem, welche Bedürfnisse der Mensch hat, der eine Begleitung sucht?

Winheim: Der Mensch kommt dann zu mir, wenn er das Bedürfnis hat. Egal ob der Angehörige noch lebt, schon verstorben oder schon Jahre tot ist. Wenn er merkt „Oh, da sitzt noch was. Da möchte ich drüber reden", ist es der richtige Zeitpunkt. Das ist individuell verschieden.

Maxeiner: Wie viele Menschen haben Sie schon begleitet?

Winheim: Sterbe- und Trauerbegleitung zusammengenommen waren es etwa 20. Also nicht so viele. Aber zwischen den Begleitungen liegen auch immer wieder große zeitliche Abstände.

Maxeiner: Weil man es erst einmal selbst verarbeiten muss?

Winheim: Ja. Ich begleite jemanden und dann hab' ich erst mal ein paar Monate Pause. Danach stelle ich mich wieder zur Verfügung. Aber es kann schonmal Wochen und Monate dauern, bis man eine neue Begleitung hat.

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Foto: Patricia Winheim, © Patricia Winheim

Maxeiner: Gibt es in Ihren Trauerbegleitungen einen Fall, der Sie besonders berührt hat? Und wenn ja, welcher Fall war das und warum?

Winheim: Ja, da gibt einen Fall. Das ist noch gar nicht so lange her. Ich habe einen sterbenden, etwa 70-jährigen Herren im Hospiz begleitet und dabei zufällig seine um einige Jahre jüngere Lebensgefährtin kennengelernt. Nachdem er verstorben war, hat sie um eine Trauerbegleitung angefragt und ich habe sie begleitet.

Dieser Fall hat mich sehr berührt, weil sich die beiden oft ganz fürchterlich gestritten haben. Es war fast so, als hätte er sie mit einem Messer verbal verletzt - furchtbar. Und sie hat ihm wiederum das verbale Messer aus der Hand genommen und zurück in seine Brust gestoßen - nicht ganz so geschliffen brillant wie er, aber genauso hart. Trotzdem spürte ich eine ganz große Liebe zwischen den beiden. Ich werde nie vergessen, wie die sich zerfleischt haben.

Maxeiner: War es die Situation, mit der sie überfordert waren oder was vermuten Sie, warum sie sich so zerfleischt haben?

Winheim: Ich glaube nicht, dass es die Situation war. Ich glaube, die Beziehung war einfach so. Es war eine „Hass-Liebe".

Maxeiner: Sie haben die Frau ja im Laufe Ihrer Begleitung näher kennengelernt. War sie dann auch noch voller Hass und verbittert?

Winheim: Voller Hass war sie nicht mehr. Aber in der Tat, sie war noch bitter. Dennoch konnte sie die Liebe, die in ihr war, wieder ein Stück weit zulassen und ausgraben. Die ganze Zeit über war sie nämlich verschüttet gewesen, begraben unter all dem Groll, der Wut, dem Hass und den ganzen Streitereien. Und das Schöne war, dass sie diese Liebe in unserer gemeinsamen Arbeit wieder hervorgeholt und zugelassen hat.

Maxeiner: Es gibt viele Arten, wie Menschen versuchen, ihre Trauer zu bewältigen. Einige nehmen auch „spirituellen Beistand" in Anspruch. Haben Sie solche Fälle schon erlebt, und glauben Sie, dass so etwas helfen kann?

Winheim: Ja, auf jeden Fall. Ich selbst würde mich als einen spirituellen, aber nicht als einen religiösen Menschen bezeichnen. Doch ich hab kein Problem mit Religiosität. Mir kann jeder erzählen, an was er glaubt. Denn ich sag zu allem Ja. Ich sage nie "Glaube ich auch", oder "Glaube ich nicht". Ich höre dem Menschen zu und sag' dann sowas wie „Das ist für Sie eine große Kraftquelle".

Natürlich gibt es auch Menschen, die in Ihrem Glauben Zuflucht finden - das finde ich ganz toll, denn es ist ja eine Ressource. Wenn jemand an ein Leben nach dem Tod glaubt, ist es doch viel leichter, einen geliebten Menschen gehen zu lassen. Weil er „weiß" - was auch immer ich davon halte -, dass er ihn wiedersehen wird. Das ist etwas ganz anderes, als wenn der Tod etwas so Endgültiges ist.

Ein schöner Gedanke, wenn man daran glauben kann.

Maxeiner: Sie haben erzählt, auf welch dramatische Art und Weise Sie Ihre Jugendliebe verloren haben. Damals waren Sie ja noch sehr jung. War das der erste Verlust, den Sie bewusst erlebt haben? Und wie haben Sie Ihre Trauer in dem Moment bewältigt?

Winheim: Nein, es war nicht der erste Verlust. Als ich neun Jahre alt war, starb mein Opa. Aber wir hatten ein sehr distanziertes Verhältnis, insofern war das für mich nicht ganz so dramatisch. Als ich dann elf Jahre war, starb meine Oma plötzlich und überraschend mit nur 62 Jahren. Das war zwar ein Schock, doch ich konnte zusammen mit der Familie trauern.

Und so konnte diese Wunde, die ihr Tod gerissen hatte, ausheilen. Später, als ich 16 war, starb meine Uroma, mit der ich ein ganz enges Verhältnis hatte. Der Abschied fiel mir schwer, aber er verlief sehr ritualisiert und daher gut. Es war eine ganz normale deutsche, katholische Beerdigung.

Bei meiner Jugendliebe war es so, dass mich Ellen, eine gemeinsame Freundin, angerufen und gesagt hat: „Du, der Mick ist tot". Ich hab dann geantwortet: „Blödsinn, der ist bestimmt im Urlaub. Wer erzählt denn so einen Müll?" Aber Ellen hat nicht nachgelassen und darauf beharrt, dass ich sie ernst nehme. Und wieder hab ich geantwortet: "Quatsch, das bildest du dir ein!"

Erst beim dritten Mal, als sie mich härter angegangen und gesagt hat: „Verdammt nochmal Patricia, die Polizei war bei mir, er hat sich umgebracht. Die haben nur noch einen Haufen Matsch gefunden, er war schon ganz verwest", erst da hab ich es dann geglaubt.

Maxeiner: Weiß man, wie er sich umgebracht hat?

Winheim: Ja, mit Psychopharmaka plus Alkohol.

Maxeiner: Hat er an Depression gelitten?

Winheim: Ja. Und heute weiß ich durch meinen Beruf, dass er auch eine Borderline-Erkrankung hatte.

Maxeiner: Als Sie es realisiert hatten, dass sich Ihre Jugendliebe das Leben genommen hat, wie war das für Sie? Wie sind Sie damit umgegangen in den folgenden Stunden?

Winheim: Also, ich hatte das Telefon in der Hand, hab' aufgehängt und meine Mutter kam rein, sah mich vollkommen verstört und um Fassung ringend und fragte: „Was ist denn los?" Aber ich konnte einfach nicht darüber sprechen. Also hab' ich gesagt: „Gar nichts. Ich geh' jetzt zu Ellen."

Ich hab' mich angezogen, es war relativ früh am Morgen, und bin zu meiner Freundin gefahren. Als ich schließlich bei ihr war, wollte ich alles wissen, wollte erfahren, was sie wusste, und habe ihr zugehört. Aber auch jetzt konnte ich nicht weinen. Ellen hat herzzerreißend geweint. Doch ich hab nur starr dagesessen und zugehört. Dann bin ich den Wald gefahren und hab' mich an einen kleinen See gesetzt. Für Stunden war ich wie betäubt.

Aber ich konnte einfach nicht weinen. Ich war total erstarrt. So ging das tagelang. Ich hab' mich immer mehr zurückgezogen von den Menschen und die Einsamkeit gesucht. Verzweifelt habe ich versucht, irgendwas zu fühlen, aber es ging nicht. Ich konnte nicht trauern, die Taubheit hatte meine Gefühle erstickt. Ich war emotional betäubt. Manche Leute um mich herum haben immer wieder versucht, mich auszufragen und mich ermuntert: „Mensch, jetzt erzähl doch mal..." Aber da war kein echtes Mitgefühl, sie waren einfach nur sensationsgeil.

Maxeiner: Wie lange waren Sie mit Mick zusammen?

Winheim: Wir waren gar nicht zusammen. Er war mein bester Freund. Ich war am Anfang unsterblich in ihn verliebt, und aus diesem Verliebtsein hat sich dann eine ganz tiefe Freundschaft entwickelt. Und irgendwann, ich kann gar nicht mehr sagen wieso und warum, war ich nicht mehr verliebt. Aber Mick wird für mich immer ganz nah am Herzen bleiben.

Maxeiner: Oft reden Menschen, die die Absicht haben, sich das Leben zu nehmen, darüber und lassen Bemerkungen fallen. War das bei Mick auch so? Hat er irgendwann davon gesprochen, dass er nicht mehr kann und nicht mehr will?

Winheim: Ja, ich habe ihn allerdings auch schon so kennengelernt. Er hat immer ganz sachlich darüber gesprochen, dass er sich irgendwann umbringen wird. Aber es war nicht so, dass er gesagt hat: „Ich hab' die Schnauze voll, ich mag nicht mehr". Er war vielmehr ganz ruhig und sagte: „Ja, ich werde es tun. Dann nämlich, wenn ich genug habe hier." Alles was er sagte, erschien logisch und sachlich. Und genauso hat er es allen Leuten erzählt. Es war so, als würde man jemandem sagen: „Wenn ich 25 bin, wandere ich aus."

Maxeiner: Es war für Sie also nichts Ungewöhnliches, dass er darüber gesprochen hat. Nichts, das Sie hellhörig gemacht hätte?

Winheim: Interessanterweise da nicht. Als ich ihn kennengelernt habe, habe ich das sehr ernst genommen. Gott, ich war damals 17. Wir haben es akzeptiert, haben gedacht: „Okay, dann bringst du dich eben irgendwann um". Mir war damals immer klar, dass er das einmal tun würde und es war okay für mich und auch für die meisten seiner Freunde. Heute sehe ich das anders, aber damals wusste ich nicht, dass er Depressionen hatte und höchstwahrscheinlich an Borderline erkrankt war.

Doch gerade in dieser Zeit, als es dann tatsächlich passierte, war alles in ruhigere Fahrwasser gekommen. Es gab nicht mehr diese Exzesse, es gab nicht mehr diese Katastrophen in seinem Leben. Es war eigentlich alles ganz nett und ganz ruhig. Gerade da hätte ich nicht damit gerechnet. Interessanterweise hat er in dieser Zeit überhaupt nicht mehr davon gesprochen, dass er sich irgendwann mal umbringt.

Maxeiner: Sie sagten, Sie hatten es akzeptiert, ebenso wie sein Freundeskreis. Haben Sie je hinterfragt, wieso er sich umbringen will oder warum er glaubt, dass es genug ist?

Winheim: Ja, wir haben oft darüber gesprochen. Aber es hatte nichts Verzweifeltes, sonst wäre ich hellhörig geworden. Natürlich hatte er zum damaligen Zeitpunkt eine Depression, aber das wusste keiner. Er saß nie da und starrte die Wand an. Ja, wir haben darüber gesprochen und er sagte uns oft: „Irgendwann werde ich genug haben von der Bosheit der Menschen" - eben Dinge, die man als junger Mensch so erzählt. Er hat immer gesagt: „Ich möchte kurz, schnell und gut leben. Rock'n'Roll". Viele von uns wollten so sein wie James Dean. In meinen Augen waren das nichts als jugendliche Grillen.

Maxeiner: Ich komme noch mal darauf zurück: Sie haben gesagt, in den ersten Tagen oder Stunden haben Sie sich taub gefühlt. Wie ist es dann weiter gegangen. Wie war Ihr eigener Trauerprozess?

Winheim: Ich bin im Laufe der folgenden Wochen langsam wieder „emotional aufgetaut", konnte wieder lachen, mit Freunden etwas unternehmen. Aber das Gefühl in Bezug auf Mick war immer noch taub und das hat neun Jahre angehalten.

Maxeiner: Neun Jahre?

Winheim: Ja, und erst nach neun Jahren konnte ich wirklich seinen Tod betrauern. Heute ist alles gut. Ich bin noch immer traurig, dass er tot ist, aber es ist mehr eine „normale" Traurigkeit.

Maxeiner: Haben Sie in Ihren Trauerbegleitungen auch sehr junge Menschen begleitet, die jemanden verloren haben, der in jungem Alter war?

Winheim: Nein. Das nicht. Das liegt aber auch daran, dass ich gesagt habe, dass ich solche Begleitungen nicht möchte.

Maxeiner: Haben Sie schon mal einen Fall gehabt, wo Sie dachten: „Mensch, ich kann diesem Menschen eigentlich gar nicht helfen"?

Winheim: Ich denke, man kann jedem Menschen helfen - manchmal mehr oder manchmal eben weniger. Und wenn ich merke, dass jemand zum Beispiel auch depressiv ist, dann erwähne ich das und empfehle demjenigen, sich in Behandlung zu geben. Trauer aber muss man niemals behandeln. Trauer durchlebt man. Manche Menschen brauchen länger, andere kürzer. Aber jeder Mensch hat das Recht, zu trauern. Und wenn es Jahre dauert, wie bei mir neun Jahre - na, und?

Maxeiner: Wenn Sie mit trauernden Menschen sprechen, haben dann einige von ihnen auch schon berichtet, dass sie das Gefühl haben, dass der Verstorbene ihnen trotzdem nahe ist? Und wie haben Sie auf so etwas reagiert?

Winheim: Ich hab es akzeptiert, dass es für sie so ist. Ich kann ja nicht beurteilen, was real ist und was nicht. Ich würde mir das nie anmaßen. Ich würde nie sagen, der hat die Stimme eines Verstorbenen gehört, der spinnt. Es gibt hundert Gründe, weshalb er diese Stimme gehört haben kann. Unter anderem, weil sie vielleicht wirklich da war.

Ich glaube persönlich nicht an so etwas, muss aber trotzdem zugestehen, dass ich mich irren kann. Vielleicht gibt es ein Leben nach dem Tod und vielleicht können die Verstorbenen mit uns Kontakt aufnehmen - ich weiß es nicht. Und deshalb kann ich es auch nicht ausschließen.

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Foto: Patricia Winheim, © Patricia Winheim

Maxeiner: Was gibt Ihnen persönlich Kraft für diese Arbeit? Die Trauerbegleitung ist ja - wie die Sterbebegleitung auch - eine Tätigkeit, die einen immer sehr berührt, mitnimmt und Kraft zieht. Wie schöpfen Sie wieder Kraft für sich, um nicht auszubrennen?

Winheim: Also, da komme ich gleich dazu, was mir Kraft gibt. Aber zuerst möchte ich sagen: Es ist nicht so, dass es Kraft zehrt und mich ausbrennt. Weil ich von diesen Menschen mindestens genau soviel bekomme wie sie von mir. Ich gehe vielleicht körperlich erschöpft nach Hause - im Sinne von müde - weil es anstrengend war, aber ich bin nie ausgebrannt.

Auch hat es mich nie genervt, wie bei Endlosmonologen meiner Freundin, die mir zum 30. Mal ihren Liebeskummer erzählt. Niemals. Ich bekomme genau so viel - möglicherweise mehr - zurück, als das, was ich geben kann.

Maxeiner: Was genau ist es, das Sie zurückbekommen, können Sie das beschreiben?

Winheim: Vertrauen. Diese Menschen erzählen mir - einer wildfremden Frau - zum Teil ihre allerintimsten Gedanken. Und ich bin auch nicht ihre Therapeutin. Die Menschen vertrauen mir, sie nehmen auch mich an, so wie ich bin - so wie ich sie annehme. Ich bekomme auch Zuneigung, aber das ist jetzt nicht das Wichtigste.

Ich glaube, das, was mich am meisten berührt, ist die Annahme und das Vertrauen, das sie in mich setzen. Ich habe das Gefühl, dass wir alle nur kleine Menschen sind, aber wenn wir füreinander da sind, dann entsteht etwas Großes.

Maxeiner: Was haben Sie durch die Trauerbegleitung über sich selbst gelernt?

Winheim: Einmal, dass meine eigene Trauer in Ordnung ist. Das wusste ich alles gar nicht. Erst in der Ausbildung habe ich begriffen, dass ich auch neun Jahre trauern darf und dass das alles in Ordnung ist. Ich hab' über mich gelernt, dass ich ein sehr emotionaler Mensch bin. Und das ist etwas, das ich erstmal zulassen musste. Um mich zu schützen, hab' ich das sehr schön von mir weggehalten, obwohl es alle um mich herum gesehen haben. Ich dachte eben, es merkt keiner.

Heute erlaube ich es mir, zu weinen - auch mit den Menschen, die ich begleite. Nicht, dass ich verzweifelt wäre, aber ich bin dann so berührt von dem, was sie erzählen, dass mir auch ab und an die Tränen kommen. Mittlerweile ist das für mich ok. Ich hab' gelernt, dass ich eben so bin.

Maxeiner: Inwieweit hat die Trauerbegleitung und das, was Sie da mit sterbenden Menschen erlebt haben, Ihre Sicht auf das Leben und den Tod verändert?

Winheim: Die Arbeit als Trauerbegleiterin macht sehr demütig. Ich meine jetzt mit demütig nicht, dass man auf Knien herumrutscht, sondern dass es ein glückliches, bescheidenes Gefühl ist. Heute sehe ich vieles gelassener. Denn ich weiß, dass der Nachbar, der gerade wieder tierischen Lärm macht, eben auch einfach nur Mensch ist, der sich da gerade etwas Gutes tut.

Ich muss nicht mehr ausrasten und mich darüber aufregen, ich klingele einfach und sage freundlich: „Hey, kannst du bitte die Musik leiser machen?" Und dann klappt das auch. Dieses Menschliche, das ist mir ganz wichtig.

Maxeiner: Jetzt haben Sie sehr schön Ihre Sicht auf das Leben beschrieben, aber was ist mit dem Tod?

Winheim: Das ist eine ganz interessante Erfahrung, die ich in der Sterbebegleitung gemacht habe. Als ich zur Sterbebegleitung kam, stand ich dem Thema, mein eigenes Leben zu beenden, wenn ich beispielsweise unheilbar an Krebs erkranken würde, offen gegenüber. Ich hab' damals gesagt: „Na, wenn ich tödlich erkrankt bin, und nur noch Leiden vor mir habe, werde ich mein Leben beenden".

Während meiner Ausbildung hat sich das verändert. Und ich dachte, ja, ich möchte selbst auch in einem Hospiz sterben. Während meiner Arbeit aber hat es sich wieder zurück verändert. Ich habe unvorstellbar großen Respekt vor Menschen, die diesen Weg gehen und sagen: „Ich möchte einfach so sterben, wie es mir beschieden ist."

Aber ich für mich sage: „Wenn ich den Mut dazu habe und die Mittel, dann beende ich's. Auf jeden Fall". Ob ich das dann tue, wenn ich dann tatsächlich in der Situation bin, weiß ich natürlich noch nicht. Ich erlebe immer wieder Menschen, die ins Hospiz kommen und erzählen: „Ich wollte mich umbringen, aber ich habe es nicht geschafft."

Maxeiner: Was würden Sie Menschen raten, die darüber nachdenken, sich ehrenamtlich als Trauer- oder Sterbebegleiter zu engagieren?

Winheim: Mach's! Einfach ins kalte Wasser springen und los! Alleine durch meine Ausbildung habe ich soviel für mich mitgenommen, ich finde es toll.

Maxeiner: Haben Sie ein Lebensmotto und wie lautet es?

Winheim: Ja, ich hab' das Lebensmotto meines Lehrers übernommen: „Der Mensch ist des Menschen Medizin".

Maxeiner: Können Sie das erklären?

Winheim: In meiner Ausbildung zur Heilpraktikerin für Psychotherapie hab' ich das Bad Herrenalber Modell erlernt, das nach einer psychosomatischen Klinik in der Nähe von Karlsruhe benannt ist. Ursprünglich wurde sie von Walther Lechler gegründet, der den Anonymen Alkoholikern sehr nahe stand und dieses Konzept in seine Therapiemethode integriert hat. Letztendlich basiert diese Therapiemethode allein auf Liebe. Es ist die Idee, dass sich Menschen in einer Gruppentherapie gegenseitig durch Annahme und Liebe heilen.

Maxeiner: Letzte Frage: Wie möchten Sie gerne Ihren Freunden und Angehörigen in Erinnerung bleiben?

Winheim: Ich denke, als jemand, der vernetzt hat. Ich bringe Menschen zusammen, ich versuch's zumindest, und ich versuche, Impulse zu geben, anzuregen. Ganz schlicht. Es muss nichts Großes sein!

Frau Winheim, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

Mehr über die Aktion für mehr Mitmenschlichkeit - was wirklich zählt im Leben finden Sie auf der Homepage: http://was-wirklich-zaehlt-im-leben.jimdo.com/

Literaturtipp: Im Herbst erscheint das neue Buch von Sandra Maxeiner und Hedda Rühle "Dr. Psych's Ratgeber Depressionen".


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