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10/09/2015 05:29 CEST | Aktualisiert 10/09/2016 07:12 CEST

Soziale Probleme in Indien: Hardik Patel fordert Abstieg seiner Kaste

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Eine politische Karriere wie die des Hardik Patel ist vermutlich nur in Indien möglich. Seinen kometenhaften Aufstieg zum Liebling der Medien verdankt der 22-jährige Aktivist einer Kampagne, mit der er die staatliche Förderung seiner Kaste der Patels verlangt. Eigentlich nichts Ungewöhnliches könnte man meinen hier in Indien, wo Politik und Kasteninteressen eng verwoben sind.

Das Ungewöhnliche, ja geradezu Skandalöse an der Kampagne des Hardik Patel ist, dass die Kaste, für die er auf die Barikaden steigt, überhaupt nicht in das Bild der Benachteiligten passt. Ganz im Gegenteil: Die Patels gelten als wohlhabend und erfolgreich: „Sie sind wahrscheinlich die am besten situierten Geschäftsleute und Industrielle von allen Bauernkasten Indiens", urteilt der Südasien-Experte Christophe Jaffrelot.

Auf dem Höhepunkt der Massenproteste der Patel-Aktivisten im westindischen Bundesstaat Gujarat sind kürzlich zehn Menschen ums Leben gekommen. Mit großer Härte war die Polizei auf die Demonstranten losgegangen, was eine Welle der Solidarität ausgelöst hat. Die Patels sind wie gesagt keine armen Leute, so das kastenspezifische Stereotyp.

Hardik Patel sieht das aber ganz anders. In Reden und Interviews beklagt er die Marginalisierung und Verarmung der Kastenmitglieder. Die Bauern der Patel-Kaste hätten nicht genug zu essen, Tausende hätten aus Verzweiflung Selbstmord begangen, sagt er.

Besonders schlecht stehe es um die jungen Patels in den Städten, die weder Studienplätze noch Jobs im Staatsdienst fänden. Für das wachsende Elend sei - so die Klage - die Kastenpolitik, konkret: die staatliche Reservierungspolitik verantwortlich.

Positive Diskriminierung? Fehlgeschlagen!

Indiens Innenpolitik ist ohne Hinweise auf das System der Reservierungen nicht verständlich. Um die schlimmsten Ungerechtigkeiten des Kastenwesens auszugleichen, erlaubte die indische Verfassung von 1950 ein Verfahren, das auch als positive Diskriminierung bekannt ist.

Im Kern handelt es sich um eine politisch motivierte Quotenregelung. Über die Jahre hat der Staat eine Vielzahl von kastenspezifischen Hilfsprogrammen aufgelegt. Für Angehörige bestimmter Kasten wurden Studienplätze und Jobs im Staatsdienst reserviert. Die sozialpolitische Quotenregelung war - so die Absicht der Verfassungsväter - zunächst auf zehn Jahre befristet.

Doch die Hoffnung, mit derlei Zugaben, „die brutalste, vulgärste, hierarchischste gesellschaftliche Ordnung der Welt" - so beschreibt die indische Schriftstellerin Arundhati Roy das Kastenwesen - nachhaltig zu reformieren, erfüllte sich nicht.

In Folge beschlossen Regierungen neue Quotenprogramme und verlängerten bestehende. Immer mehr Kasten kamen so in den Genuss der staatlichen Förderung. Die kastenspezifischen Reservierungen entpuppten sich zudem als exzellentes Herrschafts- und Patronage-System in der Händen der Parteipolitiker.

Parteistrategen werben in Indien weniger mit programmatischen Aussagen; wahlentscheidend in der größten Demokratie der Welt sind Zusagen an bestimmte Kasten und das Schmieden von Kastenallianzen, die am Stichtag die Stimmen liefern, und dafür nach dem Wahltag kollektiv honoriert werden wollen.

Auch wenn sich allemal im urbanen Indien die schlimmsten Auswüchse des Kastenwesens abgeschwächt haben, bleibt die Kastenzugehörigkeit ein beherrschendes Thema in der politischen Auseinandersetzung.

Die Folgen sind paradox

Zu den Paradoxen der Kastenpolitik zählt, dass die Programme, die eingeführt wurden mit dem Ziel, die kastenbedingten Ungleichheiten zu bekämpfen, im Ergebnis das Kastensystem stabilisiert, ja reproduziert haben.

Die Sozialleistungen der Quoten-Programme werden nicht nach individueller wirtschaftlicher oder sozialer Bedürftigkeit vergeben; entscheidend ist die Zugehörigkeit zu einer Kaste. Längst nicht alle Angehörige einer Kaste sind Nutznießer der Förderprogramme.

Kritiker monieren, es sei vor allem ein „creamy top", eine sahnige Oberschicht, die sich die Privilegien sichert. Das führt zu dem Paradox, dass Mitglieder unterer Kasten über die Jahre in höchste Regierungsämter aufgerückt sind und Teil des Establishments wurden, die Masse derweil am sozialen Ende darbt.

Kaum ein Thema erregt die indischen Gemüter so sehr wie das Kastenthema. Das erklärt das riesige Medienecho auf die Agitation des Hardik Patel. Dieser verlangt keinesfalls die Abschaffung der Reservierungen der anderen.

Patel verlangt, seine Kaste möge von Amts wegen hinabgestuft werden in die Kategorie der OBC, der „other backward classes"; der kollektive soziale Abstieg seiner Kaste - so das Kalkül - sei verbunden mit staatlichen Beschäftigungs- und Bildungsgarantien.

Darum wird nichts passieren

Mit seiner Agitation beweist Patel einmal mehr, dass Indiens einzigartiges Kastenwesen heute vor allem zu einem sozialpolitischen Verteilungsprogramm mutiert ist. Unüberhörbar sind die Stimmen, die die Abschaffung der Kastenpolitik verlangen.

Nicht nur liberale Kommentatoren argumentieren, die Reservierungspolitik sei nicht kompatibel mit der modernen Marktwirtschaft, mit der Ministerpräsident Narendra Modi sein Land nach vorne bringen will.

Im Streit um die Patel-Privilegien hält sich Modi zurück. Es ist Wahlkampfzeit in Indien. Demnächst wird im Bundesland Bihar ein neues Parlament gewählt. Modi und seine Strategen sind dabei, Wahlallianzen mit hochkastigen Gruppen zu schmieden, berichten die Zeitungen. „Die Kastenwirklichkeit ist der Motor, der das moderne Indien antreibt", sagt Arundhati Roy. Es gibt wenig Anzeichen, dass die politische Klasse dieses ändern will.

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