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21/08/2014 10:17 CEST | Aktualisiert 21/10/2014 07:12 CEST

Selbstmord im 9-Minuten Takt

Warum wir das Thema Suizid nicht totschweigen dürfen. Vom Leid der Angehörigen und ihrem Kampf zurück ins Leben

„Ist er jetzt total durchgeknallt? Wieso hat er uns das angetan? Und warum haben wir nichts gemerkt?" (Gefühle einer Angehörigen)

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Abbildung: © Richard Villalon - Fotolia.com

In Deutschland sterben mehr Menschen durch Suizid (9.890) als durch Verkehrsunfälle (3.979). Das geht aus der aktuellen Todesursachen-Statistik des Statistischen Bundesamtes hervor. Dabei ist Erhängen die häufigste Suizidmethode, gefolgt von der Einnahme tödlicher Medikamente, dem Sprung aus großer Höhe, Bahnsuiziden und dem Gebrauch von Schusswaffen und Gasen. Laut dem Welttag der Suizidprävention gab es in den letzten zehn Jahren in Deutschland weit über eine Million Selbstmordversuche.

Das Leid der Angehörigen

Alle neun Minuten verliert in Deutschland jemand einen nahestehenden Menschen durch Selbstmord. In den vergangenen zehn Jahren waren zwischen 500.000 und eine Million Menschen als Angehörige davon betroffen. Zahlen, die mehr als alarmierend sind, denn hinter jeder dieser Zahlen steht das Schicksal einer Familie, die das traumatische Ereignis belastet und in große seelische Not bringt.

Die psychischen Folgen

Neuere Forschungen zeigen, dass durch einen Suizid bis zu 15 Angehörige betroffen sind, für die der Selbstmord des nahestehenden Menschen eine schwere psychische Belastung darstellt. In vielen Fällen trifft er sie vollkommen unvorbereitet mitten ins Herz. Häufig erleiden sie einen psychischen Schock und sind traumatisiert - vor allem, wenn sie selbst ihn tot aufgefunden haben. Über mehrere Stunden oder Tage hinweg befinden sie sich oft wie in einem Nebel, ohne das Geschehen richtig erfassen zu können.

Manche fühlen sich wie in Watte gepackt: Die Außenwelt dringt nicht zu ihnen durch, alles ist dumpf und erscheint unwirklich. Die unmittelbare Konfrontation mit der Unnatürlichkeit, der Gewaltsamkeit und der Endgültigkeit des Selbstmords ist für die Angehörigen schwer zu ertragen. Meist brechen der Schrecken, der Schmerz und die Trauer erst später über sie herein, dafür aber umso heftiger.

Die Empfindungen sind vielfältig: Die Angehörigen fühlen sich schuldig, sind verzweifelt, wütend, ängstlich oder schämen sich - und dazu der Schmerz über den Verlust ihres geliebten Menschen. Jeder Tod ist tragisch und psychische Schwerstarbeit für die Hinterbliebenen, doch beim Suizid kommt hinzu, dass diese Menschen ihren Tod selbst herbeigeführt haben. Für viele Angehörige ist es gerade das, was sie nicht verarbeiten können.

Die Frage nach dem Warum

Immer wieder stellen sich die Hinterbliebenen Fragen nach dem Warum. Warum gab es keinen anderen Ausweg, keine andere Lösung? Warum ging er absichtlich in den Tod? Warum hat er uns nichts von seinem Leiden erzählt, uns nicht um Hilfe gebeten? Hat er uns nicht vertraut? Es ist ein langer, sehr leidvoller und schmerzhafter Weg, auf dem viele dieser Fragen für immer unbeantwortet bleiben.

Schuldgefühle

Für die Angehörigen besonders bedrückend und häufig kaum auszuhalten sind aber die Schuldgefühle. Ob sie den Suizid vielleicht hätten verhindern können, wird sich nie mit letzter Gewissheit beantworten lassen. Wieder und wieder spielen sie verschiedene Szenarien und Möglichkeiten durch, ohne zu einem Ergebnis zu kommen und quälen sich mit den immer gleichen Fragen: „Gab es Vorzeichen und Hinweise, die ich übersehen habe?"

„Hätte ich nicht in vielen Momenten liebevoller und geduldiger auf ihn eingehen sollen?" „Hätte ich nicht merken müssen, dass er kurz vor dem Selbstmord stand?" Diese Gedanken sind nicht nur zermürbend, sondern sie erlauben es den Hinterbliebenen auch nicht, Abstand zu gewinnen und um den geliebten Menschen wirklich zu trauern.

Solche Schuldgefühle sind hartnäckig und können lange anhalten. Bei manchen Angehörigen führt all das dazu, dass sie sich mehr und mehr zurückziehen und sich eventuell in Alkohol oder Drogen flüchten. Einige Hinterbliebene entwickeln gar selbst Suizidgedanken, weil sie ihr Leid als unerträglich wahrnehmen und den unbewussten Wunsch hegen, sich selbst zu bestrafen und dem Verstorbenen nahe zu sein.

Selbst wenn es selten zu unmittelbaren suizidalen Handlungen bei Angehörigen kommt, so ist doch auf lange Sicht die negative Vorbildwirkung von Selbstmord als Problemlösungsstrategie nicht zu unterschätzen.

Was Angehörige tun sollten

Der Tod eines nahestehenden Menschen - ganz besonders infolge von Suizid - ist immer eine Ausnahmesituation. Hinterbliebene benötigen zunächst Hilfe dabei, ihr alltägliches Leben wieder in den Griff zu bekommen - dazu gehört der Einkauf genauso wie die Kinderbetreuung oder die Organisation der Beerdigung.

Das Wichtigste ist aber, dass sie Kontakt zu Menschen zu finden, die das gleiche Schicksal teilen. Hilfe bieten hier vor allem Selbsthilfegruppen, wie beispielsweise www.agus-selbsthilfe.de.

Nicht alle Angehörigen benötigen zusätzlich professionelle Hilfe. Viele erfahren auch aus ihrem sozialen Umfeld oder von andere Betroffenen liebevolle Unterstützung und Zuwendung, die oft sehr hilfreich sind.

Warum wir mehr Aufklärung brauchen

Meist hat die Trauer der Angehörigen allerdings wenig Raum im alltäglichen Leben. Freunde und Bekannte sind oft hilflos und überfordert. Das vermittelt den Hinterbliebenen das Gefühl, dass ihre Trauer ein im Umfeld unerwünschter Gemütszustand ist, für den sie sich schämen müssen. Fragen wie „Was ist bloß los in eurer Familie, dass sich da jemand umbringt?" geben ihnen nicht selten das Gefühl, dass ihnen ein Stigmata anhaftet, ein Makel, etwas, für das sie selbst zur Rechenschaft gezogen werden müssen.

Auch heute noch ist Suizid ein Tabuthema, das scheinbar nur Familien mit Menschen betrifft, die labil sind, weil irgendetwas im familiären Gefüge nicht in Ordnung ist. Außerdem gilt als unanständig, unerhört oder feige, sich das Leben zu nehmen.

Das Tabu Suizid brechen

Menschen, die sich selbst töten, überschreiten eine Grenze. Sie brechen mit ihrer Handlung ein Tabu, das für Gläubige und die Gesellschaft einer Sünde oder Schande gleichkommt und daher tunlichst verschwiegen wird. Doch wollen wir wirklich weiter den Mantel des Schweigens über etwas breiten, das in unserer Gesellschaft zu einem Thema geworden ist, das nicht mehr wegzudiskutieren ist?

Noch immer haben wir nicht zu einem angemessenen Umgang mit diesem Thema gefunden und die Tabuisierung stellt sowohl für die Durchführung einer Suizidprävention als auch für die Hinterbliebenen, die auf Ablehnung oder Schweigen stoßen, ein großes Hindernis dar.

Auch wenn ein Suizid heute nicht mehr so stark geächtet wird wie früher, muss das Thema stärker in den Fokus rücken. Langsam wird den Menschen bewusst, dass es häufig psychische Krankheiten - wie Depressionen, Angststörungen und Alkoholsucht, aber auch sexueller Missbrauch und Gewalt - sind, die dahinter stehen und nicht etwa ein leichtfertiger Entschluss.

Dennoch brauchen wir mehr Aufklärung und Information, damit Menschen adäquat mit eventuellen Selbsttötungsgedanken ihrer Angehörigen, ihrer Freunde oder Arbeitskollegen umgehen und ihnen hilfreich zur Seite stehen können. Wir brauchen Menschen, die Signale frühzeitig erkennen, die richtigen Schritte einleiten und Betroffenen klar machen, dass - egal, wie aussichtslos eine Situation vielleicht auch erscheinen mag - es immer einen Ausweg gibt und Hilfe möglich ist.

Und wir brauchen mehr Menschen, die Angehörigen von Suizidenten verständnisvoll, empathisch und mit Respekt begegnen. Menschen, die darüber sprechen, statt zu schweigen.

Hier finden Angehörige einige hilfreiche Links:

http://www.innenwelt.at/sites/default/files/eMags/Suizid/downloads/livebook.pdf

http://www.die-arche.de/Formulare/Kaeufl_Beitrag_Hibli_Dr_Mabuse_2013.pdf

Der Artikel entstand unter Mitarbeit der Diplom-Psychologin Hedda Rühle.

Quelle: Sandra Maxeiner, Hedda Rühle (2014), „Dr. Psych's Psychopathologie, Klinische Psychologie und Psychotherapie" (Band 1 und Band 2), Jerry Media Verlag