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06/03/2014 05:54 CET | Aktualisiert 06/05/2014 07:12 CEST

Psychopathen und Serienkiller: Das »herzlose Böse«

Thinkstock

Ob in der Mythologie, in der Literatur, im Kino oder im Fernsehen - seit jeher ist das Böse in diesen Bereichen allgegenwärtig. Oft stellt allerdings die Realität jede Fiktion in den Schatten.

Schauen Sie sich nur dieses Foto an: Ein smarter junger Mann mit fein geschnittenen Gesichtszügen. Einer, mit dem man gerne mal einen Kaffee trinken würde. Doch dieser Kaffee könnte Ihr letzter sein!

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© www.7criminalminds.blogspot.de

Der Mann auf dem Foto ist Ted Bundy, einer der gefährlichsten psychopathischen Serienkiller weltweit. Bundy hatte zunächst ein ganz normales Leben geführt: Er schloss 1965 die Highschool ab, studierte Psychologie und engagierte sich politisch für die Republikaner. In den siebziger Jahren kam dann die Wende: Der attraktive und charmante Bundy begann seine blutige Reise durch die USA. Er vergewaltigte, folterte, strangulierte und zerstückelte etwa 30 Frauen - vielleicht auch mehr. Selbst für seine Anwältin war er »die Verkörperung des herzlosen Bösen«.

Das Böse hat viele Gesichter und lauert nicht selten hinter einer schönen Fassade. Aber was genau ist eigentlich das Böse? Ist es uns angeboren oder machen uns erst die Umstände zu Verbrechern? Existiert das Böse nur in Abgrenzung zum Guten? Oder trägt jeder Mensch etwas davon in sich? Und was genau ist es, das Menschen die Schwelle zum Bösen überschreiten lässt?

Eine abschließende oder gar einfache Antwort auf diese Fragen gibt es nicht. Warum manche Menschen Grenzen überschreiten und zu Mördern und Vergewaltigern werden, bleibt auch für erfahrene Kriminalpsychiater oft rätselhaft und unheimlich. Und doch versuchen Forscher immer wieder sich dieser komplexen Thematik zu nähern. So gibt es beispielsweise Studien, die belegen, dass Menschen mit bestimmten Persönlichkeitsstörungen besonders häufig mit dem Gesetz in Konflikt geraten und in Haftanstalten oder forensisch-psychiatrischen Krankenhäusern untergebracht werden. Es handelt sich dabei vor allem um die antisoziale, die Borderline- und die paranoide Persönlichkeitsstörung.

Im angloamerikanischen Sprachraum bezeichnet man diese Persönlichkeitstypen mit dem Begriff »Psychopathy« (griechisch: »psych« Seele, »pathos« Leiden). Der psychopathische Charakter kann sich nicht in andere hineinfühlen, da er selbst keine Gefühle besitzt. Er weiß zwar, was er tut und kann richtig von falsch unterscheiden, doch er verhält sich ganz und gar nicht so. Für den Psychopathen sind Recht und Gesetz reine Theorie. Dennoch, oder gerade deshalb, verhält er sich so geschickt viel geschickter als seine Opfer und die Ermittler, die ihn dingfest machen wollen. Oft versteckt er sich hinter der schönen Maske des Charmeurs, präsentiert sich nach außen hin verständnisvoll, anpassungsfähig, loyal und entwickelt großen Charme. Doch tief in seinem Inneren ist der Psychopath eiskalt, berechnend und egoistisch. Bis zu 25 Prozent aller Gefängnisinsassen, so schätzen Forscher, sind Psychopathen.

Zurück zu Ted Bundy: Viel wurde über ihn diskutiert, und am häufigsten wohl die Frage gestellt, warum er zum Serienmörder wurde. Eine Hilfe zur Einschätzung könnte bei solch einem Fall die »Psychopathy Checklist« von Robert Hare liefern.

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Abbildung: Sandra Maxeiner, Hedda Rühle, »Dr. Psych's Psychopathologie, Klinische Psychologie und Psychotherapie« (2014), Band 2, Kapitel 13

Doch auch diese Liste ist nicht viel mehr als ein erster Anhaltspunkt. Und: Nicht jeder Psychopath wird zwangsläufig zum Serienkiller. Häufig stammen Psychopathen aus Familien, die ihre Kinder vernachlässigen, misshandeln, bestrafen und ihnen wenig Liebe schenken. Das muss jedoch nicht zwangsläufig der Fall sein. Ted Bundy etwa betonte immer wieder, dass er in einem sehr liebevollen Elternhaus aufgewachsen sei, in dem christliche Werte groß geschrieben wurden. Allerdings erfuhr er als junger Mann, dass seine Schwester in Wahrheit seine Mutter war.

Da Bundys junge Mutter bei seiner Geburt nicht verheiratet war, hatten die Großeltern ihn kurzerhand als ihr eigenes Kind ausgegeben. Wäre seine Karriere als Serienkiller zu verhindern gewesen? Er selbst hielt seine Sucht nach immer härterer Pornografie für einen entscheidenden Einfluss auf das eigene delinquente Verhalten. Viele renommierte Forscher glauben, dass Menschen mit einer schweren Form der Psychopathie heute noch unheilbar sind. Andere dagegen sind zuversichtlich, dass Psychopathie behandelbar sei, wenn man die Betroffenen schon in jungen Jahren für eine Therapie gewinnen könne. Der junge Ted Bundy hatte keine Möglichkeit, sich behandeln zu lassen. Im Januar 1989 wurde er in Florida auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet.

Was genau bei Ted Bundy das auslösende Moment für die grauenhaften Serienmorde war, wird wohl nie bekannt werden. Eine der Ursachen aber war sicher seine Psychopathie, die ihn zu dem gefühlskalten Monster werden ließ, das mit seinen Opfern kein Mitgefühl empfand und das seine Fantasien hemmungslos an seinen »Objekten« auslebte.

Doch bei all dem Schrecklichen und Unfassbaren sollten eines nie vergessen werden: Das Monster Ted Bundy ist und bleibt - ganz egal, wie unvorstellbar grauenhaft und sadistisch seine Taten auch gewesen sein mögen - ein Mensch. »Das radikal Böse gehört, nicht anders als das Gute, zur Conditio humana und zu dem, was es auch bedeuten kann, Mensch zu sein« (Cassandra Negra, Die Lust des Bösen, S. 165).

Quelle: Sandra Maxeiner, Hedda Rühle, »Dr. Psych's Psychopathologie, Klinische Psychologie und Psychotherapie« (2014), Band 2, Kapitel 13

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