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01/11/2015 06:41 CET | Aktualisiert 01/11/2016 06:12 CET

Medizin: Warum ganz Deutschland ein Problem hat

We Have A Drug Problem! Und wir wissen es noch nicht einmal.

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Ja, auch Du hast ein Drogenproblem, von dem du bisher überhaupt keine Ahnung hattest.

Alle Menschen sind davon betroffen, manche mehr und manche weniger, aber keiner ist ausgeschlossen!

Hier ist aber nicht die Rede von Drogen wie Heroin, Kokain, chemischen Mischungen wie LSD oder Extasy, noch nicht einmal normale Zigaretten oder Alkohol sind gemeint.

Nein, das Problem, das wir haben, das sind stinknormale Medikamente, ja, die aus der Apotheke.

Denn, die meisten unserer Medikamente werden an Universitäten entwickelt und dort patentiert, um danach von Pharmakonzernen entwickelt und in klinischen Studien getestet zu werden. Die Universitäten betreiben Grundlagenforschung, sind jedoch nicht im Stande alleine Medikamente zu entwickeln. Dies können nur große, private Pharmakonzerne bewerkstelligen und genau hier liegt unser Drogenproblem.

Welche Entdeckungen jedoch von Pharmakonzernen zu Medikamenten weiterentwickelt werden, wird nämlich größtenteils vom Markt gelenkt. Das bedeutet, dass Medikamente nicht patientenorientiert entwickelt werden, sondern dass das Abnehmerpotential vordergründlich entscheidet.

Dies führt dazu, dass für bestimmte Krankheiten, die in armen Weltregionen vorsätzlich ihr Unwesen treiben, oder an denen meist Menschen mit geringen finanziellen Mitteln leiden, nur sehr wenig bis gar keine Arzneimittel entwickelt werden, da den potentiellen Abnehmern das Geld fehlt, um die Kosten für die Entwicklung plus Profite zu decken, sprich die Medikamente letztendlich kaufen zu können.

Auf den Punkt gebracht: Diese Patienten stellen keine profitable Klientel dar.

Somit entsteht ein Ungleichgewicht der verfügbaren Diagnostika und Medikamente zur Behandlung verschiedener Erkrankungen in der Welt, nach der Differenzierung zwischen „arm" und „reich". Das Angebot an Präparaten wird hierbei nicht von der globalen Krankheitslast, also der Nachfrage, sondern viel mehr von den Gewinnaussichten bestimmt.

Dies führt zur systematischen Vernachlässigung einiger Krankheiten, mit zum Teil erschütternden Auswirkungen, sowohl auf den einzelnen Patienten, als auch auf ganze Gesundheitssysteme.

Können wir es uns leisten Infektionskrankheiten zu vernachlässigen?

Profitbringende Bereiche sind beispielsweise Erkrankungen, die hauptsächlich in der westlichen Hemisphäre auftreten, Weiterentwicklung und Kombination bereits existierender Präparate, Lifestyle-Medikamente, sowie Medikamente für chronische Erkrankungen, die zu jahrelanger Einnahme von Medikamenten führen, beispielsweise Blutdrucksenker. Betrachtet man im Kontrast dazu Antibiotika, ergibt sich ein gänzlich anderes Bild:

Die Einnahmedauer eines Antibiotikums liegt meist nur bei einigen Wochen, häufig sind Patienten im globalen Süden betroffen und es besteht stets die Gefahr, dass sich Resistenzen bilden, die das Medikament innerhalb weniger Jahrzehnte unbrauchbar machen. Dies hat inzwischen dazu geführt, dass seit 1987 kein neues Antibiotikum mehr entwickelt wurde.

Generell ist vor allem im Bereich der Infektionskrankheiten seitens der Pharmakonzerne das Interesse am Vertrieb von Arzneimitteln niedrig, da sie in wohlhabenden Weltregionen derzeit noch selten anzutreffen sind, eine Tatsache, die sich in Zukunft durchaus ändern könnte, denn schon zunehmende lange Krankenhausaufenthalte mit schlechten Hygienestandards oder auch die Massentierhaltung können die Entstehung multiresistenter Keime begünstigen. Und unsere derzeitigen Antibiotika reichen in vielen Fällen nicht mehr zur Bekämpfung derartiger Infektionen aus.

Zur Bekämpfung der zunehmenden Problematik multiresistenter Keime in Krankenhäusern werden derzeit vor allem Hygienerichtlinien überarbeitet und Ärzte im besseren Umgang mit den verfügbaren Antibiotika geschult. Dies kann jedoch nur kurz- bis mittelfristig helfen.

Anstatt uns von solchen sicher lobenswerten Initiativen die Lösung des Problems zu versprechen sollten wir uns fragen: "Anstatt nur darüber nachzudenken besser mit den vorhandenen Antibiotika umzugehen - Sollten wir nicht auch über bessere Wege der Erforschung neuer Wirkstoffe nachdenken?"

So wurden beispielsweise innerhalb der letzten 50 Jahre ganze 14 neue Medikamente gegen Heuschnupfen entwickelt, gegen Tuberkulose hingegen nur zwei. Besonders in Anbetracht steigender Patientenzahlen mit multiresistenter Tuberkulose und dem "Aufstieg" der Tuberkulose zur häufigsten infektiösen Todesursache neben HIV/AIDS eine absurde Situation! Während selbst Ebola innerhalb von zwei Jahren 11.000 Tode verursacht hat, sterben an Tuberkulose heute schon 4000 Menschen jeden Tag!

Wie am Beispiel der Tuberkulose aufgezeigt, stellen viele weitere Krankheiten, allen voran tropische- und armutsassoziierte Leiden nicht die nötigen finanziellen Anreize für Pharmaunternehmen zur gezielten neuen Medikamentenentwicklung dar.

Solche Krankheiten sind beispielsweise Malaria, Trachom, Flussblindheit, Dengue-Fieber und viele weitere. Diese Krankheiten werden oft unter dem Begriff vernachlässigte Krankheiten, oder auch Neglected Diseases zusammengefasst.

Die Profitorientierung der Medikamentenentwicklung führt hier klar zu einem Marktversagen, wie Bundeskanzlerin Angela Merkel immerhin richtig erkannt und auf dem G7-Dialog Forum geäußert hat: "Viele Krankheiten werden bislang vernachlässigt, weil hierbei ein klassisches Marktversagen vorliegt. Nicht zuletzt müssen wir Anreize zur Erforschung und Produktion von Medikamenten und Impfstoffen gegen vernachlässigte Krankheiten setzen."

Wo genau liegt also das Problem?

Kann man Universitäten und Pharmakonzerne die Verantwortung für diese Situation geben? Sicher nicht, denn die Verantwortung für diese Missstände liegt eben nicht bei den Hochschulen, und sie liegt auch nicht wirklich bei den Pharmakonzernen, die als freie Handelsteilnehmer vor allem wirtschaftsorientiert arbeiten müssen, um bspw. teure klinische Studien zu bezahlen.

Nein, das ist das 1x1 der Mikroökonomie. Verantwortlich für die genannten Probleme ist das System des Marktes, in dessen Ausrichtung am Profit keine wirkliche Verbesserung oder Erweiterung der Sachlage denkbar ist.

Nur eins ist klar: Die derzeitige Situation ist moralisch inakzeptabel, nicht nachhaltig und stellt in Zeiten zunehmender Globalisierung eine massive Bedrohung weltweiter Gesundheitssysteme dar.

Dieser Meinung ist auch Philipp Frisch, verantwortlich für die "Kampagne für den Zugang zu unentbehrlichen Medikamenten" von Ärzte ohne Grenzen e.V./ Medecins Sans Frontieres: "Was wir brauchen ist ein Forschungssystem, das die Prioritäten tatsächlich im Interesse der PatientInnen setzt und nicht im Gewinninteresse der Industrie. Die Verfügbarkeit lebensnotwendiger Medikamente darf keine Frage der Kaufkraft sein."

Global gedachtes Abkommen als Lösung

Die Rede ist hier von einer alternativen Finanzierungsoption, die durch eine supranationale Kooperation in einem unabhängigen Organ der World Health Organization (WHO) entstehen könnte.

Mit dieser Idee kam vor einiger Zeit eine von der WHO 2010 beauftragte Expertengruppe namens „Consultative Expert Working Group on Research and Development: Financing and Coordination", kurz CEWG auf.

Das von ihnen vorgestellte „Research & Development Treaty", auch als R&D-Treaty bekannt, gilt als innovative Idee zur zukünftigen Instandsetzung eines Abkommens, das die WHO-Mitgliedsstaaten hauptsächlich dazu auffordert, 0,01% ihres Bruttoinlandsproduktes als Investition in die Forschung und Entwicklung von Medikamenten für „Neglected Diseases" zur Verfügung zu stellen.

Mit einer solchen alternativen Finanzierungssäule wäre es also ohne weiteres möglich, unser Drogenproblem zu lösen und millionenfach Leben zu retten, Krankheiten zu bezwingen und zukünftige globale Gesundheitskrisen präventiv zu vermeiden. Auch würde ein derartiges Abkommen den Austausch wissenschaftlicher Erkenntnisse verbessern, für faire Medikamentenpreise und die Analyse globaler Forschungsprioritäten sorgen.

Dazu Thilo von Groote, Medizinstudent und Mitglied der "Universities Allied for Essential Medicines" (UAEM): "In einer Zeit zunehmender Globalisierung und Vernetzung müssen auch Gesundheitsproblematiken global gedacht werden, denn Krankheiten hören nicht an Grenzen auf.

Das von der WHO-Expertenkommission vorgeschlagene Forschungs- & Entwicklungsabkommen stellt eine effektive, nachhaltige und gerechte Plattform zur Bekämpfung der jetzigen, sowie zukünftigen gesundheitsassoziierten Probleme dar."

Das Research and Development Treaty könnte beispielsweise folgende Eckpunkte behandeln:

Dauerhafte staatliche Finanzierungsmechanismen für die Forschung und Entwicklung in Bereichen, die aufgrund mangelnder Profitanreize vernachlässigt werden, beispielsweise Infektions- oder Tropenkrankheiten

Alternative Lizenzierungsmechanismen, die die Forschungskosten vom späteren Medikamentenpreis entkoppeln (Prinzip der "De-Linkage") und somit Patienten einen

Zugang zu lebenswichtigen medizinischen Innovationen ermöglichen

Ausrichtung der Forschungsprioritäten anhand wissenschaftlicher Analyse,

somit verstärkte Ausrichtung an der globalen Krankheitslast.

Offenere Wege des Umgangs mit geistigem Eigentum zwischen Forschungseinrichtungen um Duplikation und Geheimhaltung zu verhindern und so schnellere Forschungsfortschritte zu erzielen

Allerdings gibt es ein weiteres Problem und das ist politischer Natur!

Ende 2012 wurde nämlich in einem „Open-Ended Meeting" der WHO-Mitgliedsstaaten erstmals über die Empfehlung der CEWG über das R&D-Treaty diskutiert. Diese Gespräche, die eigentlich zu einem möglichen Antragsentwurf hätten führen sollen, wurden jedoch vor allem durch Europa und die USA abgeblockt und auf 2016 vertagt.

Im Jahr 2016 wird es somit ein weiteres und finales „Open-Ended Meeting" geben, das vor der eigentlichen „World Health Assembly" (WHA) der WHO-Mitgliedsstaaten stattfinden wird. Bei diesem Treffen werden die Teilnehmer entscheiden, ob die Staaten Verhandlungen über das R&D-Treaty aufnehmen werden.

Viele Entwicklungsländer befürworten das Zustandekommen der Verhandlungen über dieses Abkommen für alternative Forschungsfinanzierung. Allerdings befürchten viele Gesundheitsexperten, dass es abermals zu einer Vertagung und Nichtbehandlung kommt, die von Deutschland und den USA initiiert wird.

Deutschland hielt sich, neben dem eigentlich zustimmenden Kommentar von Kanzlerin Merkel, bisher größtenteils bedeckt in Sachen einer klaren Positionsbeziehung und trug die europäische Aufschiebung mit, zu vermuten gilt jedoch, dass vor allem das Bundesministerium der Finanzen abgeneigt sein könnte, ein R&D-Treaty zu verabschieden, da es eine Haushaltsumverteilung von 0,01% des BIPs bedeuten würde, die, auch in Hinsicht auf die „schwarze Null", ein Dorn im Auge des Ministers sein könnte.

Wer jedoch letztlich für Deutschland das letzte Wort spricht und wieso das Bundesministerium der Gesundheit sich noch nicht einmal öffentlich positioniert, bleibt fraglich.

Hilf mit unser Drug problem zu lösen!

„Universities for Allied Medicines" (UAEM) und „Ärzte ohne Grenzen" (MSF) fordern hierbei die bedingungslose Aufnahme von Verhandlungen über das Forschungs- & Entwicklungs-Abkommen. "Das Abkommen ist eine einmalige Chance, die Deutschland nicht verpassen, geschweige denn blockieren sollte. Ärzte, Studierende, Forscher und die Zivilgesellschaft sollten sich gemeinsam für das Zustandekommen des Abkommens stark machen. Von unseren Politikern fordern wir, sich primär für das Wohl der Menschen einzusetzen", so Thilo von Groote (UAEM).

Ist es nicht an der Zeit, dass Forschung und Medikamentenentwicklung nicht nur marktorientiert, sondern auch patientenorientiert ermöglicht wird, insbesondere in Bezug auf „Neglected Diseases" und Infektionskrankheiten?

Sollten die WHO-Mitgliedsstaaten, allen voran die USA und Europa, diese Chance nicht wahrnehmen und sich frei nach Molière darüber bewusst sein, dass wir nicht nur verantwortlich sind für das was wir tun, sondern auch für das was wir eben nicht tun?

#uaem #medecinssansfrontieres #neglecteddiseasesdenkriegerklären

Unterstützen kann man die Initiative für das Zustandekommen des R&D-Treaty hier.

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