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23/02/2015 05:44 CET | Aktualisiert 25/04/2015 07:12 CEST

Aus Niederlagen lernen

Teil 2 der Reihe „Mitmenschlichkeit": Für diese Dokumentations-Reihe spreche ich mit Menschen, die selbstlos für andere da sind, sich ehrenamtlich engagieren, anderen in Notsituationen geholfen haben und die Zivilcourage und Mitmenschlichkeit zeigten und zeigen. Es sind Menschen, die im Stillen arbeiten, Großartiges vollbringen und Gutes tun, ohne dass die Öffentlichkeit in der Regel je davon erfährt.

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Foto: Sabine Stengel, © Ulrich Makowski

Februar 2015: Es ist Mittwochvormittag, kurz vor 10 Uhr. In wenigen Minuten bin ich mit Sabine Stengel verabredet. Seit 18 Jahren ist die 50-jährige Ingenieurin und zertifizierte Innovationsmanagerin leidenschaftliche Unternehmerin und seit kurzem als Ideenretterin tätig. Sie begleitet Menschen und deren Ideen und unterstützt sie dabei, dass sie nicht nur Visionen bleiben.

Doch das ist noch lange nicht alles: Als ich mir Sabines Linkedin-Profil ansehe, finde ich viele ehrenamtliche Tätigkeiten. Sie arbeitet für „Therapietiere - Lebensfreude auf vier Pfoten", ist Mentorin im Programm „TWIN" - einem Mentoringprogramm von Unternehmerinnen für Unternehmerinnen - und ist ambulante Hospizhelferin. Ich bin beeindruckt!

Kurz nach 10 Uhr klingelt mein Skype-Account und ich blicke Sabine via Kamera in die Augen. Ich spreche mit einer sympathischen Frau, der man ihre Zufriedenheit und die Freude an dem was sie tut ansieht. Sie trägt halblange blonde Haare, Brille, einen lindgrünen Blazer und lächelt, ja, sie strahlt mich an. Als wir das Gespräch beginnen, springt ihr Kater munter auf ihren Schreibtisch und reibt seinen Kopf schnurrend an ihrem Arm.

In den folgenden 40 Minuten spreche ich mit der „glücklichen Tante" und dreifachen „Katzenmama" - wie sich Sabine selbst nennt - über die heilende Kraft der Samtpfoten, über Weckrufe, Aufstiege und "andere Niederlagen".

Maxeiner: Sie haben einen beeindruckenden Lebenslauf mit vielen ehrenamtlichen Tätigkeiten. Ich habe gelesen, dass Sie beispielsweise Vorstandsmitglied im Verein „Therapietiere" sind. Was macht dieser Verein?

Stengel: Dieser Verein hat sich gerade gegründet und besucht demenzkranke ältere Menschen, die einsam sind, in Alten- und Pflegeheimen und vermittelt ihnen wieder Kontakt zu Tieren. Es sind Menschen, die irgendwann einmal selbst eine Katze, ein Kaninchen oder einen Hund hatten und nun erneut in Kontakt mit Tieren kommen.

Wir machen diese Arbeit, weil wir festgestellt haben, dass demenzkranke Menschen durch den Besuch der Vierbeiner plötzlich wieder ganz auftauen. Viele von ihnen waren monatelang nicht mehr ansprechbar, Ärzte und Pfleger haben sie als „ganz weit weg" bezeichnet. Kurz: Sie alle waren in einem Stadium, in dem sie sich immer mehr in sich selbst verkrochen. Doch durch den Kontakt mit Tieren sind sie plötzlich aufgetaut und fingen wieder an, zu reden.

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Foto: © 2015 Projekt Therapietiere - Lebensfreude auf vier Pfoten e. V.

Maxeiner: Wie sind Sie dazu gekommen?

Stengel: Ich bin auch Mitglied in einem Katzenverein. Eines Tages hatte jemand die Idee, mit den Tieren kranke Menschen zu besuchen. Ich erinnerte mich sofort daran, wie sehr es mich berührte, als mein Vater im Sterben lag und meine Schwester seinen Kater in die Tasche eingepackt und zu unserem Vater ins Krankenhaus geschmuggelt hat.

Wir wollten, dass sich mein Vater von seinem Kater verabschieden konnte. Dieser Abschied war so was von herzergreifend! Er war so unglaublich dankbar, dass er seinen geliebten Kater noch mal sehen durfte.

Maxeiner: Können Sie beschreiben, was genau passiert ist, als der Kater bei ihm war? Lag er auf seinem Bett?

Stengel: Mein Vater war wirklich sehr schwer krank und es war abzusehen, dass es zu Ende ging. Der Kater war zwei Tage, bevor mein Vater gestorben ist, bei ihm. Er hat sich dann auf seinen Schoß gelegt und geschnurrt. Vater hat in gestreichelt, und bitterlich angefangen zu weinen. Es war so wunderschön. Und dann haben die sich echt verabschiedet: Kater und Vater.

(Das ist sehr berührend!)

Maxeiner: Welche von all den ehrenamtlichen Tätigkeiten, die Sie ausüben, liegt Ihnen besonders am Herzen?

Stengel: Sehr am Herzen liegt mir das Mentoring für junge Unternehmerinnen.

Maxeiner: Was macht die Käte Ahlmann Stiftung und was tun Sie in diesem Mentoring-Programm mit Namen TWIN?

Stengel: Die Käte Ahlmann Stiftung wurde vor zwölf Jahren von erfahrenen Unternehmerinnen gegründet, die ihr Wissen weitergeben wollten an junge Unternehmerinnen, weil sie festgestellt haben, dass es zwar viele Existenzgründer-Programme gibt, ja, dass eine ganze Industrie entstanden ist, die sich inzwischen auch um Start-ups kümmert - von Beratern bis hin zu Banken. Doch leider begleiten sie die jungen Existenzgründer immer nur im ersten Jahr.

Dann laufen die Programme aus und die jungen Unternehmer stehen alleine da. Sie haben dann noch kein funktionierendes Netzwerk und kaum Menschen, mit denen sie sich austauschen können, beispielsweise über so profane Dinge wie: „Mein wichtigster Kunde zahlt seine Rechnung nicht, was mache ich jetzt? Ich kann dem doch nicht den Rechtsanwalt auf den Hals schicken, weil ich sonst den Kunden für immer verloren habe."

Das TWIN-Programm setzt genau hier ein - für alle diese Fragen stehen den Jungunternehmerinnen erfahrene Unternehmerinnen mit ihrem gesammelten Wissen und ihren Erfahrungen der letzten zwanzig oder dreißig Jahre ehrenamtlich mit Rat und Tat zur Seite.

Maxeiner: Wen haben Sie im Rahmen dieses Programmes bereits unterstützt bzw. gecoacht?

Stengel: Wichtig ist mir, dass wir uns klar abgrenzen: Wir sind kein ehrenamtliches Beratungsinstitut und wir coachen auch nicht. Was wir machen, ist Unterstützung auf Augenhöhe, im Grunde wie eine große Schwester. Wir geben unseren Rat und unsere Erfahrung weiter und teilen sie.

Die letzte Unternehmerin, die ich hatte, war eine ehemalige Mitarbeiterin aus dem öffentlichen Dienst. Sie mochte ihren Job nicht mehr, hat ihn hingeschmissen und ist eingestiegen in eine Malschule, ein Rahmengeschäft. Dort boten sie Malkurse für Schüler an mit der Option, dass ihre Kunstwerke nach dem Kurs auch gleich gerahmt werden.

Die Unternehmerin, die ich begleitet habe, hatte den Laden von ihrer Chefin, die sich aus Altersgründen zurückziehen wollte, übernommen. Die Chefin blieb aber mit einer kleinen Beteiligung noch drin. Ein Jahr lang habe ich ihr dabei geholfen, einen eigenen Standpunkt zu finden gegenüber ihrer Chefin, die noch immer sehr präsent war auch weiter bestimmen wollte, was gemacht wird.

Ich habe mir das Marketingmaterial des Unternehmens und seine Außedendarstellung angesehen. Und dann habe ich einfach Fragen gestellt - im Prinzip schon so, wie das ein Coach auch macht - und habe ihre Fragen beantwortet. Es waren Fragen, die sie vor unseren Treffen immer vorbereitet hatte. Meist hatte sie einen richtigen Fragenkatalog dabei und dann sind wir das Stück für Stück ganz strukturiert durchgegangen.

Und das Tollste daran war: Nach einem Jahr, als das Mentoringprogramm abgeschlossen war und wir uns weiter getroffen haben, erzählte sie mir stolz, dass der Vertreter des größten Rahmenherstellers Deutschlands bei ihr gewesen wäre und sie es geschafft hätte, ihren Rahmenumsatz zu verdreifachen. Nach dem Mentoringprogramm hat sie aus dem wenig rentablen, ja, maroden Geschäft ihrer Chefin ein florierendes, umsatzstarkes, kleines Unternehmen gemacht.

(Eine tolle Erfolgsgeschichte.)

Ja.

Maxeiner: Gab es in Ihrem Mentoringprogramm eine Unternehmerin, die Sie besonders beeindruckt oder berührt hat? Und wenn ja, wer war das?

Stengel: Seit 14 Jahren arbeite ich auch im Verband deutscher Unternehmerinnen. Dort gibt es viele tolle Unternehmerinnen, die ihre Unternehmen selbst aufgebaut haben. Also nicht als Anhängsel ihres Mannes, nach dem Motto "Die Ehefrau macht dann mal eben die Buchhaltung", sondern Frauen, die wirklich aus dem Nichts große Unternehmen aufgebaut haben.

Und diejenigen, die mich ganz besonders berühren, sind die, die sich trauen, über ihre Niederlagen auch zu sprechen, über ihre Schicksalsschläge und über falsche Entscheidungen, die sie getroffen haben. Also Dinge, über die man normalerweise nicht redet.

Eine Dame, die mich sehr beeindruckt hat, ist Heide Meyer, die mehr als 50 Jahre Dessous verkaufte und 38 Jahre lang ihren Dessousladen „Lady M" in der Westfälischen Straße führte. Sie ist eine so begnadete Verkäuferin. Eigentlich hatte ich immer ein schlechtes Bild von Verkäuferinnen. Das waren für mich Leute, die mir was aufschwatzen wollten, was ich gar nicht haben wollte.

Doch dann habe ich Heide Meyer kennengelernt. Sie ist eine Dame ohne Top-Model-Maße, eine runde, attraktive Frau, die eine so tolle Art hat, Peinlichkeiten zu überspielen. Ganz egal, ob die Kundin, die gerade in ihren Laden kam, eine Großmutter war, eine Hausfrau, eine prominente Persönlichkeit, oder schlichtweg eine der Frauen, die mit ihrer Figur haderten - sie half allen, sich schön zu fühlen. Mit einer Selbstverständlichkeit, mit Empathie und einer Begeisterung, die von ihrer großen Liebe zu ihrem Beruf zeugten.

Heide Meyer, die ihre Erinnerungen an jene Zeit auch in dem Taschenbuch „Mutter Corsage" veröffentlicht hat, hat immer offen über ihre Niederlagen gesprochen. Und wer kennt das nicht aus eigener Erfahrung: Im Leben gibt es eben nie nur Zeiten, in denen es aufwärts geht.

Maxeiner: Gab es auch einen Fall einer Unternehmerin, die Sie in Ihrem Mentoringprogramm betreut haben, der sehr dramatisch verlaufen ist?

Stengel: Wir hatten mal eine junge Dame, die am Prenzlauer Berg einen Laden für Büroschnickschnack eröffnet hat - mit vielen kleine netten Schachteln, einer Papeterie, hübschen Stiften etc. Eine unserer Unternehmerinnen, die einen Laden für Damenoberbekleidung hatte, hat sich ihrer angenommen. Einmal die Woche haben sie sich getroffen, was sehr ungewöhnlich ist.

Und sie hat der jungen Unternehmerin mit Leidenschaft, Herzblut und auch mit Biss unter die Arme gegriffen. Dennoch hat der Laden nicht funktioniert, weil sie sich nicht gegen die billigen Online-Geschäfte durchsetzen konnte. Am Ende hat sie so bitterlich geweint und es nur schwer verwunden, dass ihr Traum von dem Bürobedarfsladen geplatzt war und sie ihn schließen musste. Das war ganz ganz traurig.

Maxeiner: Haben Sie heute noch Kontakt zu der jungen Dame?

Stengel: Sie hat sich aus unserem Netzwerk verabschiedet. Ich glaube, wohl auch deshalb, weil so ein Misserfolg, bei dem man sein Lieblingsbaby sterben sieht und loslassen muss, wahnsinnig weh tut. Das ist, wie einen guten Menschen zu verlieren.

Maxeiner: Sie haben erwähnt, dass Sie Menschen besonders beeindruckt haben, die über ihre Niederlagen und Schicksalsschläge gesprochen haben. Wie war das in Ihrem eigenen Leben - welche Niederlagen oder Schicksalsschläge gab es da, und wie sind Sie damit umgegangen?

Stengel: Och, da gab's zahlreiche. Und für jeden bin ich dankbar. Aber nur im Nachhinein.

Maxeiner: Welcher hat Sie am meisten mitgenommen?

Stengel: Was mir wirklich in die Knochen gefahren ist, ist vor fünf Jahren passiert. Da war ich in einer Phase, wo ich meine Firma umgebaut habe. Ich hatte Probleme mit meinen Mitarbeitern und war noch immer in Trauer, dass mein geliebter Vater gestorben war. Von meinen Eltern ist keiner mehr da. Und an jenem Tag im August bin ich mit meinem Auto nach München gefahren.

Ich hatte mich sehr auf dieses Wochenende gefreut, wollte mit einer Freundin zum Coldplay-Konzert. Der Abend war großartig, wir hatten wahnsinnig viel Spaß. Auf der Rückfahrt nach Berlin merkte ich, dass mit meinem Auto irgendwas nicht stimmt. Ich bin schließlich rausgefahren und war auch noch in einer Werkstatt. Ich hatte darum gebeten, dass sie sich das mal ansehen, denn ich war fest davon überzeugt, dass irgendwas mit meinen Reifen nicht stimmte.

Die Mechaniker haben sie sich angesehen, mich beruhigt auf die Straße zurückgeschickt und mir versichert: „Ach, kein Problem. Wir haben die ausgewuchtet, es ist alles ok." 100 Kilometer später ist mir bei 120 kmh auf der Autobahn der Reifen geplatzt. Ich habe die Kontrolle verloren, bin ins Schleudern gekommen und mit meinem Auto gegen eine Leitplanke geknallt.

Der Airbag ging auf, danach kann ich mich an nichts mehr erinnern. Ich hatte einen schweren Schock, war jedoch nicht schwer verletzt. Aber das Schlimmste war, dass ich mich so unfassbar hilflos gefühlt habe. Doch weil ich irgendwie immer so ein Händchen dafür habe, dass im ganz Schlimmen immer auch etwas Gutes ist, hatte ich ganz tolle Helfer um mich herum. Hinter mir ist ein Reisebus gefahren, der sofort angehalten hat. Und dieser Bus war voller Feuerwehrleute, die auf dem Nachhauseweg waren.

Ich hatte also lauter liebevolle Helfer um mich, die alles organisiert haben. Sie stellten sich mit mir an den Fahrbahnrand und sagten "Jetzt warten wir erst mal ab und regeln das alles. Und Sie kommen erst mal wieder zu sich." Als ich dann irgendwann wieder in Berlin war - mein Auto hatte einen Totalschaden, und ich stand noch immer unter einem schweren Schock - dachte ich mir: „Mädel, so schnell kann es vorbei sein!"

Das war wirklich eine Sache von Bruchteilen von Sekunden, in denen mir bewusst wurde, dass ich auch hätte tot sein können. Das ist mir so in die Knochen gefahren, dass ich danach mein Leben auf den Prüfstand gestellt habe. Ich habe mir alles angeschaut, habe mich gefragt, was mir gut tut und was mir nicht gut tut. Und dann habe ich einen Veränderungsprozess eingeleitet, der immer noch andauert.

Was ich wirklich gut kann: Aus Niederlagen schnell auch wieder aufstehen. Ich schaue mir an, was passiert ist, frage mich, was mein Anteil daran ist und wofür ich nichts kann. Wenn ich das mit mir geklärt habe, komme ich schnell wieder auf die Beine. Ich bin inzwischen - wie man so schön sagt - sehr resilient und lerne aus jeder Niederlage.

Maxeiner: Welche Erfahrungen geben Sie in Ihrem Mentoringprogramm an junge Unternehmerinnen weiter? Was ist Ihnen persönlich am wichtigsten?

Stengel: Dass wir uns nicht entmutigen lassen, wenn auch Steine im Weg liegen, dass wir mutig sein sollten, auch Fehler zuzulassen. Dass wir aufhören müssen, immer perfekt sein zu wollen, dass wir den Mut haben, uns lieber einmal in eine Sackgasse zu begeben oder einen Umweg zu nehmen, als aus Angst, einen Fehler zu machen, gar nicht erst zu starten.

Und dass wir, wenn wir etwas wirklich wollen, auch mit Leidenschaft, Herzblut und Biss dran bleiben. Denn der Glaube „Ach, wenn du etwas willst, dann musst du es dir nur ganz doll wünschen, und es geht in Erfüllung" ist absoluter Quatsch. Erfolg besteht - zumindest meiner Meinung nach - zu 99 Prozent aus harter Arbeit und einem Prozent Glück.

Maxeiner: Nur ein Prozent Glück?

Stengel: Ja. Aber auf dieses eine Prozent kommt es ganz oft auch an.

Maxeiner: Ich komme noch mal zurück auf Ihr Weckruf-Erlebnis, das Sie geschildert haben - dem Unfall auf der Autobahn. Wie haben Sie Ihr Leben danach verändert, und was war das Wichtigste, das Ihnen da deutlich geworden ist?

Stengel: Also bis zum dem Unfall war ganz viel in meinem Leben fremdbestimmt - durch meine Firma, meine Mitarbeiter. Ich war zwar nur acht Stunden vor Ort, aber im Prinzip zwölf Stunden im Einsatz. Also mit meinen Gedanken eigentlich immer bei der Firma, bei den Aufträgen und bei den Kunden.

Und nach meinem Unfall bin ich wirklich in mich gegangen und habe mir gesagt "Aber es muss doch im Leben auch noch etwas anderes geben, als arbeiten, Geld verdienen und tolle Projekte machen." Und dann habe ich angefangen mit den ersten Ehrenämtern, habe meine Firma umgebaut, meine Mitarbeiter freigesetzt - sie sind alle woanders wieder untergekommen - habe alles, wie man neudeutsch sagt „downgeshiftet", runtergefahren.

Ich habe geschaut, was ich gut kann, was ich gerne mache, und Dinge, die ich nicht mochte, versucht zu reduzieren. Das ist mir auch gelungen. Aber es war ein echt harter Weg.

Maxeiner: Würden Sie Ihre ehrenamtliche Arbeit als befriedigend bezeichnen, oder würden Sie sagen, dass es eher etwas ist, wo Sie selbst auch noch etwas dazulernen können? Was gibt Ihnen die ehrenamtliche Tätigkeit?

Stengel: Ich bin eh ein Mensch, der unglaublich gerne lernt, der sich inspirieren lässt, der gerne neue Menschen kennenlernt, und auch ein Stück weit in die Tiefe schauen möchte. Das Ehrenamt ist etwas unglaublich Beglückendes, denn man bekommt doppelt soviel zurück wie man gibt, wenn man es nicht erwartet.

Meine Erfahrung ist, dass es wirklich glücklich macht, wenn ich einfach etwas aus meiner Erfahrung gebe, und nichts dafür erwarte - weder Dankbarkeit noch irgendein Feedback. Dann funktioniert es. Es gibt Menschen, die aus Angst, sich mit ihren eigenen Abgründen und ihren eigenen Macken beschäftigen zu müssen, ganz viel für andere Leute tun.

Diese Menschen laufen eigentlich vor sich selbst davon. Sie ballern sich zu mit Aktivitäten, die sie für andere tun, nur um sich nicht mit sich selbst beschäftigen zu müssen. Doch das funktioniert nicht. Ein Ehrenamt ist nur dann beglückend und befriedigend, wenn man es aus tiefster Seele macht. Da hatte ich auch gerade in meiner Hospizbegleitung so tolle Erlebnisse. Alle Menschen, die ich dort begleitet habe, haben mir so viel geschenkt! Auch wenn es nur Momente waren, das werde ich nie vergessen!

Maxeiner: Sie haben ja bereits über Niederlagen gesprochen, und ich möchte noch einmal darauf zurückkommen. Ich lese gerade ein Buch von Giovanni di Lorenzo mit dem Titel „Von Aufstiegen und anderen Niederlagen". Können Sie mit diesem Titel etwas anfangen und wie würden Sie ihn für Ihre eigene Geschichte interpretieren?

Stengel: Also für mich ist jede Niederlage nur dazu da, dass wir auf unseren Weg schauen, und uns fragen "Ist es wirklich die richtige Richtung, mache ich das Richtige?" Ja, ich bin vielleicht gestolpert über den Stein, der jetzt im Weg lag, bin hingefallen. Doch am Ende hilft es mir dabei, mit all diesen Steinen, die noch im Weg liegen, ein wundervolles, stabiles Fundament zu bauen.

Ohne Niederlagen können wir gar nicht aufsteigen. Oder wir gehören zu den „One-Day-Überfliegern", die im Eiltempo zum Erfolg gelangen, aber bei der ersten Niederlage ins Bodenlose stürzen. Der Sinn des Lebens für mich ist zu lernen - auch aus Niederlagen - und dann etwas Neues aufzubauen und zu schauen, wo mich dieser Weg hinführt.

Und viele Dinge kann ich nicht beeinflussen ... Vielleicht, ist es doch mehr als ein Prozent Glück.

(Jetzt muss ich schmunzeln).

Maxeiner: Häufig hört man, dass Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren, prädestiniert dafür sind, selbst auszubrennen, wenn sie sich nicht Quellen schaffen, aus denen sie Kraft schöpfen können. Wo liegen Ihre Quellen, aus denen Sie Kraft schöpfen?

Stengel: Die liegen ganz klar in meinem Freundeskreis. Und darin, dass ich mich ab und zu mal zurückziehe und bequem auf dem Sofa liege und ein Buch lese und etwas für mich tue. Dass ich lerne, was mir gut tut. Sei es eine tolle Massage oder einfach mal eine Freundin anzurufen und zu sagen „Komm, wir gehen jetzt mal lecker essen." Ich kenne dieses Gefühl, ausgebrannt zu sein. Damals, als ich den Autounfall hatte, war ich kurz vor einem Burnout.

Insofern sehe ich heute den Unfall auch nicht mehr als schrecklichen Schicksalsschlag, sondern sage „Dankeschön", weil er mir die Augen geöffnet hat. Sonst wäre ich wahrscheinlich irgendwann ausgebrannt und depressiv geworden. Auf der einen Seite ist das Ehrenamt etwas, das mir unglaublich viel Kraft gibt, auf der anderen Seite aber ist es auch nicht ohne - und zieht Kraft. Wenn man sich zu sehr da reinstürzt, dann haben Sie ganz recht, dass es zu einem Burnout führen kann. Man sollte nicht zuviel geben.

Maxeiner: Was würden Sie Menschen raten, die darüber nachdenken, sich ehrenamtlich zu engagieren?

Stengel: Die sollten erst einmal gucken, was sie wahnsinnig gerne machen. Sie sollten sich fragen, wofür ihr Herz schlägt, wo sie eine Gänsehaut bekommen, wo sie sich berührt fühlen. Weil ich glaube, dass sie es nur dann auch wirklich gut machen werden. Und vielleicht sollten sie auch neugierig sein auf etwas, das sie noch nie gemacht haben - auf etwas, vor dem sie vielleicht auch ein klein wenig Angst haben. Vor der Hospizarbeit hatte ich anfangs auch Angst.

Maxeiner: Warum?

Stengel: Weil das so was Dramatisches, so was Intensives ist. Da geht es ums Existenzielle. Mit den Menschen, die im Sterben liegen, brauche ich nicht mehr über die letzte Fernsehsendung zu sprechen, nicht mehr über Belanglosigkeiten zu plaudern. Da geht es echt ans Eingemachte. Hier braucht man nichts mehr vorzuschieben, keine Höflichkeiten mehr auszutauschen, keinen Small Talk zu führen. Denn hier ist man plötzlich nackt. Das meinte ich damit. Und das hat mir auch Angst gemacht.

Maxeiner: Hat es Ihnen auch Angst gemacht, weil es Sie mit Ihrer eigenen Endlichkeit, Ihrem eigenen Tod konfrontiert?

Stengel: Ja.

Maxeiner: Und hat die Tätigkeit dazu geführt, dass Sie den Tod heute anders sehen und auch das Leben anders wahrnehmen?

Stengel: Also, ich hatte auch schon früher keine Angst vor dem Tod. Inzwischen habe ich keine Angst mehr vor dem Sterben, weil ich sehe, wie toll die Palliativmedizin inzwischen ist - dass sie es Menschen ermöglicht, keine Schmerzen mehr zu haben. Es ist ja nicht jeder Tod schön. Er riecht nicht gut und er fühlt sich auch nicht gut an. Aber die Menschen müssen zumindest heutzutage keine unerträglichen Schmerzen mehr erleiden.

Es hat mir so ein bisschen die Angst vor dem Sterben genommen. Und ich habe einen noch viel größeren Lebenshunger. Manchmal möchte ich Menschen, bei denen ich sehe, wie sie ihr Leben „vertrödeln", am liebsten entgegenschreien „Verdammt noch mal, hört auf euer Leben zu vergeuden, schmeißt den Fernseher raus und alle diese Dinge, mit denen ihr euch das Leben zuballert, weil ihr Angst davor habt, hinzuschauen, und wirklich tolle Dinge zu tun." Unsere Zeit ist endlich. Morgen kann es schon vorbei sein.

Maxeiner: Haben Sie ein Lebensmotto und wie lautet es?

Stengel: Wenn es mir schlecht geht, dann denke ich einfach an Momente, in denen die Sonne scheint. Ich habe mir eine wirklich traumhaft schöne Dachgeschosswohnung gegönnt, in Friedrichshain, mit einer großen Terrasse und habe den ganzen Sommer im letzten Jahr wirklich nur auf dieser Terrasse gelebt.

Und ich habe die Sonne und dieses Licht unglaublich genossen. Wenn ich mal dunkle Momente habe, dann denke ich einfach nur daran, dass ich auf dieser Terrasse stehe, über die Dächer in den Himmel schaue, und dann fliegen da Mauersegler über mich hinweg und ich denke mir "Schau mal Mädel, das Leben kann so leicht sein."

Frau Stengel, ich danke Ihnen für dieses Gespräch!

Mehr über die Interviewreihe auf: http://was-wirklich-zaehlt-im-leben.jimdo.com/

Sandra Maxeiner hat mit Hedda Rühle die psychologischen Nachschlagewerke "Dr. Psych's Psychopathologie, Klinische Psychologie und Psychopathologie", Band 1 und Band 2, veröffentlicht, die im Jerry Media Verlag erschienen sind.

Im Herbst erscheint ihr neues Buch "Dr. Psych's Ratgeber Depressionen".


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