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14/12/2016 17:03 CET | Aktualisiert 15/12/2017 06:12 CET

Nach dem Fall vom Aleppo: Niemand kann den Sieg für sich reklamieren

Aleppo ist nun unter der vollen Kontrolle der syrischen Armee und verbündeter Milizen. Der Konflikt wird das Leben der Syrer auf verschiedenen Wegen noch für viele Generationen beeinflussen. Dennoch wird der Kampf um Aleppo, der vor beinahe sechs Jahren begann, als wesentlicher Wendepunkt des Konflikts gesehen werden.

Obwohl das einzig sichere die Unsicherheit ist, versucht sich Samer Abboud, außerordentlicher Professor für Internationale Studien an der Arcadia Universität in Pennsylvania, USA, an einer kurzen Einschätzung über die jüngsten Ereignisse.

Im Mittelpunkt steht dabei auch die Frage, was die Wiederherstellung der Regierungskontrolle über Aleppo für die Zukunft Syriens bedeutet.

Eine Zusammenfassung von Abbouds Argumentation seht ihr im obigen Video.

Ist das das Ende des Krieges?

Viele Verteidiger des Regimes haben die Wiedereroberung von Aleppo bereits zum Ende des syrischen Krieges erklärt. Andere haben gesagt, dass es noch nicht das Ende ist, sondern tatsächlich der Anfang vom Ende.

Wir sollten jetzt solche absoluten Aussagen vermeiden. Diese sind mehr durch den politischen Willen getrieben als durch ernsthafte Überlegungen darüber, was Zerstörung und Leiden angerichtet haben.

Die Annahme eines Ende des Krieges suggeriert, dass die Kämpfe stoppen werden. Aber auch, dass das Regime die Fähigkeiten hat, ganz Syrien zu kontrollieren, sich sowohl in den Städten als auch auf dem Land zu behaupten, alle verbündeten Milizen zu kontrollieren und einen Wiederaufbau durchzuführen.

Doch das ist einfach nicht der Fall. Die Kämpfe halten weiterhin im ganzen Land an - auch in den Gebieten, die angeblich unter Kontrolle des Regimes stehen. Gewalt und Unsicherheit bleiben Teil des Alltags der Syrer.

Wie stehen die Chancen für eine politische Lösung?

Das Regime und seine Verbündeten, vornehmlich Russland und der Iran, haben keinerlei Interesse an multilateralen Friedensprozessen zur Beendigung des Konflikts gezeigt.

Dies war zweifellos der Fall, als es noch eine stärker konsolidierte militärische Patt-Situtation gab - und es wird sicherlich auch künftig der Fall sein, wenn das Regime die Kontrolle über ehemalige, von Rebellen gehaltene Gebiete behauptet.

Multilaterales und internationales Engagement wird auch in Syriens Zukunft extrem unwahrscheinlich, jetzt noch mehr als jemals zuvor.

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Stattdessen vertraute das Regime und seine Verbündeten auf lokale Waffenstillstände und Vereinbarungen als Mechanismen der Aussöhnung und des Dialogs - obwohl sie eher das Gegenteil sind und primär als Fassade dienten.

Diese Übereinkünfte beschränkten sich auf die Bewegung von Kämpfern und Zivilisten außerhalb von umkämpften Gebieten und beinhalten weder einen Rückgriff auf eine politische Lösung noch auf Versöhnung. Wir befinden uns in einer Situation, in der die Politik des Friedens aufgezwungen und nicht ausgehandelt wird.

Die Ereignisse in Aleppo haben das Regime und seine Verbündeten ermutigt. Denn es bewies, dass eine militärischen Lösung, vor vielen Jahren begonnen, möglich ist.

Es besteht kein Zweifel, dass das eine kurzsichtige und zerstörerische Sichtweise ist. Es ist außerdem eine, in der ein ernsthaftes Engagement für eine politische Lösung unmöglich entstehen kann.

Wird die Gewalt zurückgehen?

Die Gewalt, die Aleppo in großem Maßstab zugefügt wurde, wird sich in naher Zukunft kaum verringern. Stattdessen wird sie sich einfach auf andere Gebiete verlagern.

Erstens existieren noch immer Widerstandsnester von bewaffneten Rebellen in der Stadt. Es ist unwahrscheinlich, dass sie ihre Angriffe auf zivile und militärische Ziele, trotz ihrer erschöpften Kapazitäten, stoppen werden. Das ist ebenso der Fall in Hama und Homes. Dort dauert die Gewalt nach wie vor an.

Zweitens regt sich besonders in von Rebellen gehaltenen Gebieten, in Idlib, Rakka, in Ost-Ghuta und im Hinterland von Hama, noch immer Widerstand. Diese Territorien werden wahrscheinlich schon bald von regimetreuen Streitkräften ins Ziel genommen.

Mit dem "Erfolg" von Aleppo und dem noch frischen Rausch des Sieges ist es unwahrscheinlich, dass das Regime und seinen Verbündeten ein anderes Szenario als fortwährende Gewalt auf diese Gebiete und ihre Zivilbevölkerung anwendet.

Drittens stellt die Wiedereroberung von Palmyra durch den Islamischen Staat sicher, dass die internationale Gemeinschaft ihre Gleichgültigkeit und stillschweigende Unterstützung - ungeachtet ihrer humanitären Erklärungen - gegenüber der russisch geführten Intervention beibehalten wird.

Die Beharrlichkeit bewaffneter Gruppen und nachhaltige Luftangriffe bedeuten schlicht und ergreifend, dass die Gewalt in Syrien nun neu verpackt aber in verschiedenen Formen fortgesetzt wird.

Den Syrern wird weder die großen Schrecken von Aleppo noch die Belagerungen ihrer Dörfer und Städte erspart bleiben.

Wer hat die Macht in Syrien?

Das Regime hat sich nicht nur auf die russische Luftunterstützung verlassen, sondern war auch von der Hilfe tausender Milizen auf dem Boden abhängig. Letztere wurden aus allen Bereichen des syrischen Lebens und der gesamten Region rekrutiert.

Diese Milizen unterstehen keinem zentralen Befehl. Geschweige denn, dass sie einzig dem Regime - oder was davon übrig ist - treu sind. Beliebte Darstellungen der regimetreuen Milizen zeigen, dass ihr Kampf eine ideologischer und politischer ist.

Es lässt sich aber auch erahnen, dass andere Motivationen, wie wirtschaftliche Gründe, sie zur Gewalt treiben. Die Milizen operierten oftmals unabhängig von jeglichen Kommandos.

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Da die regimetreuen Kräfte größere Teile des syrischen Territorium kontrollieren und die Milizen für die Kontrolle verantwortlich sind, werden Warlords weiterhin bestehen bleiben - und Konflikte innerhalb der Miliz wahrscheinlich zunehmen.

In der Zwischenzeit werden das syrische Regime und seine Anhänger von den Ereignissen in Aleppo ermutigt werden. Sie werden versuchen diesen Augenblick zu nutzen, um ihren politischen und militärischen Willen in ganz Syrien zu behaupten.

Die Anwesenheit von so vielen Milizen und vielfältigen regionalen Interessensgruppen könnte die Brutstätte für weitere Konflikte, anstatt für eine Zusammenarbeit sein.

Hat Assad den Krieg gewonnen?

Trotz seiner Bedeutung innerhalb des Konflikts, die Kontrolle über Aleppo durch regimetreue Kräfte wird kein Ende der Gewalt bringen.

Dass die Rückeroberung als Sieg zelebriert wird, signalisiert einen moralische und politische Unbeholfenheit. Es ignoriert auch, dass die Bedingungen für die anhaltende Gewalt und Unsicherheit - die vielfältig sind - im ganzen Land fortbestehen werden.

Es gibt keinen ernsthaften Weg, bei dem wir der einen oder anderen Seite den Sieg zuschreiben könnten - zumindest nicht ohne Sieg als Triumph oder Niederlage auf dem Schlachtfeld zu definieren.

Niemand kann im Zusammenhang mit solch intensiven menschlichen Leidens und des Ausuferns von Gewalt als Sieger aus dem Konflikt hervorgehen. Alle Konfliktparteien waren diesen Faktoren ausgesetzt.

Diejenigen, die das Ergebnis von Aleppo feiern, verstehen den Konflikt nur als binäres Ereignis, in dem nur zwei Seiten verstrickt sind: regimetreue Anhänger und Oppositionelle.

Doch die Realität ist weit komplexer als das.

Während die militärische Situation nahelegt, dass die regimetreuen Kräfte die Oberhand haben, war dies nur mit enormen Kosten für das menschliche Leben und der physischen Infrastruktur möglich. Zudem ist auch die Möglich- und Machbarkeit einer tragfähigen politischen Einheit, mit Mitgliedern dieses Regimes an der Spitze, verbaut.

Wir sind somit sprichwörtlich mit dem Sieg einer Schlacht auf Kosten eines größeren Krieges konfrontiert. In der Tat könnte das syrische Regime große Teile des Landes von Rebellen befreien, wie sie es in Aleppo taten - aber zu welchem Preis?

Durch eine übermäßige Abhängigkeit von regionalen Unterstützern erreichte man die Zerstörung des Landes, das Zerreißen seines soziales Gefüges und bewirkte dadurch eine langfristige Generationenkrise mit unvergleichlichem Trauma. Nach all dem kann niemand den Sieg für sich beanspruchen.

Der Beitrag ist zuerst auf Al Jazeera erschienen. Er wurde von Marco Fieber aus dem Englischen übersetzt.

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