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08/09/2015 04:58 CEST | Aktualisiert 08/09/2016 07:12 CEST

50.000€ Begrüßungsgeld für jeden Flüchtling

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Die „alternativlose" Bankenrettung wird den deutschen Steuerzahler am Ende geschätzte 50 Milliarden Euro gekostet haben. Dieser Betrag entspräche bei 800.000 Flüchtlingen, die wir in diesem Jahr in Deutschland erwarten, umgerechnet einem „Begrüßungsgeld" von über 50.000€ je Flüchtling.

Von den Tausenden, die in den letzten Wochen bei uns Schutz gesucht haben, wird nur ein Teil hier bleiben dürfen. Ihre Zahl wird aber diesmal immer noch so groß sein, dass ihre aktive Integration in die deutsche Gesellschaft ebenfalls „alternativlos" ist.

Anders jedoch als in der Finanzkrise verschwindet das Geld, mit dem wir einen solchen Prozess aktiv gestalten könnten, nicht in bereits vorhandenen Löchern, sondern fließt direkt wieder in unseren Wirtschaftskreislauf zurück.

50 Milliarden sind weg und keiner ging auf die Straße

Es wurde zum Unwort des Jahres 2010: „alternativlos" sei die Bankenrettung, das war der gemeinsame Konsens der großen Parteien. Am Ende waren es ca. 250 Milliarden €, mit denen vor nur wenigen Jahren Bund und Länder (und somit wir alle) in Form von frischem Kapital, Krediten und Bürgschaften dem Bankensystem beigesprungen sind.

Etwa 50 Milliarden davon werden wir wohl nie wiedersehen. Sie waren notwendig geworden, um bereits existierende Löcher zu stopfen die entstanden sind, weil eine ganze Reihe von Banken den Renditewettlauf mit Schrottpapieren gewinnen wollten, deren Risiken sie selbst aber nicht abfangen konnten. Viele hatten hieran zuvor gut verdient - wie überall auf der Welt.

Aktive Integration ist alternativlos

Während wir jetzt noch leidenschaftlich darüber debattieren, ob und in welchem Umfang eine Aufnahme von Flüchtlingen in Deutschland richtig ist, müssen wir uns schnellstens klar werden, dass auch diese neue Herausforderung nicht mehr zu stoppen ist.

Es ist absehbar, dass die Kriege und Krisenherde, die diese nie dagewesenen Menschenströme ausgelöst haben, noch lange andauern werden. Der Rückweg für viele der aus Verzweiflung Geflohenen ist blockiert - und mehr werden kommen.

Sobald wir die notwendigste Unterbringung und Versorgung sichergestellt haben, müssen wir daher zeitnah damit beginnen, systematisch zu planen, wie wir diese Menschen aktiv und konstruktiv in unsere Gesellschaft integrieren können.

Dies ist nicht nur menschlich das einzig Richtige, sondern auch wirtschaftlich sinnvoll und verhindert zusätzlich, dass durch eine „Ghettoisierung" genau das entsteht, was wir nicht wollen: prekäre Parallelgesellschaften, die auf Dauer versorgungsbedürftig bleiben und deren Eigendynamiken unkontrollierbar werden können.

Kompetenz, Beziehung und Autonomie

Bereits jetzt sollten wir einen breiten Dialog darüber beginnen, wie wir flächendeckend und effizient für die anerkannten Flüchtlinge die für ihre fachliche und persönliche Entwicklung notwendigen Möglichkeiten innerhalb unserer Gesellschaft etablieren können.

Hierzu gehört zum einen die sprachliche, aber auch die berufliche Förderung auf der Basis der oft schon mitgebrachten Fähigkeiten, damit alle schnell und möglichst sinnvoll in den Arbeitsmarkt integriert werden können, der bereits heute unter dem Mangel an Fachkräften leidet.

Weiterhin müssen wir statt Abgrenzung ihre Einbindung in unser gesellschaftliches Sozialgefüge intensiv fördern - durch Sport, Kunst, aber auch eine aktive Beteiligung in jeder Form der Freizeitgestaltung. Begleitet werden muss dieser Prozess von einer konstruktiven Form der kulturellen Annäherung, der schrittweise das Spektrum des Akzeptablen für eine multikulturelle Gesellschaft definiert.

Zuletzt müssen wir den Menschen helfen, einen Weg in eine neue Autonomie innerhalb unserer Gesellschaft zu finden, auf dem irgendwann auch die Traumata der Vergangenheit hinter sich gelassen werden können.

„Ich bin Flüchtling"

Wirtschaftlich ist ein solches Programm der einzig sinnvolle Weg, um die Menschen nicht dauerhaft von einer Versorgung abhängig zu machen, sondern ihnen einen aktiven Beitrag zu ermöglichen.

Dies wird ein komplexer Prozess voll neuer, kultureller Herausforderungen, aber noch ist es nicht zu spät, um ihn so zu gestalten, dass „alternativlos" zukünftig auch einen positiven Zungenschlag haben kann.

Meine Familie ist auch geflohen, 1590 aus Schottland, wo wir religiös verfolgt wurden. Meine Existenz verdanke ich daher Preußen, das meine Vorväter damals aufgenommen hat. Muss ich mich jetzt angesprochen fühlen, wenn gegen Flüchtlinge demonstriert wird ?!

Im Januar haben nach dem Anschlag in Paris spontan weltweit viele Menschen Schilder geschrieben, auf denen „Ich bin Charlie" zu lesen war.

Alle, denen es ähnlich geht, wenn sie ein paar Generationen in ihrer eigenen Familie zurückschauen, sollten sich jetzt vielleicht auch einen Aufkleber mit „Ich bin Flüchtling" anstecken.

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200 Menschen aus Deutschland, darunter Politiker, Schauspieler, Musiker, Studenten und andere Menschen haben in der Huffington Post ein wichtiges Zeichen gesetzt: Sie haben den Flüchtlingen in Deutschland zugerufen: "Willkommen, gut, dass ihr hier seid, weil..."

Seit dieser Aktion erreichen uns täglich weitere Dutzende Beiträge zu diesem Thema. Wenn Sie sich an der Diskussion mit einem eigenen Artikel beteiligen wollen, schreiben Sie an blog@huffingtonpost.de.

Es ist Zeit, dass wir in Deutschland ein Zeichen setzen. FÜR Weltoffenheit, FÜR Toleranz und FÜR Menschen in Not

Sahra Wagenknecht macht die USA für die Flüchtlingskrise verantwortlich