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19/12/2015 12:18 CET | Aktualisiert 19/12/2016 06:12 CET

Seht es ein! Deutschland kehrt in die Steinzeit zurück

Es klingt vielleicht hart, aber wir erleben gerade eine Rückkehr zu steinzeitlichen Verhältnissen. Einige Menschen in Deutschland haben das Gefühl, nicht mehr dazuzugehören. Sie wollen das auch gar nicht, sie spalten sich ab. Sie bilden einen Stamm, ganz ähnlich wie unsere urzeitlichen Vorfahren.

Diese Menschen grenzen sich ab gegenüber "den anderen", also gegenüber Flüchtlingen, gegenüber den sogenannten Gutmenschen, gegenüber der deutschen Politik, gegenüber der Europäischen Union, gegenüber den USA. Einfach gegenüber allen.

Dieses Phänomen nennt man "Tribalismus". Tribalismus bedeutet, dass sich Menschen in Stämmen organisieren, statt sich als Teil einer größeren Gesellschaft zu sehen. Das ist eine Abkehr vom Weltbürgertum, von Internationalität und Globalisierung. Mit anderen Worten: ein Rückschritt in dunkle Zeiten.

Eine moderne Form des Stamms ist der Stammtisch. In Wirtshäusern halten sich Menschen an ihren Biergläsern fest. Schmetterndes Gelächter. Verschwörerisches Über-den-Tisch-Lehnen. Prankenschläge auf die Schultern des Sitznachbarn.

Menschen, die sich sonst kaum etwas zu sagen haben, liegen sich in den Armen. Es ist eine Gemeinschaft, die wohl nur bis zum verkaterten Erwachen am nächsten Morgen hält. Und natürlich fallen die Stammtischparolen. "Ich traue keinem Türken. Mit denen habe ich nur schlechte Erfahrungen gemacht." Oder: "Die da oben verarschen uns doch nur." Oder: "Homosexualität ist wider die Natur."

Mich erinnern Stammtische an das Ende von George Orwells "Farm der Tiere". Nachdem die Schweine die anderen Tiere des Bauernhofs unterjocht haben, sitzen sie im Esszimmer des Wohnhauses wie einst die Menschen.

Sie trinken Bier. Sie prosten einander zu, sie leeren gierig ihre Krüge. Sie lachen, stampfen mit den Hufen und feiern das Gebot, das sie erlassen haben:

"Alle Tiere sind gleich. Aber manche sind gleicher als die anderen."

Wir erleben nicht nur ein Erstarken der Stammtischkultur. Die Entwicklung hat alle Bereiche der Gesellschaft verändert. Man trifft sich bei Facebook, bei Demos, auf populistischen Portalen. Und arbeitet unaufhörlich daran, die Gewissheiten zu zersägen.

Der US-TV-Moderator Chris Matthews erklärte den Tribalismus einmal am Beispiel des heutigen Afrika. Demokratien hätten es dort schwer, sich zu etablieren, weil die Gesellschaft in unzählige ethnische und sprachliche Gruppen zersplittert sei. Jede Gruppe sehe die anderen Gruppen als ungültig an, sogar als unmenschlich.

Eine Demokratie funktioniert laut Matthews aber nur, wenn alle Parteien einander anerkennen. Auch wenn sie bestimmte Meinungen der Gegenseite nicht teilen, müssen sie die anderen doch akzeptieren können.

Es ist ein gnadenloser Aktivismus, der Befriedigung fordert und keine Kompromisse eingeht. Der Tribalismus betrifft nicht nur Deutschland und Teile Afrikas. Er ist ein weltweites Problem und mitverantwortlich für den Rechtsruck, der gerade durch viele Länder geht.

"Es hört sich an wie hundert Trommelnde mit verschiedenen Trommeln, jeder schlägt seinen eigenen Rhythmus", sagte Dave Frohnmayer, Präsident der Universität Oregon, einmal in einer Rede. "Es hört sich an wie ein Vielklang von hundert Stämmen, jeder spricht seine eigene Sprache. Es hört sich an wie hundert Aufrufe zum Krieg."

Ein sehr passendes Bild, das uralte Stammesrituale heraufbeschwört. In der gleichen Rede sagte Frohnmayer: „Es ist das Erstarken einer Politik, die auf engstirnigen Sorgen gründet. Sie nutzt die Aufteilung in Klassen, Vermögen, Geschlecht, Regionen, Religionen, Ethnien, Moralvorstellungen und Ideologien aus." Und genau diese Politik kommt langsam in Deutschland an. In Form der AfD oder Pegida. In Form einiger Teile der CSU.

Gemeinschaftliche Werte werden ersetzt durch egoistische Ziele einzelner Gruppen. Der Staat verliert an Bedeutung. Einen Grund dafür sieht der ehemalige US-Arbeitsminister Robert Reich darin, dass die wirtschaftliche Sicherheit eines Landes nicht mehr von Armeen, sondern von Finanztransaktionen auf der ganzen Welt abhängt.

Da heute jeder mit jedem vernetzt ist, werden Staaten laut Reich unwichtiger. Stattdessen besinnen sich die Menschen wieder mehr auf private Verbindungen wie Religion, Sprache und Kultur. "Ein vereintes Europa, das vor wenigen Jahren noch in Reichweite zu sein schien, unterliegt den zentrifugalen Kräften seiner verschiedenen Sprachen und Kulturen", stellt Reich fest.

Wir können nichts dafür: Tribalismus ist im menschlichen Gehirn verdrahtet. Die Zugehörigkeit zu einer Gruppe verschafft uns schließlich ein Gefühl von Sicherheit und Orientierung. Das sei sehr wahrscheinlich ein Ergebnis der Evolution und ihrer natürlichen Auslese, erklärt der Biologe Edward Wilson.

Wilson versetzte die akademische Welt in den 70ern in Aufruhr. Er wagte es, die bis dahin unumstößliche Theorie anzugreifen, dass die menschliche Kultur erlernt sei und die Evolution keinen Einfluss darauf gehabt habe. Das entsprach damals dem Ideal des allein durch Vernunft gesteuerten Menschen, der sich über die Tiere erhoben habe.

Wilson vermutete, dass Kultur und Gene einander gegenseitig beeinflussen. Die Entwicklung vom Steinzeitmenschen hin zum sesshaften Bauern zum Beispiel hat seiner Ansicht nach das Erbgut des Menschen verändert.

Heute gelten Wilsons Theorien als bewiesen - auch dank der Entschlüsselung des menschlichen Genoms. "Das Ziel ist es, zu einem Kollektiv zu gehören, das im Vergleich zu konkurrierenden Gruppen der gleichen Kategorie besser abschneidet", sagt Wilson.

Dieses Verhalten ist so stark ausgeprägt, dass es sogar einem Instinkt gleichkommt. "Es ist eine unbequeme Tatsache, dass Individuen die Gesellschaft von Mitgliedern der gleichen Rasse, Nationalität, des gleichen Stamms und der gleichen Religion bevorzugen, wenn sie die freie Wahl haben", schreibt Wilson.

Als Beleg nennt er Experimente, bei denen die Probanden Bilder von Menschen unterschiedlicher Hautfarbe zu sehen bekamen. Im MRT wurde dabei die Aktivität der Amygdala gemessen, also jenes Gebiets im Hirn, in dem Angst entsteht. Bei den hellhäutigen Versuchsteilnehmern war die Amygdala aktiver, wenn sie Fotos dunkelhäutiger Menschen sahen, als wenn die Bilder hellhäutige Menschen zeigten.

Sie nahmen die Dunkelhäutigen unbewusst als Bedrohung wahr, die "mit unbekannten Mitgliedern einer Fremdgruppe assoziiert wird". Das passierte alles so schnell, dass die Betroffenen davon nichts merkten. Sie konnten es also nicht steuern.

Trotzdem können wir diesen Instinkt überwinden. Unter bestimmten Voraussetzungen wurden bei den Versuchen auch Hirnregionen aktiv, die für Lernprozesse und Vernunft zuständig sind. Sie dämpften die Signale der Amygdala.

Diese Hirnregionen haben sich laut Wilson durch die Evolution weitergebildet, um das Zusammengehörigkeitsgefühl zu stärken. Toleranz ist also eine Eigenschaft des höher entwickelten Menschen.

Wilson hat sich mit den dunklen Auswirkungen des Tribalismus beschäftigt. Homophobie zählt dazu. Auch extreme religiöse Ansichten bestehen bis heute, weil viele Menschen noch immer geistig in den Strukturen eines Stammesdenkens gefangen sind.

Es sieht nicht so aus, als würde sich das in naher Zukunft ändern. Was also ist stärker in uns veranlagt - das Gute oder das Böse? Wilson hat auf diese Frage eine beruhigende Antwort. In seinem Beststeller "The Social Conquest of Earth", den die "New York Times" in ihre Liste der 100 bemerkenswerten Bücher des Jahres 2013 aufnahm, schreibt er: "Selbstsüchtige Individuen besiegen uneigennützige Individuen. Aber uneigennützige Gruppen besiegen Gruppen selbstsüchtiger Individuen." Irgendwie tröstlich.

Um beim Bild von David Frohnmayer zu bleiben: Lassen wir nicht nur die Trommeln erklingen, sondern auch Hörner, Geigen, Gitarren und viele andere Instrumente. Zusammen sind wir ein Orchester. Zusammen gelingt es uns, aus einem Vielklang der Stämme ein gemeinsames Werk zu gestalten. Das ist es, was eine Gesellschaft ausmacht.

Das Notenblatt, nach dem sie spielt, sind ihre gemeinsamen Werte und Ideen. Es funktioniert aber nur, wenn sich alle daran halten. Die Harmonie in Deutschland ist in Gefahr, weil sich einige Gruppen abspalten.

Sie fühlen sich benachteiligt und bedroht. Sie kehren zurück in einen uralten Zustand, der längst überwunden schien. Diese Menschen sind zurzeit lauter als die anderen. Was sie von sich geben, ist hässlich. Es ist an der Zeit, sie mit der Stimme der Vernunft zu übertönen.

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch "Die neuen Asozialen: Wie 'besorgte Bürger' Deutschland mit Dummheit und rechtem Hass an den Abgrund bringen". (riva Verlag, 14,99 Euro) von Sabrina Hoffmann. Es basiert auf dem gleichnamigen Artikel aus der Huffington Post Deutschland, der mehr als 45.000 Mal auf Facebook geteilt wurde.

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