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16/09/2015 09:15 CEST | Aktualisiert 16/09/2016 07:12 CEST

Warum wir in der Flüchtlingskrise wie ein Unternehmen handeln müssen

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"2006 hieß es noch "Die Welt zu Gast bei Freunden", heute brennen Flüchtlingsheime und täglich gibt es verbale und körperliche Übergriffe auf Migranten. Wohin entwickelt sich unser Land?"

Fairerweise muss man einräumen, dass wir für die WM gut 6 Jahre Vorbereitungszeit hatten - die Verdopplung der Zahl der in diesem Jahr erwarteten Flüchtlinge ist gerade erst 4 Wochen her. Das macht die Aufgabe nicht größer, aber es fehlte insbesondere Zeit, sich mental darauf vorzubereiten.

Auf der anderen Seite war die Welt (und viele von uns selbst) in 2006 überrascht über eine offene deutsche Willkommenskultur, die nicht von langer Hand geplant, sondern spontan und authentisch war.

Insofern ist unsere Herausforderung heute nicht die planerische Organisation, denn hierfür genießen wir weltweit die höchste Anerkennung. Es ist auch nicht grundsätzlich ein Problem unseres deutschen Naturells, das haben wir in 2006 erlebt. Und es ist keine wirtschaftliche Frage, denn wie bei der WM wird die inländische Wirtschaft massiv profitieren.

Allerdings haben wir seit Jahren einen Vakuum gelassen, in dem grundsätzliche Fragen über das „Wie" einer kulturellen Integration nicht diskutiert und gesellschaftlich geklärt wurden. Und solange wir diesen Raum nicht machtvoll ausfüllen, kann er von dumpfen Parolen (und Handlungen) einer rechtspopulistischen Minderheit besetzt werden, die, wenn wir schweigen, die Führung übernehmen versuchen.

Denken wir Deutschland mal als Großkonzern

Aber stellen wir uns doch für einen Augenblick einmal vor, ein deutscher Großkonzern mit 10.000 Mitarbeitern übernähme einen ausländischen Mittelständler mit 125 Mitarbeitern, von denen mindestens die Hälfte im Rahmen der Fusion noch gekündigt würden - und im Konzern würde die Panik ausbrechen, die Unternehmenskultur sei gefährdet.

Undenkbar - aber genau das passiert gerade in Deutschland.

Fakt ist, dass selbst wenn in diesem Jahr 1 Millionen Menschen zu uns kommen und um Asyl bitten und die Hälfte von ihnen anerkannt würden, dies 0,6% der deutschen Bevölkerung entspricht. Fakt ist auch, dass bisher der Anteil der Muslime in Deutschland ca. 4,5% beträgt - und hierbei somit kaum über 5% steigen könnte.

Fakt ist weiterhin, dass bis 2050 die Zahl der Erwerbstätigen (ebenso wie die der Kinder) in Deutschland um 1/3 schrumpft, während die Zahl der Senioren (zu denen dann die meisten von uns gehören) um 1/3 steigt. Zehntausende Ausbildungsplätze in der Industrie sind bereits heute unbesetzt und der Fachkräftemangel zieht immer weitere Kreise - viel Potential, um Menschen mit guter Vorbildung zügig zu integrieren, ohne Arbeitsplatzmangel zu verursachen.

Zeit für ein „Post Merger Integration"-Team

In jedem Konzern wäre dies längst der Zeitpunkt, ein „Post Merger Integration"-Team einzusetzen. Dieses hätte zur Aufgabe, die strategischen Ziele der Integration für alle Menschen herunterzubrechen und verständlich zu vermitteln, um dann durch ein konzernweites Projektmanagement möglichst schnell Synergien zu gewinnen und eine integrierte, noch leistungsfähigere Organisation hervorzubringen, die von den gemeinsamen Fähigkeiten profitiert.

Noch ist es Zeit, in einem Schulterschluss mit allen gesellschaftlichen Stakeholdern die Ziele und notwendigen Etappen eines Integrationsprozesses für Flüchtlinge zu vereinbaren. Bei der Umsetzung könnte dann ein projekterfahrenes „Post Migration Integration"-Team unter gesamtgesellschaftlicher Aufsicht helfen, die unglaubliche Hilfsbereitschaft von uns allen, die in den Städten in den letzten Wochen spontan sichtbar wurde, effizient mit den staatlichen Stellen landesweit so zu koordinieren, dass eine Integration kontrolliert erfolgt, keine prekären Parallelgesellschaften entstehen und das Rad nicht in vielen Orten neu erfunden werden muss.

Wir stehen an der Schwelle, eine historischen Chance zu nutzen

Wir stehen an der Schwelle, eine historischen Chance zu nutzen - oder sie zu verspielen. Viele Tausend Menschen haben sich nicht zu uns gerettet, um uns kulturell zu „unterwandern", sondern weil sie nur noch ihr nacktes Leben retten wollten.

Sie sollten nicht nur zu Gast bei Freunden sein, sondern unsere Nachbarn und Freunde werden dürfen. Dann entsteht eine vitale Gesellschaft von Menschen, deren Einheit sich auch durch ihre Vielfalt bereichert fühlt.

Dr. Rüdiger Fox

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