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08/04/2015 03:19 CEST | Aktualisiert 08/06/2015 07:12 CEST

Hospizbewohner und ihre letzten Lieder vor ihrem Tod

„Ich glaube, all das Gute, was du aussendest, kommt irgendwann zu dir zurück. Ich will gar nichts zurück. Es macht mir einfach wahnsinnigen Spaß zu helfen und ich glaube, dass der eine oder andere das auch mal ausprobieren sollte." (Hansi Jochmann)

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Foto: Hansi Jochmann, ©Nadja Klier

Soziales Engagement - Es ist ein traumhaft schöner, sonniger Frühlingsmorgen. An diesem Montag im März bin ich mit der wunderbaren Schauspielerin und Synchronsprecherin Hansi Jochmann verabredet. Im traditionellen Café Einstein in der Kurfürstenstraße herrscht auch zu dieser frühen Stunde schon hektischer Betrieb. Wie immer sind viele Künstler da, am Nebentisch spricht ein Regisseur mit der Drehbuchautorin über einen neuen Film, an einem anderen Tisch diskutieren Menschen über ein Buch.

Überall ertönt lautes Stimmengewirr. Man spürt die Kraft, die Kreativität und die Energie, die in diesen Räumen schwebt. Ich suche mir einen Platz und bestelle mir einen grünen Tee, und dann kommt sie auch schon. Hansi Jochmann ist eine ausgesprochen sympathische und natürliche Frau, und ich finde, sie sieht besser aus denn je: Ihre wunderschönen türkisfarbenen Augen strahlen in ihrem von roten, lockigen Haaren umrahmten Gesicht, dem man das wahre Alter einfach nicht ansieht.

Obwohl sie schon seit 56 Jahren als Schauspielerin arbeitet, ist sie trotz ihres Erfolges bodenständig geblieben. Wir sprechen über den Schönheitswahn im Schauspielbusiness und den Zwang, immer jung aussehen zu müssen. Viele - nicht nur weibliche - Schauspieler nehmen dafür mehrere Schönheits-OPs, Liftings und Botox-Behandlungen in Kauf.

Als sie mit ihrer unverwechselbaren klaren, kühlen und kraftvollen Stimme darüber spricht, kommt mir sofort der Vergleich mit Oscar Wildes Romanfigur „Dorian Gray" in den Sinn, den sein Schönheits- und Jugendwahn am Ende in den Wahnsinn trieben und ins Verderben stürzten. Hansi Jochmann hat sich dem Diktat des Ewig-Jung-Sein-Müssens nie gebeugt.

Eigentlich sollte es an diesem Morgen nur ein kurzes Interview werden, doch am Ende vergessen wir die Zeit und sprechen über die schönen Dinge des Lebens - die Kunst, die Musik, die Literatur und das Reisen, den Sinn des Lebens und warum es so viel Freude macht, anderen Menschen zu helfen. Hansi Jochmann weiß, was wirklich zählt im Leben, sie weiß, wie wertvoll die verbleibende Zeit ist und wie beglückend es ist, sich für andere Menschen einzusetzen. Und sie möchte gern etwas von dieser Erfahrung weitergeben.

Maxeiner: Frau Jochmann, Sie engagieren sich für „... und die Welt steht still". Wie sind Sie an dieses Projekt gekommen?

Jochmann: Ich habe Stefan Weiller, den Initiator, bei einem anderen Projekt kennengelernt. Dort haben wir Lieder aus Franz Schuberts „Winterreise" mit Interviews, die er mit Obdachlosen geführt hat, aufgeführt. Als er mir von seinem neuen Projekt „... und die Welt steht still. Letzte Lieder" erzählte, hat mich das sofort gereizt. Im Mittelpunkt stehen Menschen in Hospizen, die nach der Musik ihres Lebens befragt werden.

Es geht darum, welches Lied, welche Arie, welches Volks-, Kinder- , oder Gute-Nacht-Lied oder auch welcher Schlager sie stark beeindruckt und ihr Leben geprägt hat. Stefan Weiller verbindet diese Musik dann mit den Interview-Texten. Bei der Aufführung spreche ich dann die Passagen der Hospizbewohner als Ich-Erzählerin.

Mein Mann hatte mir abgeraten und gesagt „Mach das nicht, das ist doch so wahnsinnig traurig und deprimierend!" Aber ich sagte zu ihm „Lass mich doch mal ausprobieren, ob ich es wirklich so traurig finde." Natürlich ist es sehr berührend, denn wenn wir dieses Projekt aufführen, sind alle, von denen wir hier reden, in der Zwischenzeit verstorben. Aber das Komische ist, dass es überhaupt nicht traurig ist.

Denn es geht um Menschen, die am Ende ihres Lebens angekommen sind, aber im Laufe ihres Lebens tolle, wundervolle Dinge erlebt haben, und das ist einfach beeindruckend. Und wenn unsere Sopranistinnen das Monteverdi-Duett „Pur ti miro" aus der Oper „Poppea" singen, läuft es mir jedes Mal eiskalt den Rücken 'runter. Dann könnte ich anfangen zu weinen, aber nicht wegen der Geschichten, denn das ist ja das pralle Leben, sondern weil mich die Musik so berührt.

Maxeiner: Haben Sie die Menschen, von denen Sie die Texte sprechen, auch mal im Hospiz besucht?

Jochmann: Nein. Das macht alles Stefan Weiller. Er ist Journalist. Und diese Gespräche bedeuten auch einen großen Zeitaufwand, denn nicht jeder im Hospiz möchte über seinen Tod sprechen. Eine Frau sagte „Er ist wie ein rosa Elefant, der im Raum steht und an dem du nicht vorbei kommst." Eine andere sagte „Bitte sagt nicht beim Abschied, wir besuchen dich nochmal, sondern besucht mich wieder."

Maxeiner: Gab es einen Text, der Sie ganz besonders berührt hat?

Jochmann: Ja, den gibt es. Da erzählt eine Frau, wie sie sich vorstellt, an einem schönen Platz auf dem Friedhof in ihrem Heimatort beerdigt zu werden. Ihr ganzes Leben hatte sie es sich gewünscht, nach Schweden zu reisen, es aber nie geschafft. Der Chor singt dann ein schwedisches Volkslied. Es ist eine Stelle, an der ich mich sehr zusammenreißen muss, weil ich es so anrührend finde, wie sie sich vorstellt, dass sie dort liegt, in die Landschaft blickt, sieht, wie ihre Kinder und Enkelkinder an ihrem Grab stehen und sich freuen, dass die Mutti und Oma so einen schönen Platz hat.

Das war so berührend für mich, dass ich schlucken musste. Auch das Interview mit einem männlichen Hospizbewohner hat mich sehr berührt. Er hatte eine Botschaft, die tief aus seinem Herzen kam, als er sagte: „Reisen Sie, kündigen Sie Ihren Job, wenn er Ihnen nicht gut tut. Und trennen Sie sich von Menschen, die Ihnen nicht gut tun!"

Maxeiner: Gab es Musik, die von den Hospizbewohnern besonders häufig genannt wurde?

Jochmann: Ich würde sagen, es ist eine bunte Mischung. Eine Sopranistin singt aus der Fledermaus, eine andere „Ich bin die Christel von der Post". Oder wir singen alle gemeinsam „Zwei kleine Italiener". Es ist eine Mixtur aus dem, was jeder in seinem Leben toll fand. Wir hatten beispielsweise eine 50-jährige türkische Frau, die im Hospiz gestorben ist. Sie hatte sich etwas Türkisches ausgesucht, und dazu eine Bauchtänzerin.

Das Ganze haben wir in einer Kirche aufgeführt. Das war so toll, weil so unglaublich viel Lebensfreude 'rüberkam. Aber in der nächsten Kirche durften die Bauchtänzerin nicht auftreten, weil man die religiösen Gefühle der Zuschauer nicht verletzen wollten.

Maxeiner: Laufen alle Veranstaltungen unter dem Motto „... und die Welt steht still. Letzte Lieder"?

Jochmann: Ja, sie finden etwa vier oder fünf mal im Jahr statt. Wir machen diese Veranstaltung immer für ein Hospiz. In Hamburg für das Hospiz Leuchtfeuer. Als wir die Aufführung im Michel hatten, waren 2.000 Zuschauer da. Immer gibt es Standing Ovations, weil die Leute einfach begeistert sind. Oft werden wir nach Ende der Veranstaltung angesprochen.

In Frankfurt kam mal ein Mann auf mich zu, und sagte „Ich möchte mich bei Ihnen bedanken. Ich habe gerade meine Eltern verloren." Und ich dachte "Wieso hat er seine Eltern verloren, war es ein Unfall?" und sagte zu ihm „Das tut mir wahnsinnig leid". Und er antwortete „Ja, es war furchtbar. Aber dieser Abend hat mir irgendwie darüber hinweggeholfen. Es hat mich getröstet". Später erzählte er mir, dass seine Mutter gestorben war und sich sein Vater am Tag der Beerdigung vor ihrem Haus erschossen hat. Das fand ich schlimmer als alles, was ich an dem Abend gehört hatte.

Maxeiner: Hat sich mit diesem Projekt Ihre Sicht auf das Sterben und den Tod verändert?

Jochmann: Auf jeden Fall. Wenn man jung ist, denkt man überhaupt nicht ans Sterben und hat auch keine Ängste. Aber je älter man wird, desto klarer wird es. Gerade dann, wenn man wichtige Wegbegleiter verliert. Letztes Jahr habe ich eine meiner längsten und ältesten Freundinnen verloren. Sie ist mit 63 Jahren infolge ihrer Krebserkrankung gestorben. Einen Tag vor ihrem Tod habe ich sie noch auf der Palliativstation besucht. Das war hart. Sehr hart. Mittlerweile habe ich viel mehr Angst davor, dass andere sterben, als dass ich selber sterbe.

Als ich das erste Mal mit dem Tod konfrontiert wurde, war ich 30 und habe in einer Wohngemeinschaft gelebt. Mein Mitbewohner Wolfgang starb damals mit 35 an einem sehr aggressiven Hodentumor, der gestreut hatte. Am Schluss hatte er Metastasen in der Leber und im Kopf. Seine Freundin war Krankenschwester und hat ihn gepflegt bis zu seinem Tod.

An dem Tag, als Wolfgang dann tatsächlich starb, saßen wir zu viert um das Bett herum. Ich hatte mich ans Fußende gesetzt und und ihm beim Atmen zugesehen. Ich hab' gesehen, wie sein Brustkorb 'rauf und wieder 'runter ging, Und dann hab' ich gedacht „'Rauf, atme. Atme ein, Atme ein. Nicht jetzt aufhören zu atmen." Ich habe seinen Tod, er starb gegen 15 Uhr, ganz friedlich erlebt. Es war überhaupt nicht beängstigend oder gruselig. Er hat einfach aufgehört zu atmen. Von diesem Tage an hab ich eine andere Einstellung bekommen.

Maxeiner: ... keine Angst mehr vorm Sterben gehabt?

Jochmann: Natürlich ist mir das unangenehm. Wer will schon sterben? Auch mir ist bei der Vorstellung, zu sterben, mulmig. Vielleicht auch deshalb, weil ich mir nicht sicher bin, was nach dem Sterben kommt.

Maxeiner: Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?

Jochmann: Es gibt ja nur zwei Möglichkeiten, entweder wir werden wiedergeboren oder aber wir kommen in den Himmel. An den Himmel glaube ich nicht so richtig, weil ich nicht weiß, was das für ein Platz sein soll. Ich glaube eher an eine Art von Wiedergeburt. Jeder von uns ist eine ganz besondere, einzigartige Persönlichkeit. Wir alle haben ganz eigene Ausdrucksmittel, eigene Einstellungen, Erfahrungen, Gefühle und Gedanken. Ich glaube, dass das nicht stirbt.

Ich glaube, dass die Energie, die in uns ist - die Chinesen sagen dazu Chi - dass das irgendwohin geht. Ich stimme dem zu, was Shirley MacLaine in ihrem Buch geschrieben hat, nämlich, dass sich die Menschen, die in diesem Leben schon zusammen waren, auch in einem anderen Leben wieder treffen.

Maxeiner: Haben Sie je eine spirituelle Erfahrung gehabt? Es gibt Menschen, die berichten, dass sie gespürt haben, wenn sich der Mensch, der ihnen nahestand - verabschiedete ...

Jochmann: Ich hatte in der Tat zwei sehr merkwürdige Erlebnisse, die man als spirituell bezeichnen kann: Ich schlief, oder habe zumindest geglaubt zu schlafen, vielleicht war es eher eine Art Wachschlaf. Ich lag im Krankenhaus und träumte. Das glaubte ich zumindest, und doch fühlte es sich anders an. Ein älterer grauhaariger Herr saß in einem Lehnstuhl an meinem Bett. Ich hatte diesen Herren noch nie vorher gesehen. Und er hat sich mit mir unterhalten.

Es war ein sehr angenehmes, sehr vertrautes und liebenswürdiges Gespräch, das mir unheimlich viel gegeben hat. Und dann sagte er zu mir „Ich muss jetzt gehen, weil du gleich aufwachen wirst". Und so war es dann auch. Ich wachte auf und schaute dorthin, wo ich den Sessel vermutete. Doch er war nicht da. Bis heute kann ich mir keinen Reim darauf machen.

Das andere Erlebnis hatte ich ein paar Jahre früher. Es war in der Zeit, als ich wahnsinnig verknallt war in meinen damaligen Freund. Er war zu diesem Zeitpunkt verreist, in Südfrankreich. Ich war bei meinen Eltern, hab' mich dort aufs Sofa gelegt und bin eingeschlafen. Und dann habe ich ihn gesehen. Er stand in der Tür. Und ich dachte, wieso steht er jetzt da? Er sagte damals „Ich gehe jetzt, weil dein Vater gleich kommt". Dann war er weg und ich wurde wach. Wenig später hörte ich, wie jemand die Tür aufschloss und mein Vater stand im Zimmer. Bis zum heutigen Tage habe ich nicht herausbekommen, was das bedeutete.

Ich denke schon, dass es so etwas wie eine spirituelle Verbindung unserer eigenen Energie mit der anderer Menschen gibt. Wir sind - so scheint es mir zumindest - wie mit einem unsichtbaren Faden miteinander verbunden. Und deshalb glaube ich auch, dass der Vater meines Sohnes, der vor 25 Jahren starb, immer noch da ist und auf ihn achtet. Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich mit ihm kommunizieren könnte.

Das für mich beeindruckendste Erlebnis hatte ich kurz nach seinem Tod. Da hatten wir das Zimmer meines Sohnes vollkommen neu eingerichtet. Ich hatte meinen Sohn gebeten, mit mir in ein Teppichgeschäft zu fahren und dort einen Teppichboden für sein Zimmer auszusuchen. Ich hab ihn dann gefragt „Welche Farbe willst du denn?" Ganz spontan ist er auf einen pinkfarbenen Teppichboden zugegangen und sagte „Den hätte ich gern". Diesen Teppichboden haben wir dann auch in seinem Zimmer verlegt, und ich hab' in Gedanken zu seinem Vater gesagt „Und, wie findest du es?" Und er hat geantwortet „Stark".

Ich glaube, dass uns diese Dinge helfen, über den Verlust geliebter Menschen hinwegzukommen. Ich hab' auch mit meiner Freundin geredet, die vor einem Jahr gestorben ist. Ich denke oft an sie und hab' das Gefühl, sie passt jetzt auf mich auf, wo immer sie jetzt auch ist.

Maxeiner: Gibt es etwas, das Sie über sich selbst gelernt haben, durch Ihr Engagement für „... und die Welt steht still"?

Jochmann: Erstaunlich, dass ich nicht in Tränen ausgebrochen bin. Denn eigentlich bin ich, je älter ich werde, sehr nahe am Wasser gebaut. Im Kino heule ich oder ich höre eine Musik und sofort laufen mir die Tränen. Es hat mich sehr verwundert, dass diese Geschichten, die ich da vortrage, mich nicht aus der Bahn geworfen hat, wie es mein Mann befürchtet hatte. Oder dass ich nicht während einer Vorstellung in Tränen ausgebrochen bin. Es klingt jetzt vielleicht ein bisschen verrückt, aber es macht mir Spaß.

Maxeiner: Ich habe gelesen, dass Sie noch einige andere soziale Projekte begleiten. Möchten Sie mir mehr darüber erzählen?

Jochmann: Eines vielleicht vorweg: Ich glaube nicht, dass man mir meine soziale Ader anerzogen hat, sondern ich glaube, ich habe sie einfach mitgebracht auf diese Welt. Ich bin jemand, der sehr gerne teilt. Und ich bin auch sehr großzügig. Begonnen hat mein soziales Engagement schon sehr früh. Es war 1962 in der Grundschule, als unsere Lehrerin uns von UNICEF erzählte. Sie hat in unserer Klasse immer Schachteln mit Unicef-Karten verteilt - sie kosteten damals 50 Pfennig - und die haben wir dann in der Nachbarschaft verkauft. Wenn ich alle verkauft und fünf Mark eingenommen hatte, gingen die dann an UNICEF.

Später habe ich mir dann überlegt "Was soll ich mir schon zum Geburtstag wünschen? Ich hab' doch alles. Ich hab' ein Dach überm Kopf, genug Klamotten zum Anziehen, von Schuhen ganz zu schweigen. Ich hab' genug zu essen, kann reisen, kurzum ich habe alles, was ich brauche. Und deshalb brauche ich zum Geburtstag nicht noch ein Buch." Ich mag Bücher wirklich sehr gerne, aber die Bücher, die wir haben, die stapeln sich schon bis unter der Decke. Ich liebe Blumen, aber auch das ist begrenzt. Und deshalb hab' ich mir gedacht "So, jetzt machen wir mal was anderes: Wir sammeln." Jedes Jahr zur Weihnachtszeit richte ich einen sogenannten Adventskaffee aus, zu dem all meine Freunde kommen. Dort baue ich drei Schachteln auf.

Die eine ist für "Plan International", ein Kinderhilfswerk, das ich sehr schätze und wirklich seriös finde. Über diese Organisation habe ich selbst ein Patenkind in Afrika. Mittlerweile ist mein Patenkind fast erwachsen. Weil ihre Eltern früh an Aids starben, wuchs das Mädchen bei ihrer Großmutter auf. Von "Plan International" bekomme ich immer Informationen über alle Fortschritte, die sie macht. Allerdings würde ich nie dorthin fahren und sie besuchen, weil ich diesen Clash der Welten irgendwie merkwürdig fände: Da kommt eine weiße Frau als Retterin und Heldin daher, das wäre mir unangenehm.

Das zweite Projekt ist "BOS", die „Borneo Orangutan Survival Foundation" für Orang Utans. Alles begann damit, dass ich einen Fernsehbericht über eine BOS-Frau sah, die sich um Orang Utans kümmerte. Und während sie davon erzählte, wie ihr Lebensraum immer mehr zerstört wird, ist ein Orang Utan, der neben ihr stand, wie ein gefällter Baum nach hinten umgefallen und hat das gespielt, was sie erzählte. Da schossen mir sofort die Tränen in die Augen und ich dachte „Oh Gott, dieses Tier will sich uns mitteilen, dass wir alles zerstören." Und deshalb unterstütze ich die Organisation BOS, die Regenwald kauft, damit die „Waldmenschen" überleben können.

Und das dritte Projekt, für das ich mich engagiere, ist "KIVA". Muhammed Yunus, der den Friedensnobelpreis bekommen hat, hat diese Bank für die Ärmsten der Armen gegründet, damit die, die wirklich nichts haben und von keiner Institution Geld bekommen, weil sie keine Sicherheiten haben, Kleinkredite beantragen können. Diese Bank ist weltweit aktiv - in den USA, in Afrika, in der Ukraine, in Südostasien, in Indien, Bangladesch - überall auf der Welt.

Man vergibt ein Darlehen und zahlt mit Paypal. Die Empfänger zahlen es dann in kleinen Raten zurück - über sechs Monate oder über ein Jahr. In 99,8 Prozent der Fälle klappt das gut. Ich finde diese Hilfe zur Selbsthilfe ganz wichtig. Bei "KIVA" weiß man ganz genau, wohin das Geld geht, es gibt ein konkretes Projekt, meist in der Landwirtschaft oder auch in der Fischerei. Eine Frau hat beispielsweise in Tansania so etwas wie eine Fischereikooperative gegründet. Dort sitzen alle Fischer in einem Boot, der Fang wird anschließend auf dem Markt verkauft und die Einkünfte, die erzielt werden, untereinander aufgeteilt.

Für mich ist "KIVA" eine der sinnvollsten Organisationen auf dieser Welt.

Maxeiner: Welches von diesen spannenden und wichtigen Projekten liegt Ihnen denn besonders am Herzen?

Jochmann: Jedes für sich genommen ist einmalig. Zu meinem 60. Geburtstag habe ich eine Party gegeben, und 1.500 EUR eingenommen. Als ich am nächsten Tag am Computer saß und das Geld an die Organisationen überwiesen habe, war das ein tolles Gefühl. Es macht so einen großen Spaß zu wissen, dass ich jetzt fünf Orang Utans adoptieren kann, "Plan" Geld für die Ausbildung der Mädchen überweisen kann und "KIVA" unterstützen, damit Menschen die Chance bekommen, ihre Existenz aufzubauen. Das ist sehr befriedigend und macht große Freude.

Maxeiner: Glauben Sie, dass sich Menschen mehr ehrenamtlich engagieren sollten, und warum?

Jochmann: Ja. Denn ich glaube, dass wir alle die Pflicht haben, uns nicht nur um unseren Nachbarn oder die Familie zu kümmern, sondern auch um Menschen, die wir nicht kennen, und die unsere Hilfe brauchen. Und meine Motivation zu helfen, ist, dass ich glaube, dass all das Gute, was du aussendest, irgendwann zu dir zurückkommt. Ich will gar nichts zurück. Es macht mir einfach einen wahnsinnigen Spaß und ich glaube, das sollte der eine oder andere mal ausprobieren.

Ich habe beispielsweise einen Verwandten, den ich vor drei Jahren in den USA besucht habe. Als ich ihm - er ist mehrfacher Immobilienmillionär - von "KIVA" erzählt habe, hat er mich gefragt „Und was ist da die Rendite?" An diesem Tag hat es einen Bruch zwischen uns gegeben. Es hat mich sprachlos gemacht, dass er einfach nicht begriffen hat, worum es dabei geht. Dass es nicht darum geht, einen finanziellen Gewinn zu erzielen, sondern dass der Gewinn darin besteht, Menschen, denen es nicht so gut geht wie uns, zu helfen.

Frau Jochmann, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

Weitere Informationen über unsere Aktion „Was wirklich zählt im Leben" für mehr Mitmenschlichkeit erhalten Sie auf unserer Homepage und auf unserer Facebook-Seite.

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