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02/05/2015 07:34 CEST | Aktualisiert 02/05/2016 07:12 CEST

Warum ich keinen Flüchtling bei mir zuhause aufgenommen habe

dpa

Wenn ich die grauenvollen Nachrichten über Flüchtlinge lese, die im Mittelmeer ihr Leben verloren haben, schäme ich mich. Ich schäme mich für die europäische Politik, die mit allen Mitteln versucht, sich gegen die Außenwelt abzuschirmen.

Ich schäme mich dafür, dass wir Menschen direkt vor unserer Haustür dem Tod überlassen. Menschen, die verzweifelt sind, die keinen anderen Ausweg mehr sehen. Menschen, die an die europäische Idee geglaubt haben, Hoffnung auf ein besseres Leben hatten. Sie wurden von uns Europäern bitter enttäuscht.

Ich schäme mich für die Scheinheiligkeit unserer westlichen Ideale. Ständig faseln wir von Menschenrechten, christlicher Anteilnahme und Gleichheit aller. Doch kaum sehen wir unseren Wohlstand scheinbar bedroht, ist von diesen hehren Idealen keine Rede mehr. Stattdessen fallen immer öfter Schlagwörter wie "Überfremdung" oder "Islamisierung".

Fremdenfeindliche Parteien erstarken in Europa. Nicht nur in Frankreich, Österreich und Holland - auch in Deutschland reißt die AfD mit populistischen Parolen immer mehr Wähler an sich. Dabei hat Deutschland prozentual gesehen bisher verglichen mit anderen Ländern gar nicht sonderlich viele Flüchtlinge aufgenommen.

Für all das schäme ich mich.

Am meisten aber schäme ich mich für mich selbst. Weil ich im Grunde nicht weniger scheinheilig bin als die europäischen Politiker, die ich so scharf kritisiere.

Eigentlich bin ich felsenfest davon überzeugt, dass alle Menschen ein würdiges Leben verdient haben; dass wir Flüchtlinge mit offenen Armen empfangen sollten - ganz egal, ob uns das wirtschaftlich nützt oder nicht.

Ich werde so wütend, wenn ich unsägliche Journalisten den Tod Hunderter Menschen kleinreden höre; wenn ich Menschen in Deutschland sehe, die über die "ausländischen Schmarotzer" schimpfen; oder wenn ich daneben stehe, während deutsche Polizisten mal wieder nur Menschen schwarzer Hautfarbe kontrollieren.

Und trotzdem. Trotzdem lebe ich mein gemütliches Leben in Deutschland und tue - nichts.

Ich sehe einfach tatenlos zu, während Tausende Menschen in überfüllten Flüchtlingslagern hausen müssen, ohne ein festes Zuhause, ohne Geborgenheit. Ich sehe zu, oder besser: Ich sehe weg. Um meinem schlechten Gewissen zu entkommen, sehe ich weg, denke lieber an meine Arbeit oder meine privaten Probleme.

Dabei könnte ich etwas tun. Ich könnte mich bei den Behörden melden und sagen: "Ich möchte einen Flüchtling bei mir zuhause aufnehmen." Klar, damit würde ich sicher nicht die Welt verändern, und schon gar nicht das Flüchtlingsproblem insgesamt lösen, aber es wäre doch ein Anfang. Es wäre ein Weg, um zumindest einer Person ein bisschen mehr das Gefühl von Heimat, Menschlichkeit und Hoffnung zu geben.

Warum also drücke ich mich immer wieder vor diesem Anruf?

Gute Gründe gibt es dafür natürlich genug: Zunächst einmal habe ich wenig Platz in meiner kleinen Wohnung im Herzen Münchens - dort noch jemanden aufzunehmen wäre eine enge Angelegenheit. Zumindest wenn man nach unseren deutschen Wohlstandsansprüchen geht.

Außerdem liebe ich es, nach einem langen Arbeitstag die Haustür hinter mir zuzuziehen und das Brummen der Welt für einen Moment zum Verstummen zu bringen. Diese Stunden der Ruhe brauche ich dringend, um Luft für den nächsten Tag zu holen.

Und natürlich - und das ist wohl der wichtigste Grund - macht es mir auch ein bisschen Angst, eine völlig fremde Person in meinen vier Wänden aufzunehmen. Was, wenn wir uns nicht verstehen? Wenn die ganze Sache völlig schief geht und ich mit der Situation überfordert bin?

Der Mensch, den ich aufnehmen würde, hat höchstwahrscheinlich Schreckliches erlebt - Verfolgung, Strapazen, vielleicht sogar Folter oder Vergewaltigung. Viele mussten ihre Familien und Freunde zurücklassen. Wie geht man mit so tiefgreifenden Traumata um? Wie helfe ich einem völlig Fremden, wenn er nachts schweißgebadet aus einem Albtraum aufschrickt?

All diese Fragen plagen mich und lassen mich immer wieder zögern, den Anruf wirklich zu tätigen. Dabei will ich helfen und weiß im Herzen, dass ich keine Angst vor Flüchtlingen zu haben brauche. Obwohl ich alles, was die Flüchtlingshasser sagen, ablehne, kommen in mir plötzlich die gleichen irrationeln Ängste hevor. Da gruselt es mich geradezu vor mit selbst.

Denn was sind diese Zweifel wert verglichen mit dem riesen Unterschied, den ich so in dem Leben eines Menschen machen könnte? Eigentlich nichts.

Deshalb habe ich mir fest vorgenommen, meine Ängste zu überwinden. Ich will endlich mutig sein, endlich den Hörer in die Hand nehmen, die Nummer der Behörden wählen und beherzt sagen: „Ich möchte einen Flüchtling bei mir zuhause aufnehmen. An wen muss ich mich da wenden?"

Und ich bin sicher: Wenn ich diesen Schritt erst getan habe, werden sich all meine Befürchtungen in Luft auflösen. Schließlich werde ich keinen Flüchtling bei mir aufnehmen, sondern einen Menschen. Ich werde seine Kultur und Lebensgeschichte kennenlernen, durch ihn Deutschland aus einer neuen Perspektive betrachten können. Und ich muss mich endlich nicht mehr schämen. Davor brauche ich keine Angst zu haben.

Video: 1750 Tote allein in diesem Jahr: Das sind die Todeskanäle der Flüchtlinge

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