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21/11/2015 06:16 CET | Aktualisiert 21/11/2016 06:12 CET

Das Biest ist entfesselt: Die Herrschaft der Aggro-Deutschen

dpa

Es ist Krieg in Deutschland. Wahrscheinlich habt ihr es schon gemerkt. Auf den Straßen, im Internet - es ist eigentlich nicht mehr zu übersehen. Ich meine nicht den Krieg gegen den Terror, der gerade die Schlagzeilen beherrscht. Ich meine auch nicht die Flüchtlingskrise.

Ich meine den Krieg innerhalb unseres Landes. Er tobt in den Köpfen. Ich hatte eigentlich gedacht, dass es nicht mehr schlimmer werden könnte. Denn seit etwa einem Jahr breiten sich Hass und Angst unter den Deutschen aus. Sie haben ein unheilvolles Bündnis gegen die Vernunft geschlossen.

Ich habe mich geirrt. Es kann schlimmer werden. Es ist schlimmer. Viel schlimmer. Die vergangenen Monate sind NICHTS gegen das, was gerade in Deutschland passiert.

Seit den Anschlägen in Paris ist die moralische Ordnung niedergerissen, die letzten Hemmungen sind gefallen, das Biest ist entfesselt. Wir stehen vor den Trümmern unserer Werte. Aber nicht, weil durchgeknallte Islamisten sie bedrohen. Sondern weil ein erheblicher Teil der Bevölkerung den Grundsätzen der Demokratie abgeschworen hat.

Wer sich die Kommentare unter Facebook-Posts anschaut, stößt auf eine Wand aus Wut. Es ist unerträglich, es ist erschreckend, es ist laut. Innerhalb von Sekunden fliegen die Wortgeschosse. Hunderte Kommentare. Ohne Ziel, ohne Sinn, ohne Zusammenhang. Ein atemloser Hass.

Die Aggro-Deutschen haben Deutschland ins Mittelalter zurückversetzt. Das einzige, das ihnen noch fehlt, sind Fackeln und Mistgabeln. Sie kreischen nach Lynchjustiz gegen den IS. Eine Komplizin der Pariser Attentäter nennen sie "Stück Scheiße" oder "kopftuchtragende Moselmschlampe" oder "Hackfresse".

Natürlich ist es unverzeihlich, was die Terroristen getan haben. Natürlich müssen sie bekämpft werden. Aber mich erschreckt die Gier, mit der viele Deutsche nun nach Gewalt und Blut und Sühne rufen. Es klingt nach Phrasen aus der Bibel oder dem Koran. Es klingt nach einem Rückschritt in uralte Zeiten, als noch Instinkt und Brutalität regierten.

Ich weiß, dass all diesem Hass Angst zugrunde liegt. Hirnforscher der Universität Salzburg haben in Studien den Zusammenhang gezeigt:

„Wenn wir uns existentiell bedroht und dabei zugleich ohnmächtig fühlen, wird in uns ein System aktiviert, das all unsere Aufmerksamkeit auf diese Bedrohung richtet. Ob es sich um die Angst vor dem islamistischen Terror oder die Angst vor dem finanziellen Kollaps durch die Wirtschaftskrise handelt. Der Angstzustand blockiert unsere Handlungsfähigkeit."

Und trotzdem frage ich mich, wieso die Deutschen so anders auf die Anschläge reagieren als die Franzosen. Obwohl der Terror Frankreich im Kern erschüttert hat, besinnen sich die Menschen dort nun auf Zusammenhalt und Frieden. Obwohl die Franzosen schon zum wiederholten Male angegriffen wurden, konzentrieren sie sich nicht auf den Hass. Sie gedenken lieber der Opfer. Sie feiern die Erinnerung und das Leben.

Viele Deutsche dagegen brodeln vor Wut und suchen Sündenböcke. Sie wollen Schuldige und sie wollen sie brennen sehen.

Ist es ein Zufall, dass ausgerechnet in Deutschland Ausländerhasser den Namen von Anonymous gekapert haben? In allen anderen Ländern steht er für den Kampf um Freiheit und Unabhängigkeit. Und für den Kampf gegen den Faschismus. In Deutschland haben Rechte es geschafft, ihre Parolen unterzumogeln. Und den Fans dieser Fake-Gruppe ist der Widerspruch nicht einmal aufgefallen. Wie zynisch.

Die Bedrohung durch den Terrorismus ist echt, das weiß ich. Aber Hass kann keine Antwort sein. Der Astrophysiker Stephen Hawking sagte einmal:

„Das menschliche Versagen, das ich am liebsten korrigieren würde, ist Aggression. Für Höhlenmenschen hatte Aggression Überlebensvorteile, um mehr Essen, Territorium oder einen Partner ergattern zu können, mit dem man sich fortpflanzen kann. Aber jetzt könnte sie uns alle zerstören."

Wir sollten auf ihn hören. Wir sind keine Höhlenmenschen mehr, wir haben uns weiterentwickelt. Empathie und Vernunft sind Ergebnisse der menschlichen Evolution, das bestätigen Verhaltensbiologen. Sie haben sich erst mit der Zeit im Hirn herausgebildet.

Denkt mal darüber nach: Die Natur hat uns die Fähigkeit gegeben, in gefährlichen Situationen vernünftig zu handeln, statt ängstlich oder aggressiv. Warum? Weil das uns hilft, zu überleben.

Menschen mit Empathie und Vernunft haben sich gegen die Widrigkeiten ihrer Umwelt durchgesetzt. Und sie haben diese Fähigkeit an ihre Nachkommen vererbt. Heute kann sie uns helfen, den Kampf gegen Bedrohungen wie den Terror zu bestehen. Nutzen wir sie.

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