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11/08/2015 11:56 CEST | Aktualisiert 11/08/2016 07:12 CEST

Liebe reiche, verwöhnte Kinder, ich bemitleide euch

dpa

Liebe verwöhnte, reiche Kinder,

ich habe euch meine ganze Jugend lang beneidet. Ihr seid in den Skiurlaub gefahren, ich habe versucht, mit dem Schneematsch in der Garageneinfahrt ein Iglu zu bauen. Ihr habt zum Abi ein Auto bekommen. Ich musste sogar die Bilder vom Schulfotografen zurückgeben, weil die 30 Mark für die Mappe meiner Mutter zu viel waren. Eure Eltern haben für euch die Physikhausaufgaben gelöst. Ich musste meine Entschuldigungen selbst schreiben, weil meine Eltern das nicht ohne Fehler hinbekommen hätten.

Heute beneide ich euch nicht mehr. Meine Eltern hatten nicht viel Geld und keinen Uniabschluss.

Aber sie haben mir Dinge beigebracht, die ihr nie gelernt habt. Und mal ehrlich: Ihr werdet sie auch nie lernen.

Heute erlebe ich euch als junge Erwachsene. Heute seid ihr Menschen, die das Leben nur halb leben. Ihr wirkt auf mich so antriebslos und gleichgültig. Sobald es hart wird, verliert ihr die Lust an einer Sache. Ich sehe nie, dass ihr euch für etwas begeistert. Im Gegenteil: Ihr habt alle Chancen der Welt und lasst sie ungenutzt verstreichen.

Ihr habt immer alles bekommen, was ihr wolltet. Anstrengen musstet ihr euch dafür nie, denn alles fiel euch einfach zu. Ihr seid laut Studien gesünder und selbstbewusster als Kinder aus armen Familien.

Ihr habt sogar größere Gehirne. Und das Traurigste: In Deutschland ist der Einfluss der Herkunft für das spätere Leben so groß wie in kaum einem anderen Land.

Ich erinnere mich noch daran, als ich das harte Auswahlverfahren für meine erste Stelle in einer Redaktion bestanden hatte. Es gab eigentlich nur einen Platz - viele gute Bewerber hatten eine Absage bekommen.

Doch dann fing dort noch eine zweite junge Kollegin an, die an dem Verfahren gar nicht teilgenommen hatte. "Mein Vater war mal im Vorstand", sagte sie mir und das schien ihr nicht einmal unangenehm zu sein.

Das hätte ich unfair finden können. Und am Anfang tat ich das auch. Doch dann merkte ich, dass ich besser dran war: Ich konnte jeden Abend stolz und zufrieden nach Hause gehen, weil ich mir einen Traum erfüllt hatte.

Aus eigener Kraft.

Für sie dagegen war diese Stelle nur eine weitere Station auf einem bequemen Pfad, den ihr andere geebnet hatten.

Ihr reichen, verwöhnten Kinder kennt die Zufriedenheit nicht, die du spürst, wenn du dir deine Erfolge selbst zu verdanken hast. Dir und deiner Leistung.

Euch fehlt jeder Biss, dieses Vorankommenwollen, das alle kennen, die es von ganz unten nach oben zieht. Ihr wart immer schon da.

Wisst ihr überhaupt, was es heißt, wirklich etwas zu wollen? Für etwas zu brennen, mit ganzer Leidenschaft?

Daran zweifle ich schon länger. Und ein Erlebnis hat mich vor kurzem darin bestätigt. Ich sah noch zu, wie ein kleines Mädchen Unterricht bekam. Die Reitlehrerin schlug seinen Großeltern vor, sie sollten ihrer talentierten Enkelin ein eigenes Pony kaufen.

Der Opa des Mädchens sagte nur: "Ach, dazu hat sie doch gar keine Zeit. Montags ist Hip-Hop-Tanzen, Dienstag Klavierunterricht. Mittwoch geht sie zum Ballett, Donnerstag ist Chinesisch-Kurs und Freitag turnen. Nur Samstags ist sie beim Reiten."

Ich konnte das kaum glauben. Als ich mit dem Reiten angefangen hatte, gab es nichts anderes mehr für mich. Jeden Tag nach der Schule ging ich in den Stall. Meine Welt drehte sich um Pferde.

Für dieses kleine Mädchen ist es nur eines von vielen Luxus-Hobbys, ein Kreuz im Kalender. Samstags. Bestimmt hat es keine Zeit, in der Box zu sitzen und dem Pferd beim Kauen zuzuhören. Bestimmt schlägt das Herz des Mädchens nicht jedes Mal schneller, wenn es den Duft von frischem Stroh riecht. Dieses Mädchen tut mir leid.

Verwöhnte Kinder wie sie haben keine Chance, Leidenschaften zu entwickeln. Weil sie überwältigt werden von all den Möglichkeiten.

Wenn jemand alles hat, ist nichts besonders. Doch wenn jemand wenig hat, weiß er auch Kleinigkeiten zu schätzen.

Ein Bekannter, der in einer ziemlich armen Familie aufgewachsen ist, erzählte mir einmal, dass die seltenen Besuche beim Italiener für ihn als Kind das Größte waren. "Die Lasagne für sechs Mark, darüber habe ich mich unglaublich gefreut", erinnerte er sich.

Umso geschockter war er, als er seinem kleinen Sohn vergangene Weihnachten ein teures Lego-Set schenkte. Es hatte schon lange auf seinem Wunschzettel gestanden. Als der Kleine das Paket öffnete, sagte er nur: "Ich wusste, dass ich das bekomme."

Ihr verwöhnten Kinder führt ein Leben ohne echte Freude und Begeisterung, weil alles selbstverständlich ist. Wie traurig.

Menschen wie ihr lernt nicht, worauf es wirklich ankommt. Wenn du als einzige in der Klasse keine Nike-Schuhe und keine Helly-Hansen-Jacke trägst, lernst du es dagegen sehr schnell.

Nicht, dass es auf Markenklamotten ankäme. Aber ich habe früh gelernt, dass ich extrem hart arbeiten muss, wenn ich etwas unbedingt möchte.

Die anderen Kinder haben mich verspottet, weil meine Jeans altmodisch aussahen und meine Schuhe spießig. Irgendwann wusste ich, dass das egal ist. Ich wusste, dass ich Dinge die ich wirklich wollte, auch erreichen kann. Jeans hatten sich da schnell erledigt.

Ihr dagegen haltet euer Leben lang an diesen Oberflächlichkeiten fest, weil sie euch definieren.

Vor kurzem erst las ich in einer Studie, dass reiche Menschen besonders oft Instagram-Nutzer sind. Das passt gut. Schließlich können sie ihre Selbstdarstellung dort am besten zelebrieren: Seht her, was ich besitze! Seht her, was ich erlebe! Seht her, wo ich gewesen bin!

Was ist mit: Seht her, wer ich bin?

Erst wenn du weißt, wie es ist, nicht dazuzugehören, kannst du du selbst sein. Erst dann kannst du zu einem selbstständigen, starken, ehrgeizigen und leidenschaftlichen Menschen werden.

Liebe reiche, verwöhnte Kinder, ihr tut mir leid. Denn obwohl ihr alles habt, verpasst ihr das Beste.

Eine schockierende Botschaft: Ein Video zeigt, was diesen Mann so dick gemacht hat - und es ist nichts für schwache Nerven