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15/03/2015 10:48 CET | Aktualisiert 27/10/2017 08:12 CEST

Tatort Kinderpsychiatrie: Wenn ein Sechsjähriger Suizid verübt

„Durch die Erfahrung, die ich in der Psychiatrie gemacht habe, ist mir bewusst, wie wichtig Liebe ist. Ich werde alles tun, damit mein Sohn soviel Liebe wie möglich bekommt." (Stefan Brauer)

Als ich von Stefan Brauer und seinen Erlebnissen in der Kinderpsychiatrie hörte, hat es mich so erschüttert und betroffen gemacht, so sprachlos und geschockt zugleich zurückgelassen, dass ich unbedingt mit dem Mann sprechen wollte, der all das erlebt hat. Mit 19 Jahren, so erzählt er mir in unserem Telefonat, hat er seinen Zivildienst in einer psychiatrischen Einrichtung abgeleistet und dort Dinge erlebt, die ihn Zeit seines Lebens nicht mehr losgelassen haben.

Es war vor allem der Selbstmord eines kleinen Jungen, dem sechsjährigen "Paul", wie er ihn in seinem Buch nannte, den er nie vergessen hat und bis heute nicht verarbeiten konnte. Als er mir von Paul erzählt, wird seine Stimme leise, klingt fast zerbrechlich, manchmal stockt er und ringt um Fassung. Ich spüre, wie viel Verletzbarkeit, aber auch Fassungslosigkeit und Wut zugleich in seiner Schilderung der unfassbaren Zustände in der Kinderpsychiatrie mitschwingen.

Aber ich spüre auch, dass es da etwas in seiner Seele gibt, das sich mitschuldig fühlt an dem, was mit Paul geschehen ist. Ja, ich habe den Eindruck, dass er mit sich selbst hadert, weil er das Unfassbare nicht verhindert hat. Doch Stefan Brauer trifft keine Schuld. Schuld sind die Eltern, das System, die Institutionen, so sagt er, die alle versagt haben.

Auch wenn das, was er in seinem Zivildienst erlebt hat, nun mehr als 13 Jahre zurückliegt, so ist es doch so erschütternd, aufwühlend und unbegreiflich zugleich, dass ich seine Geschichte erzählen möchte. Heute hat Stefan Brauer vor allem eine Botschaft: Er möchte allen Eltern bewusst machen, wie wichtig Liebe und persönliche Zuwendung gerade für kleine Kinder sind.

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Foto: © dubova - Fotolia.com

Maxeiner: Sie haben Ihren Zivildienst vor mehr als 13 Jahren in einer Psychiatrie abgeleistet. Können Sie erzählen, wie es dazu kam?

Brauer: Die Wahl zwischen Zivildienst und Bundeswehr fiel mir damals sehr leicht. Ich hatte mehrere Kollegen, Freunde, Bekannte und Verwandte gefragt, und alle haben mir gesagt „Bundeswehr, das ist Quatsch, da lernst du nichts, was du irgendwann später brauchen könntest. Mach Zivildienst". Und so kam es dann auch. Ich hatte mir einen Job ausgesucht, bei dem man noch eine Ausbildung dazu bekommt und hab' eine Ausbildung zum Sanitäter beim Roten Kreuz begonnen.

Dort mussten wir mehrere Tests absolvieren, mit denen geprüft wurde, ob man uns überhaupt auf Patienten loslassen kann. Leider hat mir dann bei einem der Tests ein Punkt gefehlt, und dieser Test konnte nicht wiederholt werden. Also habe ich mich notgedrungen nach einer anderen Möglichkeit umgesehen und wahllos alle angeschrieben, von denen ich wusste, dass sie Zivildienstleistende suchen.

Im Nachhinein glaube ich, dass es wohl Schicksal war, dass ich in die Psychiatrie gekommen bin. Ich hab mich nicht gezielt dorthin beworben und gesagt „Ah, ich will da hin", sondern mir wurde gesagt „Schau dich um, wo du noch schnell einen Zivildienstplatz bekommst, damit dir die Zeit nicht verloren geht."

Maxeiner: Wie lange waren Sie in der Psychiatrie?

Brauer: Sieben Monate.

Maxeiner: Was genau war in der Psychiatrie Ihre Aufgabe?

Brauer: Ich sollte die Betreuer unterstützen. Meine Aufgabe war es, die Kinder dort mitzubetreuen, im Hof mit ihnen zu spielen und auf sie aufzupassen.

Maxeiner: Sie waren also in einer Kinderpsychiatrie; war es eine geschlossene Abteilung?

Brauer: Ich würde sagen halb geschlossen. Es war ein Zaun drumherum, aber der wäre für ein Kind theoretisch keine Hürde gewesen. Wenn jemand wirklich drüber wollte, hätte er es auch geschafft. Es war ein Areal, das gesichert war.

Maxeiner: Welche Krankheiten hatten die Kinder- und Jugendlichen, die Sie dort betreut haben?

Brauer: Bei den Jugendlichen waren 90 Prozent der Fälle magersüchtige junge Mädchen. Die Kinder, die bei uns reingekommen sind, waren zwischen sechs und zwölf Jahre alt. Das war die kleinste Abteilung. Ich hab mich oft gefragt, was passieren muss, damit ein Kind mit sechs Jahren einen psychischen Schaden erleidet. Irgendwie war ich damals wohl auch etwas sensationsbegierig und zugleich gespannt, was für Kinder das waren.

Und dann war ich umso mehr überrascht, dass es sich um eigentlich fast normale Kinder handelte. Kinder, die gegen ihre Eltern rebellierten, weil sie vernachlässigt wurden, Kinder, die ohne Liebe aufwuchsen. Und dann kamen sie schließlich zu uns. In der Regel waren die Kinder etwa vier Wochen bei uns, und kamen nach dieser Zeit - und meist völlig normalem Verhalten - wieder zurück zu ihren Eltern, wo es meist wieder von vorn begann; sie rebellierten und kamen wieder zu uns zurück.

Maxeiner: Sie sagen, es waren eigentlich normale Kinder. Können Sie beschreiben, wie Sie die Kinder erlebt haben?

Brauer: Wir bekamen beispielsweise ein achtjähriges Mädchen, bei der die Mutter den Verdacht äußerte, dass ihr Stiefvater sie vergewaltigt habe. Als das Mädchen zu uns kam, dachten wir, dass sie unter Ängsten und Albträumen leiden müsste, aber sie war vollkommen normal. Sie hat sich wie jedes andere Kind auch am Spielen beteiligt und hat keinerlei abnormales Verhalten gezeigt.

Maxeiner: Können Sie beschreiben - oder es zumindest versuchen - was der gravierendste Fall war, den sie zu dieser Zeit erlebt haben?

Brauer: Ja, das war der sechsjährige Paul. Sein Fall ist mir hängen geblieben und kam immer wieder in meiner Erinnerung hoch. Immer wenn mich Freunde oder auch Arbeitskollegen nach meinem Zivildienst gefragt haben, habe ich ihnen davon erzählt und bemerkt, wie sehr Pauls Schicksal die Menschen berührt. An irgendeinem Punkt dachte ich mir „Okay, ich habe es eben meinem Arbeitskollegen erzählt, den ich für einen stabilen Mann gehalten hab', doch auch er kämpfte mit den Tränen". Und da wusste ich, dass es meine Pflicht ist, es aufzuschreiben und weiterzugeben.

Maxeiner: Können Sie die Geschichte von Paul vielleicht kurz erzählen?

Brauer: Seine Geschichte begann damit, dass wir - wie jeden Morgen - Akten bekamen über die Kinder, die zu uns auf die Station kommen sollten. Anhand dieser Akten sollten wir uns ein Bild davon machen, was für Kinder das sind, damit wir uns auf die Bedürfnisse der Kinder einstellen konnten, und wussten, worauf wir zu achten hatten. Pauls Akte fiel sofort auf. Sie war viel dicker als alle anderen. Als ich sie gelesen hatte, war ich entsetzt über das, was er in seinem so jungen Alter schon erlebt hatte: von klein auf wurde er von der Mutter vernachlässigt, in seinem Zimmer eingesperrt, später kam er ins Kinderheim, wurde erneut vernachlässigt und kam nun schließlich zu uns in die Psychiatrie - mit sechs Jahren.

Maxeiner: Wie war das, als Sie Paul dann das erste Mal gesehen haben? Wie haben Sie ihn erlebt?

Brauer: Ich hab' aufgrund seiner Geschichte gedacht, dass es ein moderner Kaspar Hauser ist. Dass er weggesperrt wurde von seiner Mutter und überhaupt keine Liebe und Zuneigung bekommen hatte. Er war in seinem Zimmer eingeschlossen und hat hin und wieder etwas zu essen und zu trinken bekommen. Im Kinderheim später wiederholte sich diese Geschichte aufgrund seines animalischen Verhaltens. Da hieß es „Der greift uns an, er beißt und spuckt nach uns". Deshalb hatten sie ihn auch dort wieder in ein Zimmer eingeschlossen.

Sie hatten einfach nichts aus seiner Geschichte gelernt. Dann kam Paul mit dieser Vorgeschichte zu uns. Ich dachte damals, dass das vermutlich der erste Fall sein würde, der es - aus meiner Sicht - verdient hatte, in eine Psychiatrie zu kommen. Ich war schon neugierig, was für ein Kind das war und wie es sich wohl entwickelt hatte aufgrund dieser Erlebnisse. Und als Paul dann zu uns kam, war ich total überrascht.

Er war ein kleiner, blonder Engel. Die meisten Kinder, die zu uns kamen, haben die ersten Stunden geweint und wollten nach Hause. Sie haben das typische Verhalten gezeigt, wie man es sich vorstellt. Bei Paul aber war es ein neugieriges Herumschnuppern, Reinschauen und freudiges Staunen: Oh, hier sind ja andere Kinder und alle spielen miteinander!

Maxeiner: Also haben Sie nichts von dem „animalischen" Verhalten des Jungen bemerkt?

Brauer: Nicht in den ersten Tagen. Aber im Laufe der Wochen, die er bei uns war, stellte sich heraus, dass er hin und wieder Ausraster hatte. Die Stationspsychiaterin meinte, er hätte schizophrene Züge, weil er sich komplett verwandelte und dann wie ein wildes Tier herumsprang und Betreuer angriff. Wirklich wie ein Tier, anders kann man es nicht sagen. Und diese Ausraster haben wir nicht wegbekommen. Die sind immer wieder aufgetreten.

Niemand wusste genau, was jeweils der Auslöser für einen solchen Ausraster war. Ich kann mich noch gut an ein Gespräch mit der Psychiaterin erinnern. Täglich hat sie Paul für Einzelsitzungen zu sich genommen. Und eines Tages hatte sie anscheinend so tief in seiner kleinen verletzten Seele gegraben, dass er wieder ausgerastet ist und wieder das animalische Verhalten an den Tag gelegt hat. Er ging auf die Psychiaterin los und wollte sie beißen.

Es war so schlimm, dass sie nach mir rief und ich die beiden trennen musste. Man hat ihn dann in ein Zimmer gebracht, in dem es keine Gegenstände gibt, an denen man sich verletzen kann. Dort wurde er dann eine oder anderthalb Stunden eingesperrt. Dann wurde abgewartet, bis er sich wieder beruhigte und dann kam er 'raus, als wäre nichts gewesen.

Maxeiner: Wurde Paul auch medikamentös behandelt?

Brauer: Ja, allerdings weiß ich nicht mehr den Namen des Medikamentes. Die Ärzte rätselten ja selbst woher die Aggressivität und dieses animalische Verhalten kamen. Sie vermuteten, dass er vielleicht Gehirnschäden hatte und wollten das überprüfen. Denn falls sich das bewahrheitete, würde er in eine andere Abteilung kommen. Und dann - so kam es mir vor - hatte man dort fast die Hoffnung „Okay, wenn er Gehirnschäden hat, dann lassen wir es prüfen und dann kommt er auf eine andere Abteilung und wir sind ihn los".

Ich hab' ihn dann ins nächste Krankenhaus gebracht, das Gott sei dank nicht weit weg war. Dort haben wir ein MRT mit ihm gemacht und sein Gehirn durchleuchtet, und dabei festgestellt, dass alles normal ist. Und ich habe ihn dann wieder zurückgebracht. In der Psychiatrie wurde ich bereits gespannt erwartet. Aber als ich ihnen sagte, dass der Scan nichts ergeben hatte, waren die Betreuer fast enttäuscht, weil sie Paul ja nun noch länger an der Backe hatten. Und dann begann die medikamentöse Behandlung, auch mit Unterstützung der Psychiaterin wegen schizophrenen Verhaltens.

Maxeiner: Nachdem Sie bemerkt hatten, was für Zustände in der Kinderpsychiatrie herrschten, was war für Sie am schwierigsten auszuhalten? Welche Emotionen sind da in Ihnen hoch gekommen?

Brauer: Am Anfang war ich total positiv überrascht, dass ein Kind mit dieser Vorgeschichte so freudig den ersten Tag beginnt. Dass es sich auf die Psychiatrie freut. Das habe ich bei keinem Kind vorher beobachten können. Paul interessierte sich für die anderen Kinder, wie sie spielten, und er beobachtete sie freudig. Ich hatte den Eindruck, es schien ihm irgendwie zu gefallen. Aber was mich am meisten bedrückt hat, war die medikamentöse Behandlung, denn von da an hat sich sein Verhalten grundlegend verändert.

Tags zuvor hat er noch gespielt, sich gefreut und gelacht und dann saß er nur noch auf der Bank und hat den anderen Kindern zugesehen. Und der einzige Grund, wieso man diese medikamentöse Behandlung weiterführte, war, dass sich seine Ausraster dadurch minimierten. Dass er also weniger animalische Anfälle hatte. Das wurde als Erfolg gefeiert.

Doch Paul so als Zombie zu erleben, wie er die anderen Kinder fast teilnahmslos beobachtete, hat mir fast das Herz gebrochen. Aber alle anderen auf der Station freuten sich, dass er nicht mehr ausrastete. Ich hab' mir damals gedacht, das kann nicht richtig sein. Aber ich war ja nur Zivildienstleistender - wer also war ich schon, dass ich mir hätte anmaßen können, der Psychiaterin zu sagen, dass da offensichtlich was schiefging.

Maxeiner: Haben Sie je mit jemandem darüber gesprochen?

Brauer: Ja. Wir hatten einen Betreuer, der ebenfalls die Behandlung mit Medikamenten verurteilte. Er hatte dasselbe beobachtet wie ich und mir auch bestätigt, dass das alles nur emotionale Blocker sind, die die Patienten zu zombieartigen Kindern machen, die keine Emotionen mehr haben. Und das kann kein Erfolg sein. Damit hat er mir aus der Seele gesprochen und die medikamentöse Behandlung von Paul wurde schließlich auch irgendwann eingestellt.

Das war ein gutes Gefühl, denn ich musste gar nicht einschreiten, weil der andere Betreuer es ebenfalls erkannt hatte. Nachdem die medikamentöse Behandlung eingestellt wurde, hat Paul auch wieder angefangen zu spielen und hat wieder Gefühle gezeigt. Das war eigentlich die Bestätigung für mich, dass es daran gelegen hatte.

Maxeiner: Wann haben Sie Paul das letzte Mal gesehen, bzw. das letzte Mal mit ihm gesprochen?

Brauer: Ich hatte Spätschicht und wir haben die Kinder schlafen gelegt. Und dann sind wir ins Betreuerzimmer gegangen und haben die Berichte geschrieben. Ich bin an diesem Abend im Flur Wache gelaufen, um zu schauen, ob sie alle in ihren Zimmern bleiben und keinen Quatsch machen. Und dann ist mir aufgefallen, dass aus Pauls Zimmer - er hatte ein Einzelzimmer - Geräusche kamen. Es hörte sich an, als ob jemand Möbel rückte. Ich hab' dann die Tür seines Zimmers geöffnet und gesehen, dass er die Schubladen aus der Kommode herausgezogen und auf der Kommode pyramidenförmig aufgetürmt hatte.

In dem Moment, als ich das Zimmer betrat, sprang Paul auf den Tisch und anschließend, wie eine Wildkatze auf den Kleiderschrank. Eigentlich unmöglich für ein Kind in seinem Alter, da hoch zukommen. Dachte ich mir zumindest. Aber er hat es geschafft. Er ist mit einem Satz auf den Schrank hochgesprungen und visierte die Pyramide an, die er in der Mitte des Zimmers platziert hatte. Er schrie mich an und fixierte mich mit diesem animalischen Gesichtsausdruck, während ich noch immer überlegte, wie er wohl da hoch gekommen ist und warum er die Kommode in die Mitte geschoben und die Schubladen raus genommen hatte.

Und wieso wollte er da herunterspringen? Ich bin ja nie auf die Idee gekommen, dass das ein Selbstmordversuch sein könnte. Ich hab' dann irgendwann überlegt, vielleicht versucht er sich weh zu tun, weil er glaubt, wenn er sich verletzt, dass er dann mehr Aufmerksamkeit bekommt.

Maxeiner: Was ist dann passiert?

Brauer: Er stand noch immer auf dem Kleiderschrank und visierte die Pyramide an, die er gebaut hatte. Also hab' ich ihn heruntergehoben, wieder aufs Bett gesetzt und die Schränke und die Schubladen wieder auf ihren Platz zurück gepackt. Parallel dazu hab' ich auf ihn eingeredet. „Was ist denn los?", hab' ich ihn gefragt. „Du sollst keinen Quatsch machen, wir wollten doch morgen zum Picknicken gehen.

Wenn du wieder Quatsch machst, werden dich die Betreuer wieder ausschließen". Das war häufiger der Fall, dass Paul einfach ausgeschlossen wurde, weil er ein Risikofaktor war. Man konnte nicht mit ihm zum Fußballspielen gehen, weil man ja nicht wusste, was er als nächstes tat. Also wurde er ausgeschlossen von den meisten Aktivitäten. Es tat mir immer weh, weil ich gesehen habe, dass er sich da gut amüsierte, wenn er mal mit durfte. Und dann hab' ich gedacht, oh mein Gott, wenn die Betreuer das jetzt sehen, dann wird er wieder gestrichen.

Maxeiner: Wie hat Paul reagiert?

Brauer: Er war total perplex, hat auf seinem Bett gesessen, auf den Boden geschaut und geweint.

Maxeiner: Und was haben Sie gemacht? Sind Sie bei ihm geblieben?

Brauer: Paul hatte mich gefragt, ob ich die Tür offen lassen könnte. Ich hab dann zurück gefragt „Wieso willst du die Tür offen haben? Du weißt doch, dass die Türen immer geschlossen sein müssen." Aber Paul hat weiter insistiert, ob ich nicht doch seine Tür offen lassen könnte, weil er Angst hatte, dass hinter der Tür Monster lauerten. Für mich war das normal, ich hatte das aus den Medien gelernt, dass Kinder manchmal Angst haben, dass sich hinter Türen oder unter Betten Monster verstecken. Also hab' ich mir darüber keine weiteren Gedanken gemacht.

Doch Paul hat sich weiter gefürchtet. Und ich hab' dann zu ihm gesagt „Na, dann bete doch, dass die Monster verschwinden". Dann hat er mich angesehen und gefragt, wie Beten geht. Ich war total erstaunt, dass er das nicht wusste, denn er kam doch aus einem katholischen Kinderheim.

Maxeiner: Und haben Sie dann mit ihm gebetet?

Brauer: Ja, wir haben ein kleines Kindergebet gesprochen. „Ich bin klein. Mein Herz ist rein. Lass niemand darin wohnen als Jesus allein". Anschließend wollte er noch auf die Toilette gehen und ich habe ihn begleitet. Wir sind zur Toilette gelaufen, ich bin dann bis zum Waschbecken vor, und als er fertig war, hab' ihn wieder zurückbegleitet in sein Zimmer, hab' ihn ins Bett gebracht und gewartet, bis er eingeschlafen war.

Es war das erste Mal, dass ich mich richtig umgesehen hab' in seinem Zimmer. In jedem anderen Zimmer der Kinder gab es dutzende Bilder von Familie, Haustieren, Brüdern, Vater oder Mutter. Oder Poster von Sängern... Doch bei Paul war alles leer. Nichts als nackte, kahle Wände.

Erst als ich das Buch geschrieben hatte, hab' ich das verstanden: Na klar, er hatte ja auch nichts. Niemanden, der ihn erwartete, keine Verwandten ... Sein Zimmer war einfach nur kalt. Und Spielzeug hat er auch keins besessen.

Maxeiner: War das der letzte Abend, an dem Sie ihn lebend gesehen haben?

Brauer: Ja.

Maxeiner: Was passierte am darauffolgenden Tag, als Sie wieder Ihren Dienst aufgenommen haben? Wie haben Sie das erlebt und wie haben Sie von seinem Tod erfahren?

Brauer: Das ist das schwierigste Kapitel. (Stefan Brauer schluckt und schweigt einen Moment. Es fällt ihm hörbar schwer, darüber zu sprechen). Er hat sich genau auf diese Art und Weise umgebracht ... (wieder schweigt er).

Maxeiner: Er hat wieder die Pyramide aufgetürmt und ist gesprungen?

Brauer: In diesem Fall war es nicht die Pyramide. Er hat den Tisch - es war einer mit ganz dünnen Metallbeinen - umgedreht ... Und man ging davon aus, dass er wieder auf den Kleiderschrank geklettert und von dort in eines der dünnen Tischbeine gesprungen ist.

(Wir schweigen einen Moment. Zu schrecklich ist die Vorstellung, dass sich ein sechsjähriges Kind lieber mit einem Tischbein durchbohrt, als so weiterleben zu müssen ...)

Maxeiner: Haben Sie Paul an diesem Tag nochmal gesehen?

Brauer: Also, in meinem Buch hab' ich geschrieben, dass ihn noch mal gesehen hätte. Aber da hab' ich mir die künstlerische Freiheit genommen, um das Buch spannend zu halten. In Wahrheit war es so, dass ich kam und Paul schon weg war.

Maxeiner: Er war schon auf dem Weg in die Rechtsmedizin, weil es kein natürlicher Tod war?

Brauer: Ja. Und ich weiß nicht mal mehr, was jetzt genau geschlussfolgert wurde. Soweit ich weiß, wurde nie das Wort Suizid in den Mund genommen. Wahrscheinlich ging man davon aus, dass er in dem Spieltrieb aus irgendeinem Grund 'runtergesprungen sei und es ein Unfall war. Aber wenn man seine Vorgeschichte und das Buch liest, dann stellt sich diese Frage nicht. Es war ganz klar, Paul war satt vom Leben.

Maxeiner: Kennen Sie den Untersuchungsbericht von der Rechtsmedizin? Steht da wirklich nichts über einen möglichen Selbstmord?

Brauer: Soweit ich weiß nicht. Also, ich will Sie nicht erschrecken, aber das war nicht der einzige Selbstmord in meiner Zivildienstzeit dort. Zwar nicht in unserer Gruppe und auch nicht in diesem zarten Alter, doch es war fast an der Tagesordnung.

Wir hatten beispielsweise einen, der versucht hat, sich im Netz des Tores zu erhängen oder jemanden, der sich am Nachttisch mit seinen Schnürsenkeln erhängt hat. Ich hab' immer gedacht, man müsste eine Stange haben oder diesen Knoten beherrschen. Aber er hat sich wirklich an einem Nachttisch, der kniehoch war, mit einem Schnürsenkel von seinem Sportschuh erhängt.

Maxeiner: Womit erklären Sie sich diese ungewöhnlich hohe Suizidrate bei Kindern in diesem Alter? Ist da auch etwas in der Psychiatrie schiefgelaufen?

Brauer: Das ist ja der Punkt. Alle Institutionen haben versagt. Natürlich auch Pauls Mutter. Anschließend die zwei Kinderheime, die er besucht hat, wo er einfach nur weggesperrt worden war. Das Jugendamt, das viel zu spät reagiert hat und ihn zu spät von seiner Mutter befreit hat. Er war drei Jahre alt, als sie ihn da 'raus geholt' haben. Und in der Psychiatrie wurden dann dieselben Fehler wiederholt, die alle anderen auch gemacht haben. Man hat ihm ein Einzelzimmer gegeben und ihn ausgeschlossen von allen anderen Aktivitäten.

Anstatt das Gegenteil zu machen: ihn in eine Gruppe zu geben und ein kindermäßiges Abenteuer daraus zu machen. So hätte er Kontakte knüpfen und von vorne beginnen können. So hätte vielleicht wieder Liebe in ihm wachsen können. Aber es wurden dieselben Fehler gemacht und Paul hat genau das erfahren, was er zuvor auch erfahren hatte: Er wurde weggesperrt und niemand mochte ihn.

Besonders an den Wochenenden war es schlimm: Da wurden alle anderen Kinder von ihren Eltern oder von Verwandten abgeholt. Aber Paul hatte niemanden. Er war das einzige Kind, das am Wochenende in der Psychiatrie blieb. Wenn ich Dienst hatte, hab' ich Paul mitgenommen und wir sind dann auf die Jugendlichen-Station gegangen. Dort waren ja die besagten 90 Prozent magersüchtige Mädchen, zwischen 14 und 16 Jahren. Sie alle standen begeistert um Paul herum und streichelten und liebkosten ihn. Sie freuten sich, dass jemand, der so süß war, bei ihnen war. Und Paul genoss es. Er war wie ein anderer Mensch. Ich hab' ihn nicht mehr wiedererkannt.

Maxeiner: Sie haben ja gesagt, Sie waren sieben Monate in der Kinderpsychiatrie und haben Ihren Zivildienst dort geleistet. Welches Fazit ziehen Sie aus Ihrem Zivildienst? Würden Sie heute niemandem empfehlen, Zivildienst - heute gibt es ja nur noch den sogenannten Bundesfreiwilligendienst - zu leisten aus dieser Erfahrung heraus?

Brauer: Nein. Ich bin dankbar, dass ich diese Erfahrung machen durfte, und dass ich dieses Buch habe schreiben können und hoffentlich auch viele Menschen damit erreiche. Im Endeffekt würde es reichen, wenn eine einzige Person dieses Buch liest und merkt, wie wichtig Liebe in der Erziehung ist und daraufhin irgendein Leben gerettet wird.

Maxeiner: Was ist Ihre wichtigste Botschaft?

Brauer: Die wichtigste Botschaft ist, dass Liebe im Leben eines jeden Menschen schon immer wichtig war und immer wichtig sein wird. Ich bin überzeugt, dass man sämtliche Probleme lösen würde, wenn man es mit Liebe angeht.

Maxeiner: Haben Sie selbst Kinder?

Brauer: Ich hab' mit 29 Jahren angefangen das Buch zu schreiben und ich bin letztes Jahr selbst Vater geworden. Als ich mein Buch abgeschlossen hatte, ist mein Sohn zur Welt gekommen.

Maxeiner: ... und er hat sehr viel Glück in Ihr Leben gebracht ...

Brauer: Ja. Und dadurch, dass ich diese Erfahrung in der Psychiatrie gemacht habe, bin ich mir bewusst, wie wichtig Liebe ist. Ich werde alles tun, damit mein Sohn soviel wie möglich davon bekommt.

Herr Brauer, ich danke Ihnen herzlich für dieses Gespräch.


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