BLOG
07/09/2014 06:10 CEST | Aktualisiert 07/11/2014 06:12 CET

Diagnose Bore-out-Syndrom: Langeweile als Krankheit?

„Ist das Leben nicht hundertmal zu kurz für Langeweile?" Friedrich Nietzsche

2014-09-06-Fotolia_67485854_S.jpg

Abbildung: © Production Perig - Fotolia.com

Seit einigen Jahren bereits ist Burn-out als Krankheitsbild in aller Munde. Doch was ist eigentlich mit den Menschen, die nicht durch zu viel, sondern durch zu wenig Arbeit oder einen Beruf, der nicht zu ihnen passt, krank werden? Sie glauben, das sei ein Witz? Weit gefehlt!

Arbeitstage, die einfach nicht enden wollen

Die 29-jährige Rechtsanwaltsgehilfin Natalie saß müde am Empfangstresen der schicken Anwaltskanzlei an der Hamburger Elbchaussee. Wie so oft in den letzten Wochen hatte sie schlecht geschlafen. Gelangweilt stierte sie auf ihren Bildschirm und versuchte, Beschäftigung vorzutäuschen. Ab und zu klickte sie auf ihre private Facebook-Seite, postete oder likede Beiträge. Wenigstens hier fand sie Beachtung. Hin und wieder blickte sie auf, linste um die Ecke zum Konferenzraum, aber die Besprechung, in der sich die Anwälte befanden, schien anzudauern.

Natalie blickte auf die Uhr, doch die Zeiger schienen sich einfach nicht zu bewegen: noch zwei endlos lange Stunden bis zur Mittagspause. Aber das Schlimmste an allem war, dass sie sich jeden Tag ein wenig lustloser fühlte. Sie war leer, ausgebrannt. Ausgebrannt? Etwas, das bei ihrer Arbeit eigentlich nicht sein konnte, denn zu viel zu tun hatte sie weiß Gott nicht. Jeden Tag der gleiche öde Ablauf: Mandanten mit Kaffee oder Tee versorgen, ab und an mal ein Taxi bestellen, Unterlagen kopieren und hin und wieder mal einen Schriftsatz abschreiben oder aus Textmodulen verfassen.

Nur mühsam konnte sie sich motivieren, die Klageerwiderungen abzutippen, die ihr einer der Rechtsanwälte diktiert hatte. Ach ja, und die Post musste sie ja auch noch aus dem Briefkasten holen und in die Postkörbchen der Anwälte einsortieren. Immer häufiger hatte sie das Gefühl, dass ihre Arbeitstage einfach nicht enden wollten, sich endlos in die Länge zogen. Sie fragte sich, welchen Sinn das hier überhaupt machte, sie fühlte sich wertlos, nicht beachtet, vollkommen fehl am Platz.

Aber wie sollte sie das alles ihrem Chef klar machen? Wie sollte sie mit ihm über Langeweile und Unterforderung sprechen, wo doch in dieser Kanzlei Leistung das Maß aller Dinge war? Keiner der Anwälte verließ vor 21 Uhr sein Büro, alle ackerten bis zum Umfallen und der Vorrat an magenfreundlichen Tees in der Küche wuchs von Woche zu Woche. Und da sollte sie ihrem Chef sagen, dass sie sich unterfordert fühle, und er ihr endlich mehr zutrauen solle? Und gab es etwas, das sie ihm vorschlagen konnte, um ihre Situation zu ändern?

Vierzig Prozent der Angestellten sind potenziell unterfordert

Weil Bore-out noch ein recht junges Phänomen ist, gibt es in Deutschland noch wenige Untersuchungen. Nach amerikanischen Studien fühlen sich vierzig Prozent der Angestellten unterfordert.

Eine Umfrage des Marktforschungsinstituts YouGov im letzten Jahr hat ergeben, dass in Deutschland sogar jeder zweite Arbeitnehmer unzufrieden mit seinem Job ist. Natürlich sind diese Zahlen mit Vorsicht zu genießen, denn nicht jeder, der sich unterfordert fühlt oder unzufrieden mit seinem Job ist, wird auch krank. Dennoch weisen diese Studien darauf hin, dass Bore-out ein Phänomen ist, das bislang unterschätzt wurde.

Was ist Bore-out?

Geprägt wurde der Begriff von den Schweizer Unternehmensberatern Philippe Rothlin und Peter Werder. Sie wollten damit ein Bewusstsein dafür schaffen, dass nicht nur Workaholism - also krankhafte Arbeitswut - negative Auswirkungen auf den Körper und die Psyche der Betroffenen hat, sondern auch unterfordernde Aufgaben und mangelnde Herausforderungen im Beruf.

Wie erkennt man ein Bore-out?

Wenn Angestellte ihre Arbeitszeit nur noch absitzen und Dienst nach Vorschrift schieben, sie gelangweilt, unmotiviert und lustlos erscheinen, sollten Vorgesetzte hellhörig werden. Aus Angst, ihren Arbeitsplatz zu verlieren, täuschen Betroffene eine Beschäftigung vor, die sie scheinbar auslastet. Nicht selten surfen sie dafür pausenlos im Internet, twittern, posten auf Facebook oder spielen dort angesagte Computerspiele wie „Farmville2" oder „Candy Crush Saga".

Nähert sich dann der Chef oder ein Kollege ihrem Arbeitsplatz, klicken sie diese Web-Seiten schnell und hektisch weg. Meist ist das der Beginn eines Teufelskreises, denn der vorgetäuschte Stress verursacht echten Stress. Arbeitnehmer haben in dieser Phase bereits innerlich gekündigt, auch psychische Erschöpfung macht sich breit, Müdigkeit und Lustlosigkeit werden zum ständigen Begleiter.

Dadurch fällt es ihnen immer schwerer, ihre Arbeitsaufgaben zu erledigen. Die Motivation, ihrer Arbeit nachzugehen, sinkt auf den Nullpunkt. Sie fühlen sich leer, ausgelaugt und bedeutungslos, zweifeln an sich selbst, leiden unter Schlafstörungen, Magenbeschwerden, Tinnitus, Kopf- und Rückenschmerzen, psychosomatischen Erkrankungen und entwickeln Depressionen. Oder sie versuchen, ihre innere Leere mit Alkohol und Medikamenten zu bekämpfen.

Diese Symptome sind mit denen eines Burn-out-Syndroms vergleichbar. Anscheinend führt eine chronische Unterforderung zu ähnlichen Beschwerden wie eine Überforderung.

Welche Ursachen gibt es für Langeweile im Job?

Wenn Menschen mit ihrem Job unzufrieden oder unglücklich sind, spielen meist mehrere Ursachen eine Rolle. Am häufigsten wurden in der Studie des Marktforschungsinstituts YouGov schlechte Bezahlung und fehlende Anerkennung genannt. Einigen Unzufriedenen macht ihre Tätigkeit keinen Spaß, weil es ihnen an Abwechslung mangelt und das Arbeitsklima schlecht ist. Andere würden lieber in anderen Regionen oder im Ausland arbeiten. Und dann gibt es auch die, die mit ihrem Chef einfach nicht auskommen.

Auch die Ursachen für Langeweile im Job sind vielfältig. Allen Betroffenen gemein ist, dass ihnen ihre Arbeitsaufgabe keine Herausforderung bietet, dass ihnen die Erfüllung fehlt. Das kann an einer quantitativen Unterforderung liegen, bei der nicht genügend Arbeit vorhanden ist, weil zu viele Mitarbeiter für eine Aufgabe zuständig sind.

Möglich ist auch eine qualitative Unterforderung, bei der sich Angestellte mit langweiliger und unterfordernder Arbeit herumschlagen müssen. Es kann aber auch daran liegen, dass sie schlichtweg einen Berufsweg eingeschlagen haben, der nicht ihren Neigungen entspricht.

Was kann man tun, um seine Situation zu ändern?

Jeder von uns kennt Phasen von Unzufriedenheit im Beruf. Solche Phasen, in denen man sich mal über den Chef oder die Kollegen ärgert, einem alles zu viel wird, und solche, in denen man auch mal Leerlauf hat, sind normal und werden sich bei jeder Tätigkeit irgendwann einmal einstellen.

Geraten Sie allerdings dabei in einen anhaltenden Zustand von Langeweile, Motivations- und Lustlosigkeit, Abstumpfung und Erschöpfung, sollten Sie sich ernsthaft fragen, ob nicht vielleicht ein Bore-out der Grund dafür ist, dass Sie nur noch ungern zur Arbeit gehen, Ihre Zeit nur noch absitzen und es mit Ihrem Selbstwertgefühl immer weiter bergab geht.

Die gute Nachricht ist: Langeweile im Job zu ändern, liegt allein an Ihnen: Den ersten Schritt in die richtige Richtung haben Sie bereits getan, wenn Sie erkannt haben, dass Sie selbst etwas ändern können, etwas ändern müssen. Spüren Sie nun einmal tief in sich hinein, während Sie folgende Fragen beantworten. Versuchen Sie dabei, so ehrlich wie möglich zu sein - ohne Kompromisse, ohne vielleicht, ohne wenn und aber - auch, wenn die Antworten vielleicht schmerzen.

  • Was genau ist es, das ihre Unterforderung auslöst? Ist es schlicht die Tatsache zu wenig zu tun zu haben, nicht gefordert zu werden oder sind es vielmehr Tätigkeiten, die Sie zwar vorbereitend ausführen, für die Sie jedoch keine Entscheidungen treffen oder Verantwortung übernehmen dürfen?
  • Warum können Sie sich nicht mit ihrer Arbeit identifizieren? Warum fehlt Ihnen die Motivation, um sich mehr zu engagieren?
  • Warum bleiben Erfolgserlebnisse aus?
  • Sind sie unzufrieden, weil Ihnen die Erfüllung bei der Ausführung Ihrer Aufgaben fehlt? Und wenn ja, wie müsste die Aufgabe sein, damit Sie Ihnen Sinn gibt?
  • Können Sie selbst etwas tun, um Ihren Job ansprechender und anspruchsvoller zu gestalten?
  • Gibt es eine Möglichkeit, dass Sie Ihre Situation ändern, indem Sie innerhalb des Unternehmens auf eine andere Stelle wechseln? Wenn ja, welche wäre das? Gibt es eine Position, die Ihnen reizvoll vorkommt? Haben sie die nötigen Qualifikationen für diese Stelle? Bringen Sie Leidenschaft für diese neue Herausforderung mit?
  • Kann Ihnen eine Weiterbildung oder Umschulung helfen, die neue Position innerhalb des Unternehmens zu übernehmen?
  • Würde Ihnen ein Gespräch mit ihrem Chef helfen? Wäre es gut, ihm zu sagen, dass Sie sich unterfordert fühlen und über neue Aufgaben freuen würden? Würde er Ihr Anliegen verstehen und es ernst nehmen?
  • Für wen oder was brennen Sie? Wo liegen Ihre Leidenschaften, wo Ihre Stärken?
  • Welche Ziele gibt es in Ihrem Leben, die Sie unbedingt erreichen wollen und welche Rolle spielt dabei Ihr Beruf?
  • Wo liegt Ihre Berufung? Was ist Ihre Bestimmung? Finden Sie Ihre Antwort auf das Potenzial, das Sie in sich tragen.

Wie finde ich meine Bestimmung?

Haben Sie diese Fragen ehrlich beantwortet, wissen Sie nun, was zu tun ist. Doch Veränderungen sind nicht leicht, ganz besonders dann nicht, wenn wir feststellen, dass wir sie nur durch einen beruflichen Neuanfang oder eine andere Ausbildung erreichen können und dies mit beträchtlichen - nicht nur finanziellen - Einschränkungen einhergeht. Denn schließlich hat jeder von uns Verpflichtungen zu erfüllen, die nicht danach fragen, ob wir im Beruf zufrieden sind.

Die Miete, der Unterhalt für das Auto, Telefon, Versicherungen oder die Versorgung von Kindern sind nur einige davon. Damit Ihnen der schnöde Mammon nicht bei Ihrem beruflichen Neuanfang in die Quere kommt, sollten Sie sich fragen, was Sie wirklich zum Leben brauchen. Selbst wenn Sie jetzt Ihre Ansprüche drastisch zurückschrauben müssen, sollte die Aussicht auf eine erfüllte Tätigkeit Ansporn genug sein, Ihr Vorhaben umzusetzen.

Enthusiasmus wecken und innere Zufriedenheit spüren

Hören Sie dabei ganz auf Ihre innere Stimme, Ihr Bauchgefühl. Fragen Sie sich, wann Sie zuletzt eine tiefe, innere Freude und feurigen Enthusiasmus bei der Erledigung einer Aufgabe verspürt haben. Jedes Mal, wenn Sie diese Freude verspürt haben, wenn die Zeit wie im Flug verging, wenn Sie alles um sich herum vergessen haben, weil Sie nur in sich selbst und Ihre Arbeit vertieft waren, wenn Sie den „Flow" gespürt haben und sich bei der Vollendung Ihrer Aufgabe eine große innere Zufriedenheit eingestellt hat - genau dann sind Sie Ihrer Bestimmung gefolgt.

Viele Menschen haben etwas studiert, was sie eigentlich nicht wirklich interessierte oder geraten in Berufe, die sie eigentlich nie machen wollten. Doch denken Sie immer daran: Sie sind kein Opfer, Bore-out hat Sie nicht zufällig erwischt! Es ist Ihre Chance, den Teufelskreis zu durchbrechen und Ihre Bestimmung zu finden. Das Wichtigste auf diesem Weg ist es, dass Sie Ihre Aufgabe finden - eine Aufgabe, die Sie lieben, etwas, für das Sie brennen.

Denn nur dann werden Sie zufrieden, glücklich und erfolgreich in Ihrem Beruf sein. Und manchmal genügt schon ein kleiner Anstoß, ein Gespräch mit Freunden, Kollegen oder mit einem vollkommen Fremden, diesen Impuls zu setzen, damit Sie Ihre Talente entdecken und Ihrer Berufung folgen können.

Denken Sie immer daran, dass das Leben zu kurz für Langeweile ist! Denn um etwas zu ändern und noch einmal neu anzufangen, ist es nie zu spät!

Der Artikel entstand unter Mitarbeit der Diplom-Psychologin Hedda Rühle.

Literatur: Sandra Maxeiner, Hedda Rühle, Dr. Psych's Psychopathologie, Klinische Psychologie und Psychotherapie (2014), Band 1, ISBN: 978-3-9523672-0-9, Band 2, ISBN: 978-39523672-1-6, Jerry Media Verlag