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15/11/2015 09:18 CET | Aktualisiert 15/11/2016 06:12 CET

Koran: „Und kämpft gegen sie, bis es keine Unterdrückung mehr gibt"

dpa

Und wieder. Wieder tauchen kranke Terroristen auf und nehmen Hunderten von unschuldigen Menschen das Leben. Sie schreien „Allahu Akbar", „Al-hukmu lillah" und andere leider inflationär verwendete Begriffe. Sie reagierten auf die Ereignissen in Irak, Syrien oder anderen Orten und legitimieren das mit der Religion.

Mich ärgert das, dass die terroristischen Gräueltaten das Adjektiv „islamisch", „christlich", „jüdisch" oder „buddhistisch" erhalten. Es gibt das nicht. Es gibt keinen islamisch, christlich oder jüdisch motivierten Terroranschlag. Denn sonst wären Millionen von Menschen, in deren Natur, die Liebe, die Toleranz und der Respekt liegt, diesen Religionen nicht gefolgt.

Muslime haben Angst vor Terroristen

Ich habe als Muslim genauso Angst vor Terror wie jeder andere in diesem Land. Die Flüchtlinge flüchten nicht aus wirtschaftlichen Gründen, wie wir es immer wieder zu hören bekommen haben, sondern aus Angst vor den Terroristen. Wir sollten uns die Frage stellen, warum gerade 90% der Flüchtlinge Muslime sind, wenn sie vor „den Muslimen" fliehen.

Es sind abwertende, ideologisierte Unmenschen, die versuchen ihre Gräueltaten mit dem Koran zu legitimieren.

Es steht mir eigentlich nicht viel zu, wenn 126 angesehene muslimische Gelehrte den IS verurteilen. Es ist tatsächlich in diesem offenen Brief, der für jeden zugänglich ist, alles gesagt. Dennoch möchte ich einiges hinzufügen.

Gott möchte dies so haben?! Widerlich!!

Ich finde es zuallererst lächerlich, dass die Devise der IS-Unmenschen der Vers 40 der Sura 12 ist: „Al hukmu lillah" zu Deutsch: Das Urteil liegt bei Gott. Unter dieser Devise töten sie die "Ungläubigen", versklaven und vergewaltigen die Frauen. Sprich: Gott möchte dies so haben!?

Widerlich! Dies ist nicht nur ein Widerspruch zur islamischen Religion, sondern zu allen menschlichen moralischen Werten und Normen sowie zur Vernunft. Aber irgendwie müssen die Gelüste und der Terror legitimiert werden.

Was der Koran sagt

Am besten legitimiert man den Terror mit einem Vers, der ja offen und klar schreibt, dass Ungläubige zu töten sind, wo auch immer man ihnen begegnet (siehe 2/191). „So heißt es nun mal wortwörtlich im Koran", heißt es leicht gesagt, ohne auf die Hintergründe, den Sinn und Zweck und auf andere Quellen zu achten. Aber diese Aufgabe ist erstens schwer und zweitens kann die Ideologie nicht umgesetzt werden, so die Logik.

Ich sehe mich wieder einmal gezwungen, einiges über diesen Vers zu schreiben. Wie und warum wurde dieser Vers offenbart?

Ein Blick über den Vers 191 in der Sura 2

Vorerst ist es wichtig, einen Blick auf das Verb „قاتل, يقاتل" im Vers 2/191 zu werfen, das im übrigen auch in den Versen 4/89, 9/5 und 22/39 vorkommt. Hans Wehr zufolge bedeutet der Begriff „قاتل" so viel wie „jemanden bekämpfen, kämpfen mit jemandem/gegen jemanden.". Es ist also ein Kontext des gegenseitigen Kampfes/Krieges, und nicht eines totalen Krieges, indem ohne Grund unschuldige Menschen getötet werden.

Nun zum Kontext, welche die wichtigsten und sogar die kritischsten Quellen über die Zeit des Propheten bestätigen: Bevor es zur Offenbarung des Verses 2/191 kam, lebten die Muslime zehn Jahre lang unter Angst und Folter und wurden letztendlich aus ihrer Heimatstadt Mekka vertrieben. Der Koran hingegen rief zeitgleich Muslime zur Geduld auf.

„Und tötet sie"

Wenn die Verse vor und nach dem Vers 2/191 nicht mitbetrachtet werden, könnte man leicht auf die Idee kommen, dass der Koran zum totalen Krieg ruft. Doch der Vers zuvor zeigt, weshalb der Koran den Aufruf „und tötet sie, wo immer ihr auf sie stoßt. Und vertreibt sie" enthält.

Dort heißt es:

„Und bekämpft auf Gottes Pfad, wer euch bekämpft, doch übertretet nicht." (2/190).

Die Muslime also werden angegriffen, und sollen hierbei sich vor dem Angriff schützen und ihre Freiheit und Existenz verteidigen (22/40). Auf einen Angriff weiterhin geduldig und friedvoll zu reagieren, wäre ja auch absurd.

Es geht demgemäß nicht nur um einen einfachen Krieg, sondern um einen gerechten Verteidigungskrieg bzw. um eine eingeschränkte Legitimation des Krieges, als Antwort auf den aggressiven Angriff.

„Und kämpft gegen sie"

Im Vers geht es weiter: „Und kämpft gegen sie, bis es keine Unterdrückung mehr gibt". Dies zeigt also, dass es vor dem Angriff Unterdrückung gab und die Muslime auch für die Gerechtigkeit und gegen die Unterdrückung (bzw. im Falle dieses Verskontextes gegen die Folter) kämpfen sollen. Es ist demgemäß ein Kampf für die Meinungsfreiheit bzw. für die Beendigung der Verfolgung/Unterdrückung.

Selbst im Falle des Verteidigungskrieges gibt es für die Beteiligten erhebliche Regelungen, welche sie zu beachten haben. Es ist verboten, einen Krieg aus Rachegelüsten und materiellen Vorteilen zu beginnen, im Krieg einen Wehrlosen bzw. Verletzten zu töten oder nach dem Krieg zu plündern.

Der Feind ist nur dann als Feind einzustufen, wenn er die Eigenschaften eines Kriegers besitzt. Den Verletzten helfende Frauen, religiös motivierende Geistliche oder Gefangene sind nicht zu berühren. Selbst das Zerfetzen von Leichnamen oder die üble Nachrede über die toten Feinde ist untersagt.

Auch ist das Töten von Tieren, die von Feinden als Transportmittel benutzt werden, und das Zerstören des Umfeldes, wie Plantagen oder Feldern, untersagt. Es geht insofern nur um eine Verteidigung.

In die Menge auf unschuldige Menschen zu schießen ist weder religiös, noch menschlich tragbar. Es ist einfach nur feige und grauenhaft!

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