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21/08/2015 12:03 CEST | Aktualisiert 21/08/2016 07:12 CEST

8 Wohlstandsbereiche, in denen uns die nächste Krise nichts anhaben kann

Thinkstock

1972 schockierte der Club of Rome die Welt mit der Präsentation seiner Studie „Die Grenzen des Wachstums". Ihre Simulation prognostizierte auf Grund der Zunahme der Weltbevölkerung, der rasanten Industrialisierung und der ungehemmten Umweltverschmutzung das Erreichen der globalen Wachstumsgrenzen für die Menschheit innerhalb von 100 Jahren.

Seitdem streitet sich die Wirtschaft mit der Ökologie darum, wie viel Wachstum gesellschaftlich notwendig ist - und wie viel die Umwelt nachhaltig verträgt. Bald ist Halbzeit.

Weitgehend unbeachtet von der Öffentlichkeit positionierte sich exakt im gleichen Jahr der 4. Drachenkönig des Staates Bhutan in einem Interview mit der Aussage, dass für sein Land das „Bruttonationalglück" wichtiger sei als das Bruttosozialprodukt.

Er brachte damit zum Ausdruck, wie unvollständig aus seiner Sicht die rein materielle Wohlstandsmessung für menschlichen Wohlstand sei, der in Bhutan neun unterschiedliche Lebensbereiche umfasst.

Nach dem Kater ist vor dem Kater

Lediglich während der jüngsten Wirtschaftskrise, in der es weder der Politik noch der Wirtschaft möglich war, mit ihren gewohnten Erfolgsgeschichten aufzuwarten, erhielt dieses Konzept internationale Aufmerksamkeit, beschäftigte Nobelpreisträger im Staatsauftrag und wurde 2011 sogar von den Vereinten Nationen allen Ländern zum Studium anempfohlen.

Inzwischen ist der schlimmste Kater wieder abgeklungen und unsere Wachstumsmaschine hat erneut Fahrt aufgenommen. Trotz gelegentlichen Motorstotterns sind wir zurückgefallen in unsere alten Glaubensmuster und es ist still geworden um die Frage, ob sich Wohlstandswachstum wirklich ausschließlich durch die Mehrung von Besitz dauerhaft erkaufen lässt.

Allerdings brodelt der Vulkan nur knapp unter der Oberfläche weiter - und man muss kein Prophet sein um vorherzusagen, dass die nächste seismische Verwerfung unserer inzwischen hoch vernetzten Weltwirtschaft uns demnächst erneut in eine Wachstumskrise stürzen wird.

Während wir unseren Zweckoptimismus an Nachkommastellen des Bruttosozialproduktes festmachen, klopfen bereits schrumpfendes Wirtschaftswachstum in den BRICS-Staaten, Schuldenkrisen und Wetterphänomene wie El Nino an unsere Tür. Gleichzeitig wächst der menschliche Fußabdruck weiter und wir haben längst begonnen, unsere Reserven zu verzehren.

Ganzheitlicher Wohlstand

Dabei übersehen wir seit über 40 Jahren die Chance, mit der die Überlegungen des kleinen Himalayastaates uns einen Ausweg aus dem Dilemma eröffnet haben: Lediglich in einem einzigen der neun Lebensbereiche des Wohlstandsmodelles von Bhutan - dem materiellen - nähern wir uns tatsächlich den Grenzen des Wachstums.

Es bleiben acht weitere Bereiche, in denen sich menschlicher Wohlstand ungebremst entfalten kann, ohne dass wir uns Gedanken machen müssen, ob die nächste Generation uns für irreparable Schäden verantwortlich machen wird:

  • Bildung und persönliches Wachstum
  • Kulturelle Vielfalt
  • Vitalität der Sozialbeziehungen
  • Qualität der Regierungsführung
  • Ausgewogene Zeitnutzung
  • Ökologische Vielfalt und Widerstandsfähigkeit
  • Psychologisches Wohlbefinden
  • Physische und mentale Gesundheit

Ehrliche Bilanz

Man kann nun trefflich darüber streiten, ob es genau diese 8 Themen sind, die entscheidend dafür sind, ob wir unser Leben als lebenswert ansehen. Und unbestreitbar ist auch ein Mindestniveau an materiellem Auskommen notwendig, um ein menschenwürdiges Dasein zu garantieren.

Aber wie würde wohl unser Krisenbarometer ausschlagen, wenn wir einmal konsequent ermitteln würden, wie sich nicht nur die PISA-Werte, sondern auch unsere persönliche Reife entwickelt, mit der wir auf die aktuellen gesellschaftlichen Themen reagieren.

Oder in welche Richtung sich die Qualität unserer Sozialbeziehungen durch zunehmende Virtualisierung unserer Kontakte verändert. Oder wie es angesichts immer höherer Staatsausgaben mit der Effizienz bzw. allgemein mit unserem Vertrauen in die Regierungsführung bestellt ist.

Und welche Wirtschaftssektoren wären wohl zukunftsfähig, wenn wir uns entscheiden würden, verstärkt in unser Sein anstelle unseres Habens zu investieren, wie es Erich Fromm bezeichnet hätte?

Wenn wir auf Facebook weniger materielle Errungenschaften und mehr persönliche Lernerfolge, erlebte Bereicherung gesellschaftlicher Vielfalt, unseren Beitrag zur Reduktion unseres Ressourcenverbrauches oder einfach nur noch die Momente teilen würden, die unsere Lebenszeit tatsächlich wertvoller machen konnten?

Innerhalb des vom Club of Rome prognostizierten Zeithorizontes könnten wir so zumindest versuchen, ein Gleichgewicht zwischen Sein und Haben zu erreichen. In jedem Fall würde es uns krisenresistenter machen, denn das Sein bleibt unbeeindruckt von jeder Rezession.

Am 11. November diesen Jahres wird König Jigme Singye Wangchuck 60 Jahre. Bhutan feiert dies mit einer internationalen GNH-Konferenz in Bhutan, zu der sich schon über 500 Fachleute aus aller Welt angemeldet haben. Wir sollten dieses Jahr nicht nur nach Davos, sondern auch nach Thimphu schauen.

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