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09/04/2016 08:05 CEST | Aktualisiert 10/04/2017 07:12 CEST

Meine Begegnungen mit Ezîden

Seit August 2014 haben wir viel über die Ezîden erfahren. Der Völkermord, den die Daesh (IS) verübt hat, hat das Augenmerk auf die Minderheit im Nahen Osten gelegt. Die Terrorgruppe betrachtet die Ezîden als Ungläubige. Sie wurden verfolgt, ermordet und erbarmungslos hingerichtet.

In Deutschland haben wir plötzlich bemerkt, dass es eine Gruppe unter uns, die nicht muslimisch ist und aus dem Nahen Osten stammt. Innerhalb der Migranten war diese religiöse Volksgruppe schon immer bekannt. Die Ressentiments über die „Teufelsanbeter" halten sich bis heute. Besonders die streng muslimische Community kann wenig der ezdîschen Theologie anfangen.

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Ezîden auf der Flucht vor Daesh (IS) Shingal August 2014

(Foto: Reuters)

Vorsicht vor den neuen Mietern

Meine erste Erfahrung in Deutschland habe ich in meiner Kindheit erlebt. Wir hatten ezidîsche Mieter im Haus. Sie sprachen das selbe kurdisch, wie meine Familie. Die anderen Nachbarskinder baten mich um Vorsicht, vor den neuen Mietern. Das seien nicht Kurden, wie wir. Ich verstand nicht ganz worauf sie hinaus sollten.

Später in der Schule erfuhr ich von unseren arabischen Nachbarn, dass sie "die Kinder vom Teufel waren". An gleichen Tag ging ich zu meinem Vater und frage Ihn:" Warum mögen die Nachbarn unsere neuen Mieter nicht"? Mein Vater schaute mich etwas verdutzt an und sagte mir, dass ich die falschen Freunde hätte und sie nur das nachsprechen, was ihre Eltern ihnen sagen. Am nächsten Abend versammelte sich eine Reihe von Nachbarn bei uns Zuhause.

Es wurde Cay (Tee) getrunken. Ich schlich mich rein und hörte aufmerksam zu. „Warum lässt du Ezîden in deiner Wohnung wohnen?" Fragte ein Nachbar meinen Vater. Mein Vater war sichtlich geschockt von der Frage. Er bitte ihm mit diesen rassistischen Aussagen zu lassen und fuhr mit seiner Argumentation fort.

"Als erstens geht es euch nichts an, an wem ich meine Wohnung vermiete. Schämt Ihr euch für diese Menschen? Das sind genau so Menschen und Kurden, wie wir auch!" Anschließend schmiss er allesamt raus. So hörte ich das erste Mal das Wort Ezîden und begriff, wie sehr sie unter Generalverdacht stehen.

Die Deutschen lernten die Ezîden erstmals durch Karl May kennen. In den ersten beiden Bänden von Karl Mays Orientzyklus, spielen die Ezîden eine zentrale Rolle. Er beschreibt sie als unterdrückte Minderheit und ging ausführlich auf ihren Glauben ein. Kara Ben Nemsi nimmt die "Ezidi" gegen die Vorurteile seines Begleiters Hadschi Halef Omar, der sie "Teufelsanbeter" nennt, in Schutz. Die Bänder wurden im 19 Jahrhundert veröffentlicht.

Das Bild über Ezîden hat sich durch den Völkermord innerhalb der Migranten nicht wirklich verändert. Der Vergleich mit dem Antisemitismus ist nicht sehr weit hergeholt. Immer wieder wird dem Ezîden, die Schuld an seinem Ressentiments gegeben. Die Verbrechen werden runter gespielt. Es wird damit relativiert, dass nicht nur Ezîden, die Opfer sind. Das mag stimmen, aber sie werden umgebracht, ausschließlich wegen der Konfession.

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Lalish ist das zentrale Heiligtum der Eziden

(Foto Salahdin Koban)

Im vergangen Oktober besuchte ich Lalish. Lalish ist der heiligste Ort der Ezîden und Zentrum der Schöpfung. Der Ort ist ca. 60 Km von Mossul entfernt. In vielen Gesprächen bemerkte ich die Angst und den starken Wunsch, nach einer sicheren Heimat. Wir müssen heute die Entscheidungen für morgen treffen, da in der Vergangenheit dieser Punkt versäumt wurde.

Ein gesonderter politischer Status für die religiöse Minderheit, wird nach dem Krieg auf dem Tagesordnung stehen. Für mich verlief der Aufenthalt in Lalish sehr spirituell. Ich nutze die Möglichkeit und machte alle religiösen rituale mit. Zurück in Deutschland bekam ich einige Nachrichten im Sozialen Netzwerk, die mich erneut irritiert haben. Nachrichten wie: „Wie konntest du nur Lalish besuchen?" Ich entschied mich, dass selbe zu tun, wie mein Vater. Ich nutze die Moderne Form des „Rausschmiss" und blockierte alle Personen, die mir solche Nachrichten schickten.

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