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16/02/2015 06:33 CET | Aktualisiert 18/04/2015 07:12 CEST

Interview: Der junge Johanniter Leon zeigt Zivilcourage und Mitmenschlichkeit

Leon Leßmann

Teil 1 der Reihe „Mitmenschlichkeit":Für diese Dokumentations-Reihe spreche ich mit Menschen, die selbstlos für andere da sind, Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren, anderen in Notsituationen geholfen haben und die Zivilcourage und Mitmenschlichkeit zeigten und zeigen. Es sind Menschen, die im Stillen arbeiten, Großartiges vollbringen und Gutes tun, ohne dass die Öffentlichkeit in der Regel je davon erfährt.

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Foto: Leon mit Joel Tsikans, © Carolin Reins

Es ist Samstagabend. In wenigen Minuten bin ich mit Leon Leßmann verabredet, einem 16-jährigen Schüler, der die 10. Klasse der Oberschule Augustfehn in der Nähe von Oldenburg besucht. Eigentlich könnte man meinen, dass Leon ein Jugendlicher wie viele andere auch sei: Leons Eltern haben sich vor einiger Zeit getrennt, er hat eine Freundin und ist leidenschaftlich gern auf dem Fußballplatz - als Schiedsrichter.

Und doch ist Leon etwas ganz Besonderes, denn er ist einer der wenigen Jugendlichen, die sich ehrenamtlich engagieren. Obwohl mehr als die Hälfte der Jugendlichen laut der Shell Jugendstudie 2010 sozial Benachteiligten helfen wollen, ist er der Einzige in seiner Klasse, der diese Hilfe auch lebt. Seine Klassenkameraden bewundern sein Engagement und nennen ihn scherzhaft „Leon, der Johanniter-Verrückte".

Im Verlauf unseres Gespräches lerne ich einen jungen Mann kennen, der weiß, was er will, der zielstrebig und zuverlässig wirkt - einer, der nicht nur etwas bewegen will, sondern es auch tut. Leon packt an, wenn er Probleme erkennt, er hilft, wenn andere seine Hilfe brauchen und setzt sich ein für Dinge, die ihm am Herzen liegen. Ich bekomme Gänsehaut, wenn er von der jungen krebskranken Frau erzählt, der er mit den Johannitern einen Moment des Glücks schenkte oder wenn er von dem 80-jährigen Mann berichtet, den sie zum Sterben ins Hospiz gebracht haben.

Maxeiner: Leon, du bist gerade 16 Jahre alt: Normalerweise hat man als Jugendlicher ganz andere Dinge im Kopf als ehrenamtliche Tätigkeiten zu übernehmen. Warum verbringst du deine Freizeit bei den Johannitern?

Leon: In der 9. Klasse habe ich mein erstes Praktikum bei den Johannitern in Oldenburg gemacht, und weil mir das so gut gefallen hat, habe ich mich gleich nach der Möglichkeit für Ferienjobs erkundigt. Dabei wurde ich gefragt, ob ich nicht ehrenamtlich für die Johanniter arbeiten möchte. Und weil es mein Traum war, habe ich nicht lange gezögert und „Ja" gesagt. Von da ab ging alles ziemlich schnell. Die Arbeit bei den Johannitern macht mir Spaß, das Kollegium ist spitze, und es macht mir Freude, anderen Menschen zu helfen.

Maxeiner: Kannst du etwas mehr über deine Arbeit erzählen? Wie sieht so ein Tag bei den Johannitern aus?

Leon: Ich engagiere mich als Sanitätshelfer. Bevor ich aber zu einem Einsatz komme, schaue ich in einer Online-Datenbank im Internet nach, welche San-Dienste (Sanitätsdienste) unser Ortsverband dort gerade anbietet. Ich kann sehen, was für ein Dienst es ist, beispielsweise ein Fußballturnier und wie lange der Einsatz dauert. Wenn ich Zeit habe, kann ich mich mit meinen Zugangsdaten anmelden (1). Ist meine Anmeldung bestätigt, fahre ich an dem Tag eine halbe Stunde vor Dienstbeginn zur Wache. Meine Kollegen und ich besprechen dann was genau anliegt und wie viele Menschen bei dem Einsatz sein werden. Wenn das alles klar ist, gehen wir raus, kontrollieren unseren Krankentransportwagen, checken noch mal unseren Rucksack, schauen ob das AED-Gerät (Automatisierter Externer Defibrillator) in Ordnung ist, und machen uns dann auf den Weg. Wenn wir beim Einsatzort ankommen, melden wir uns in der Regel bei der Leitstelle an. Oft bekommen wir auch von den Veranstaltern noch ein eigenes Telefon, damit das Security-Team uns schnell und direkt erreichen kann, wenn etwas passiert ist und Menschen unsere Hilfe brauchen.

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Foto: Leon mit Vivien Sobing , © Marje Dierks

Maxeiner: Kannst du anhand deines letzten Einsatzes beschreiben, was du da alles erlebt hast? Was war das für ein Einsatz, was waren das für Menschen, denen du da geholfen hast, und in welcher Situation?

Leon: Ich fahr' oft zum VfB Oldenburg mit, zu den Fußballspielen. Da ist eigentlich nie was los für uns. Was natürlich auch schön ist, weil es ja heißt, dass es den Menschen gut geht. Aber ich fahre auch ganz normal im Fahrdienst mit, als dritter Mann auf dem Krankentransportwagen. Als ich mein Praktikum hatte, haben wir meinen ersten Einsatz über den Melder bekommen. Da war ich schon aufgeregt. Wir sollten dort einen etwa 80-jährigen Mann im Krankenhaus abholen und ins Hospiz bringen. Als wir dann reinkamen und ich den Mann dort in seinem Krankenbett liegen sah, war mir schon mulmig. Man sah ihm an, dass es seine letzten Tage, vielleicht Stunden sein werden ... Oft haben wir auch eine Dialysetour, das heißt wir holen einen Patienten zu Hause ab, bringen ihn zur Dialyse und wieder zurück. Dabei muss man eigentlich nicht viel machen, außer den Patienten beobachten. Und meine Kollegen waren so offen, dass ich auch mal Blutzucker messen durfte. Das ist auch schon aufregend.

Maxeiner: Was hat dich bei deinen Einsätzen am meisten berührt? Gab es da einen besonderen Menschen? Oder eine Situation, in die ihr gekommen seid?

Leon: Wir haben bei einem Fahrdienst mal eine Patientin, sie müsste so zwischen 30 und 40 gewesen sein, aus einem Krankenhaus abgeholt und in ein anderes Spezial-Krankenhaus gebracht. Sie hatte Krebs. Auf der Hinfahrt war sie total fertig und war nur am Weinen. Nach ein paar Stunden haben wir sie wieder abgeholt. Auf der Rücktour hatten wir Radio an, es kam ein Lied, und sie fing an zu singen und war glücklich. Von einem Augenblick auf den anderen. Ganz einfach so. Es war so überwältigend, dass wir alle Gänsehaut bekamen als sie angefangen hat, zu singen.

Maxeiner: Hast du die Frau noch einmal gesehen oder war das eure einzige Begegnung?

Leon: Nein, ich habe sie nicht wiedergesehen.

Maxeiner: Was nimmst du aus deiner ehrenamtlichen Arbeit für die Johanniter für dich selbst mit?

Leon: Es ist vor allem auch das Kollegium, das einen stark macht. Immer wieder erfahre ich durch meine Kollegen neue Sachen und lerne immer mehr. Heute bin ich zum Beispiel zu einem Heimturnier gefahren, wo ich einen Sanitätsdienst hatte. Auch Kollegen von den Maltesern hatten in einer Nachbarhalle San-Dienst. Irgendwann kamen sie auf uns zu und fragten uns, ob wir noch Protokolle hätten. Weil sie wohl einen Einsatz nach dem anderen gehabt hätten. Auch einen Schlaganfall auf einer Messe, wo eigentlich sonst nicht viel passiert. Wir gaben ihnen ein paar Protokolle und kamen ins Gespräch, wie man mit einem Schlaganfall umgeht, wie man ihn behandelt und ähnliches. Ich lerne eben immer dazu.

Maxeiner: Wenn du dich mit Freunden triffst, erzählst du dann über deine Arbeit bei den Johannitern und was sagen deine Freunde zu deinem Engagement?

Leon: Du hast das bestimmt im Kommentar auf Facebook gesehen, dass eine Klassenkameradin mich in einem Kommentar erwähnt hat, als du nach einem Interview gefragt hast. Die wissen halt alle: Leon, der ist „Johanniter-verrückt".

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Foto: (v. links nach rechts) Leon mit Steffen Jonker, Jan-Niklas Hellmerichs, Rene Seemann, Oliver Kruse, Philipp Scheffler, © Marje Dierks

Maxeiner: Kannst du beschreiben, was das Besondere an den Johannitern ist? Wie ist die Atmosphäre, wie sind die Kollegen dort?

Leon: Die Kollegen sind einfach Hammer. Es gibt eigentlich immer was zu lachen. Manchmal sitzen wir im Pausenraum und fangen an zu singen. Jeder findet jeden eigentlich okay. Wir haben mit keinem Stress und können über alles reden. Manchmal hat man auch Fälle, wo man einen Patienten nach der Reanimation nicht mehr ins Krankenhaus bringen kann. Auch darüber wird gesprochen.

Maxeiner: Was war dein erschütterndstes Erlebnis?

Leon: Da ich ja erst 16 bin, darf ich noch nicht auf dem Rettungswagen mitfahren. Deshalb bekomme ich da nicht so viel mit. Aber der Patient, den wir ins Hospiz gebracht haben, tat mir schon ziemlich leid. Dann hatten wir einmal einen Patienten, den wir ins Pflegeheim bringen sollten. Im Krankenhaus hatte er einen Anfall bekommen, der behandelt wurde. Danach sind wir ins Pflegeheim gefahren. Aber mit einem mulmigen Gefühl. Denn eigentlich waren wir der Meinung, dass dieses Pflegeheim nicht das richtige für den Patienten ist.

Maxeiner: Was habt ihr dann gemacht?

Leon: Ein Kollege hat sich eine halbe Stunde mit dem Pflegeteam unterhalten und das Problem mit den Pflegern geklärt. Es kam heraus, dass sie tatsächlich nicht in der Lage waren, den Patienten adäquat zu versorgen. Sie waren nicht in der Lage, den Patienten so zu beaufsichtigen, wie er eigentlich hätte beaufsichtigt werden müssen. Letztlich haben wir den Patienten wieder mitgenommen und ihn zurück ins Krankenhaus gebracht.

Maxeiner: Wie kannst du nach deinen Arbeitseinsätzen für die Johanniter abschalten?

Leon: Sobald ich meine Arbeitskleidung ausgezogen habe, bleibt alles, was ich während meines Dienstes erlebt oder gesehen habe, auf der Wache. Und wenn irgendwas los ist mit mir und ich mit irgendwas nicht umgehen kann, kann ich immer zu meinem Vater gehen (2). Er hat auch mal im Rettungsdienst gearbeitet und er versteht das dann auch. Oder ich spreche mit meinem Onkel, der auch jahrelang bei den Johannitern war.

Maxeiner: Was würdest du anderen Jugendlichen in deinem Alter raten? Sollten sie sich ehrenamtlich engagieren und warum?

Leon: Ja, sie sollten sich engagieren. Es ist einfach toll, man kommt unter Menschen, und versteht sich eigentlich immer toll mit den Kollegen. Auch für ihre spätere berufliche Laufbahn kann eine solche Arbeit hilfreich sein. Außerdem ist es eine sinnvolle Aufgabe, denn oft wissen Jugendliche nicht, wohin vor lauter Langeweile.

Maxeiner: Wie viele deiner Schulkameraden engagieren sich ehrenamtlich?

Leon: Soweit ich weiß, keiner.

Maxeiner: Meinst du das liegt einfach an mangelnder Information oder schlichtweg daran, dass sie sich für so etwas gar nicht interessieren?

Leon: Vielleicht wissen sie einfach nicht, wo sie sich melden könnten und was zu ihnen passen würde. Vielleicht denken sie ja auch, dass sie dann keine Zeit mehr für was anderes haben. Ich glaub', die denken, weil ich auch noch Schiedsrichter nebenbei bin: Der Leon, der hat nie Zeit für irgendetwas. Das ist nun mal so, denn entweder bin ich arbeiten oder ich bin auf dem Fußballplatz.

Maxeiner: Wenn wir nochmal zurückkommen zu deinen Arbeitskollegen: Gibt es da jemanden, der dich so ein bisschen unter seine Fittiche genommen hat und der auch so etwas wie ein Vorbild für dich ist?

Leon: Die sind eigentlich immer alle für mich da. Mit wem ich seit meinem Praktikum ganz viel Kontakt habe, ist Joel Tsikans, ein Rettungssanitäter, der gerade sein FSJ (Freiwilliges soziales Jahr) macht. Während meines zweiwöchigen Praktikums bin ich die meiste Zeit mit ihm gefahren. Das hat uns zusammengeschweißt.

Maxeiner: Du hast ja schon erwähnt, dass du gern Notfallsanitäter werden möchtest. Kannst du ein bisschen mehr darüber erzählen? Soweit ich weiß, ist das eine Ausbildung.

Leon: Der Notfallsanitäter ersetzt den Rettungsassistenten, dessen Ausbildung zwei Jahre dauert, und man muss sie auch selbst bezahlen. Der Notfallsanitäter ist eine dreijährige Ausbildung und wird vergütet. Es ist der höchste nichtärztliche Beruf, den man ausüben kann.

Maxeiner: Was ist deine Hauptmotivation, Notfallsanitäter zu werden?

Leon: Das fing an, dass ich in der 6. Klasse meinen Schulsanitäter gemacht habe. In der 9. Klasse habe ich meine Sanitäter-Ausbildung aufgefrischt. Das heißt, ich habe den Erste-Hilfe-Schein gemacht, und mich weiter mit dem Schulsanitätsdienst beschäftigt. Irgendwann habe ich mich mit einem Lehrer unterhalten, der mir von Fällen erzählt hat, wo Menschen ums Leben gekommen sind, weil wir keinen Defibrillator in der Schule hatten. Einer der Fälle ereignete sich auf dem Fußballplatz, wo ein Junge Kammerflimmern bekam, und man das mit einer Herz-Lungen-Massage nicht mehr in den Griff bekommen konnte. Der Junge verstarb noch auf dem Fußballplatz. Vielleicht wäre es anders ausgegangen, wenn wir einen Defibrillator gehabt hätten. Doch der war bei uns in der Schule nicht vorhanden, was mich dazu angestiftet hat, dass ich einen Antrag für einen Defibrillator an die Schulleitung gestellt habe. Dieser Antrag ging dann von der Schulleitung zum Schulvorstand und von denen wurde er an den Gemeinderat geschickt. Jetzt ist der Antrag durchgekommen und alle Schulen in der Gemeinde Apen bekommen jetzt ein AED-Gerät.

Maxeiner: Wieviel Zeit ist von der Antragstellung bis zur Genehmigung vergangen?

Leon: Drei Monate. Aber leider ist der Defibrillator noch immer nicht da, weil er ziemlich teuer ist.

Maxeiner: Was kostet so ein Gerät?

Leon: Um die 800 Euro. Und wir haben sechs Schulen in unserer Gemeinde, das heißt wir brauchen sechs Geräte.

Maxeiner: Welche Pläne hast du - außer deiner Ausbildung zum Notfallsanitäter -für die nahe Zukunft?

Leon: Ich werde nach Oldenburg ziehen, in zwei Jahren mein Fachabitur machen. Dann mache ich die Ausbildung zum Notfallsanitäter. Und ein bisschen höherklassig pfeifen möchte ich als Schiedsrichter auch noch.

Maxeiner: Hast du bei deinem ganzen Engagement überhaupt noch Zeit für normale Freizeitaktivitäten, mal ins Kino gehen etc.?

Leon: Also, meine Freundin, Carolin Reins, ist schon manchmal enttäuscht. Wenn sie fragt, hast du mal Zeit, dann muss ich meist arbeiten. Sie spielt Fußball, ich bin Schiedsrichter, im Schützenverein und bei den Johannitern. Eigentlich habe ich ganz oft irgendwas und wenn ich mal nichts hab', dann hat sie was. Wir sehen uns meistens am Wochenende. Und dieses Wochenende ist auch wieder zugeplant, weil sie heute ein Fußballturnier hat und ich morgen arbeiten muss.

Leon, ich danke dir für dieses Gespräch.

(1) Durch den personalisierten Zugang registriert die Datenbank Leon als Minderjährigen, der bei vorgeschriebenen Personalstärken nicht mitgezählt werden darf.

(2) Natürlich bietet die Johanniter-Unfall-Hilfe allen Einsatzkräften auch eine so genannte Einsatznachsorge durch PSNV-Teams (Psychosoziale Notfallversorgung) an. Der Ortsverband Oldenburg hat ein eigenes PSNV-Team, das auf Wunsch eines Helfers die Einsatznachsorge durchführt. Auch haben die Helfer jederzeit Zugriff auf PSNV-Teams aus anderen Verbänden. Zudem bieten die Johanniter über ihre Ortsverbandspfarrer die kirchliche Notfallseelsorge an. Im Ortsverband Oldenburg ist dies Pastor Andreas Thibaut.

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