BLOG
17/10/2015 06:27 CEST | Aktualisiert 17/10/2016 07:12 CEST

An die benachteiligten, deutschen Bürger: Ihr bekommt genau das, was ihr verdient

dpa

Liebe benachteiligte deutsche Bürger,

ich glaube, ihr habt da etwas gründlich falsch verstanden. Ihr fühlt euch ungerecht behandelt, weil Flüchtlinge in Deutschland angeblich bevorzugt werden. Ihr findet, dass ihr nicht genug bekommt.

Statt für Flüchtlinge zu sorgen, sollte der Staat lieber euch mehr Geld geben, fordert ihr. Ihr glaubt, dass ihr es eher verdient habt, weil ihr Deutsche seid. Kurz gesagt: Euer großartiger Verdienst besteht darin, dass ihr hier geboren wurdet und dass ein wohlklingender deutscher Name auf eurem Personalausweis steht. Huber. Oder Schwakowski.

Ich habe eine schlechte Nachricht für euch: Ihr habt nicht mehr verdient. Ihr bekommt mehr als genug. Und ich bin mir sicher, dass viele von euch bisher rein gar nichts für Deutschland geleistet haben. Ihr sitzt in eurer Stammkneipe, mit einem Pils in der Hand und umgeben von Rauchschwaden. Ihr seid um halb vier nachmittags schon angetrunken und gröhlt über das "Ausländerpack" und die "Schmarotzer".

"Asylanten bekommen mehr als deutsche Hartz-IV-Empfänger" schimpft ihr. Ihr rechnet vor, dass eine vierköpfige Flüchtlingsfamilie 1215 Euro im Monat erhält. Oder ihr faselt, dass ein Asylbewerber 9,86 Euro am Tag für Essen und Trinken bekomme, ein Harz-IV-Empfänger aber mit 4,62 Euro auskommen müsse.

Woher eure haarsträubenden Zahlen stammen, wisst wohl nur ihr. Die Wahrheit ist, dass Flüchtlinge und Asylbewerber etwa gleich viel Geld für Essen und Trinken erhalten. Wenn man alle Leistungen zusammenzählt, bekommen Hartz-IV-Empfänger 40 Euro mehr.

Und natürlich verschweigt ihr, dass Flüchtlinge nicht den ganzen Betrag ausbezahlt bekommen. Er setzt sich aus den Kosten für die Unterkunft in einem Flüchtlingsheim und aus Sachleistungen wie Kleidung oder Essen zusammen. Bar bekommen die Flüchtlinge nur etwa 130 Euro. Damit müssen sie dann alles andere bezahlen.

Selbstverständlich ist euch das auch nicht recht. Ihr wollt, dass Asylbewerber weniger als deutsche Bürger bekommen. Aus irgendeinem Grund bildet ihr euch ein, mehr wert zu sein.

Hat ein Flüchtling etwa kein Recht auf ein menschenwürdiges Leben? Nur weil er aus dem Ausland kommt? Legt man die Menschenwürde ab, wenn man eine Grenze überquert?

Liebe benachteiligte deutsche Bürger, ihr bekommt genau das, was ihr verdient. Und das verdient auch ein Flüchtling. Ihr müsst nicht hungern. Wenn ihr euch keine Wohnung leisten könnt, bekommt ihr staatliche Hilfe.

Und das ist gut so, keine Frage. Jeder kann Pech haben, jeder kann seine Arbeit verlieren. Zum Glück haben wir in Deutschland ein soziales Netz, das uns auffängt.

Warum glaubt ihr, dass ein arbeitsloser Deutscher mehr leistet als ein arbeitsloser Ausländer? Es gibt genug Menschen in Deutschland, die nie einen Finger krumm gemacht haben. Nach der Schule sind sie in Hartz IV gerutscht und dort werden sie auch bleiben.

Denkt ihr etwa, ohne Flüchtlinge würde es euch besser gehen? Schaut nur einmal nach Großbritannien, das sich in der Flüchtlingskrise bisher abschottete. Mit Zäunen und Spürhunden wollte die Regierung die Grenze zu Frankreich absichern. Und nach langem Ringen erklärte sich Premierminister Cameron bereit, 20.000 Flüchtlinge aus Syrien aufzunehmen. 20.000 - eine lächerliche Zahl.

Haben Sozialhilfe-Empfänger und Geringverdiener in Großbritannien deswegen ein angenehmeres Leben? Nein! Ein Alleinstehender bekommt etwa 332 Euro an Transferleistungen. Obwohl zum Beispiel die Lebensmittelpreise in Großbritannien deutlich teurer sind. In den vergangenen Jahren kürzten die Briten die Sozialhilfe sogar noch und zwangen Empfänger, in kleinere Wohnungen zu ziehen.

Was für viele Deutsche selbstverständlich ist, fehlt den Geringverdienern in anderen Ländern. Denkt an die gesundheitliche Versorgung, die in Deutschland jeder bekommt. In Großbritannien und den USA erkennt man arme Menschen zum Beispiel an den schlechten Zähnen. Die Einkommensschwachen können sich die Behandlung beim Zahnarzt nicht leisten und auch ein neues Gebiss nicht. Deshalb haben sie oft nur verfaulte Zähne im Mund. Oder gar keine. Das wäre hier unvorstellbar.

Liebe benachteiligte deutsche Bürger, ihr habt das Gefühl, ihr werdet verarscht. Und weil ihr einen Schuldigen sucht für eure eigene Unzufriedenheit, flucht ihr nun über Flüchtlinge. Ausländerfeindlichkeit ist laut dem Siegener Forscher Michael Müller besonders groß bei den Menschen, die glauben, "dass sie weniger als ihren gerechten Anteil erhalten."

Doch so ungerecht ist euer Anteil gar nicht. Jedenfalls nicht, wenn man Deutschland mit anderen Ländern vergleicht. Seit Anfang 2015 gilt der flächendeckende Mindestlohn von 8,50 Euro, auch für Praktikanten.

Auch hier noch einmal der Vergleich zum asylkritischen Großbritannien: Dort bekommt der "ehrlich arbeitende Bürger", wie ihr euch so schön nennt, trotz VIEL höheren Lebenskosten einen Mindestlohn von etwa neun Euro. Unter 18-Jährige bekommen sogar nur fünf Euro, Azubis etwa vier Euro.

Von der Situation in Ländern wie Spanien, Griechenland oder in den osteuropäischen Staaten müssen wir gar nicht erst anfangen. Dort liegt der Mindestlohn weit unter dem Durchschnitt.

Und außerdem: Wenn ihr unglücklich mit eurem Gehalt und eurer Arbeit seid, könnt ihr in den meisten Fällen etwas an eurer Situation ändern. Das geht nicht, es gibt keine Perspektiven, heißt es dann. Aber seid ehrlich zu euch selbst: Habt ihr es überhaupt versucht?

Zehntausende Ausbildungsstellen sind in Deutschland unbesetzt, besonders im Handwerk. Aber auch Altenpfleger, Erzieher, zahnmedizinische Fachangestellte und viele andere Fachkräfte werden verzweifelt gesucht.

Ihr könnt euch weiterbilden, umlernen, sogar Schulabschlüsse nachholen. Es gibt Bafög für Studenten, es gibt auch Bafög für Schüler. Der Staat bietet Förderprogramme und Initiativen, ihr müsst es wollen. Ihr müsst euch umschauen. Ihr müsst aktiv werden. Von alleine passiert nichts.

Und erzählt mir nicht, eine gute Bildung sei für bestimmte Menschen unerreichbar. Es ist möglich, wenn ihr euch anstrengt. Vielleicht müsst ihr härter arbeiten als jemand, der aus einer Akademiker-Familie stammt. Aber ist das ein Grund, es erst gar nicht zu versuchen?

Ein guter Freund von mir ist das beste Beispiel. Seine Laufbahn schien vorprogrammiert: Arbeitslose Mutter. Kaum Förderung, kaum Aufmerksamkeit. Während sie sich mit Männern traf, zog er seine kleinen Schwestern groß.

Nach der Hauptschule fing er eine Ausbildung zum Glaser an und merkte, dass er sein Leben so nicht verbringen wollte. Also holte er den Realschulabschluss nach, dann machte er die Fachhochschulreife. Er studierte an einer FH und wechselte im Master an die Uni. Jetzt arbeitet er als Projektmanager in der Autoindustrie. Und er hat es ganz alleine dorthin geschafft.

Natürlich war es für ihn nicht einfach. Die ersten Jahre tat er sich schwer mit dem Unterrichtsstoff. Er hatte schlechte Noten und musste büffeln. Aber je mehr er sich anstrengte, desto leichter fiel es ihm. Er ist an den Herausforderungen gewachsen, statt vor ihnen einzuknicken.

Wenn ihr euch also das nächste Mal über euer Leben ärgert, dann tut etwas dagegen. Irgendetwas. Aber gebt nicht den Flüchtlingen oder Zuwanderern die Schuld für eure eigene Trägheit.

2015-08-06-1438870629-2559366-10000.png

200 Menschen aus Deutschland, darunter Politiker, Schauspieler, Musiker, Studenten und andere Menschen haben in der Huffington Post ein wichtiges Zeichen gesetzt: Sie haben den Flüchtlingen in Deutschland zugerufen: "Willkommen, gut, dass ihr hier seid, weil..."

Seit dieser Aktion erreichen uns täglich weitere Dutzende Beiträge zu diesem Thema. Wenn Sie sich an der Diskussion mit einem eigenen Artikel beteiligen wollen, schreiben Sie an blog@huffingtonpost.de.

Es ist Zeit, dass wir in Deutschland ein Zeichen setzen. FÜR Weltoffenheit, FÜR Toleranz und FÜR Menschen in Not

Hier geht es zurück zur Startseite