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04/07/2014 08:42 CEST | Aktualisiert 03/09/2014 07:12 CEST

Ganz unten: Wie Depressive sich fühlen und wie es gelingen kann, zurück ins Leben zu finden

»Stell dir vor, du treibst in einem See, und spürst plötzlich eine Strömung. Du hast keine Kraft, dich dagegenzustemmen, wirst mitgerissen, von Strudeln hinab in die Tiefe gezogen, solange, bis du ganz unten bist, im matschigen Grund, ohne Orientierung, ohne Hoffnung, ohne Hilfe. Du sitzt fest. Und manchmal gelingt es dir, dich zu befreien und abzustoßen, um wieder die Oberfläche zu erreichen und Luft zu schnappen ...« (Ein Betroffener über seine Erkrankung)

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Abbildung: © Steve Morvay - Fotolia.com

Eine Depression? Ich?

»Ich war zwölf, als meine Eltern sich scheiden ließen«, erzählt die heute 29-jährige Anna. »Häufig war ich traurig, saß in der Schule still auf meiner Bank und stierte vor mich hin oder weinte. Einfach so. Die Lehrer glaubten, dass ich trauerte, weil mein Vater an einen anderen Ort gezogen war. Doch die Symptome - die Traurigkeit, die Lustlosigkeit und diese Müdigkeit - blieben fortan meine Begleiter. In meinem Lehramtsstudium wurde alles noch viel schlimmer: Erst dachte ich, dass es wohl der Stress ist.

Ich hatte eine Menge Prüfungen am Hals und als dann auch noch eine Erkältung dazukam, ging plötzlich gar nichts mehr. Ich lag Zuhause im Bett und sah im Traum immer wieder dieselben Bilder: Ich schwamm in einem See, dann erfasste mich eine Strömung und zog mich nach unten ins tiefschwarze Wasser. Ich konnte nichts mehr sehen und nicht mehr atmen. Ich wollte mich befreien, doch meine Kraft reichte nicht aus, ich steckte fest, tief unten im Schlamm. Dann, als ich glaubte zu ersticken, schreckte ich hoch. Zwei Wochen lag ich nur im Bett, hatte überhaupt keinen Appetit und weinte den ganzen Tag.

Dabei hatte ich nicht die geringste Ahnung, was genau mich eigentlich so traurig machte. Ich verstand das Ganze nicht und schob es immer wieder auf die Erkältung und den Prüfungsstress. Meine Mitbewohnerin, eine Psychologiestudentin, wusste es schließlich. Sie sagte mir klipp und klar auf den Kopf zu: »Anna, du leidest an einer Depression und das kann man behandeln!« Eine Depression? Ich?, habe ich damals gedacht. Niemals. Es war ein Schock für mich.«

Häufig beginnt es bereits in der Kindheit

So wie Anna leiden viele Menschen bereits in der Kindheit an einer Depression, manche schon im Vorschulalter. Das haben Forscher der Universität Leipzig herausgefunden. Wenn ein Kind dauerhaft traurig ist, nicht spielen will oder lustlos in der Ecke sitzt, sollte man genauer hinschauen, so die Forscher. Denn ohne fachliche Hilfe sind diese Kinder nachweislich einem erhöhten Risiko ausgesetzt, im Erwachsenenalter eine Depression zu entwickeln.

Häufig sind Kinder betroffen, deren Eltern selbst unter einer Depression leiden. Aber auch Misshandlungen und Vernachlässigung, Scheidungen oder früher Leistungsdruck spielen eine Rolle.

Angst, verurteilt zu werden

Sind depressive Menschen erwachsen, haben sie meist Angst davor, verurteilt oder gar als »verrückt« abgestempelt zu werden. Deshalb versuchen sie ihre Krankheit so lange wie möglich abzuwehren, geheim zu halten und den Besuch beim Arzt oder Therapeuten zu vermeiden. Und natürlich hindert sie auch ihre Antriebslosigkeit daran, einen Arzt aufzusuchen.

Es gibt aber auch Menschen, die gar nicht wissen, was eine Depression ist und dass es sich dabei um eine ernstzunehmende Erkrankung handelt.

Woran erkennt man eine Depression?

Depressive sind hoffnungslos und traurig. Sie glauben, ihr Schicksal sei unabänderlich, ganz egal was sie tun - auch ein Arztbesuch, so ihre Überzeugung, würde vermutlich nichts daran ändern. Doch die Traurigkeit ist nicht alles. Mitunter fühlen sie gar nichts mehr. Geschieht etwas Schönes, können sie nicht lachen. Ist etwas traurig, können sie nicht weinen. Alles ist gleich und grau.

Eine Depression ist deshalb mehr als einfach nur ein Gemütszustand der Traurigkeit. Es ist eine Erkrankung, bei der das seelische und psychische Gleichgewicht verloren geht und bei der das Denken, Handeln und der Körper ebenso betroffen sind wie das Empfinden. Nicht jede Depression verläuft gleich, doch es gibt eine Reihe von Symptomen, die für diese Erkrankung charakteristisch sind.

In der international anerkannten, von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) konzipierten Klassifikation psychischer Störungen (ICD 10) werden als Hauptsymptome gedrückte Stimmung, Interessenverlust und Antriebslosigkeit genannt. Als Zusatzsymptome gelten Konzentrationsprobleme, Selbstwertmangel, Schuldgefühle, pessimistische Zukunftsperspektiven, Suizidideen, Schlafstörungen und verminderter Appetit. Die Intensität und Dauer, mit denen diese Symptome auftreten, bestimmen letztlich, ob jemand krank ist oder nicht.

Erste Anzeichen und Symptome

Die ersten Anzeichen und Vorboten einer Depression können von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich sein. Bei einigen Patienten stehen zunächst körperliche Missempfindungen und Beschwerden in Verbindung mit einem Gefühl der Erschöpfung im Vordergrund. Andere klagen über ein anhaltendes Stimmungstief, das von düsteren und sorgenvollen Gedanken begleitet ist, die sich fortwährend aufdrängen.

Das Spektrum ist breit: Es kann von leicht gedrückter und pessimistischer Stimmung über Freudlosigkeit und Hoffnungslosigkeit bis zu völliger Verzweiflung und der Unfähigkeit, etwas zu empfinden, reichen.

Vom Gefühl innerer Leere

Viele Depressive fühlen sich leer, wie abgestorben, sind innerlich ausgebrannt und werden von Ängsten, Sorgen und Befürchtungen aller Art geplagt. Doch das ist noch nicht alles: Sie haben einfach keine Lust mehr, sie können sich nicht mehr aufraffen, überhaupt etwas zu tun. Sie verlieren die Lust am Sex, am Essen, wollen nicht mehr ins Stadion gehen, obwohl sie ihr Leben lang Fußballfan waren, mögen plötzlich keine klassische Musik mehr, wenngleich Klavierspielen eigentlich ihre Leidenschaft ist, und auch mit ihren Freunden wollen sie nichts mehr unternehmen. Sie interessieren sich kaum noch für die Welt um sie herum, wollen nur noch in Ruhe gelassen werden und sind wie gelähmt.

Einige berichten auch über eine starke innere Unruhe, die mit körperlicher Anspannung einhergeht. Da sie mehr ungerichtete Energie als Initiative entwickeln, kommt es dazu, dass sie etwas tun wollen, es aber nicht tun können. Sie sind einerseits unruhig und rastlos, haben aber andererseits keinen Antrieb mehr. Sie laufen gegen einen inneren Widerstand, was in eine komplette Bewegungslosigkeit münden kann. Die Betroffenen sind dann stumm und wirken wie erstarrt, sie reagieren kaum mehr auf ihre Umgebung.

Grübeln, grübeln, grübeln

Häufig leiden Depressive zusätzlich an Denkstörungen. Ihr Denken ist erschwert und verlangsamt, was wie eine Denkhemmung empfunden wird. Komplexe Zusammenhänge können dann nicht mehr erfasst werden. Ihre Gedanken kreisen oft nur um einige wenige Themen, über die sie unentwegt grübeln. Sie können sich nicht mehr konzentrieren, vergessen Dinge, und auch Entscheidungen zu treffen, fällt ihnen schwer.

Auch nachts ist nichts mehr so wie es vorher war: Depressive können nicht einschlafen, werden nachts wach, erwachen sehr früh morgens oder haben ein übermäßiges Schlafbedürfnis. Meist geht es ihnen in den Morgenstunden besonders schlecht.

Das zerstörte Selbstwertgefühl

Ein weiteres Problem depressiver Menschen ist ihr vollkommen am Boden liegendes, zerstörtes Selbstwertgefühl: Sie glauben fest daran, nichts wert zu sein, fühlen sich überflüssig, glauben, versagt zu haben und meinen, ihr Leben sei ganz und gar sinnlos. Sie leiden unter quälenden Schuldgefühlen und denken, durch ihren Zustand ihren Angehörigen und Freunden zur Last zu fallen. Oft sind sie so sehr über ihre eigene Unzulänglichkeit und ihre aussichtslose Lage verzweifelt, dass sie nicht mehr auf eine lebenswerte Zukunft hoffen.

Weil sie ein Weiterleben als sinnlos empfinden, sehen sie im Selbstmord den letzten Ausweg, ihrem Leiden ein Ende zu bereiten. Mindestens 15 Prozent der Menschen mit schweren Depressionen begehen Suizid, bis zu 60 Prozent verüben Suizidversuche - Zahlen, die alarmierend sind.

Jeder fünfte Bundesbürger kennt die Symptome einer Depression aus eigener Erfahrung, und doch leiden die meisten still, aus Angst, als »nicht belastbar«, »schwach«, »überfordert« oder »verrückt« abgestempelt zu werden. Doch wer anhaltend niedergeschlagen ist, jegliche Lebensfreude und jedes Interesse an seiner Umwelt verloren hat, der ist ernsthaft krank und braucht eine Therapie.

Depression ist heilbar

Und die gute Nachricht für alle Betroffenen und ihre Angehörigen ist: Eine Depression ist heilbar, wenn sie fachgerecht behandelt wird. Eine speziell auf die Erkrankung abgestimmte Psychotherapie in Kombination mit einer medikamentösen Behandlung durch Antidepressiva gilt heutzutage als Standard. Nachdenklich stimmt allerdings die geringe Anzahl therapierter Depressionen, denn etwa die Hälfte aller Depressionen bleibt unbehandelt.

Entweder weil die Betroffenen keine Hilfe suchen oder die Erkrankung nicht diagnostiziert wird, wenn sie sich hinter körperlichen Symptomen verbirgt oder als Erschöpfung fehlgedeutet wird. Oder weil sie in einigen Fällen nicht fachgerecht behandelt wurde - Antidepressiva etwa zu kurz oder in zu geringer Dosierung verabreicht wurden oder eine unpassende Psychotherapieform angewandt wurde.

Der erste Schritt ist der schwerste

Meist ist der erste Schritt in die Behandlung und damit zurück ins Leben der schwerste. Viele Menschen brauchen gerade hierfür die Unterstützung ihrer Angehörigen oder von Menschen, denen sie vertrauen, wie beispielsweise ihrem Arzt. 80 Prozent der Betroffenen wenden sich zuerst an ihren Hausarzt. Und weil er damit eine Schlüsselrolle bei der Versorgung von Depressionspatienten spielt, läuft gerade ein Pilotprojekt der AOK Bayern mit drei bayerischen Ärztenetzen.

Ziel ist es, dass Hausärzte sich anbahnende Krisen rechtzeitig erkennen und Rückfälle durch eine zügige Überweisung an einen Facharzt vermeiden können. Denn früh erkannt, lassen sich Depressionen sehr gut behandeln.

Mit der richtigen Behandlung zurück ins Leben

Eine Depression ist also noch lange kein Grund aufzugeben oder gar zu verzweifeln. Mit der richtigen Unterstützung und Behandlung finden Menschen, die unter dieser psychischen Störung leiden, zurück ins Leben.

Das Wichtigste dabei ist, dass sie die Hoffnung auf Heilung nicht aufgeben und daran glauben, dass die Zukunft auch wieder Positives bringt. Das ist nicht leicht, denn es gehört zum Wesen der Erkrankung, dass man keinen Ausweg und keine positive Perspektive mehr sieht. Aber es zu versuchen, lohnt sich! Denn jeder Sieg, den man über sich erringt, ist wie ein Sonnenaufgang, sagt eine tibetische Weisheit. Die Furcht und die Zweifel hinter sich zu lassen, öffnet einen grenzenlosen Horizont.

Der Artikel entstand unter Mitarbeit der Diplom-Psychologin Hedda Rühle.

Quelle: Sandra Maxeiner, Hedda Rühle (2014), Dr. Psych's Psychopathologie, Klinische Psychologie und Psychotherapie, Band 1, Kapitel 10 (ISBN: 978-3-9523672-0-9)