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28/08/2015 11:59 CEST | Aktualisiert 28/08/2016 07:12 CEST

An alle deutschen Facebook-Freunde: Ihr wisst gar nicht, wie viele Ausländer schon hier sind

dpa

Liebe Deutsche,

ich dachte immer, dass ich eine von euch bin. Ich habe einen deutschen Namen. Ich habe helle Haut. (Leider viel zu helle Haut, die in der Sonne sofort rot wird.) Deutsch ist meine Muttersprache. Die deutsche Kultur ist auch meine Kultur.

Doch es gibt auch eine andere Seite von mir. Obwohl ich hier geboren wurde, obwohl ich die deutsche Staatsbürgerschaft habe und obwohl ich mich bisher meistens als Deutsche identifiziert habe, fließt in meinen Adern kein Tropfen deutsches Blut. Mein Vater kommt aus Kroatien, meine Mutter aus Estland.

Bisher hatte ich immer die Wahl: Sehe ich mich als Deutsche? Oder sehe ich mich als Ausländerin? Mit eurem Verhalten in den vergangenen Monaten zwingt ihr mich jetzt zu einer Entscheidung. Und ich entscheide mich dafür, Ausländerin zu sein.

Ihr würdet mir meine Herkunft niemals anmerken. Denn ich habe die perfekte Tarnung: Ich bin genau wie ihr. Ich kann mich entscheiden, ob ich über meine Wurzeln rede. Ich kann die perfekte, privilegierte Deutsche sein. Oder ich erzähle, wie es wirklich ist.

Wir Ausländer sind überall

Ihr habt Angst vor der Überfremdung, aber wisst ihr was? Ihr müsst euch nur einmal umsehen und ihr werdet merken, dass wir Ausländer überall sind.

Wir sind euer Kollege, der eine polnische Oma hat. Wir sind eure Freundin, deren Familie einst aus Schlesien einwanderte.

Denkt mal über folgende Zahl nach: Laut einer Studie stammen 30 Prozent der Deutschen väterlicherseits von Osteuropäern ab.

Nur sechs Prozent der Deutschen haben germanische Vorfahren. Die Wahrscheinlichkeit, dass ihr dazu gehört, ist sehr klein. Um nicht zu sagen winzig. Mit anderen Worten: Auch ihr seid Ausländer, auch ihr seid nur Gast auf diesem Flecken Erde, den wir Deutschland nennen.

Wusstet ihr, dass es "den Deutschen" überhaupt erst seit Anfang des 19. Jahrhunderts gibt? Davor war das Land zersplittert in viele Staaten und Gebiete.

Was gibt euch das Recht, jetzt nach einem "Ausländer-Stopp" zu rufen? Ihr behauptet, es gebe keinen Platz mehr. Ihr fordert, dass die deutsche Regierung das Geld für das eigene Volk ausgeben solle statt für Flüchtlinge. Aber wer gehört zu diesem Volk und wer nicht?

Genetisch überlegen? Träumt weiter

Ihr seid Ausländern nicht genetisch überlegen, auch nicht kulturell. Ihr hab einfach das verdammte Glück, hier geboren worden zu sein. In einem Land, in dem Frieden, Bildung und medizinische Versorgung Selbstverständlichkeiten sind.

Auch ich habe Glück, dass ich hier geboren wurde. Mein Vater wollte seinem zukünftigen Kind eine bessere Zukunft ermöglichen, deshalb kam er nach Deutschland. Und deshalb durfte ich hier aufwachsen.

Es tut mir weh, wenn ihr Flüchtlinge als Schmarotzer bezeichnet, denn damit verurteilt ihr indirekt auch Menschen wie meinen Vater. Mein Vater ist ein wundervoller Mensch, der sich immer liebevoll um mich gekümmert hat. Er ist nicht egoistisch. Er wollte nichts für sich. Er hat immer nur an mich und meine Zukunft gedacht.

Von bierbäuchigen Deutschen in Heidenau

Versetzt euch doch nur ein Mal in die Lage der Menschen, die hier in Deutschland Zuflucht suchen. Egal ob vor dem Krieg oder vor einem perspektivlosen Leben. Ich meine: Versetzt euch wirklich in sie hinein. Versucht, zu denken und zu fühlen wie sie. Versucht für einen Moment wie sie zu sein.

Ich kann mich sehr gut in sie hineinversetzen, weil ich in meiner Jugend selbst miterlebt habe, wie Ausländer behandelt werden. Ich erinnere mich daran, wie Menschen meinen Vater misstrauisch angesehen haben. Nur weil er fremd aussieht. Sie haben ihn mit Geringschätzung behandelt, nur um sich selbst besser zu fühlen.

Was wäre wenn jemand euren Großvater an der Grenze weggeschickt hätte? Oder euren Urgroßvater? Oder euren Urururgroßvater? Was wäre, wenn er deshalb in seine Heimat zurückgekehrt wäre? Vielleicht wäre er verhungert, vielleicht wäre er ermordet worden.

Vielleicht hätte er seine Kinder in Armut großgezogen. Diese Kinder hätten selbst Kinder bekommen und großgezogen. Und ihr würdet jetzt in einer winzigen Bruchbude in Albanien, Rumänien oder Mazedonien wohnen und euch für einen Hungerlohn abrackern.

Vielleicht würdet ihr dann eure Koffer packen und nach Deutschland kommen, weil ihr euch eine schönere Zukunft erhofft. Und vielleicht würde euch ein bierbäuchiger Deutscher in Heidenau entgegen brüllen: "Raus mit dem Ausländerpack!" Einer von diesen netten Herren zum Beispiel:

heidenau

Kein schöner Gedanke oder? Es hätte aber durchaus passieren können. Denn nichts anderes wollt ihr jetzt erreichen. Wie traurig. Wie ironisch. Nicht wahr?