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28/11/2014 04:39 CET | Aktualisiert 28/01/2015 06:12 CET

Teufelsdroge Crack: Europa muss handeln, bevor noch mehr Menschenleben zerstört werden

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Foto: © Nomad_Soul - Fotolia.com

Wenn es Nacht wird in der brasilianischen Millionenstadt Fortaleza, übernehmen Crack-Dealer das Geschäft. Der 13-jährige Luis ist einer der Süchtigen in der kleinen Schlange, die sich vor dem fliegenden Stand gebildet hat, an dem Dealer ihre Ware verticken. Es ist kühl in dieser Nacht, doch weder spürt Luis, wie der Wind durch die Straßen weht, noch kümmern ihn die Blicke der Menschen aus den vorbeifahrenden Autos. Luis will nur eines: Crack.

Nach zwanzig Minuten ist er endlich am Ziel. Mit zittrigen Fingern zündet er sich seine Crack-Pfeife an und genießt seinen Moment des Glücks. Doch dieses scheinbare Glück dauert nur ein paar Augenblicke, in denen er das Gefühl vollkommener Freiheit genießt und in denen er keine Angst mehr hat vor den Jungs in den Favelas, die zur gegnerischen Bande gehören und ihm immer wieder auflauern.

Die Teufelsdroge Crack auf ihrem tödlichen Siegeszug durch Brasilien

Luis ist kein Einzelfall. Mittlerweile ist die Todesdroge Crack vor allem in den Millionenstädten Brasiliens ein Problem, das immer größere Ausmaße annimmt, erzählt uns Sergio, der an der staatlichen Universität, der Fundação Edson Queiroz, in Fortaleza Latein unterrichtet. Die Folge der Ausbreitung: Die Kriminalität steigt.

Bereits in den 80er Jahren hielt das amerikanische Nachrichtenmagazin „News Week" Crack für „gefährlicher als die Seuchen des Mittelalters", der Spiegel bezeichnete es Jahre später als das „gefährlichste aller Rauschgifte" und verglich die Taten der Drogenverkäufer mit den Verbrechen der Roten Khmer.

Mittlerweile ist Brasilien weltweit einer der größten Märkte für die Psycho-Droge Crack. Dies geht aus einer Studie des "Nationalen Forschungsinstituts für Alkohol und andere Drogen" (Inpad) der Universität von São Paulo hervor. Längst ist Crack in dem südamerikanischen Land nicht mehr nur ein Problem der bekannten Metropole São Paulo und der Slums in Rio de Janeiro. Die Droge ist einfach zu bekommen und billig, einen „Hit" bekommt man schon zum Preis eines Schokoriegels.

Auch viele Kinder und Jugendliche konsumieren Crack - das Einstiegsalter liegt bei 13 Jahren. Eine Untersuchung des Instituts für Wirtschaftsforschung und Strategie (IPECE) hat ergeben, dass fast vier Prozent der Neuntklässler in Fortaleza bereits mehrfach Crack konsumiert haben.

Mehr als 1,5 Millionen Brasilianer, so Schätzungen, sind abhängig davon. 5,6 Millionen Erwachsene und 442.000 Jugendliche Brasilianer haben laut einer Studie der Universität in São Paulo irgendwann in ihrem Leben schon einmal Crack, Kokain oder Oxi (eine neue Form der Droge, die aus Resten von Kokainsulfat hergestellt wird) genommen.

Ein kurzes Glücksgefühl, das meist eine lebenslange Abhängigkeit und in vielen Fällen auch den Tod zur Folge hat. Insbesondere Oxi ist gefährlich: weil es mit Benzin, Diesel, Kerosin oder dem Lösungsmittel Aceton gestreckt ist, leben junge Menschen, die die Droge konsumieren, meist nicht länger als fünf Jahre.

Obwohl die „Crack-Welle" bislang noch nicht nach Deutschland übergeschwappt ist (das belegen aktuelle Erhebungen der Gesundheitsberichterstattung des Bundes), ist die aktuelle Entwicklung in Südamerika doch so besorgniserregend, dass wir uns intensiver damit beschäftigen wollen.

Was ist Crack?

Crack kommt aus dem Englischen und bedeutet knistern oder krachen. In der Szene ist die Droge auch unter den Namen „Base", „Freebase", „Rocks", „Roxanne" oder „Steine" bekannt. Ganz egal unter welchem Label Crack auch firmiert, es ist und bleibt die stärkste Verarbeitungsform von Kokain und daher auch die gefährlichste.

Handelsübliches Kokain wird mit Wasser und Natron (Backpulver) aufgekocht und getrocknet. Obwohl dabei das Kokain gestreckt wird, verstärkt sich seine Wirkung . Zurück bleiben beigefarbene Crackklumpen, die meist in Pfeifen geraucht werden. Dabei entstehen die typischen knackenden Geräusche, die der Drogen ihren Namen geben („to crackle", knistern).

Wie wirkt Crack?

Obwohl Crack nur ein Bruchteil von Kokain kostet, wirkt es intensiver. Über die Lunge gelangt sein Wirkstoff innerhalb von ca. zehn Sekunden an die Nervenzellen des Gehirns - schneller als über die Nasenschleimhäute geschnupftes Kokain. Wie alle Drogen manipuliert auch Crack das zentrale Nervensystem und führt zu einer vermehrten Ausschüttung des Glückshormons Dopamin.

Zunächst verspüren die Konsumenten eine ungeheure Aktivität, ihre Sensibilität erhöht sich, sie erleben alles intensiver, ihre Leistungsfähigkeit wird gesteigert. Sie fühlen sich frei, verspüren keine Angst, sind voller Energie und sprühen vor Selbstbewusstsein. Meist hält der Rausch nur fünf bis fünfzehn Minuten an.

Warum ist Crack so gefährlich?

Crack ist auch deshalb eine der gefährlichsten Drogen, weil es besonders schnell zur psychischen Abhängigkeit führt. Es wirkt direkt auf das Belohnungssystem des Gehirns und führt zu enorm euphorischen Gefühlen, die um einiges stärker sind als das, was man beim sexuellen Höhepunkt empfindet.

Allerdings ist der Rausch nur sehr kurz, weshalb Konsumenten häufig schnell wieder „nachlegen". Weil sich schnell ein psychischer Gewöhnungseffekt einstellt, müssen sie außerdem, um das gleiche Vergnügen wie bei der ersten Einnahme zu empfinden, schon nach fünf- oder sechsmaligem Gebrauch zu höheren Dosen greifen.

Und: Nach der Euphorie folgt der jähe Absturz in die Depression. Kommen Süchtige dann nicht schnell genug wieder an die Droge, kann die Depression so intensiv werden, dass sie Abhängige in den Selbstmord treibt. Viele Konsumenten klagen zudem über Gereiztheit, Schlaf- und Appetitlosigkeit und eine ständige innere Unruhe.

Crack macht in kurzer Zeit aus ihnen aggressive, ängstliche, verwirrte menschliche Wracks. Zudem birgt das Rauchen von Crack weitere gesundheitliche Risiken, weil es oft mit anderen chemischen Substanzen vermischt wird, die beim Verbrennen giftige Dämpfe entwickeln. Crack-Pfeifen sind meist sehr kurz, weil der Crack-Rauch schnell seine Wirkung verliert.

Warum konsumieren Menschen Crack?

Weil Crack im Gegensatz zu Kokain sehr preiswert ist, hat sich der Konsum dieser Droge vor allem unter der ärmeren Bevölkerung Südamerikas und Amerikas ausgebreitet. Sie lässt Menschen, die am Rand der Armutsgrenze leben, ihren täglichen Überlebenskampf führen und aufgrund der hohen Kriminalität ständig bedroht sind, diese Realität zumindest für eine Zeit lang ausblenden. Zumindest vorrübergehend beseitigt die Droge sowohl ihre Angst, ihre Einsamkeit, die Sinn- und Hoffnungslosigkeit sowie auch körperliche Schmerzen und Hunger.

Aber auch in Deutschland wird seit Mitte der 90er Jahre, vor allem in Frankfurt am Main und Hamburg, von einem zunehmenden Crackkonsum berichtet. Hierzulande greifen Konsumenten überwiegend aufgrund der euphorisierenden, enthemmenden und stimulierenden Wirkung zu Crack.

Wir brauchen entschiedenes Handeln

Obwohl die steigende Zahl von Crackabhängigen und damit verbundenen Delikten derzeit vor allem Amerika und Südamerika vor große Herausforderungen stellt, muss auch Europa handeln. Auch hierzulande werden bei der Drogenkriminalität hohe Zuwachsraten verzeichnet, denn Crack ist preiswert und seine Beschaffung wird zunehmend problemloser.

Obwohl sich gerade auch in Deutschland der Crack-Konsum noch auf Minderheiten in den Großstädten mit hoher Arbeitslosigkeit und ärmlichen Lebensverhältnissen beschränkt, arbeiten Dealer mit immer raffinierteren Methoden, um sich ihre Kunden zu sichern. Gerade deshalb brauchen wir geeignete soziale und medizinische Maßnahmen zur Senkung der Drogennachfrage und Reduzierung der Drogenkriminalität.

In einigen Städten gibt es bereits spezielle Hilfsdienste wie zum Beispiel die Jugendberatung und Jugendhilfe e. V. in Frankfurt, die sich mit den primär aus dem Kokainkonsum resultierenden Problemen befassen und sich um besonders gefährdete Gruppen kümmern. Auch eine Abstinenztherapie wird dort für Kokain- und Crackabhängige angeboten.

In einigen europäischen Ländern wie Frankreich und im Vereinigten Königreich werden bereits interdisziplinäre Strategien mit dem Ziel entwickelt, Informationen über die Bedürfnisse von Kokain- und Crack-Konsumenten zu sammeln und auszutauschen. Ziel ist es, auf dieser Grundlage geeignete Schulungsangebote zu entwickeln und bestehende Modelle und Therapien so anzupassen, dass sie besser auf die Bedürfnisse von Crack-Konsumenten zugeschnitten sind.

Neben der Ausweitung von Maßnahmen zur Senkung des Crack-Konsums und zur Therapie müssen auch präventive Anstrengungen intensiviert werden, um besonders junge Menschen vor den verheerenden und zerstörerischen Wirkungen der Droge zu warnen. Dabei sollten vor allem soziale Medien wie Facebook und Twitter, die gerade für Jugendliche und junge Erwachsene zum täglichen Leben gehören, in Informations- und Aufklärungskampagnen einbezogen werden.

Weil man junge Menschen nicht mit dem moralischen Zeigefinger erreicht, sondern eher mit Humor, hat das Universitätsklinikum Eppendorf in Hamburg eine Anti-Drogen-Kampagne entwickelt, ohne moralischen Appell, dafür mit klarer psychologischer Ausrichtung: Wer Drogen nimmt, ist ein Looser.

Der Artikel entstand unter Mitarbeit der Diplom-Psychologin Hedda Rühle.

Literatur: Sandra Maxeiner, Hedda Rühle (2014), "Dr. Psych's Psychopathologie, Klinische Psychologie und Psychotherapie", Band 1 und 2, erschienen im Jerry Media Verlag

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