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17/01/2017 14:50 CET | Aktualisiert 18/01/2018 06:12 CET

"Fühle mich zunehmend unerwünscht": Eine Deutsche in Großbritannien über die Zeit nach dem Brexit

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Als ich das erste Mal davon gehört habe, dass die Briten aus der EU austreten wollen, habe ich gedacht: Das ist Wahnsinn.

Vor vier Jahren bin ich aus Deutschland nach London gezogen, habe hier Freunde und einen Job gefunden. Ich habe die Britin für weltoffene Kultur schätzen gelernt.

Dass sie für den Brexit stimmen würden, habe ich nicht für möglich gehalten. Dass sich die Debatte so stark gegen Migranten richten würde, schon gar nicht.

Das hat sich bis heute, sechs Monate nach dem Votum, eher noch verschärft. Ich fühle mich in diesem Land zunehmend unerwünscht. Und ich mache mir immer größere Sorgen über meine Zukunft hier.

Daran hat leider die heutige Rede von Theresa May nichts geändert. Ganz im Gegenteil.

May ist jemand, der EU-Bürgern in Großbritannien gefährlich werden könnte. Als Innenministerin hat sie bereits eine harte Linie beim Thema Migration gefahren. Sie hat die außereuropäischen Einwanderungsregeln verschärft - und auch in ihrer Rede hat sie angekündigt, diesen Kurs fortzuführen.

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Enttäuschend ist, dass sie nur sehr, sehr wenig zu dem Status von EU-Ausländern in Großbritannien gesagt hat, also Menschen wie mich. Brauche ich also ein Visum? Wird es mir mein Arbeitgeber zahlen? Wie kann ich auf längere Zeit hierbleiben? Und wenn nicht, muss ich eventuell das Land verlassen?

Ich fühle mich die ganze Zeit schon wie zwischen zwei Stühlen. Auf der einen Seite ist es nicht das Schlimmste, etwa nach Berlin zu ziehen.

Auf der anderen Seite fühle ich mich hier wohl. Meine Karriere habe ich ausschließlich hier gemacht. Und eigentlich will ich an einem Punkt sein, indem meine Arbeit und mein Privatleben eine bestimmte Richtung eingeschlagen haben.

Der Brexit hat das unmöglich gemacht.

Die hässliche Seite der hässlichen Seite

Hinzu kommt, dass die seltsamen nationalistischen Strömungen und der Hass zugenommen haben. Der offene Rassismus durch den Brexit, er ist die hässliche Seite der hässlichen Seite.

Er richtet sich gegen EU-Einwanderer, vor allem gegen jene aus Osteuropa. Sie wurden während der Brexit-Kampagne als Sozialschmarotzer beschimpft, die Arbeitsplätze wegnehmen und die Kultur zerstören.

Mehr zum Thema: Theresa May kündigt harten Brexit an - aber betont: "Die EU muss ein Erfolg bleiben"

Schockiert hat mich der Fall des 40-jährigen Polen, der in Harlow im September von Ausländerfeinden zusammengeschlagen wurde und kurz darauf gestorben ist. So weit ist der Hass schon gekommen. Es trifft aber auch Franzosen, Spanier, Deutsche. Ob sie nun in Großbritannien zu Hause sind oder nur Urlaub machen, sie alle sind davon mehr oder weniger betroffen.

Ich merke davon zwar in London wenig. Ich wurde noch nie körperlich angegriffen. Die Menschen hier kommen aus allen Ecken der Welt, die meisten haben gegen den Brexit gestimmt und haben wenig für den Ausländerhass übrig.

Der Frust und die Furcht vor dem, was derzeit im Land passiert und vermutlich noch passieren wird, ist aber an jeder Ecke zu spüren. In den Pubs versuchen die Londoner, darüber zu lachen. Oder sie machen sarkastische Witze. Andere planen, wegzuziehen. Nur eines haben sie gemeinsam: Keiner weiß, wie es mit dem Land weitergeht.

Wer den Brexit kritisiert, wird als Volksverräter abgestempelt

Auch die Debattenkultur hat sich extrem verändert. Das merke ich vor allem in den sozialen Medien. Wenn ich den Brexit oder den Kurs von Theresa May kritisiere, werde ich als Volksverräterin abgestempelt. Das beunruhigt mich. Werden wir ein Land, in dem wir keine kritische Fragen mehr stellen dürfen?

Viele Briten sitzen gerade einem Trugschluss auf. Sie denken, dass mit dem Brexit schon alles gut gehen wird. Das zeigen auch die hohen Umfragewerte von Theresa May. Die Briten sind zufrieden mit ihrem Kurs.

Dabei hat der Brexit noch gar nicht begonnen. Die Folgen lassen sich noch gar nicht abschätzen. Die Leute sehen zwar, dass der Pfund auf- und abwertet - damit können die meisten aber nichts anfangen. Es dauert noch Jahre, bis sie die Folgen wirklich spüren werden. Etwa in ihrem Geldbeutel, auf dem Jobmarkt oder, wenn sie Urlaub machen.

Ich hoffe aber, dass die Menschen hier den Brexit gut überstehen werden. Niemand braucht eine Wirtschaftskrise - das würde die sozialen Spannungen, den Hass und Rassismus hier nur anfeuern.

Aufgezeichnet von Jürgen Klöckner.

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