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01/10/2014 07:18 CEST | Aktualisiert 01/12/2014 06:12 CET

Blick in die Abgründe unserer Seele: Was Albträume uns wirklich sagen

„Alles, was man vergessen hat, schreit im Traum um Hilfe." (Elias Canetti)

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Abbildung: © xalanx - Fotolia.com

Auch wenn wir uns nicht immer daran erinnern können, träumen wir - und zwar jede Nacht - etwa zwei Stunden. Meist sind unsere Träume aufschlussreich, weil wir mehr über uns selbst erfahren. Doch einige Botschaften können auch rätselhaft erscheinen und uns Angst machen.

Verfolgt, hilflos und bedroht...

Fast jede Nacht träumt Silvia sehr intensiv. Immer wieder wird sie in ihren Träumen gejagt, verfolgt und gehetzt von Verbrechern und wilden Tieren. Sie rennt um ihr Leben, versucht verzweifelt, die Verfolger abzuschütteln.

In einem dieser wiederkehrenden Träume sieht sie ein Gebäude, das auf einem Hügel steht und stellt fest, dass es sich um ihre ehemalige Schule handelt. Sie läuft hinauf, stößt die Tür zur Schule auf, verriegelt sie von innen und betritt den alten Speisesaal. Hektisch lässt sie ihren Blick umherschweifen.

Plötzlich bemerkt sie, dass einige ihrer ehemaligen Schulkameraden verletzt und blutend auf dem Boden liegen. Sie kramt ihr Handy aus ihrer Hosentasche und versucht fieberhaft, die Notrufnummer zu wählen. Doch vergebens. Kein Netz.

Ein ganz anderer Traum ist es, der Mirko seit seiner Kindheit verfolgt und immer wiederkehrt. In diesem Traum verändern sich nach und nach alle Menschen um ihn herum zu Bösen, zu Dämonen und werden zu Körperfressern wie im gleichnamigen Film.

Im Schlaf wird ihr menschliches Leben ausgelöscht und durch einen perfekten, aber seelenlosen Doppelgänger ersetzt. Immer mehr Menschen werden Opfer der Körperfresser, und Mirko weiß bald nicht mehr, wer bereits von dem dämonischen Virus befallen ist und wer nicht.

Was bedeuten diese Träume?

Viele Menschen träumen wie Silvia und Mirko von Flucht- oder Bedrohungsszenarien. In der Regel offenbart sich in diesen Träumen ein verdrängter emotionaler Aspekt der Persönlichkeit.

Wenn Silvia also in ihren Träumen von wilden Tieren gehetzt wird, flieht sie vermutlich vor Situationen oder vor ihren eigenen wilden Gefühlen, die ihr angst machen. Häufig stehen wilde Tiere im Traum für unterdrückte Wut oder andere Gefühle des Träumers.

Silvia flüchtet sich in die vertraute Umgebung der Schule, wo sie sich sicher glaubt. Dass sie gerade im weiträumigen Speisesaal der Schule Zuflucht sucht, könnte bedeuten, dass sie einerseits Schutz braucht, andererseits aber viel Raum für sich selbst benötigt. Dennoch hilft ihr der gewonnene Raum in ihrem Traum nicht, ihre Schulkameraden zu retten.

Möglicherweise hat sie in ihrer Schulzeit auch schlechte Erfahrungen mit ihnen gemacht, für die sie nun bluten müssen. Silvia schafft es nicht, die Notrufnummer zu wählen und sich zu befreien. Sie bleibt hilflos und allein zurück, Rettung ist nicht in Sicht.

Hier könnten Silvias unterdrückte Aggressionen eine Rolle spielen, vor denen sie Angst hat. Möglicherweise war sie in ihrer Schulzeit eine Außenseiterin und wurde von ihren Klassenkameraden gehänselt und gedemütigt. Gleichzeitig erwarteten Eltern und Lehrer von ihr, ein braves und liebes Mädchen zu sein. Weil Silvia ihre wilden, wütenden Gefühle nicht ausleben durfte, entwickelte sie heftige Schuldgefühle und verdrängte sie.

In ihrem Traum jedoch brechen sich nun die Dämonen, die in ihr wüten, Bahn.

Vertrauen und Enttäuschung

Die Körperfresser, die Mirko in seinem Traum bedrohen, stellen ihn in erster Linie vor die Vertrauensfrage: „Wohin willst du rennen, wohin willst du laufen, wo wirst du dich verstecken?" Nirgendwo - denn du weißt nicht, wer noch von deiner Art ist, wem du noch vertrauen kannst.

Ihr vernichtender Feldzug wirft jedoch auch die Frage des Sich-Selbst-Vertrauens auf, denn wenn niemand mehr da ist, dem Mirko noch trauen kann, kann er sich dann selbst trauen, sich auf sich selbst verlassen? Wird er vielleicht selbst zum Körperfresser oder ist es sogar schon geschehen, und er hat es nicht bemerkt?

Mirko findet seine eigene Antwort und vielleicht ist es sein Misstrauen, mit dem er sich vor schlechten Erfahrungen schützen will, frei nach dem Motto: Wenn ich nichts erwarte oder wenn ich gar mit dem Schlimmsten rechne, dann kann ich auch nicht enttäuscht werden.

Neben Vertrauen und Sich-Selbst-Vertrauen verarbeitet Mirko in seinem Traum auch übergriffiges Verhalten, symbolisch dargestellt durch die Überraschungsangriffe der Körperfresser.

Vermutlich sah er seine Privat- und Intimsphäre durch einen nahestehenden Menschen verletzt; möglicherweise empfand er seine Mutter als übergriffig und hatte schlichtweg das Gefühl, dass sie ihm zu nahe kam und ihn vereinnahmen wollte. Vielleicht wollte sie zu viel über ihn erfahren, verhielt sich zu aufdringlich, war besitzergreifend und hat zu viel von ihm gefordert.

Was sind chronische Albträume?

Nachtalben sind üble Geister. Die kleinen schwarzen Sagenwesen hocken sich Schlafenden auf die Brust, nehmen ihnen die Luft und erzeugen schlimme Träume. Suchen sie Menschen über einen längeren Zeitraum heim, mindestens einmal pro Woche, sprechen Mediziner von Albträumen.

Dabei können die Trauminhalte sehr unterschiedlich sein. Die häufigsten Albtraum-Themen haben Forscher der kanadischen Université de Montréal nun in einer aktuellen Studie mit 572 Freiwilligen herausgefunden: körperliche Angriffe, Angriffe auf die psychische Integrität wie etwa betrogen oder abgewiesen zu werden, Versagen oder Hilflosigkeit, Krankheit und Tod.

Seltenere Traumthemen waren Angst und Sorge ohne Grund, gejagt werden, Sturz in die Tiefe, die Anwesenheit von etwas Bösem, Unfälle und bizarre Vorgänge. Das am häufigsten auftretende Gefühl war Angst. Die Träumer berichteten außerdem von Traurigkeit, Ärger, Verwirrung, Ekel, Enttäuschung und Scham.

Albträume dienen der Verarbeitung von Traumata

Doch es sind nicht nur negative Gefühle, die uns diese Träume bescheren, meist erfüllen sie auch einen bestimmten Zweck: Oft haben sie einen realen Hintergrund zum Beispiel Probleme in der Schule, im Beruf oder der Partnerschaft. Menschen mit Depressionen träumen häufig ihre Konflikte, Sorgen und Befürchtungen, weil sie von ihnen auch im Schlaf verfolgt werden.

Auch bei einer posttraumatischen Belastungsstörung zeigt sich, wie stark der Albtraum und tatsächliches Erleben manchmal zusammenhängen können. Denn wer in seiner Kindheit vergewaltigt wurde, wird oft noch jahrzehntelang davon im Schlaf verfolgt. Solche Trauminhalte kehren dann immer wieder, bis die dahinter liegenden Konflikte und Traumata verarbeitet wurden.

Traumbilder können aber auch emotionale innere Konflikte symbolisch in Szene setzen. Dann handelt es sich nicht um reale Inhalte, sondern um Traumsymbole, die entschlüsselt werden können.

In Silvias Traum findet sich eine Mischung aus beidem: Ihre alte Schule ist der reale Ort ihrer psychischen Verletzungen, die Schulkameraden werden symbolisch zur Strecke gebracht und die wilden Tiere als Verfolger stehen symbolisch für ihre unterdrückten im Traum entfesselten Aggressionen.

Warum haben wir Albträume?

Menschen träumen hauptsächlich in den sogenannten REM (Rapid Eye Movement) Schlafphasen. Dabei ist es vor allem die Amygdala - also der Teil des Gehirns, der starke negative Emotionen wie Angst verarbeitet - die während dieser Phase auf Hochtouren arbeitet.

Die Psychoanalyse geht davon aus, dass sich in Albträumen verdrängte, unbewusste und unverarbeitete innere Konflikte Bahn brechen, die dem Betroffenen Angst machen.

Wissenschaftler vermuten, dass es Veranlagung oder auch Stress in der Familie, im Beruf oder in der Schule ist, die chronische Albträume begünstigen. Möglicherweise werden auch gerade sensible und kreative Menschen häufiger von Albträumen heimgesucht. Auch Traumata können schwere Träume auslösen. Weil sie nicht selten die Verarbeitungskapazität eines Menschen übersteigen, können sie noch nach Jahren ein Ventil in einem chronischen Albtraum finden.

Können Albträume krank machen?

Hin und wieder schlecht zu träumen ist ganz normal und wahrscheinlich sogar gesund. Aber im Fall von chronisch wiederkehrenden Albträumen ist es nicht nur die Nacht, die den Betroffenen zu schaffen macht. Auch ihre Lebensqualität leidet unter den schweren Träumen.

Wer angsterfüllt aufwacht, schleppt negative Gefühle manchmal durch den ganzen Tag. Wer dann abends bereits mit Angstgefühlen ins Bett geht und tagsüber unter starker Nervosität, Angstzuständen oder Niedergeschlagenheit leidet, sollte darüber nachdenken, psychotherapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Manchmal sind wiederkehrende Albträume auch Zeichen einer psychischen Krankheit oder eines ernsten Traumas. Dann ist unbedingt ein Fachmann gefragt, denn eine Selbsttherapie könnte die Symptome womöglich noch verschlimmern.

Was können sie selbst tun?

Auf keinen Fall sollten sie versuchen, ihre Albträume zu vergessen oder gar zu verdrängen. Diese Abwehrmaßnahme ist zwar verständlich, hilft aber leider wenig. Bei hartnäckigen Albträumen kann es helfen, sich seine Träume in ein Traumtagebuch zu notieren. Sich so mit dem Geträumten auseinanderzusetzen kann entlasten, wenn das nächtliche Kopfkino zu heftig ist.

In einem zweiten Schritt sollten sie überlegen, wie der Traum ablaufen müsste, damit er ihnen weniger Angst einjagt. Silvia könnte sich beispielsweise jeden Abend vor dem Einschlafen fest vornehmen, in ihrem nächsten Traum nicht mehr vor ihren Verfolgern zu fliehen, sondern sich umzudrehen und sich ihnen entgegen zu stellen.

In der Regel nimmt die Angst nämlich ab, wenn man ihr ins Auge schaut und sich mit dem Auslöser konfrontiert. Wichtig dabei ist es, dass Silvia aktiv handelt und ihrem Gefühl der Hilflosigkeit einen willensstarken Entschluss entgegensetzt.

Mirko könnte sich vor dem Einschlafen vorstellen, dass er die Fähigkeit besitzt, durch ein magisches Wort die verlorenen menschlichen Seelen von den Körperfressern zurück zu holen, damit sie ihren menschlichen Körper wieder in Besitz nehmen können.

Zusätzlich können Albtraumgeplagte ihre veränderte Traumvariante tagsüber jeweils fünf bis zehn Minuten einüben, indem sie sich die neue Geschichte immer wieder vorstellen.

Hilferufe der Seele

Albträume haben immer eine Botschaft, oft sind sie ein Hilferuf der Seele. Weil sich ihr Drehbuch immer tiefer ins Gedächtnis brennt, sollten Betroffene nicht zögern, Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Der Artikel entstand unter Mitarbeit der Diplom-Psychologin Hedda Rühle.

Literatur: Maxeiner, S., Rühle, H. (2014), Dr. Psych's Psychopathologie, Klinische Psychologie und Psychotherapie, Band 1 (ISBN: 978-3-9523672-0-9) sowie Band 2 (ISBN: 978-3-9523672-1-6)