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21/05/2015 08:45 CEST | Aktualisiert 21/05/2016 07:12 CEST

Rekruten des Terrors: Wie Islamisten den heiligen Krieg nach Deutschland bringen

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Als Robert Baum an diesem Morgen die Augen aufschlägt, weiß er: Heute ist sein Tag. Monatelang hat er sich darauf vorbereitet. Im Licht, das ins Zimmer fällt, tanzen Staubkörner. Die Federn der Matratze quietschen, als er sich aufsetzt. Er nimmt das alles wahr, selbst das leise Klopfen seines Herzens erscheint ihm lauter zu sein als sonst.

Baum steht auf, geht zwei Schritte Richtung Fenster und zieht die zerschlissene Gardine zur Seite. Er blickt hinaus. Die Landschaft liegt da wie unter einem weißen Tuch, es hat geschneit heute Nacht. Die Sicht ist klar, er kann weit schauen. Eine friedvolle Ansicht.

Baum dreht sich um, geht zum Tisch, auf dem seine Brille liegt und kleidet sich an. Er macht das mit langsamen, bewussten Bewegungen. Zum Schluss setzt er sich seine Wollmütze auf, schaut sich noch ein letztes Mal um und geht zur Tür. Draußen knirscht der frische Schnee unter seinen Schuhen, doch die Sonne beginnt schon ihren Kampf gegen die Kälte.

Unter dem Schnee erahnt man den rotbraunen Boden, der so charakteristisch ist für den Norden Syriens - der Ort, an dem Robert Baum alias Uthman al-Almani ist ein Kampfname, eine Ehrenbezeichnung für den 27-jährigen deutschen Konvertiten. In einigen Stunden wird al-Almani, der deutsche Terrorist, Männer, Frauen, Kinder und sich selbst töten.

Aufgewachsen in Solingen, ist Robert Baum von klein auf ein klassischer Außenseiter. Mitschüler verprügeln ihn oft und nehmen ihm das Pausenbrot weg. »Er hat alles mit sich machen lassen«, erzählt seine Mutter Marlis Baum einem Kamerateam von stern TV. »Er hat sich lieber verprügeln lassen, als dass er mal zurückgeschlagen hat.«

Der Vater stirbt an Lungenkrebs, als Robert 13 Jahre alt ist.

Robert beginnt die Schule zu schwänzen, bleibt sitzen und verlässt die Schule nach der neunten Klasse. Er geht zur Bundeswehr. Doch dort sitzt er nicht im Panzer, sondern in der Schreibstube. Er verbreitet Neonazi-Parolen und hängt sich Hitler-Bilder übers Bett, bei der Bundeswehr kann er nicht bleiben.

Es folgt doch noch der Realschulabschluss und eine Lehre als Lagerist. Doch nach dem Abschluss wird er nicht übernommen.

Da hat er sich schon einen anderen Namen gegeben, Abdul Hakim. Er lernt Arabisch und lebt in einer Moschee, die in einem Solinger Hinterhof zu finden ist. Robert Baum will in Alexandria Arabisch lernen. Ein richtiger Moslem müsse Arabisch können, sagt er.

Nach nur vier Monaten muss Baum Alexandria wegen der Unruhen rund um den Arabischen Frühling verlassen. Im Januar 2011 kehrt er deshalb nach Deutschland zurück. Den Kontakt zu seiner Mutter bricht er ab.

Erst vom Verfassungsschutz erfährt sie, dass ihr Sohn zusammen mit seinem Freund Christian Emde im Juli 2011 in England verhaftet worden ist.

Auf Festplatten, die sie mit sich führen, entdecken Zollbeamte mehrere verdächtige Dokumente. »Baue eine Bombe in der Küche deiner Mutter«, heißt eines. Ein anderes: »39 Wege, um den Dschihad zu unterstützen«.

Robert sitzt sechs Monate lang in einem britischen Hochsicherheitsgefängnis, die weiteren sechs Monate aus dem Urteil werden zur Bewährung ausgesetzt.

Nichts davon kann ihn offenbar noch von seinem Weg abbringen.

Zurück in Deutschland sucht er wieder die Nähe von Ibrahim Abou-Nagie, dem radikalen Prediger, und dessen Organisation »Die wahre Religion«. Die Solinger Moschee gilt zu diesem Zeitpunkt als deutsches Zentrum der Salafistenszene.

Gewaltbereit war Marlis Baums Sohn damals aber nicht. »Er hat mir immer gesagt: Mama, wenn die von mir verlangen sollten, dass ich jemanden töte, das würde ich nie machen, da wäre ich der Erste, der die Polizei rufen würde«, sagt sie zu stern TV.

Al-Almani ist fest entschlossen. Mit der einen Hand umklammert er das Lenkrad, die andere tänzelt immer wieder Richtung Handbremse. Dort schauen Kabel und Drähte hervor - und ein Knopf.

Zu sehen ist das alles in einem deutschsprachigen Propagandavideo des Islamischen Staates. »Unser Staat ist siegreich«, so lautet der Titel der fünf-minütigen Aufnahme.

Am Ende sieht man einen Feuerball aufsteigen - Robert Baum alias Abdul Hakim alias Uthman al-Almani reißt zwischen 17 und 50 Männer, Frauen und Kinder mit in den Tod. So genau weiß das keiner.

So wie Robert Baum schloss sich im April 2014 auch der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert alias Deso Dogg der ISIS an. Als Abu Talha al-Almani berichtet er regelmäßig aus Syrien und nutzt die Internet-Plattform YouTube als Medium für seine Propaganda.

In einem Video ist er im Auto unterwegs, um ausgewählten syrischen Familien Kleidung und Lebensmittel aus Deutschland zu übergeben.

In einer anderen Aufzeichnung trägt er eine Militäruniform und sichert dem ISIS-Chef Abu Bakr al-Baghdadi seine Unterstützung zu, »um ein Zeichen zu setzen, dass wir, so Gott will, auf dem geraden Weg sind«.

Auch der 26-jährige Fußballprofi und ehemalige Jugendnationalspieler Burak Karan soll sich dem Syrien-Dschihad angeschlossen haben und bei einem Luftangriff getötet worden sein.

Bei den meisten Kämpfern handelt es sich um junge Männer im Alter von 18 bis 25 Jahren. Auch die Ausreise von Frauen und minderjährigen Personen aus Deutschland wird seit einiger Zeit beobachtet. Bis zu zwei Dutzend Frauen sollen dem Aufruf der sogenannten Dschihad-

Ehe gefolgt sein. Ihr Ziel ist es, den Mudschaheddin, den »Gotteskriegern«, wenige Stunden sexuell zur Verfügung zu stehen.

Der tunesische Innenminister warnte schon 2013 vor diesem neuen Phänomen, das nun in Europa Einzug hält. Zwar schlossen sich bereits 2009 einzelne deutsche Frauen den Mudschaheddin im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet an, doch reisten sie meist in Begleitung ihrer kampfbereiten Ehemänner.

Der frühere taz-Journalist Wolf Wiedmann-Schmidt hält in seinem Buch »Jung, deutsch, Taliban« fest: »Die Rolle der Frau im Dschihad soll sich traditionell auf eine passiv-unterstützende beschränken.

Dass sich muslimische Frauen den Dschihadisten für sexuelle Zwecke zur Verfügung stellen, erschien damals noch undenkbar.« Arabische Medien berichteten entsetzt und überrascht über die »Dschihad-Ehen« in Syrien. Heute ist es scheinbar Usus.

Anfang 2015 tauchte dann ein 40-seitiges Dokument der »Frauengruppe des Islamischen Staates« auf. Die Propaganda-Broschüre richtet sich an strenggläubige arabische Frauen aus den Golfstaaten, die unzufrieden sind in ihren Heimatländern. Die Sitten am Golf seien verkommen, klagen die IS-Frauen, bei den Islamisten gehe es »reiner« zu.

Aber auch mit materiellen Versuchungen wird gelockt: »Einwanderinnen leben in Frieden, ohne Hunger und Frost«, heißt es. Die europäischen Mädchen und Frauen gehören offenbar nicht zur Zielgruppe der Publikation. Es wurde vom IS wohl ganz bewusst nicht übersetzt. Denn das Pamphlet macht deutlich, dass Frauen im sogenannten »Islamischen Staat« eine erzkonservative Rollenverteilung erwartet.

Die Londoner Quilliam-Stiftung hat das Dokument ins Englische übersetzt und so erst dem Westen zugänglich gemacht. So manche Europäerin würde wohl abgeschreckt, könnte sie im Voraus lesen, was sie erwartet.

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch "Rekruten des Terrors":

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