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11/02/2014 08:10 CET | Aktualisiert 13/04/2014 07:12 CEST

Tödliches Glück Heroin

Nicht nur in Amerika, sondern auch in Deutschland ist Heroin das am häufigsten konsumierte Opioid. Statistiken der US-amerikanischen Drogenbehörde DEA deuten auf eine neue Heroinwelle hin, die möglicherweise auch Deutschland erreichen könnte.

Schenkt man Medienberichten Glauben, so starb auch der Schauspieler Philip Seymour Hoffman vermutlich an einer Überdosis Heroin. Mehr als 20 Spritzen und 72 Tütchen mit Heroin - davon 49 noch versiegelt - fand die Polizei in seiner Wohnung. Hoffman selbst, so hieß es, habe eine Spritze im linken Arm gehabt, als er tot aufgefunden wurde. Nach seinen eigenen Angaben war der Schauspieler seit mehr als 20 Jahren clean gewesen.

Aber was ist es, das selbst erfolgreiche Menschen wie Hoffman zu harten Drogen greifen lässt und in die Abhängigkeit bringt? Ist es Einsamkeit, die sie zu kompensieren versuchen, sind es die ständigen Ups and Downs des Lebens, die so schwer zu verkraften sind? Ist es der wachsende Druck der Arbeitswelt, der so schwer auf ihnen lastet oder ist es schlicht die Flucht vor der Realität? Und könnte es ein, dass Philip Seymour Hoffman durch den Konsum von Alkohol und Drogen auf Partys abhängig wurde?

Eine so simple Erklärung für die Entwicklung einer Abhängigkeit gibt es normalerweise nicht, weil immer mehrere Einflüsse zusammenkommen. Dabei spielen die Wirkweise einer Substanz und ihre Verfügbarkeit eine Rolle. Außerdem löst ein Suchtmittel nicht bei jedem die gleichen Empfindungen aus. Vielmehr wird die Wirkung - abhängig von der Persönlichkeit und der körperlichen Verfassung - sehr individuell erlebt. Ob jemand überhaupt mit Drogen in Berührung kommt und in die Sucht abrutscht, wird auch von seinem sozialen Umfeld mitbestimmt. Die Gründe, weshalb Drogen konsumiert werden, verlieren mit der Zeit an Bedeutung, und die Suche nach dem "High" dominiert das Leben.

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Grafik: Maxeiner, S., Rühle, H. (2014), Dr. Psych's Psychopathologie, Klinische Psychologie und Psychotherapie, Kapitel 8

Aber wie wirkt Heroin genau und warum kann es innerhalb kürzester Zeit abhängig machen? Weshalb ist diese Droge so gefährlich?

Heroin hat eine sehr starke Wirkung, der Rausch tritt rasch und heftig ein. Er wird als euphorischer, glückseliger Zustand beschrieben, der besser ist als alles, was man bis dahin erlebt hat. Leider ist das »Glück« von kurzer Dauer: es hält nur etwa zwei bis fünf Stunden an. Außerdem gewöhnt sich der Körper schnell daran. Deshalb muss die Dosis ständig erhöht werden, um den Glückskick zu erreichen. Bereits nach wenigen Injektionen kann es zur psychischen, später auch zur körperlichen Abhängigkeit kommen.

Die Gründe hierfür liegen in der Biochemie des Gehirns. Heroin wirkt auf die Funktion einer wichtigen Hirnstruktur, dem Belohnungssystem. Es verläuft vom Mittelhirn über den sogenannten Nucleus accumbens bis hinauf in das Stirnhirn.

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Grafik: Maxeiner, S., Rühle, H. (2014), Dr. Psych's Psychopathologie, Klinische Psychologie und Psychotherapie, Kapitel 8

Das Belohnungssystem sorgt dafür, dass Vorgänge, die für unser Überleben wichtig sind - wie z. B. Essen, Trinken und Sex - als angenehm, beglückend und euphorisierend empfunden werden. Das geschieht durch die Ausschüttung von Dopamin, was im Volksmund auch »Glückshormon« genannt wird. Solche Glücksgefühle will man natürlich unbedingt wieder erleben. Und solange sie nicht erreicht sind, steigt das Verlangen danach (englisch: »craving« Verlangen). Das Belohnungssystem ist extrem erinnerungsfähig. Wir lernen sehr schnell, was uns guttut, merken es uns und richten unsere gesamte Aufmerksamkeit darauf, es wieder zu bekommen. Heroin führt deshalb so schnell zur Abhängigkeit, weil es zu einer raschen und heftigen Dopaminausschüttung führt. So wird den Süchtigen vorgegaukelt, dass dieser Stoff tausend Mal besser wäre als ein Gourmet-Menü oder heißer Sex. Kein Wunder also, dass sie es unbedingt immer wieder haben wollen und ihr ganzes Leben danach ausrichten.

Warum Menschen wie Philip Seymour Hoffman letztendlich in die Sucht abgleiten, ist ein sehr individueller Prozess, dessen Ursachen wohl nie vollständig geklärt werden können. Dennoch spielen immer dieselben biochemischen Vorgänge eine Rolle, die den Süchtigen ein intensives Glücksgefühl bescheren. Sie führen zu einem schier unwiderstehlichen Verlangen nach der Todesdroge Heroin. Dabei wird der Wunsch nach einem kurzen Glück stärker als der Wunsch zu leben.

Der Artikel entstand unter Mitwirkung von Diplom-Psychologin Hedda Rühle

Grafik und Textquelle: Maxeiner, S., Rühle, H. (2014), Dr. Psych's Psychopathologie, Klinische Psychologie und Psychotherapie, Kapitel 8

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www.dr-psych.com