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16/12/2015 12:51 CET | Aktualisiert 16/12/2016 06:12 CET

Der unheimliche Zusammenhang zwischen Reality TV und Fremdenfeindlichkeit

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Wenn man von der Verblödung unserer Gesellschaft spricht, kommt vielen Menschen das Fernsehen in den Sinn. Und tatsächlich: Zappen Sie einmal nachmittags durch die Privatsender, und Sie sind dem Untergang ganz nah.

Daniela steckt im Klo fest. Die übergewichtige 28-Jährige wollte das Bad dekorieren und ist dabei ausgerutscht. Daniela ist Protagonistin in der RTL-Sendung "Mitten im Leben". Die Kamera begleitet sie in ihrem Alltag und nimmt alles auf. Danielas Freund Dirk muss sie befreien.

"Bin ich Klempner, oder was? Boah, nee", motzt er. "Sammal, wie sieht denn der Pott aus", fragt er und zeigt auf die verdreckte Kloschüssel. "Das kommt bestimmt von der Ravioli, die du immer frisst."

Die Pseudodoku "Mitten im Leben" wurde inzwischen abgesetzt. Doch es kommen immer wieder neue Formate nach: "Frauentausch", "Verdachtsfälle", "Berlin - Tag & Nacht", "Achtung Kontrolle! - Die Topstories der Ordnungshüter", "Schwer verliebt" - die Liste ist endlos. Und irgendwie gehören auch voyeuristische TV-Shows wie "Bauer sucht Frau" und "Das Supertalent" dazu.

Viele Menschen sehen einen Zusammenhang zwischen diesem Idioten-TV und dem Pöbeln gegen Ausländer im Netz. Weil das, was in den Kommentarspalten passiert, ein Spiegel dieser Sendungen zu sein scheint. Studien und Experten bestätigen diesen Eindruck: Fremdenfeindlichkeit und Reality TV beeinflussen einander.

Die Sendungen sind so dämlich, erniedrigend und beschämend, dass es kaum zu ertragen ist. Und trotzdem stimmt die Quote. Was passiert mit den Menschen, die sich das anschauen? Was passiert mit den Jugendlichen, die damit aufwachsen? Und was war zuerst da: hirnloses Fernsehen oder hirnlose Zuschauer?

Til Schweiger glaubt, dass Pseudodokus einen entscheidenden Anteil an der angespannten Situation in Deutschland haben. Nachdem fremdenfeindliche Facebook-Nutzer den Schauspieler wegen seines Engagements für Flüchtlinge beschimpft hatten, sagte er in einem Interview mit den Tagesthemen:

"Wir haben eine Menge Leute, die nicht nachdenken, weil sie keine Fantasie haben. Weil sie den ganzen Tag vor dem Fernseher sitzen und in irgendwelchen Reality-Show sehen, wie sich irgendwelche Leute gegenseitig beleidigen, runtermachen, dissen, und das prallt nicht an einem ab. Also, ich finde, das deutsche Fernsehen trägt dazu bei, dass die Leute so abgestumpft sind."

Schweiger hat recht. Reality-TV macht tatsächlich aggressiv, das zeigen mehrere Studien. Die Wirkung ist sogar stärker als bei brutalen Gewaltszenen in fiktionalen Serien und Filmen.

Das liegt daran, dass die Zuschauer glauben, reales Verhalten zu sehen. In Reality-Formaten werden fast doppelt so viele aggressive Handlungen dargestellt wie in fiktionalen Fernsehsendungen. Dazu gehören nicht nur körperliche Angriffe, auch Beschimpfungen und Spott sind Formen der Gewalt. Und in Pseudodokus wirken sie plötzlich ganz normal und sogar erwünscht.

Vielleicht ist das eine Erklärung dafür, warum der Ton in den Kommentarspalten immer rauer wird. Warum so viele Deutsche völlig ohne Scham beleidigen und drohen.

Es ist schon erstaunlich. Von Journalisten und Politikern fühlen sich die Hassbürger "verarscht", aber die große Reality-Lüge schlucken sie begierig. Diese Sendungen entstanden schließlich aus der Sehnsucht nach Authentizität.

In der glatt geschliffenen und inszenierten Welt des Konsums wollten die Zuschauer endlich etwas Echtes sehen. Reality-TV gaukelt ihnen vor, Menschen "mitten aus dem Leben" zu sehen. Intime Einblicke in das Private. Wahre Schicksale. Dabei ist längst bekannt, dass die Protagonisten gecastete Laiendarsteller sind und die Handlung nach Drehbuch verläuft. Brot und Spiele für das Proletariat.

Eine Bekannte von mir machte vor ein paar Jahren ein Praktikum in der Redaktion einer bekannten Pseudodoku. Sie sollte Drehbücher schreiben, denn die Produzenten brauchten immer neuen Stoff. "Die Storys müssen so dumm sein wie die Leute, die das gucken", sagte der Chef.

Anhand dieser Kriterien suchte die Castingabteilung nach passenden Kandidaten. Zurück kamen Castingbögen, die mit Kommentaren versehen waren wie: "Ist dick." Oder: "Ist wirklich so dumm wie die Figur, die sie spielen soll." Oder: "Muss man nicht einmal mit Garderobe ausstatten, hat genau den richtigen asozialen Style."

Droht uns durch Reality-TV die intellektuelle Verwahrlosung? Der Soziologe Paul Nolte prägte in seinem Buch "Generation Reform" den Begriff des "Unterschichtenfernsehens", der von Harald Schmidt aufgegriffen wurde. Der wissenschaftlichere und wahrscheinlich auch treffendere Begriff ist übrigens "Affektfernsehen". Die Mechanismen dahinter sind aber die gleichen.

Die niederen Gefühle sollen bedient werden: Wut, Hass, Hohn. Der Zuschauer aus der Unterschicht finde seine eigene Welt in diesen Sendungen eins zu eins dargestellt, sagte Nolte der "Zeit". Es gebe kein Entrinnen.

Nun, theoretisch schon: Man könnte einfach umschalten. Das Traurige ist, dass das Publikum diesem Elend offenbar gar nicht entkommen will. "Früher war die Aufstiegs- und Bildungsbereitschaft gerade im unteren Gesellschaftsbereich wesentlich größer", sagt Nolte in einem Gespräch mit dem "Hamburger Abendblatt". "Jetzt bewegen sich die Gruppen gerne in ihrem jeweiligen Niveaufeld."

Durch Pseudodokus kann sich der Zuschauer einreden, dass es ihm selbst gar nicht so schlecht geht. Jedenfalls besser als den peinlichen Gestalten im Fernsehen. Castingagenturen suchen gezielt Protagonisten, denen sich das Publikum überlegen fühlt. Stark Übergewichtige. Menschen mit Sprachfehlern. Menschen, die vor der Kamera ungelenk und dilettantisch auftreten.

Dieser Blick nach unten ist es, der dem Zuschauer Bestätigung verschafft. Der ihm jedes Bedürfnis nimmt, sich weiterzubilden und nach vorn zu sehen. Es ist ein Kreislauf der Verblödung. Und was das Fernsehen angefangen hat, führt das Internet nun fort.

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch "Die neuen Asozialen: Wie 'besorgte Bürger' Deutschland mit Dummheit und rechtem Hass an den Abgrund bringen". (riva Verlag, 14,99 Euro) von Sabrina Hoffmann. Es basiert auf dem gleichnamigen Artikel aus der Huffington Post Deutschland, der mehr als 45.000 Mal auf Facebook geteilt wurde.

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