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01/04/2015 11:16 CEST | Aktualisiert 01/06/2015 07:12 CEST

Über ein wichtiges Detail haben wir nach dem Germanwings-Unglück nicht gesprochen

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Hinter uns liegt eine lange Woche, eine harte Zeit. Ein bisschen scheint es, als halte ein ganzes Land erschöpft inne. Nach all der Sorge, der Erschütterung, nach all dem Streit, der Kritik an Medien und der Trauer, die teilweise in Wut umgeschlagen ist.

Was jetzt? Wie geht es weiter? Auf den Straßen sehe ich die Menschen vorbeihasten. Mit Aktentaschen. Mit Einkaufstüten. Auf ihre Smartphones starrend. So, als sei nichts passiert. Und doch bleibt da ein seltsames Gefühl der Leere. Bei mir jedenfalls. Vielleicht ist es nicht einmal Leere, sondern eher Unsicherheit.

Es gibt ein wichtiges Detail, über das wir neben all den Diskussionen über Sicherheitsvorschriften, Beweise und Depressionen im Cockpit nicht gesprochen haben: über ein Gefühl, das jetzt vielleicht viele Menschen in Deutschland teilen.

An mir ist die vergangene Woche nicht spurlos vorübergegangen. Für mich - und für viele, die ich kenne - war die vergangene Woche eine Zäsur. Der Absturz der Germanwings-Maschine hat uns gezeigt, wie schnell alles vorbei sein kann. Ohne Vorwarnung, völlig unerwartet.

Vielleicht ist das einer der Gründe, warum uns das Unglück so nah ging. Wegen der Opfer und ihrer Familien. Aber auch, weil niemand damit gerechnet hätte, dass ausgerechnet eine Maschine aus dem Lufthansa-Universum - aus welchen Gründen auch immer - abstürzt.

Wir leben mit dem Bewusstsein, dass Katastrophen nur den anderen passieren. Weit weg, in den Nachrichten. Deshalb wirken die Ereignisse noch immer unwirklich. Schwer zu begreifen.

Ich habe manchmal das Gefühl, dass wir in unserer trügerischen Sicherheit blind geworden sind.

Dabei kann sich über Nacht alles ändern. Für jeden von uns. Es kann eine große Katastrophe sein, die viele Menschen betrifft. Oder eine kleine, die das Leben einer Person aus den Angeln hebt. Der Klassenkamerad eines Kollegen, der plötzlich an Lungenkrebs erkrankt und wenig später stirbt.

Was zählt ist, dass so ein Ereignis alles ins Verhältnis setzt.

Ich habe manchmal das Gefühl, dass wir es verlernt haben, dankbar zu sein für das Leben, für unser Leben. Sicherheit, Zukunft, Überleben - das ist für die meisten Deutschen selbstverständlich.

Tod und Vergänglichkeit schieben wir gerne weg. Es hat keinen Platz in unserem Leben.

Vielleicht sollten wir uns öfter klar machen, wie verletzlich wir sind. Und gleichzeitig sollten wir lernen, dankbarer zu sein, statt uns von den kleinen Sorgen auffressen zu lassen. Ich weiß, das haben schon viele gesagt. Aber vergessen wir es nicht immer wieder?

Vergessen wir es nicht, wenn wir uns über Staus und Schlangen an der Kasse ärgern?

Vergessen wir es nicht, wenn wir über einen Andreas Kümmert diskutieren, der nicht zum Eurovision Song Contest antritt?

Wenn wir plötzlich erführen, dass uns keine Zeit mehr bliebe, dass bald alles vorbei wäre - würden wir dann an solche Dinge denken? Wahrscheinlich nicht.

Aber an was dann? Diese Frage muss wohl jeder für sich beantworten. Mir geht in diesem Zusammenhang ein Satz nicht aus dem Sinn, den eine krebskranke Mutter und Autorin vor ihrem Tod hinterlassen hat. Ihren Lesern schrieb sie in einem Blog: "Bitte, bitte genießt euer Leben in meiner Abwesenheit. Nehmt es in beide Hände, haltet es fest, schüttelt es und glaubt jede Sekunde daran."

Das sollten wir tun.

Video: Bewegend:

Die rührende Geschichte einer Mutter und ihres blinden Sohnes