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30/05/2015 08:14 CEST | Aktualisiert 30/05/2016 07:12 CEST

14 weit verbreitete Irrtümer über die Psychotherapie

thinkstock.de

Hört man einen Freund sagen, er habe einen Arzttermin, so denken die wenigsten von uns, dass dieser Freund unglaublich reich, schwach oder gar verrückt sein muss. Ist es nicht das, was man tun sollte, wenn man sich verletzt hat oder sich nicht wohl fühlt?

Wenn aber jemand einen Therapeuten aufsucht, sind die meisten Menschen doch sehr vorschnell mit ihrem Urteil.

"Ich mache eine Therapie"

Ich spreche ganz offen darüber, dass ich eine Therapie mache. Doch obwohl meine Freunde und meine Familie fest hinter mir stehen und mich unterstützen, so stellen sie doch, genau wie die Menschen im Allgemeinen, Fragen oder lassen hier und da eine Bemerkung fallen, die mir zeigt, dass es doch nicht so normal oder landläufig akzeptabel ist, eine Therapie zu machen, wie ich gehofft hatte.

Ich weiß, dass meine Freunde und meine Familie es gut meinen, und ich weiß mich glücklich zu schätzen. Und doch gibt es diese eine Sekunde, zwischen der Aussage „Ich mache eine Therapie" und einer höflichen (aber oft uniformierten) Reaktion darauf, die mir zeigt, dass die Vorurteile immer noch existieren.

Vorurteile und falsche Vorstellungen

All die Fragen und Gedanken, die einem plötzlich durch den Kopf schießen, führen unweigerlich zu einer leichten Veränderung in der Haltung und einem Unbehagen, das sich in den Augen widerspiegelt.

Das Vorurteil lebt in der Dunkelheit dieser einen Sekunde, gemeinsam mit einer alles einnehmenden Angst, wenig Verständnis und einer allgemeinen Ignoranz. Ihre Komplexität muss gebrochen werden, damit wir von neuem beginnen und unsere Gedanken zu Therapien und geistiger Gesundheit noch einmal neu ordnen können.

Um also einmal ein bisschen Licht ins Dunkel zu bringen, möchte ich hier einige Punkte zu falschen Vorstellungen über Menschen, die eine Therapie machen, ansprechen, und hoffe, so auch ein Bewusstsein für dieses Thema schaffen zu können.

1. Wir sind schwach.

Tatsächlich ist es so, dass es eine Menge Mut und Stärke erfordert, diesen Schritt zu gehen. Oft haben mir Menschen gesagt, dass es doch sicher ganz nett ist, sich nur eine Stunde in der Woche mit seinen Problemen auseinanderzusetzen. Es ist ganz nett. Aber es ist auch die emotional anstrengendste Stunde der Woche.

Man muss offen dafür sein, sich mit jeder einzelnen Ecke des Kopfes und des Herzens zu befassen. Absolut offen für Ängste, Wahrheiten und Erfahrungen sein, um das meiste aus der Therapie herauszuholen.

Das erfordert Kraft. Kraft, seine eigenen emotionalen und geistigen Grenzen zu erkunden, in Richtungen geführt zu werden, die man sonst nicht einschlagen würde. Die Kraft zu lernen und ganz aktiv nach einem besseren Ort für sich zu suchen.

2. Wir sind verrückt.

Ganz gleich ob jemand, der eine Therapie macht, geistig nicht gesund ist oder einfach Hilfe sucht, um mit übermächtigen Gefühlen umgehen zu können: Verrückt ist niemals das richtige, angemessene Wort.

Es verstärkt lediglich die Vorurteile und führt dazu, dass manche Menschen niemals die Kraft finden, sich die Hilfe zu holen, die sie brauchen, um den Frieden zu finden, den sie verdienen.

3. Wir verschwenden unser Geld.

Wir alle geben Geld aus und setzen dabei unsere eigenen Prioritäten. Manche geben Geld für einen Personal Trainer aus, um körperlich fit zu sein.

Das Geld, das ich für meine Therapie ausgebe, sehe ich als eine Investition in meine Gesundheit und meine persönliche Entwicklung.

4. Wir sind reich.

Ja, so eine Therapie kann kostspielig sein, aber es gibt verschiedene Möglichkeiten, die Therapie zu bezahlen. Die meisten Therapeuten, soweit ich es in Erfahrung bringen konnte, stimmen einer Staffelung der Bezahlung zu, sollte die Versicherung keine Option sein.

Viele Firmen und Schulen bieten ihren Angestellten und Studenten und Schülern kostenlose Therapiestunden.

5. Wir haben kein gutes Netzwerk aus Freunden und Familie.

Eine Therapie zu machen geht manchmal mit der Vorstellung einher, dass derjenige über kein gutes soziales Netzwerk verfügt. Die Therapie ist kein Ersatz für eine Freundschaft, und der Therapeut ist kein Freund.

Freundschaften laufen in beide Richtungen, das kann manchmal zu einer etwas voreingenommenen Sichtweise, was Erfahrungen und Erlebnisse betrifft, führen. Die Therapie ist eine einseitige Beziehung zu einer Fachperson, die dir dabei hilft, deine Probleme zu bewältigen.

Weiter bedeutet es keineswegs, dass jemand, der eine Therapie macht, kein gutes Verhältnis zu seinen Eltern hat. Ja, wir erlernen schon früh gewisse Fähigkeiten, lernen grundlegende Dinge über Beziehungen, unsere Bedürfnisse und die Welt allgemein.

Aber nicht alles, was uns im Rest unseres Lebens widerfährt, lässt sich auf die Beziehung zu unseren Eltern zurückführen. Das bringt mich zu meinem nächsten Punkt...

6. Wir reden über dich.

Fragt nicht danach, was unser Therapeut über euch weiß. Wahrscheinlich werdet ihr nie überhaupt ein Thema sein, aber selbst wenn es so sein sollte, dann geht euch das nichts an. Stellt außerdem nie eure Gefühle in einer Unterhaltung zurück, macht sie nicht klein, indem ihr etwas wie „Du redest bestimmt mit deinem Therapeuten darüber, oder?" sagt.

Die Therapie ist ein heiliger Ort, an dem Menschen über ihre Gefühle und ihre Beziehungen zu wemauchimmer und wasauchimmer sprechen. Wenn wir das unserem Therapeuten gegenüber erwähnen, dann gibt es einen guten Grund dafür. Die Therapie ist kein Kaffee-Klatsch.

7. Es gab einen bestimmten Auslöser für die Therapie.

Veränderung wird meistens durch etwas bedingt. Ob es nun eine traumatische Erfahrung ist, oder eine Beziehung, die nicht mehr funktioniert. Oder ob man einfach mit dem täglichen Leben überfordert ist.

Es gibt viele Gründe dafür, weshalb sich jemand zu einer Therapie entschließt. Es gibt keine klare Liste mit Antworten, die stets parat ist und aus der man auswählen kann, eine Liste die einem das „OK" für die Therapie gibt.

Und es ist wichtig, sich vor Augen zu führen, dass die Gründe, weshalb man sich in Therapie begibt, dynamisch sind.

Eine bestimmte Erfahrung mag der Auslöser sein, aber im Laufe der Therapie kann sich etwas ganz anderes als Kern herausstellen.

8. Wir sind in einer „schwierigen Phase".

Man muss sich nicht zwangsläufig in einer „schwierigen Phase" befinden, um eine Therapie zu beginnen. Wie im vorherigen Punkt bereits angesprochen, gibt es für die Therapie meist einen Auslöser, aber es kann auch eine Anhäufung verschiedener Erfahrungen und Gefühle sein.

Ich bin eine glückliche, gesunde Frau Mitte 20, stehe mit beiden Beinen im Beruf und meine Beziehungen und Hobbies leiden nicht. Und jede Woche gehe ich glücklich in die Therapie.

Warum? Wie ich bereits schrieb, die Gründe für die Therapie sind dynamisch, und momentan bin ich der Meinung, dass es noch so viel gibt, dass ich über mich selbst lernen muss, z.B. wie ich mit bestimmten Gefühlen, Bedürfnissen und Situationen umgehen kann.

9. Es gibt einen bestimmten Zeitrahmen für die Therapie.

Es wird viel darüber diskutiert, was die angemessene Länge für eine Therapie ist. Ich persönlich bin seit sechs Monaten in Therapie, und es geht noch weiter. Ich bin mit meinem Therapeuten sehr zufrieden, aber ich denke, dass es einen Zeitpunkt geben wird, an dem ich nicht mehr ganz so häufig in die Therapiesitzungen gehen werde.

Ein Freund von mir war über zwei Jahre lang in Therapie, ein anderer nur zwei Monate. Zweimal die Woche, um eine traumatische Erfahrung zu verarbeiten. Die Länge der Therapie und die Häufigkeit der Sitzungen ist etwas, das man gemeinsam mit seinem Therapeuten ausarbeitet und dabei jederzeit die Möglichkeit hat, aufzuhören.

10. Wir können nicht loslassen.

Therapie ist kein Begriff dafür, die Vergangenheit nicht ruhen lassen zu können. Oft ist es notwendig, Dinge aus der Vergangenheit noch einmal hervorzuholen, um Schwierigkeiten im Hier und Jetzt zu bewältigen.

Das bedeutet jedoch nicht, dass wir in unserer Vergangenheit verankert sind. Es bedeutet lediglich, dass wir der Vergangenheit dann und wann einen Besuch abstatten müssen, um bestimmte aktuelle Verbindungen und tieferliegende Probleme vollends zu verstehen.

11. Du solltest Mitleid mit uns haben... oder Angst, oder ein anderes Gefühl hegen, dass Du nicht verspürt hättest, hättest Du nicht von der Therapie erfahren.

Das befeuert das Stigma, das der Therapie anhaftet, nur weiter. Behandle uns nicht anders, sieh uns nicht mit anderen Augen und rede nicht anders mit uns, nur weil wir zugegeben haben, eine Therapie zu machen.

Mit einem Therapeuten zu sprechen ist nichts, was einem unangenehm sein müsste. Sich von Fachleuten helfen zu lassen und sich Rat zu holen ist absolut in Ordnung.

Wenn Du aber etwas fühlen möchtest, dann sei stolz auf uns. Spende uns Applaus dafür, dass wir uns dazu entschlossen haben, an uns selbst und unserem geistigen Wohlbefinden zu arbeiten.

12. Wir nehmen Medikamente.

In unserer Gesellschaft hat sich die Vorstellung verfestigt, dass Menschen, die eine Therapie machen, meist auch Medikamente nehmen. Aber das stimmt nicht.

Nicht jeder, der sich Hilfe bei einem Therapeuten sucht, nimmt auch Medikamente. Ja, es gibt bestimmte Krankheiten, die dieses erforderlich machen, aber die Therapie hilft uns dabei, Probleme anzugehen und zu lösen und so ein glücklicheres, gesundes Leben zu führen.

13. Unser Therapeut sagt uns, was wir denken und tun sollen.

Antworte auf etwas, das wir erzählen, nie mit einem höhnischen „Oh, hat dir das dein Therapeut gesagt?". Eine Therapie zu machen bedeutet nicht, dass wir die Kontrolle über unsere eigenen Gedankenprozesse und Gefühle abgegeben haben.

Wir sind immer noch Menschen, die sich schlussendlich doch auf die eigenen Instinkte und das eigene Wissen verlassen, wenn wir Entscheidungen treffen.

Ein Therapeut hilft uns dabei, unsere Stärken zu entdecken, uns durch Schwierigkeiten zu helfen und uns dabei zur Seite stehen, ein gesünderes, glücklicheres Leben zu führen - ohne uns dabei zu sagen, was wir zu tun und zu lassen haben.

14. Unser Therapeut kann auch dir oder deiner Freundin helfen.

Auch wenn ich jeden, der sich Hilfe bei einem Therapeuten holen möchte, nur dazu beglückwünschen kann, so muss ich doch sagen, dass Therapeuten nicht in Einheitsgrößen geliefert werden. Es ist wichtig, Datenbanken zu konsultieren und sich genau zu überlegen, was man erreichen möchte.

Ich gebe zu, das ist nicht einfach. Einen Therapeuten zu finden ist sehr ermüdend und kann auf jemanden, der zögerlich an die Sache herangeht, einschüchternd wirken. Die meisten Therapeuten geben aber eine kurze Beratung und stehen einem anfänglichen E-Mail-Austausch offen gegenüber. So kannst Du herausfinden, ob der Therapeut zu dir passt.

Ich hoffe, dass ich mit dieser Liste von geläufigen Missverständnissen dazu beitragen kann, dass unsere Gesellschaft sich Hilfe sucht, wenn sie Hilfe braucht und möchte, und dass dieser Prozess frei von Vorurteilen ist. Und dass ich genauso locker darüber sprechen kann, den Termin bei meinem Therapeuten wahrzunehmen, wie den Termin bei meinem Arzt nächste Woche.

Dieser Artikel ist ursprünglich in der Huffington Post USA erschienen und wurde von Cornelia Lüttmann aus dem Englischen übersetzt.

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