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24/03/2015 15:06 CET | Aktualisiert 24/05/2015 07:12 CEST

Ein Gefängnishelfer erzählt: "Die Insassen können manipulativ sein"

Thinkstock

Teil 6: Für diese Dokumentations-Reihe spreche ich mit Menschen, die selbstlos für andere da sind, Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren, anderen in Notsituationen geholfen haben und die Zivilcourage und Mitmenschlichkeit zeigten und zeigen. Es sind Menschen, die im Stillen arbeiten, Großartiges vollbringen und Gutes tun, ohne dass die Öffentlichkeit in der Regel je davon erfährt. Aber auch prominente Persönlichkeiten - Sänger, Schauspieler und Politiker -, die sich sozial engagieren und für mehr Mitmenschlichkeit einsetzen, werden hier zu Wort kommen.

21. Februar: An diesem Wochenende spreche ich mit dem 27-jährigen Erzieher Franz Richter. Er erzählt mir, dass er an einer Berliner Grundschule arbeitet und diese Arbeit mit Kindern wirklich gern macht. Dennoch blieb immer etwas, das ihn nicht ausfüllte. So suchte er nach einer sinnvollen ehrenamtlichen Tätigkeit und stieß schließlich auf die "AG Haft" beim Verein "Mann-O-Meter e.V.", einem schwulen Informations- und Beratungszentrum in Berlin.

Seit fünf Jahren betreut er jetzt als Justizvollzugshelfer gemeinsam mit acht weiteren ehrenamtlichen Mitarbeitern unter Führung des Psychologen Marcus Behrens schwule und bisexuelle Inhaftierte in den Berliner Vollzugsanstalten. Dabei steht vor allem die Prävention möglicher HIV-Infektionen sowie die Information bei bestehenden Infektionen im Vordergrund. Zudem helfen sie Inhaftierten bei Problemen, die durch die Haft auftreten und unterstützen sie in der Übergangszeit nach dem Knast bei der Wohnungs- und Jobsuche.

Im Verlauf unseres Gespräches lerne ich einen sehr offenen und reflektierten, aber auch selbstbestimmten jungen Mann kennen, der Inhaftierten klar seine Grenzen aufzeigt. Mit Franz Richter spreche ich über Gefangene, Manipulation und Lügen, dass Kondome auch in der Haft wichtig sind und darüber, was sich aus seiner Sicht in den JVAs verändern sollte.

Maxeiner: Sie haben mir geschrieben, dass Sie seit 2010 in der AG Haft ehrenamtlich tätig sind. Was ist die AG Haft und was machen Sie dort?

Richter: Wir sind zur Zeit neun ehrenamtliche Mitarbeiter. Wir haben auch einen Hauptamtlichen, den Psychologen Marcus Behrens, der die AG Haft leitet. Mit dieser Gruppe betreuen wir Inhaftierte in den Berliner Vollzugsanstalten. Wir treffen uns alle zwei Wochen im Beratungszentrum Mann-O-Meter. Dort tauschen wir uns über die Inhaftierten aus und klären Probleme, die aufgetaucht sind.

Maxeiner: Haben Sie für diese Tätigkeit, die Sie in der AG Haft übernommen haben, eine Ausbildung absolviert?

Richter: Nein. Ich habe viel mit Kindern zu tun und nach einem Ausgleich für mich gesucht, wie ich mich ehrenamtlich betätigen kann. Und da bin ich auf die AG Haft gestoßen. Dort werden wir sehr gut durch den Psychologen auf diese Tätigkeit vorbereitet und begleitet. Bevor wir einen Inhaftierten betreuen dürfen, laufen wir drei Monate mit, können Fragen stellen und erst mal reinschnuppern, um ein Gefühl dafür zu bekommen und nicht einfach ins kalte Wasser geworfen zu werden.

Maxeiner: Wie kommt man von der Arbeit mit Kindern dazu, sich ehrenamtlich in einer Justizvollzugsanstalt mit Inhaftierten auseinanderzusetzen? Gab es da ein persönliches Interesse?

Richter: Die Arbeit eines Erziehers ist ja sehr breit gefächert. Früher hat man als Erzieher tatsächlich nur im Kindergarten gearbeitet. Heutzutage ist der Erzieherberuf so breit angelegt, dass man vom Kindergarten bis hin zum Altenheim arbeiten kann. Bei diesem Beruf hat mich also vor allem seine Breite interessiert und gereizt.

Zusätzlich zu meiner Arbeit mit Kindern habe ich nach einem Ausgleich gesucht und weil mich Menschen - mit all ihren Facetten - interessieren, bin ich auf die AG Haft gestoßen. Ich habe zu dieser Zeit auch BaföG bekommen und wollte mich erkenntlich zeigen, indem ich etwas an die Gesellschaft zurückgebe. Die AG Haft war für mich eine sinnvolle Ergänzung zu meiner Ausbildung, weil ich dort ganz viel über Menschen lernen kann, die sich in schwierigen Situationen befinden.

Maxeiner: Wenn Sie sich an den ersten Tag zurückerinnern? Wie war das? Können Sie beschreiben, was in Ihnen vorgegangen ist, als Sie an diesem Tag in die JVA gekommen sind?

Richter: Ich war das erste Mal in einer Justizvollzugsanstalt, in Tegel. Der erste Inhaftierte, den ich betreut habe, saß in der Sozialtherapeutischen Anstalt, kurz "SothA" genannt. Das war für mich natürlich zunächst ein sehr beklemmendes Gefühl. Man wurde kontrolliert und alles war sehr eng.

Auch der Umgangston der Beamten war nicht gerade freundlich. Die Kontrolle geht schon einen Stück weiter als das, was man vom Flughafen kennt - wo man die Schuhe ausziehen muss und man allenfalls kurz abgetastet wird. Man wird hier sehr intensiv abgetastet und ist dadurch sehr nervös.

Dazu kommt, dass die Justizvollzugsanstalten in Berlin nicht gerade auf dem neuesten Stand sind; die JVA Tegel ist über hundert Jahre alt. Sie hat so eine unheimliche Ausstrahlung auf einen, wenn man dort ankommt. Dadurch steigert sich auch die Anspannung am Anfang.

Maxeiner: Was ist passiert, nachdem Sie die Sicherheitsschleuse passiert hatten?

Richter: Der Leiter unserer Gruppe hat mich damals begleitet. Und dann fand auch schon das erste Gespräch statt. Wir waren in einem großen Sprechraum ganz alleine mit dem Inhaftierten. Zunächst haben wir uns vorgestellt. Natürlich war ich auch neugierig und wollte wissen, warum er einen Justizvollzugshelfer haben möchte und was seine Erwartungen sind.

Maxeiner: Was hat er Ihnen geantwortet?

Richter: Der Inhaftierte hatte sehr wenig Kontakt zu anderen Menschen außerhalb des Vollzugs. Er kam nicht aus Berlin. Das war der Grund, warum ich ihn besuchte. Ich wollte für ihn da zu sein, weil allein Gespräche schon oft helfen, die Isolation und Einsamkeit zu überwinden. Anfangs haben wir erst mal geklärt, was wir voneinander erwarten.

Marcus Behrens hat damals das Gespräch geleitet und die Punkte genannt, die für beide Seiten wichtig sind. Dazu gehört, zu entscheiden, ob eine Betreuung überhaupt zustande kommen soll, aber auch Grenzen der Vollzugshelferschaft aufzuzeigen, Besuchszeiten in regelmäßigen Abständen festzulegen, die strikte Einhaltung des Datenschutzes und der Schweigepflicht und natürlich „Spielregeln" wie Ehrlichkeit und Pünktlichkeit an die sich beide Seiten halten sollten.

Maxeiner: Warum hat der Mann eine Haftstrafe verbüßt?

Richter: Weil ich eine Verschwiegenheitsverpflichtung unterschrieben habe, kann ich nur soviel sagen: Es ist für mich sehr sehr schwer gewesen. Er hat viele Taten verübt.

Maxeiner: Können Sie soviel verraten, ob er auch Menschen getötet hat?

Richter: Nein. Aber er saß sehr lange. Ich habe ihn zwei Jahre lang betreut.

Maxeiner: Und nach den zwei Jahren ist er wieder rausgekommen?

Richter: Ja. Ich hab ihn dann auch dabei unterstützt, außerhalb der JVA wieder Fuß zu fassen, dabei geholfen, dass er wieder Wohnraum und einen Job findet. Und ich habe ihm auch einen Kontakt zur schwulen Szene hier in Berlin hergestellt. Viele Straftaten bei Schwulen haben nämlich auch damit zu tun, dass die Vernetzung innerhalb der Szene nicht vorhanden ist. Nach Ende der Haftzeit haben wir uns oft auch in Cafés getroffen, um die ersten Hürden zu nehmen.

Maxeiner: Während der zwei Jahre, die er gesessen hat, was waren da die wichtigsten Themen, über die Sie gesprochen haben? Was hat ihn am meisten bewegt?

Richter: Das war sehr unterschiedlich. Zunächst einmal hat dieser Inhaftierte sich sehr offen gezeigt und hat auch ganz offen über seine Taten gesprochen. Aber er hat sich auch viel gerechtfertigt. Ständig hat er nach Gründen gesucht, warum er etwas tun musste. Und da war meine Aufgabe, einerseits empathisch zu sein, aber ihm andererseits auch ganz klar zu machen, dass man seine Taten nicht entschuldigen kann.

In dieser Situation ist es auch immer wichtig, den Rückhalt der Gruppe zu bekommen, die im Wechsel mit meinen Besuchen alle zwei Wochen stattfand. Dort konnten wir uns auszutauschen, und darüber sprechen, wie man in ganz bestimmten Situationen am besten reagiert. Wir haben auch darüber gesprochen, was ich tun soll, wenn ich das Gefühl habe, dass ich angelogen werde.

Maxeiner: Kennen Sie die biografischen Daten des Inhaftierten so genau, dass Sie wissen, wenn er Sie belügt? Oder haben Sie lediglich ein gutes Gespür dafür entwickelt?

Richter: Manche Inhaftierte sprechen zunächst einmal ganz offen über ihre Tat. Und das akzeptiere ich auch so, ohne da weiter nachzufragen. Selbstverständlich ist man manchmal auch neugierig und schaut noch mal im Internet nach oder ob man im Zeitungsarchiv etwas findet. Aber das ist eigentlich eher selten. Ich möchte schon unvoreingenommen an den Inhaftierten rangehen.

Andere Inhaftierte stellen mir ganz offen ihre Akten zur Verfügung, damit ich sie mir durchlesen kann. Dann erfahre ich, wie die Verhandlung war, was die Anstalt zu der Tat sagt etc. Diese Akten sind meist sehr detailliert. Andererseits merke ich auch schnell - dadurch, dass wir uns jede Woche treffen und ich mir auch gern Notizen mache -, wenn irgendwelche Ungereimtheiten auftreten. Da kann man dann ganz gezielt noch mal nachfragen. Man merkt schon, wann man angelogen wird, man bekommt ein Gefühl dafür.

Maxeiner: Hat er mit Ihnen auch über die Haftbedingungen gesprochen und über Probleme, die er mit anderen Gefangenen hatte?

Richter: Ja. Es ist schon so, dass schwule Inhaftierte den Knast noch viel krasser erleben als andere. Es kommt nicht nur zu verbalen Diskriminierung, sondern auch zur körperlichen. Das fängt mit einem kleinen Schubs an und kann aber auch viel weiter gehen. Einem Inhaftierten wurde beispielsweise der Arm gebrochen.

Das erleben insbesondere Schwule, die ihre Homosexualität nicht offenlegen, noch viel intensiver. Auch hier haben wir die Aufgabe, unterstützend zu wirken. Wir sind bemüht, bei Problemen, die infolge der Haft auftreten - sei es durch Gewalt oder durch Diskriminierung innerhalb der Anstalt - für die Inhaftierten da zu sein. Wir stehen auch in ständigem Kontakt zu den Gruppenleitern, den Psychologen und den Anstaltsleitern. Wenn Probleme auftreten, sprechen wir natürlich darüber.

Maxeiner: Das heißt, wenn Ihnen der Inhaftierte beispielsweise berichtet, dass er körperlich angegriffen wird oder auch sexuelle Übergriffe stattgefunden haben, dann würden Sie das melden?

Richter: Ja, in Absprache mit den Inhaftierten. Es gibt aber auch viele, die sich nicht helfen lassen wollen, weil sie befürchten, dass dann noch mehr Probleme auftauchen. Wir können dem Inhaftierten nur aufzeigen, welche Möglichkeiten es gibt. Dass sie sich beispielsweise in der Zelle einschließen können, wenn sie Angst vor Übergriffen haben, oder dass sie von einem Beamten von Tür zu Tür gebracht werden können, hilft da oft schon. Wichtig ist dann, dass man ihnen das Gefühl gibt, dass sie nicht mehr alleine unterwegs sind.

Erschwerend kommt aber hinzu, dass es viele Vorurteile auch bei den Beamten der Justizvollzugsanstalt gibt. Das fällt besonders auf, wenn wir Kondome 'reinbringen. Dann fragen sie, wozu der Inhaftierte Kondome braucht. Denen ist gar nicht bewusst, dass es auch schwule Inhaftierte gibt und die natürlich auch Sex haben können.

Maxeiner: Wie haben denn Inhaftierte Sex?

Richter: Es gibt ja zahlreiche Schwule im Knast. Und es gibt die Möglichkeit, dass sie sich dort auch mit einem anderen Inhaftierten in eine Zelle einschließen. Das geht natürlich nur, wenn Aufschluss ist, das heißt, wenn auf der Station die Zellen geöffnet sind.

Maxeiner: Können Sie kurz den Tagesablauf eines Inhaftierten schildern?

Richter: Das ist ganz unterschiedlich. In der SothA beispielsweise sind die Regeln gänzlich anders als im Rest der JVA Tegel. Es gibt viele verschiedene Häuser und so sind auch die Sprechzeiten, die Ausgangszeiten und die Aufschlusszeiten anders.

In der SothaA gibt es normalerweise eine Gemeinschaftsküche und wenn die Inhaftierten nicht arbeiten müssen, können sie sich den ganzen Tag frei im Haus bewegen. Sie haben auch die Möglichkeit, den Hof öfter zu nutzen. Ich hab' jetzt beispielsweise einen Inhaftierten in der Jugendstrafanstalt, der eine lebenslange Haft verbüßt, und aufgrund von Personalnot nur zwei Stunden Ausgang hat. Aber das ist eher die Ausnahme. In der Regel arbeiten alle. Die Arbeit beginnt sehr früh. Man wird gegen sechs Uhr geweckt, geht gegen sieben zur Arbeit, die in der Regel gegen 14 Uhr beendet ist.

Maxeiner: Zur Arbeit gehen heißt: Eine Beschäftigung innerhalb der Haftanstalt?

Richter: Genau. In der Küche, in der Mensa für die Beamten, in der Tischlerei, oder im Bereich der Hausverwaltung als Hauswart - im Grunde ist es so wie in einer kleinen Stadt organisiert. Gegen 14 Uhr ist die Arbeit normalerweise beendet. Dann ist Einschluss.

Und dann gibt es oft die Möglichkeit, dass zwischen 18 und 20 Uhr die Zelle noch mal aufgeschlossen wird. Da können sie mit anderen Inhaftierten der Station in Kontakt treten, um Gespräche zu führen, in der Küche gemeinsam etwas zu kochen, oder versuchen, den Alltag mal zu vergessen.

Maxeiner: Haben Sie je auch jemanden betreut, der ein Tötungsdelikt begangen hat?

Richter: Ja, das habe ich auch.

Maxeiner: Wie sind Sie damit umgegangen? Ich kann mir vorstellen, dass es nochmal ein Unterschied ist, ob man einem Menschen gegenüber sitzt, der einen Raubüberfall begangen hat - ohne dass Menschen zu Schaden gekommen sind - oder ob es jemand ist, der einen Menschen getötet hat?

Richter: Das ist zunächst einmal nicht einfach gewesen. Ich bin mit dem Inhaftierten ganz allein in einem kleinen Raum gewesen, ohne dass ein Beamter in der Nähe war. Hier war ich natürlich darauf angewiesen, Vertrauen zu dem Inhaftierten zu entwickeln. Ich muss aber sagen, dass mir das bei dem Inhaftierten, der einen Mord begangen hat, leichter gefallen ist, als bei dem, der Kinder missbraucht hat. Weil ich auch die Erfahrung gemacht habe, dass diese Täter besonders manipulativ sind.

Maxeiner: Welche Persönlichkeit ist Ihnen da als besonders manipulativ in Erinnerung?

Richter: Ein Betrüger oder jemand, der Kinder missbraucht. Sie sind schon spezialisiert darauf, den Gesprächspartner zu manipulieren. Das macht mir sehr zu schaffen, wenn ich jede Woche nicht weiß, wo ich eigentlich stehe und ich nicht weiß, was er mir wohl heute wieder erzählt. Man hat es schwer damit, Anknüpfungspunkte in Gesprächen zu finden. Bei dem Mörder, den ich betreut habe, war das einfacher. Da gab es eine konkrete Tat, es gab tausend Gründe, wie es zu dieser Tat gekommen war, aber sonst ist er nicht weiter straffällig geworden.

Maxeiner: Sitzt der Täter, der die Kinder missbraucht hat, immer noch, oder wird der irgendwann rauskommen?

Richter: Der sitzt meines Wissens immer noch, weil er innerhalb der Justizvollzugsanstalt noch mal straffällig geworden ist.

Maxeiner: Sonst wäre er schon draußen?

Richter: Genau. Ich habe die Betreuung zu diesem Inhaftierten aber auch abgebrochen. Diese Möglichkeit gibt es, wenn wir merken, dass wir manipuliert und angelogen werden oder unsere Treffen auch benutzt werden, um eventuell wieder freigelassen zu werden.

Maxeiner: Wie häufig haben Sie schon Betreuungen abgebrochen?

Richter: Einmal.

Maxeiner: Welches Schicksal hat Sie denn am meisten berührt? Gab es eines, dass Sie auch mal mit nach Hause genommen haben, weil es Sie so schnell nicht wieder losgelassen hat?

Richter: Eigentlich nicht. Ich muss sagen, dass die Gruppe, die wir im Wechsel mit unserem Besuch haben, hilft, keine Themen mit nach Hause zu nehmen. Wir sprechen uns dort aus und dadurch ist es bei mir noch nicht vorgekommen, dass ich bestimmte Taten mit nach Hause nehme.

Maxeiner: Sie haben erwähnt, dass es für schwule Inhaftierte schwieriger ist, mit der Haft zurecht zukommen, weil sie Übergriffen durch ihre Mithäftlinge ausgesetzt sind. Ist es wirklich so, dass man sagen könnte, dass sie die bedrohteste Gruppe unter den Häftlingen sind?

Richter: Wir haben bei vielen Inhaftierten die Erfahrung gemacht, dass die Straftat nicht immer offen zugegeben wird. Und tatsächlich: Inhaftierte, die Kinder missbraucht haben, sind da eher verschlossen.

Ich hab' schon das Gefühl, dass diejenigen, die offen mit ihrer Homosexualität umgehen, aber nicht so offen, dass sie damit andere provozieren könnten, es in der Regel nicht so schwer haben. Aber natürlich merkt man es ja auch, wenn man in Berlin auf die Straße geht: Wenn ich als Mann oder Frau sehr auffällig bin, dann provoziert das natürlich.

So einen Fall haben wir auch gerade: Ein Inhaftierter weiß nicht, was er sein möchte - ob er sich zur Frau umoperieren lassen möchte oder nicht. Und das erregt natürlich die Gemüter, sei es bei den Beamten oder bei den Inhaftierten. Natürlich macht er sich das sehr schwer, obwohl jeder das Grundrecht hat, so zu sein, wie er möchte.

Maxeiner: Was nehmen Sie persönlich für sich von Ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit mit?

Richter: Ich hab' gelernt, zuzuhören. Was ich jetzt auch an der Grundschule gemerkt habe, wie wichtig es ist, erst zuzuhören. Geduldig 'rangehen und eher fragen, wie man unterstützen kann, wenn es Probleme gibt und nicht sofort mit Ratschlägen zu kommen. Und hab auch gemerkt, dass man ganz oft Probleme schon lösen kann, indem man da ist und zuhört.

Maxeiner: Gelingt es Ihnen immer, neutral zu bleiben und nicht zu werten - ganz egal, was für ein Delikt es auch war?

Richter: Schwierig wird es, wenn der Inhaftierte versucht, seine Straftat zu rechtfertigen. Oder dem Opfer die Schuld gibt. Es gibt immer tausend andere Möglichkeiten, bevor man jemandem missbraucht, ausraubt oder zusammenschlägt. Da wird es für mich schwierig, und genau da ziehe ich auch für mich eine Grenze und sage dem Inhaftierten das auch ganz klar.

Ich vermittle dem Inhaftierten dann ganz konkret: Bis dahin und nicht weiter. Denn es gibt einen Grund, warum er da sitzt. Es kam auch vor, dass ich dann früher gegangen bin. Ich brauch' dann einfach den Abstand, freue mich aber auch, wenn wir uns nach zwei Wochen wiedersehen.

Maxeiner: Sie haben beschrieben, was Sie aus Ihrer ehrenamtlichen Arbeit für sich persönlich mitgenommen haben. Hat Sie Ihre Tätigkeit vielleicht auch ein Stück weit persönlich verändert?

Richter: Ja, ganz besonders merke ich das, wenn ich über Straftaten in der Zeitung lese: Ich gehe jetzt viel kritischer damit um. Über einen Inhaftierten, den wir betreut haben, gab es sehr viele Falschmeldungen in der Boulevardpresse, Geschichten, die einfach erfunden oder aufgebauscht worden sind. Ich gehe immer sehr sachlich an solche Themen heran. Ich sage: Erst mal Butter bei die Fische und fragen, wie es eigentlich dazu kam und was überhaupt davon stimmt.

Maxeiner: Das heißt, man ist nicht mehr so schnell darin, etwas zu verurteilen oder zu werten?

Richter: Richtig. Was mich auch sehr verblüfft hat, ist, dass ein Inhaftierter in Deutschland kein Anrecht auf eine Therapie hat. Man wird verurteilt und dann ist man für immer weggesperrt und das war's. Es gibt zwar Gespräche, aber man hat kein Anrecht darauf, dass einem geholfen wird.

Maxeiner: Wenn Sie jemanden einen Rat geben sollten, der überlegt, sich ehrenamtlich in der AG Haft zu engagieren, was würden Sie ihm sagen?

Richter: Man muss neugierig und offen sein. Man muss nicht alles akzeptieren. Selbst nach den ersten drei Gesprächen, die man mit einem Inhaftierten geführt hat, kann man noch sagen, dass man ihn nicht betreuen möchte. Erst nach diesen drei Gesprächen beantragt man seinen Vollzugshelferausweis.

Man sollte zuhören können, geduldig sein und sich als Bindeglied zwischen der AG Haft, der Gay Community und der Vollzugsanstalt verstehen. Wichtig ist, dass man sich der Gruppe öffnet und mitteilt, wenn es Probleme gibt.

Maxeiner: Sie haben eingangs erwähnt, dass Sie Ihren ersten Tag in der JVA als beklemmend erlebt haben. Hat es auch etwas mit den Menschen zu tun, die dort arbeiten? Und was würden Sie sich - aus Ihrer Erfahrung heraus -wünschen, was sich ändern sollte?

Richter: Einerseits hat sich schon ganz viel in Tegel getan. Es werden Häuser geschlossen, die nicht mehr den Standards entsprechen, und neue aufgemacht. Aber es gibt schon noch ältere Beamte, von denen wir, wenn sie unsere Ausweise sehen und wissen, woher wir kommen, einen schnippischen Kommentar zu hören bekommen. Damit umzugehen ist nicht immer einfach, weil wir uns dadurch schon diskriminiert fühlen.

Wir haben beispielsweise einen kleinen Schrank in der JVA, in dem wir Zeitschriften, aber auch Kondome und Gleitgel haben. Und dann kommt oft von den Beamten so ein Kommentar wie „Na, ich hab' schonmal reingeguckt - mit Bananengeschmack haben sie ja keine." Oder „Die müssen ja nicht auch noch im Knast Sex haben".

Da tut sich aber auch schon einiges, weil immer mehr junge Beamte anfangen. Aber es ist gut, wenn sie endlich begreifen, dass es auch Schwule gibt, die straffällig werden. Viele denken ja immer, die ziehen sich einen Fummel an und das war's. Dass sie auch mal eine Bank überfallen oder jemanden zusammenschlagen können, das trauen die wenigsten einem Schwulen zu.

Und das ist auch bei den Beamten zu spüren. Die wissen häufig gar nicht, wem sie da all die Jahre die Tür aufgeschlossen haben. Da wünsche ich mir, dass es künftig mehr Fortbildung auch bei den Beamten gibt. Dass sie nicht nur mit Scheuklappen vor den Augen herumlaufen - sondern dass sie offener, gelassener werden.

Herr Richter, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

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