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02/04/2015 05:45 CEST | Aktualisiert 02/06/2015 07:12 CEST

Töten um zu sterben? Was Amoktäter wie Andreas L. antreibt und wie wir Warnzeichen erkennen können

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Foto: © fotokalle - Fotolia.com

Immer wieder kommt es zu tödlichen Amokläufen an Schulen, am Arbeitsplatz, in Gerichtssälen, auf Ferieninseln und jüngst vermutlich auch auf einem Flug der Germanwings. Oft haben wir in den Medien im Zusammenhang mit dem Flugzeugabsturz des Germanwings Flugs 4U9525 von einem erweiterten Suizid gehört oder gelesen. Dieser Begriff trifft im Falle der Tat von Andreas L. - zumindest nach dem derzeitigen Stand der Ermittlungen - jedoch mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht zu. Warum?

Warum es kein erweiterter Suizid war

Psychologen sprechen von „erweitertem Suizid", wenn nahestehende Menschen ohne ihr Einverständnis mit in den Tod genommen werden. Der österreichische Gerichtspsychiater Prof. Reinhard Haller erklärte Anfang des Jahres auf den Berliner Psychiatrietagen, dass es sich dabei sehr häufig um weibliche Täter handelt, die ihr Kind in die Selbsttötung mit einschließen, damit es nicht allein zurück bleibt. Gewöhnlich wird eine solche Tat von unzurechnungsfähigen psychotischen Tätern verübt.

Es gibt hier keine erkennbar vorausgegangen Kränkungen oder Konfliktsituationen, die dazu geführt haben. Das Phänomen des erweiterten Suizides, so Prof. Haller, muss von einem erweiterten Mord unterschieden werden: Hier sind die Täter nämlich eher männlich und fast immer ist wird die gesamte Familie einbezogen. Die Tat ist in der Regel der Eskalationspunkt einer unlösbaren Konfliktsituation, in der sich der voll zurechnungsfähige Täter befindet. Ob nun erweiterter Suizid oder erweiterter Mord - beide Taten finden eher im familiären Umfeld statt.

Doch das, was sich da im Cockpit des Fluges 4U9525 abgespielt hat, ist anders.

Andreas L. hat 149 Menschen mit in den Tod gerissen. Der evangelische Bischof Wolfgang Huber sprach sich am 29. März in Günther Jauchs ARD-Talk gegen den Begriff „erweiterter Suizid" aus, da die Tat von Andreas L. nicht mit der verzweifelter Eltern zu vergleichen sei, die erst ihre Kinder und dann sich selbst töten. Für ihn ist es die „gewaltsame Tötung einer unvorstellbar großen Zahl von Menschen. Es ist ein Selbstmordattentat. Es ist ein Amoklauf".

Zurück bleiben Angehörige und Freunde mit der drängenden Frage nach dem „Warum": Was treibt diese Menschen zu einem solchen Amoklauf? Seit einiger Zeit versuchen Forscher die Persönlichkeit von Selbstmord-Killern zu enträtseln.

Was ist ein Amoklauf?

„Amok" ist ein aus dem Malaiischen stammender Begriff, der dort soviel wie „in blinder Wut angreifen und töten" bedeutet. Er bezeichnet exzessive Gewalttaten, bei denen in der Regel wahllos Menschen umgebracht oder verletzt werden. Die Täter nehmen dabei ihren eigenen Tod billigend in Kauf oder töten sich hinterher selbst.

Wer läuft Amok?

Bei der Beantwortung dieser Frage gibt es gleich eine ganze Reihe von Vorurteilen, die sich nicht bestätigt haben. So zum Beispiel die Aussage, die ein US-Offizier in einem "Zeit"-Interview verbreitet hat, als er sagte, dass „Soldaten nicht Amok laufen". Das Gegenteil ist der Fall: Studien haben inzwischen gezeigt, dass Amokläufer aus allen Berufs- und Gesellschaftsschichten kommen.

Die meisten von ihnen waren tatsächlich Soldaten, gefolgt von Büroangestellten, Akademikern, Schülern, Polizisten und Arbeitslosen. Nahezu alle Amokläufer wollten sich rächen, hatten familiäre oder psychische Probleme, oder sie handelten aus politischen Beweggründen .

Die Persönlichkeit von Amokläufern - introvertiert und isoliert

Die meisten Amokläufer sind eher introvertierte Menschen, die wenig oder gar nicht in ihr soziales Umfeld integriert sind. Einerseits fühlen sie sich von der Gesellschaft nicht akzeptiert, sondern ausgegrenzt, schikaniert und ungerecht behandelt. Andererseits fühlen sie sich minderwertig und verachten sich selbst, weil sie mit der Welt nicht zurechtkommen.

Psychopathen, Psychotiker, Traumatisierte

Der amerikanische Psychiater und Therapeut Peter Langman hat Amokläufer in seinem Buch „Amok im Kopf" in drei Gruppen eingeteilt. In der ersten Gruppe finden sich Psychopathen - aggressive Menschen ohne Gewissen und Moral mit einem Mangel an Empathie und sadistischen Tendenzen. Sie empfinden Macht und Befriedigung, wenn sie andere leiden lassen.

Die zweite Gruppe besteht aus Psychotikern, also psychisch kranken Menschen, die beispielsweise unter Schizophrenie leiden. Sie werden vor allem von Wahnideen, häufig von Verfolgungswahn und Halluzinationen angetrieben. Und schließlich gibt es noch die dritte Gruppe, nämlich die der traumatisierten Kinder unter den Amokläufern: Die, die nicht nur misshandelt, sondern auch jahrelang sexuell missbraucht wurden oder andere seelische Grausamkeiten erleiden mussten.

Kränkungen und Enttäuschungen

Bei allen Tätern gab es im Vorfeld Kränkungen, Enttäuschungen, soziale Brüche oder Verlusterfahrungen. Die meisten sind Außenseiter und haben immer wieder die Erfahrung gemacht, dass sie von anderen abgelehnt und zurückgewiesen wurden. Dabei haben Amoktäter die Eigenschaft, nicht zu vergessen und niemals zu verzeihen. Häufig haben sie kürzlich eine Trennung durchlebt, ihren Arbeitsplatz verloren und ihren sozialen Status eingebüßt.

Auf all diese Erlebnisse reagierten sie ausgesprochen empfindlich und fühlten sich gedemütigt. Häufig konnten gerade jugendliche Amokläufer Hänseleien oder Zurückweisungen von Mädchen nicht verkraften. Zudem wurden sie von ihren Mitschülern nicht anerkannt oder scheiterten in ihren Bemühungen, dazuzugehören.

Alles, was eigentlich in einem normalen Teenager-Leben an Enttäuschungen vorkommt, war für sie eine dauerhafte Beleidigung, sodass sie sich resigniert zurückzogen und wütende Fantasien entwickelten, wie sie es den anderen heimzahlen könnten. Etwas mehr als die Hälfte dieser jugendlichen Täter wurde von ihrem Umfeld als Einzelgänger wahrgenommen, fast alle zeigten Interesse an Gewaltdarstellungen in den Medien .

Narzissmus, Minderwertigkeit und Größenwahn

Viele Täter fühlen sich als Opfer anderer Menschen oder bestimmter Umstände. Ganz egal, was sie auch tun und wie sehr sie sich auch bemühen, sie gehören einfach nicht dazu und werden ungerecht behandelt. Und mit jeder Zurückweisung und jeder Demütigung sinkt ihr Selbstwertgefühl.

Sie entwickeln starke Minderwertigkeitsgefühle, die sie nicht aushalten können und daher verdrängen, denn wer möchte sich schon als Versager fühlen oder vor sich selbst als „Loser" dastehen? Es ist eine Qual für sie, sich klein, hässlich, dumm und unfähig zu fühlen. Deshalb flüchten sie sich in narzisstische Größenphantasien, in denen sie endlich berühmt, groß und mächtig sind und es den anderen vergelten.

In einer Studie zu Amokläufen an Schulen fanden Forscher unter Leitung des Darmstädter Psychologen Dr. Jens Hoffmann bei 85 Prozent der jugendlichen Täter Anzeichen von Narzissmus wie beispielsweise den Wunsch nach Bewunderung und Fantasien grenzenloser Macht.

Dies äußerte sich unter anderem in Bemerkungen gegenüber Schulkameraden wie „Ich komme noch mal ganz groß raus!", „Alle werden über mich reden!" oder „Ich werde mal Politiker!" Auch gab es Täter, die Abschiedsvideos produzierten und hofften, durch ihren geplanten Massenmord weltweite Berühmtheit zu erlangen .

Eine Untersuchung der Universität Bern ergab zudem, dass die Täter, deren Selbstwertgefühl zwischen Minderwertigkeit und Größenwahn schwankte, selten vor der Tat auffällig wurden. Anders als bei „gewöhnlichen" Killern kam es vor ihrem Amoklauf kaum zu Alkoholexzessen oder zu häuslicher Gewalt. Amokläufer sind wie tickende Zeitbomben, und zunächst dringt nichts nach außen.

Sie planen ihren Rachefeldzug im Verborgenen und verhalten sich eher unauffällig. Erst beim eigentlichen Amoklauf brechen sich ihre Aggressionen Bahn. Auch von den üblichen Selbstmördern unterscheiden sie sich: In der Regel gehen einem Suizid mehrere gescheiterte Versuche voraus, aus dem Leben zu scheiden. Die auf Selbstzerstörung programmierten Täter hingegen bringen sich sofort um - oder erzwingen ihre Tötung durch Sicherheitskräfte.

Nichts dringt nach außen?

Ein Amoklauf ist immer das Ergebnis einer ausweglos erscheinenden Situation. Allerdings ist es mitnichten so, dass nichts nach außen dringt. Amokläufer stehen vor ihrer Tat unter einem solch enormen inneren Druck, dass sie keine andere Möglichkeit mehr haben, als etwas davon abzulassen. Fachleute nennen dieses Phänomen auch „Leaking" - etwas sickert durch, das den Amokläufer verrät. Bei allen Tätern gab es klare Vorzeichen, die ihr soziales Umfeld hätten stutzig machen können.

Was wir von Andreas L. wissen

Wir wissen, dass er Abitur gemacht hat, dass er sich - nach Auskunft der Segelfliegerschule und seiner Vereinskollegen - seinen Traum vom Fliegen erfüllte. Er habe Freunde gehabt, heißt es, und er sei kein Einzelgänger gewesen. Vielleicht sei er ein wenig still gewesen. Nett, lustig, vielleicht ein bisschen ruhig - letztlich ein Mann ohne Auffälligkeiten.

Schon mit Anfang 20 hat er als Flugbegleiter gearbeitet, später eine Ausbildung als Pilot bei der Lufthansa-Fliegerschule begonnen, die er allerdings 2009 für sechs Monate unterbrochen hat - vermutlich wegen Depression und Burn out. Die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft teilte außerdem am 30. März mit, dass Andreas L. vor Erlangung des Pilotenscheins wegen Selbstmordabsichten psychotherapeutisch behandelt wurde.

Darüber hinaus gibt es viele Spekulationen und eine Aussage einer Ex-Freundin, der er gesagt haben soll: "Eines Tages werde ich etwas tun, was das ganze System verändern wird, und alle werden dann meinen Namen kennen und in Erinnerung behalten." Sollte diese Äußerung stimmen, wäre sie ein Hinweis darauf, dass doch etwas von seiner geplanten Tat durchgesickert ist.

Die Gefahr von Nachahmungstaten

Während unter Suizid-Forschern Einigkeit darüber besteht, dass suizidales Verhalten Nachahmung hervorrufen kann (auch als sogenannter „Werther-Effekt" bekannt), wird diese Frage im Falle von Amokläufen noch diskutiert. Dabei gibt es einige Erkenntnisse und Studien, die darauf hinweisen, dass es auch bei Amokläufen Nachahmungstaten gibt. Die meisten dieser Taten geschehen in den folgenden zehn Tagen nach einem Amoklauf.

So wurden nach dem Amoklauf in Winnenden knapp 20 männliche Jugendliche stationär aufgenommen, weil bei ihnen die Gefahr von Nachahmungstaten bestand. Bei drei von ihnen war es vermutlich „kurz vor 12".

Auch nach einem Amoklauf in Frankreich wurde ähnliches beobachtet: Nachdem am 24. September 1995 ein 16-jähriger französischer Jugendlicher seine Familie mit einem Hammer oder einem Baseball-Schläger getötet hatte und am nächsten Morgen auf dem Marktplatz auf Passanten schoss, versuchte vier Tage später ein Schüler in München seine Mutter mit einem Hammer zu töten und verletzte dabei seine Schwester schwer.

Bei einer Befragung erwähnte er später, dass der französische „Amok-Killer" sein Vorbild gewesen sei. Es gibt also mehr als deutliche Hinweise darauf, dass auch Amoktaten imitiert werden - und zwar länderübergreifend.

Gerade vor diesem Hintergrund ist die Berichterstattung - insbesondere in der Boulevardpresse mit Foto und vollem Namen - über die Tat von Andreas L. ausgesprochen kritisch zu betrachten; trägt sie doch gerade dazu bei, ihm die Berühmtheit zu verschaffen, die er sich Zeit seines Lebens erträumt hatte und regt so andere Täter möglicherweise zu Nachahmungstaten an.

Können wir Amokläufe verhindern?

Was bleibt ist die Frage, ob sich Amokläufe durch andere Maßnahmen verhindern lassen, wenn man sie im Vorfeld erkennt. Doch eine einfache Antwort darauf gibt es leider nicht. Vielleicht könnten wir Amokläufe verhindern, wenn wir unseren Mitmenschen achtsamer, mit mehr Einfühlungsvermögen und Empathie begegnen würden, wenn wir sie sensibler beobachten und auf Warnsignale achten.

Vielleicht ist es manchmal nur eine Andeutung, die wir zufällig aufschnappen, doch gerade diese Andeutung - ein Halbsatz oder auch nur ein Wort - könnte schon ein entscheidender Hinweis sein. Vielleicht sollten wir hellhörig werden, wenn Menschen in sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter von einem Amoklauf oder auch von Rache sprechen. In einer Studie zu Risikoindikatoren schwerer Gewalttaten an deutschen Schulen fand die TU Darmstadt in der Mehrzahl der Fälle Suizidäußerungen vor der Tat.

Es bleiben viele Vermutungen, denn ein Patentrezept gibt es nicht. Zu unterschiedlich sind die Faktoren, die zu einer Tat führen können. Zu komplex sind die Beweggründe der Täter, um sie in allgemeingültige Raster zu pressen und sichere Vorhersagen treffen zu können. Auch die Zwei-Personen-Regel bzw. das Vier-Augen-Prinzip im Cockpit, das in Folge der Tat von Andreas L. auch in Europa eingeführt werden soll, mag ein Schritt in die richtige Richtung sein.

Doch genauso wichtig wäre es, das Stigma abzubauen, das auf psychischen Erkrankungen wie Depressionen liegt und über bessere Hilfsangebote für psychisch kranke Menschen nachzudenken, die es Betroffenen leichter machen, diese Hilfe auch in Anspruch zu nehmen.

Literatur: Maxeiner, S., Rühle, H. (2015), „Dr. Psych's Psychopathologie, Klinische Psychologie und Psychotherapie", 2. Aufl., Band 2, Kapitel Amok, S. 467 ff., Jerry Media Verlag


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