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02/07/2015 04:19 CEST | Aktualisiert 02/07/2016 07:12 CEST

Europas Flüchtlinge und die Inseln der Tränen

Avaaz


"Alles was ich mitnehmen konnte, waren meine Tränen, sonst nichts", sagt Mohammed, ein 28-jähriger Geschichtslehrer aus Syrien. Während er seine Augen trockenwischt, erzählt er mir, wie er mit seinem zwölfjährigen Bruder aus Kobane geflohen ist, als der IS im Begriff war, die Stadt zu zerstören.

Jetzt ist er auf der griechischen Insel Kos und lebt mit fast 400 anderen Flüchtlingen in einem verlassenen Hotel. Die Räumlichkeiten sind ruhig, aber überfüllt mit Menschen, die auf die nächste Etappe dieser schrecklichen Reise warten, die sie weit weg bringen soll vom Blutbad in ihrer Heimat. Sie sind mit nichts gekommen als der Kleidung am Leib und dem Trauma der Dinge, die sie gesehen haben. Wie Schlafwandler gehen sie morgens am Hafenkai entlang, um die nötigen Papiere zu bekommen, die sie für ihre Weiterreise nach Athen brauchen.

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Das Mittelmeer ist überfüllt mit Menschen, die vor den Schrecken ihrer Heimat fliehen und in einem Land am Rande des Staatsbankrots landen. Allein an dem Tag, an dem ich dort war, wurden fast 1.000 Menschen an die Touristenstrände der griechischen Inseln gespült. Für die meisten ist die Entscheidung klar: Entweder bleiben und Zeuge werden, wie die eigenen Kinder im Bombenhagel sterben oder sie in ein Boot setzen und sich zusammen auf die möglicherweise tödliche Reise ins Ungewisse begeben.

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„Jeden Tag hatte man Angst, dass irgendwas aus dem Himmel auf einen niederfällt", sagt Sawsan, eine junge syrische Mutter, die ihren einjährigen Sohn dabei hat. „Wir wollten nie weg, wollten nie eine Belastung für irgendwen sein. Aber wir konnten nicht bleiben, wir mussten uns einfach wieder in Sicherheit fühlen." Geschichten wie ihre wiederholen sich tausendfach auf den unzähligen Booten, die auf dem Mittelmeer treiben - Hoffnung auf Sicherheit für ihre Familien, gemischt mit der tristen Sehnsucht nach der Heimat und der Angst um diejenigen, die sie zurücklassen mussten.

Griechenland könnte für diese Krise nicht schlechter aufgestellt sein: Ohnehin schon eines der ärmsten Länder Europas am Rande des Euroaustritts muss es neben der Finanzkrise, die viele Griechen in Armut getrieben hat, die schlimmste Flüchtlingskrise seit dem Zweiten Weltkrieg bewältigen. Dieses Jahr haben bereits jetzt sechs Mal mehr Flüchtlinge die Überfahrt gewagt als im Jahr 2014. Der kranke Mann Europas muss die größte Bürde tragen und auf den äußersten Inseln des Landes sind freiwillige Bürger die Einzigen, die sich um die verzweifelten Ankömmlinge kümmern, ihnen Unterschlupf und Essen organisieren.

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„Wir können das nicht ewig machen", sagt Giorgios, ein Freiwilliger der Kos Solidarity Group. „Aber wir können auch nicht Nichts machen". Zusammen mit dort lebenden Lehrern und Freunden, die allesamt von der griechischen Finanzkrise betroffen sind, hat er eine Unterkunft für die Flüchtlinge organisiert. Zudem verteilt die Gruppe täglich Essen, das in den Hotels übrig bleibt.

Auf der kleineren Insel Leros sieht die Situation ähnlich aus. Eine ehemalige Richterin, auf der Insel bekannt als Mama Matina, hat eine bemerkenswerte Kampagne des Mitgefühls für Flüchtlinge ins Leben gerufen. Nachdem die griechische Küstenwache Flüchtlingsboote zurück Richtung türkisches Festland gedrängt hat, woraufhin zahlreiche Frauen und Kinder ertrunken sind, hat sie ihre Freunde und Nachbarn um sich geschart, um zu helfen.

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Matina hilft einerseits denen, die jeden Tag ankommen und ruft andererseits auch Regierungen auf, endlich mehr zu tun: „Die UN hat davor gewarnt, dass das passieren würde, aber die Welt hat nichts unternommen. Wir brauchen endlich eine Lösung. Als erstes müssen wir die Kriege stoppen, aber wir müssen die Menschen auch menschenwürdig behandeln". Inmitten des drohenden Staatsbankrotts scheint hier die Solidarität und Güte der Menschen in Griechenland durch.

Vergangenes Wochenende konnten wir Giorgios und Matina im Rahmen der Avaaz-Hilfsmission so profane Dinge wie Schlafsäcke, Zahnpasta, Seife und Binden für all die Familien geben, die von den Booten kommen. Diese Hilfslieferung war Teil der riesigen Citizens for Sanctuary Kampagne, für die Menschen auf der ganzen Welt außerdem 500.000 US-Dollar gespendet haben, um die effektivste private Seerettungsmission im Mittelmeer zu unterstützen.

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Tausende in Frankreich, Deutschland, Italien, Griechenland, Malta und Großbritannien engagieren sich und haben sich freiwillig gemeldet, um Flüchtlingen zu helfen - sei es beim Verteilen von Hilfsgütern oder durch das Anbieten eines Schlafplatzes. Von Matina auf Kos bis zu den Avaaz-Mitgliedern in ganz Europa, die Menschen haben ihre Herzen und auch ihre Portemonnaies geöffnet und mittlerweile fordern mehr als 420.000 Europäer ihre Staats- und Regierungschefs zum Handeln auf.

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Aber eine umfassende Lösung für diese Notlage kann nur von unseren Regierungen kommen. Während Europa sich im Tauziehen mit der griechischen Regierung über deren mehr als heikle Finanzlage befindet, wurde die Auswirkung der Flüchtlingskrise auf Griechenland kaum thematisiert.

Es ist schon bittere Ironie: Europa fordert von Griechenland, mit weniger Geld mehr zu erreichen und gleichzeitig setzt der Stillstand der Flüchtlingspolitik die griechische Regierung und das griechische Volk zusätzlich unter Druck. Dass die Flüchtlinge überhaupt Hilfe bekommen, ist in erster Linie ein Ausdruck der Großzügigkeit der Menschen im krisengeschütteltsten Land Europas.

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Während sie von Griechenland die Rückzahlung der Notkredite fordern, die aufgenommen wurden, um die griechische Wirtschaft am Laufen zu halten, weigern sich Großbritannien, Dänemark, Frankreich, Spanien und einige Nationen in Osteuropa, einen gerechten Anteil an Flüchtlingen aufzunehmen, die jeden Tag zu Hunderten an Griechenlands Stränden ankommen. Schlimmer noch, Ungarn baut momentan einen riesigen Zaun entlang seiner Grenzen. Das alles ist ein schwerwiegender Verrat an Europas humanitären Werten.

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Für Griechenland und Italien kann ein Verhandlungsdurchbruch gar nicht früh genug kommen. Allein dieses Jahr sind bereits 100.000 Flüchtlinge an den südlichen Küsten Europas angekommen. Laut UN führen die verschiedenen Konflikte dieses Jahr zu einer Rekordanzahl an heimatvertriebenen Menschen. Diese Krise wird sich auf absehbare Zeit nicht in Luft auflösen.

Zum Glück wurden wenigstens Such- und Rettungsmissionen, die letztes Jahr über 160.000 Leben gerettet haben, wieder aufgenommen. Der Gipfel in Brüssel hat aber gezeigt, dass der Fokus anscheinend auf dem Verschließen von Grenzen und der Zerstörung von Schmugglerbooten liegt, während die Verhandlungen über die Verlegung und Umsiedlung von Flüchtlingen nicht vorankommen. Sichere und legale Routen in die EU sind der beste Weg die Zahl derer zu verringern, die ihr Leben riskieren.

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"Europa muss sein Herz öffnen, eine langfristige politische Lösung finden und aufhören so zu tun, als ob wir diese Krise einfach im Dunkeln lassen könnten", sagt Panos, Lehrer und Flüchtlingshelfer auf Leros. Zehntausende Menschen, die die Flüchtlingsboote für sicherer als ihre Heimat hielten, werden sich das gleiche wünschen.

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Sam Barratt ist Kampagnendirektor bei Avaaz. Um mehr über die Arbeit von Avaaz zu erfahren, klicken Sie auf www.avaaz.org.


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