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19/01/2016 12:03 CET | Aktualisiert 19/01/2017 06:12 CET

Weißer Fleck: Indien und der islamistische Terrorismus

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Kaum ein Tag ohne Terror. Die blutige Gewalt ist längst aus der nahöstlichen Kernzone des islamistischen Terrorismus in die Metropolen der Welt metastasiert. Die Ziele liegen in Europa, Afrika und in Asien - zuletzt in Indonesien.

Auch in Indien geht die Terror-Angst um, auch wenn die Bedrohungsvorstellungen nicht das Ausmaß erreicht haben wie in aufgeschreckten westlichen Kapitalen. Denn: Auf der Weltkarte des islamistischen Terrorismus ist Indien bis heute ein weisser Fleck geblieben.

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Die Inder assoziieren Terrorismus vor allem mit dem Nachbarland Pakistan. Das liegt an historischen Erfahrungen. Immer wieder wurde Indien Zielscheibe von Terrorangriffen, deren Hintermänner im verfeindeten Nachbarland operieren.

Den Höhepunkt erreichte der von außen gesteuerte Terrorismus im November 2008, als schwerbewaffnete Kämpfer die Wirtschaftsmetropole Mumbai angriffen und unter anderem ein Luxushotel in ihre Gewalt brachten. Bei den mehrtägigen Kämpfen kamen über 170 Menschen ums Leben. Was für die Amerikaner 9/11 ist für die Inder seither 26/11.

Der ferngesteuerte Terrorismus

Eine aktuelle Kostprobe des ferngesteuerten Terrorismus erlebten die Inder Anfang Januar. Schwerbewaffnete Kämpfer schlichen allem Anschein nach aus Pakistan über die Grenze und griffen eine Luftwaffenbasis an. Drei Tage dauerten die Kämpfe in Pathankot. Am Ende waren alle sechs Eindringlinge sowie sieben Verteidiger tot.

Die Dominanz Pakistans in der Sicherheitspolitik Indiens bedeutet nicht, dass Neu Delhi die Gefahren des islamistischen Terrorismus auf die leichte Schulter nimmt. Spätestens seit IS-Chef Abu Bakr Al-Baghdadi im Sommer 2014 auch Indien zum Einzugsgebiet des angestrebten Weltkalifats erklärte, schrillen bei den Geheimdiensten die Alarmglocken.

Nach den Pariser Anschlägen hat das Innenministerium eine aktualisierte Bedrohungsanalyse veröffentlicht. Dort heisst es

beschwichtigend, dem IS sei es nicht gelungen „eine nennenswerte Präsenz in Indien zu etablieren". Gleichwohl vermochte die Terrormiliz, einige indische Jugendliche zu radikalisieren und dies eröffne die Gefahr von IS-gesponsorten Terroraktionen im Lande.

Jeder zehnte Muslim ist Inder

Rein zahlenmäßig ist Indien ein geeignetes Zielgebiet für islamistische Propaganda. Indiens muslimische Minderheit zählt 180 Millionen Menschen. Jeder zehnte Muslim auf der Welt ist indischer Staatsbürger.

Nur in Indonesien leben mehr Muslime. Nicht unbegründet ist daher die Sorge, diese Menschen, die vielfach politisch und sozio-ökonomisch marginalisiert sind, könnten ins Fadenkreuz der Rekrutierungs-und Angriffsstrategien der islamistischen Terrormiliz geraten.

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In Indiens Medien nimmt das Thema breiten Raum ein. In großem Detail berichten die Zeitungen von der heimischen Anti-Terror-Front. Schenken wir den Veröffentlichungen Glauben, so haben Indiens Behörden sehr genaue Vorstellungen vom Treiben des IS und seiner Zuarbeiter.

Demnach haben sich bislang 23 - in Worten: dreiundzwanzig - indische Jugendliche der Miliz als Kämpfer im Nahen Osten angeschlossen; von diesen seien sechs bei Kampfhandlungen ums Leben gekommen. Gut dokumentiert sind die Methoden, mit denen die Islamisten indische Jugendliche für den Jihad anlocken.

Im Mittelpunkt stehen die sozialen Medien, über Twitter, Facebook oder WhatsApp treten die Rekrutierer mit den Zielpersonen in Kontakt.

Die Überwachung des Internets, vor allem der unzähligen Kommunikationsstränge in den sozialen Medien, ist daher die Speer-Spitze der indischen Anti-IS-Strategie. Hier arbeitet Neu Delhi intensiv mit ausländischen Geheimdiensten zusammen - zeitgleich mit US amerikanischen Diensten, den Arabern und den Israelis.

Israel erfreut sich bei der Regierung Narendra Modis besonderer Wertschätzung: Wenn Indiens Außenministerin Sushima Swaraj diese Woche nach Israel reist, wird es auch um die Zusammenarbeit bei der Bekämpfung der Terror-Gefahr gehen. Dies ist ein Bereich, in dem die Israelis besondere Expertise haben.

Taube Ohren

Im Vergleich zu anderen Ländern ist die Zahl der indischen IS-Rekruten verschwindend gering. Das liegt einerseits an der Effizienz der Überwachungsaktionen.

Zugleich stoßen die Propaganda-Botschaften des „Islamischen Staates" offenbar bei der sehr großen Mehrheit der indischen Muslime auf taube Ohren. Für die meisten ist die arabische Welt ein fremdes Universum mit wenigen direkten Bezügen.

Hat Indien also die tödliche Gefährdung durch den IS im Griff?

Glaubt man den offiziellen Beteuerungen könnte man die Frage mit „Ja" beantworten. Doch erst die Zukunft wird zeigen, ob das Land mit der größten Muslim-Minderheit der Welt auf Dauer unbeschadet bleibt in einer Konfrontation, die viele längst zu einem globalen Kampf zwischen dem Westen und dem Islam hochstilisiert haben.

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