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02/04/2016 06:04 CEST | Aktualisiert 03/04/2017 07:12 CEST

Wie Pharma-Unternehmen mit der Angst Geschäfte machen

Thomas Tolstrup via Getty Images

In Abwandlung zum Lukasevangelium (17, 27) gilt: Wo das Aas ist, da sammeln sich auch die Geier. In einer Zeit, die allgemein als bedrohlich wahrgenommen wird, blüht das Geschäft mit menschlichen Ängsten und es stellt sich erneute die Frage. Wächst der Markt am Angebot oder an der Nachfrage?

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Unter „Angst" versteht man ein zerstörerisches und diffuses Gefühl, nicht eine konkrete Furcht vor einer Naturgewalt, einer Prüfung, einer Person, sondern eher ein Leiden, aus dem keine Kraft erwachsen kann und an dem nicht wenige zerbrechen. Weiterhin den „Weltschmerz", den die Literatur kennt, seit Johann Wolfgang von Goethe seinen Briefroman „Die Leiden des jungen Werthers" in die Welt entlassen hat (1774).

Der Begriff „Angst", der ursprünglich nur im deutschen und niederländischen Sprachraum zu finden ist, wird Mitte des 19. Jahrhunderts als Beschreibung einer generalisierten Störung durch Sören Kierkegaard in die Philosophie eingeführt und ist seither eng gebunden an den Existentialismus von Martin Heidegger, Jean-Paul Sartre und Karl Jaspers.

Ein unbestimmtes Gefühl von Furcht


Auch die Psychoanalyse nimmt sich des Begriffes an, sieht darin die Bezeichnung für ein unbestimmtes Gefühl von Furcht, das weder adressatenbezogen noch zielgerichtet ist.

Was Franklin D. Roosevelt als eines von vier Freiheitsrechten des Staatsbürgers einfordert (6.1.1941), nämlich „Freedom From Fear", ist nur allzu oft unter der international als „German Angst" apostrophierten kollektiven Verunsicherung in Zeiten einer unüberschaubaren und angstbehafteten Welt untergegangen.

„Angst essen Seele auf", so der Titel eines der wirkmächtigsten Filme von Rainer Werner Fassbinder (1974), vielfach variiert, etwa durch die Süddeutsche Zeitung (Helga Einecke, „Angst essen Zinsen auf", 17.10.2011).

Fassbinder greift eine konkrete Paarbeziehung auf, fragt danach, was die Gesellschaft mit Menschen macht, die nicht den normativen Setzungen ihres gesellschaftlichen Umfeldes folgen, sondern ihrem Herzen.

Ihre Angst, ausgelöst durch die Nichtakzeptanz des gesellschaftlichen Umfeldes, macht sie seelisch krank und lässt sie scheitern. Doch während der Film die Protagonisten auch im Scheitern noch auf der Beziehungsebene nach Lösungen suchen lässt, sind in einer zunehmend vereinsamenden Großstadtgesellschaft Menschen in Problemsituationen auf sich selbst zurückgeworfen und fragen käufliche Hilfeversprechen nach.

Alle sind betroffen


Betroffen davon: Junge und Alte, dazu eine kaufkräftige Schicht von Leistungsträger*innen.

Junge Menschen mit bester Ausbildung und vielen Praktika, die mit 30 Jahren noch immer nicht über ein monatliches Einkommen verfügen, das ihnen Unabhängigkeit und mittelfristige Lebensplanung erlaubt, verzweifeln am Fehlen von Perspektiven. (Haha, bitte nicht die eigenen Probleme auf die Allgemeinheit abstrahieren)

Alte, deren Leben aus der Bahn geraten ist, sei es durch Beziehungskrisen, Krankheit, Arbeitslosigkeit oder einfach durch Erreichen des Rentenalters, das viele Ältere in eine Sinnkrise stürzt. Sicher, das ist nicht neu, aber die alternde Singlegesellschaft in den Großstädten lässt einen Anstieg der Verzweifelten erwarten.

Wenn der Boden erst einmal unter den Füßen wankt, Halt und Orientierung verloren gehen, wachsen Furcht, Zukunftsangst und Verletzlichkeit. Lebensratgeber überschwemmen Büchermarkt, Gazetten, und analoge wie digitale Medien winken mit Heilsversprechen - gegen Bezahlung.

Geld verdienen mit dem Angstgefühl


Es lässt sich Geld verdienen mit der Angst. "Das Geschäft mit der Angst bedient kollektive Bedürfnisse", konstatiert Sabine Bode bereits 2007 (Die deutsche Krankheit - German Angst, 2007).

Die wachsende Nachfrage und die Fülle der Hilfsangebote am Buchmarkt ist ein Indikator für die Instrumentalisierung von Hilfesuchenden, zur Bewältigung von Angststörungen tragen sie wenig bei. Der Bedarf dazu aber steigt: Praxen von Psycholog*innen und Psychotherapeut*innen werden in den letzten Jahren verstärkt nachgefragt, und in der Psychiatrie wächst die Anzahl der zu Betreuenden auch im jugendlichen Alter.

Zwischen Ratgeberflut und medizinischer Behandlung hat sich eine breite Palette von scheinbaren Antworten auf gefühlte und reale Bedrohungen breit gemacht: Es wächst das Angebot an Nahrungsmittelergänzungen für Kleinkinder wie für Alte.

Gewiss gab es schon für die Nachkriegsgeneration den Löffel Lebertran und Knoblauchpillen gegen die Unbill des Alters! Was aber heute vom Discounter bis zur Apotheke vorgehalten wird, lässt auf einträgliche Geschäfte schließen.

Von Vitaminmangel bis Antiaging, von Entgiftung über Fasten bis zur Aufbaukur lässt sich verkaufen, was vermeintliche Defizite auszugleichen verspricht, zur Erfüllung von Idealvorstellungen führen soll und angstbehaftete Gedanken einzugrenzen verspricht. Der Drogeriemarkt scheint seine Existenz zu weiten Teilen diesem Geschäft zu verdanken.

„Enhancement" spielt für die in der Leistungsgesellschaft unter Dauerstress Stehenden eine wachsende Rolle: Beschönigend die Hilfsmittel beschreibend, die ohne medizinische Indikation z.B. in Prüfungssituationen die kognitiven und emotionalen Befindlichkeiten „verbessern", finden diese zunehmend ihre Abnehmer*innen in Wirtschaft und Wissenschaftsbetrieb.

Vor allem Pharmakonzerne profitieren


Das ganz große Geld mit der Angst wird aber verdient, wo die Menschen sich dem Tod ausgeliefert sehen. Pharmakonzerne kassieren für die Entwicklung medizinischer Produkte, Alternativmedizin liefert die Strohalme, an die sich Verzweifelte klammern. Wer wird es den Betroffenen anlasten, dem letzten Fünkchen Hoffnung nachzujagen.

Welche Blüten Angstgefühle treiben, das weiß die Menschheit nicht erst seit gestern: Ablasshandel blühte schon im Mittelalter und diente der scheinbaren Befreiung von Ängsten um das Seelenheil - ein einträgliches Geschäft, das bereits Martin Luther anprangerte.

Wer heizt aktuell das Geschäft an? Geschäftsideen, die mit den Produktionsmöglichkeiten wachsen. Die Entsolidarisierung der Generationen, die den Jungen nicht die Chancen auf eine erfüllte berufliche Zukunft einräumt. Der Wachstumsgedanke, der Alternativen nur selten zulässt. Die fehlenden Wertschätzung bei gleichzeitigem Verlust von Achtsamkeit.

Alles andere als unschuldig, wie die jüngsten Wahlkämpfe belegen: Politik, die Bedrohungsszenarien nicht entkräftet und stattdessen Verlustängste schürt. Hier müssen die Instrumente entstehen, die das große Geschäft eingrenzen. Weniger mit Verboten als mit der Eröffnung von Perpsektiven. Mit Hölderlin: „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch." (Patmos)

Das Wort des Jahres 2016 wird „Resilienz" heißen.

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