BLOG
13/02/2016 07:45 CET | Aktualisiert 13/02/2017 06:12 CET

Ohrfeigen für Facebook in Indien

JJRD via Getty Images

2016-02-11-1455210951-1819966-NN3.jpg

Für Marc Zuckerberg, den erfolgsverwöhnten Facebook-Gründer, läuft in Indien im Moment alles schief. Mit erheblichem persönlichen und finanziellen Einsatz hatte der Unternehmer in dem Riesenland für sein Vorzeigeprojekt Free Basic geworben. Zum Nulltarif - so die Vision des Amerikaners - sollten Hunderte Millionen Inder Zugang zum Internet erhalten.

Der Plan hatte einen Haken: Das Gratis-Angebot bezog sich nicht auf das ganze Netz, sondern nur eine abgespeckte Version. Facebook und seine lokalen Partner würden entscheiden, welche Apps die Nutzer ansurfen könnten und welche nicht.

Nach elfmonatigem Hin und Her und einer Meinungsschlacht auf allen Kanälen hat Indiens Regulierungsbehörde für die Telekommunikation (TRAI) Anfang der Woche das mit Spannung erwartete Urteil gefällt. Es ist eine schallende Ohrfeige für Facebook, so die Meinung der Beobachter.

Keine diskriminierenden Tarife


„Kein Provider darf diskriminierende Tarife für Datenübertragungen verlangen", verkündete das Aufsichtsamt. Der Satz ist ein Bekenntnis zum Prinzip der Netzneutralität, die - positiv formuliert - vorschreibt, dass die Anbieter sämtlichen Verkehr im Internet gleichberechtigt behandeln müssen.

Die öffentlichen Reaktionen auf den netzpolitischen Grundsatzbeschluss war durchweg positiv, ja triumphierend. Die Direktive bestätige „die Vision eines offenen und fairen Internet", sagte Ravi Shankar Prasad, der Minister für Kommunikation und Informationstechnologie von der regierenden BJP-Partei.

Der Vorgang ist auch deshalb interessant, weil Regierungschef Narendra Modi noch vor Kurzem gerne mit Marc Zuckerberg vor der Kamera posierte und den Amerikaner für seine visonäre Digital India-Kampagne hofierte.

2016-02-11-1455210830-2287294-NN5.jpg

Auf Tauchstation


Nicht untypisch für die politische Willensbildung in der größten Demokratie der Welt hatte die Regulierungsbehörde zu einem öffentlichen Konsultationsprozess eingeladen. Inder gelten als diskussionsfreudige Menschen.

Mit riesigem Werbeaufwand hatte Facebook versucht, seine Argumentation mehrheitsfähig zu machen. Doch die Kampagne lief ins Leere. Je länger die netzpolitische Debatte währte, desto stummer wurden die Fürsprecher für Zuckerbergs abgespecktes Gratis-Internet. Selbst die heimischen Telekommunkationsunternehmen, die mit „Zero-Rate"-Angeboten Geld verdienen wollen, gingen auf Tauchstation.

Indiens Netzaktivisten feiern die Entscheidung als einen historischen Sieg. „Der Ausgang zeigt was passiert, wenn junge Menschen am politischen Prozess teilhaben", sagte Nikhil Pahwa, der an forderster Front die Kampagne #SaveTheInternet (Rette das Internet) steuerte.

Die ordnungspolitsche Diskussion wurde auch jenseits der indischen Landesgrenzen aufmerksam verfolgt. Der Beschluss erhöhe den Druck auf die Regulatoren in den USA die Schlupflöcher in der amerikanischen Politik zu stopfen, kommentierte der Branchendienst Motherboard die „dramatische Niederlage für Facebook".

Dort zeigt man sich betreten: „Obwohl wir enttäuscht sind, werden wir unsere Bemühungen, die Barrieren im Internet zu überwinden fortsetzen, um denjenigen, die nicht verbunden sind einen leichteren Zugang zum Internet und seinen Chancen zu gewähren", hieß es in einer Stellungnahme.

Nicht alle im Lager des kalifornischen Konzerns drückten sich in der Stunde der Niederlage derart diplomatisch aus. Einen Sturm der Entrüstung provozierte der Facebook-Verwaltungsrat Marc Andreessen, der die Entscheidung der indischen Regulatoren über Twitter mit einem Rückgriff auf die Geschichte denunzierte: „Anti-Kolonialismus war für das indische Volk für Jahrzehnte katastrophal. Warum also jetzt aufhören?"

Shitstorm und Reue


Vermutlich wollte der Manager, der als einer der Gurus der amerikanischen Tech-Branche gilt, in seinem Eifer sagen, dass die in Indien verbreiteteten Vorbehalte gegen westliches Hegemoniestreben und sozialistische Traditionen den wirtschaftlichen Fortschritt nicht gerade beflügelt haben.

Das ist eine Position, die auch viele Inder teilen. Doch mit der impliziten Diffamierung des indischen Freiheitskampfes ging Andreessen zu weit. Es folgten ein Shitstorm auf den sozialen Medien und die baldige Reue des vorlauten Managers, der den bösen Tweet löschte und kleinlaut ergänzte, er ziehe ich aus allen weiteren Diskussionen über die indische Politik und Wirtschaft zurück und überlasse das Thema Menschen mit mehr Wissen und Erfahrung.

Inzwischen hat sich auch der bekennende Indien-Fan Zuckerberg zu Wort gemeldet und sich von den Kommentaren seines Geschäftspartners distanziert.

Für Facebook hätte es kaum schlimmer kommen können. Zunächst das Aus durch die Aufsichtsbehörde auf dem lukrativen Zukunftsmarkt und dann der Aussetzer des Verwaltungsrates. Einfach wird es nicht, den Imageschaden zu korrigieren.

Allgemein wird in Neu Delhi damit gerechnet, dass die Entscheidung der Regulierungsbehörde nicht das Ende vom Lied ist. Zuckerberg und seine Verbündeten werden in Berufung gehen und den politschen Streit in die Gerichte verlagern, so die Annahme.

Derweilen warten Hunderte Millionen Inder weiter auf einen bezahlbaren Anschluss an das Internet.

Auch auf HuffPost:

Balisto-Riegel, Spielzeug und stapelweise Bücher: Zuckerberg zeigt seinen Schreibtisch: So einfach funktioniert die Facebook-Zentrale

Post auf Facebook: Hinter diesem Bild verbirgt sich eine aufrüttelnde Botschaft

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Lesenswert