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21/04/2015 03:57 CEST | Aktualisiert 21/06/2015 07:12 CEST

4 Phasen der Scham, die ich bei meinem Kik-Einkauf erlebte

Getty

Vor kurzem ging ich an einer Filiale des Textildiscounters Kik vorbei. Da fiel mir ein, dass ich Luftballons für einen Geburtstag brauchte. Vielleicht gibt es die ja hier, dachte ich.

Mit Sicherheit wusste ich es nicht. Denn ich konnte mich nicht daran erinnern, jemals einen dieser Läden betreten zu haben. Nicht einmal in meiner Kindheit, als mich meine schnäppchenhungrige Mutter durch die Innenstadt zerrte.

Ich hatte Kik-Filialen immer gemieden: Dieses aggressive Rot. Die trostlosen Kleiderständer-Schluchten. Schilder, die einem ins Gesicht brüllen: REDUZIERT!!

Bei Kik bekommt man T-Shirts für 2,99 Euro, Jeans für 9,99 Euro und einen Mantel für 15,99 Euro - und trotzdem habe ich noch niemanden sagen hören: "Gestern war ich bei Kik."

Ich erinnere mich noch an die ersten Werbespots mit Verona Pooth - sie symbolisierten für mich den Abstieg eines deutschen Fernsehstars. Ich erinnere mich an dieses Bild aus dem Netz, über das ich ziemlich lachen musste:

Nach einem kurzen Zögern ging ich in den Laden. Plötzlich stand ich mitten in der Schnäppchen-Hölle und fühlte mich irgendwie deplatziert.

Phase 1

Ich entdeckte eine Frau, die Kleidung an einem Ständer hin- und herschob, sie suchte nach etwas. Sie trug ein T-Shirt, auf dem ein Strass-Tiger glitzerte und kaute Kaugummi. Weiß sie, dass mehr als 1300 Menschen in Fabriken starben, die auch für Kik produzierten? Eine Fabrik in Pakistan brannte 2012 nieder. 2013 stürzte ein Gebäude in Bangladesh ein.

Doch bevor ich über die Frau urteilen konnte, sah ich, dass sie an der einen Hand ein kleines Mädchen hielt. Und dann erkannte ich, dass sie einen Rock von der Kleiderstange zog, der für eine erwachsene Frau viel zu klein ist. Es war ein bunter, lustiger Rock und sie hielt ihn probeweise ihrer Tochter an, um zu sehen, ob er passen könnte. Jetzt entdeckte ich auch, dass sich das T-Shirt der Frau am Bauch wölbte, weil sie schwanger war.

Ich schämte mich ein bisschen. Denn auf einmal bröckelte mein Bild vom Hobby-Schnäppchenjäger, der sich einen Spaß aus der Suche nach niedrigen Preisen macht. Das hier war eine Mutter, die für ihre Familie einkaufte.

Und irgendetwas an der Art, wie sie dem kleinen Mädchen über den Kopf streichelte, sagte mir: Das hier ist kein Spaß für sie, es ist Ernst. Wie ich später bei der Recherche erfahren sollte, kaufen bei Kik hauptsächlich Mütter zwischen 25 und 39 ein, für sich und für ihre Kinder.

Phase 2

Gebannt beobachtete ich die junge Mutter, wie sie den Stoff des Rocks näher untersuchte. Wie sie die Nähte prüfte und die Materialien auf dem Waschzettel studierte. Sie passte nicht in das Schema vom blinden Billig-Konsumenten, dem egal ist, was er vom Wühltisch fischt.

Nein, diese Frau kennt sich bestimmt besser mit Stoffen und Verarbeitungsweisen von Kleidung aus als ich, das wurde mir in diesem Moment peinlich bewusst. Wahrscheinlich hat sie schon oft aufgeschürfte Knie in zerissenen Hosen verarztet. Wahrscheinlich weiß sie, wie flauschig Teddybären nach dem Waschen bleiben.

Tatsächlich: Kunden von Kik ist bewusst, dass sie Kleidung von schlechter Qualität bekommen, wie eine Umfrage des Mainzer Marktforschungsinstituts forum! zeigte. Aber Qualität ist eben nicht das einzige Kriterium, das zählt.

Phase 3

Als ich in den Regalen nach Luftballons suchte, sah ich die Mutter noch einmal wieder. Sie hatte gerade bezahlt und ging mit ihrer Tochter zum Ausgang. "Kann ich ein Eis", fragte die Kleine. "Vielleicht", sagte die Mutter und ich bildete mir ein, ein wehmütiges Zucken an ihren Mundwinkeln zu sehen. Wieder schämte ich mich. Für meine Ignoranz. Dafür, dass ich jahrelang nicht verstanden habe, warum Menschen in solchen Läden einkaufen.

Ich bin in einfachen Verhältnissen aufgewachsen, aber wir mussten nie am Essen sparen. Für ein Eis hat es immer gereicht - und für Kleidung, die mehr als ein paar Mark kostet, auch. Als ich die junge Mutter beobachtete, erkannte ich: Es gibt Menschen, für die selbst das nicht bezahlbar ist.

Ich wusste nicht, ob sie wenig Geld hatte. Wahrscheinlich ist es aber, denn später las ich, dass mehr als die Hälfte der Kik-Kunden in Deutschland ein Einkommen von weniger als 1000 Euro haben. Sie seien praktisch zum Kauf bei Kik „gezwungen", sagte Marktforschungsexperte Roman Becker "Focus Online". Er glaubt: Wenn sie könnten, würden sie woanders kaufen.

Phase 4

Als die Mutter den Laden verlassen hatte, gab ich meine Suche nach Luftballons auf. Bis heute weiß ich nicht, ob Kik sie überhaupt verkauft. Mein Vorhaben kam mir plötzlich so lächerlich vor - denn was sind ein paar Luftballons im Vergleich zu den Dingen, die andere Menschen dort kauften?

Diesen Menschen geht es darum, mit dem wenigen verfügbaren Geld ein möglichst gutes Leben zu führen. Notwendiges wie Hosen, Unterwäsche oder Jacken für sich und ihre Kinder zu kaufen. 12,5 Millionen Menschen in Deutschland leben unter der Armutsgrenze. Das heißt, dass eine vierköpfige Familie mit 1837 Euro im Monat auskommen muss.

Ich entscheide mich dagegen, in Läden wie Kik oder Primark zu kaufen. Weil ich es kann. Können das alle Menschen in Deutschland? Ab heute werde ich mir jedenfalls kein Urteil mehr darüber erlauben.

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