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06/07/2015 12:08 CEST | Aktualisiert 06/07/2016 07:12 CEST

5 Gründe warum die meisten Griechen NEIN gesagt haben

Mit einer überraschend großen Mehrheit von 61 Prozent hat die griechische Bevölkerung im Referendum über den europäischen Lösungsplan OXI („Nein") gestimmt. In vielen Hauptstädten Europas löste das Votum Entsetzen und Unverständnis aus. In den folgenden fünf Punkten erkläre ich, warum das Ergebnis so ausgefallen ist.

Die Schwäche der pro-Europa Kräfte:

Der deutliche Sieg des NEIN hat tiefgreifende Auswirkungen auch für die griechische Innenpolitik. Für die Traditionsparteien PASOK und Nea Dimokratia (ND), die seit der Rückkehr des Landes zur Demokratie in Griechenland 1974 die Macht monopolisierten, ist das Ergebnis ein Schlag ins Gesicht.

Die sozialdemokratische PASOK und die liberal-konservative ND hatten bereits bei den Parlamentswahlen Anfang des Jahres Federn lassen müssen. Nun sind sie abermals gescheitert: Mit einer unkoordinierten und unterfinanzierten JA-Kampagne wollten sie verspieltes Vertrauen zurückgewinnen. Dieser Versuch ist kläglich gescheitert.

Die JA-Kampagne stützte sich im wesentlichen auf individuelle Initiativen. Sie litt darunter, dass sich die Anführer der Altparteien, die für die verhasste Sparpolitik der vergangenen fünf Jahre verantwortlich gemacht werden, in der Vordergrund drängten. Der Chef der Nea Dimokrtia, ex-Regierungschef Antonis Samaras, trage grosse Mitschuld an dem Debakel, waren sich bald alle einig.

Der Geächtete trat noch am Wahlabend zurück. Wenige Griechen weinen ihm eine Träne nach. Das Problem: es gibt keine glaubwürdigen Alternativen. Solange das pro-europäische (und bürgerliche) Lager schwach und kopflos bleibt, haben Alexis Tsipras und seine Genossen ein leichtes Spiel.

Die Stärke der Tsipras-Koalition:

Das klare NEIN ist auch ein persönlicher Triumph des Ministerpräsidenten, dessen innenpolitische Position nachhaltig gestärkt ist. Die NEIN-Strategen stützten sich auf eine breite Koalition: Neben der sozialistischen Regierungspartei SYRIZA, die das linke Spektrum weitgehend abdeckt, bediente die rechtspopulistische ANEL (Unabhängige Griechen) konservative und nationalistische Wählergruppen.

Ungewollten, aber numersich durchaus messbaren, Zulauf erhielt das NEIN durch die Stimmen der faschistischen „Goldene Morgenröte", die offen für das NEIN geworben hatte.

Anders als die JA-Sager waren die NEIN-Befürworter gut organisiert und finanziert. Mit seiner ruhigen verbindlichen Art, seinem jugendhaften Auftritt und dem Image des Unverbrauchten, hat sich Tsipras in weiten Teilen der Bevölkerung Respekt verschafft. Seine Kampagne hat den Amtsbonus geschickt eingesetzt und Tsipras als den Politiker präsentiert, der rastlos für die Rettung der Nation streitet.

Auch hier gilt: Tsipras und das NEIN haben vor allem gewonnen, weil die Argumente der JA-Befürworter die Massen nicht überzeugt haben. Diese wurden identifiziert mit der Sparpolitik der letzten fünf Jahre, zu der eine Mehrheit nicht zurückwill.

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Aufschrei der Gedemütigten:

„NEIN - für die Demokratie und die Würde" lautete die Botschaft auf den SYRIZA-Plakaten. Würde, Achtung, Respekt, Solidarität - mit diesen Vokabeln operierten die NEIN-Befürworter. Erst im hinteren Teil der Reden ging es um Schulden, geschlossene Banken und Kapitalkontrollen. Tsipras verstand es, eine letztlich hoch-technokratische Materie, die wenige durchdringen, zu emotionalisieren. Dabei blieben viele Wahrheiten auf der Strecke.

Übertreibungen, selbst Diffamierungen aus dem offiziellen Athen verloren bald Nachrichtenwert. Wenn der nun aus dem Verkehr gezogene Finanzminister polterte, Europa terrorisiere die Griechen und wolle ein stolzes Volk demütigen, so war diese Botschaft nach innen gerichtet. Mit derlei Parolen hat die Regierungspartei den Nerv vieler Griechen getroffen.

Diese Menschen sehen sich kollektiv als Opfer, als „Underdogs". Was Tsipras und Co. im Fernsehen sagen, das erfährt man - wenn man sich darauf einlässt - im persönlichen Gespräch mit Griechen. Sie fühlen sich gekränkt, verstoßen und sind in hohem Maße verunsichert. Das NEIN war auch ein Aufschrei der „Gedemütigten". Oder sagen wir lieber: ein Aufschrei der Menschen, die sich gedehmütigt fühlen.

„Wir haben nichts zu verlieren."

Man muss lange suchen, um Wahlbezirke zu finden, in denen das NEIN nicht gesiegt hat. Die Vororte der ganz Reichen im Norden und Süden Athens etwa tanzen aus der Reihe. Auffällig, dass auch in den Touristenhochburgen auf den Inseln die NEIN-Kampagne auf breiter Front trimumphiert hat. Beunruhigend ist, dass gerade jugendliche Wähler überdurchschnittlich häufig das NEIN-Kästchen angekreuzt haben. Viele junge Griechinnen und Griechen haben die Hoffnung in die Zukunft verloren, hört man immer wieder.

Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei über 50 Prozent; wenn ein junger Grieche dann einen Job finden sollte, ist er in der Regel miserabel bezahlt. „Wir haben nichts zu verlieren", sagen junge Griechen mit einer Mischung aus Trotz und Verzweiflung, wenn man fragt, warum sie für NEIN gstimmt haben.

Ältere Griechen haben eher ein verklärtes Bild von Europa, verbinden die EU mit der Zugehörigkeit zum Westen und Wohlstand. Im Zuge der Schuldenkrise hat die junge Generation das positive Bild der Union verloren. Oder: sie hat es niemals besessen.

Fehleinschätzungen und Kommunikationsdebakel:

Vergleicht man die Berichtersattung und politische Diskussionen zur Schuldenkrise in Deutschland und hier in Griechenland, man könnte meinen, es sind zwei Welten, unterschiedliche Universen, die wenig gemeinsam haben. Die Politiker reden zwar, doch sie reden aneinander vorbei. Die Worte sind dieselben, doch sie haben eine andere Bedeutung.

Es ist nicht einfach, gerade als Deutscher, in diesen Tagen ein vernünftiges Gespräch mit Griechen zu führen - vor allem, wenn es um die Krise geht. Im besten Fall hört man, man habe ja nichts gegen die Deutschen als Volk, wohl aber gegen die „böse Regierung". Dies ist eine weitere der vielen Fehlperzeptionen. Denn Angela Merkel ist vermutlich weitaus wohlwollender, wenn es um die Behandlung der griechischen Schuldenberge geht, als Otto Normalverbraucher an seinem Stammtisch.

Fundametale ordnungspolitische Differenzen erschweren den Diskurs der Regierungen: Athen meint allen Ernstes, jetzt sei die Stunde gekommen, die Europäische Union von Hellas aus zu „demokratisieren"; die Gläubiger ermahnen die Griechen, sie sollen sich endlich an die Spielregeln halten, bei den Schulden höre die „Demokratie" auf. Basta!

Den griechischen Medien gelingt es kaum, die Tragweite des Fundamentaldissenses zu vermitteln. Die europäischen Stimmen finden zwar Platz, doch allzu oft werden sie übertönt und verfälscht. Durchhalteparolen, die die eingespielten europäischen Usancen in Frage stellen, haben Hochkonjunktur. Das ist von Bedeutung; denn es geht um Stimmungen und diese haben - wie wir gesehen haben - Einfluss auf das Wahlverhalten.

Wenn es Tsipras doch noch gelingen sollte, in letzter Minute eine Vereinbarung mit den Gläubigern zu erreichen, wird er auch sein Kommunikationsverhalten anpassen müssen: Der Rauswurf des Finanzministers Giannis Varoufakis ist ein Signal in diese Richtung. Tsipras wird nicht umhinkommen, seine NEIN-Rhetorik aufzugeben und im Umgang mit den europäischen Partnern auf das verbindlichere JA umzuschwenken. Das wird nicht einfach sein. Doch er weiß, die Griechen werden ihm folgen.

Das letzte was die Menschen in Griechenland wollen, ist aus dem Euro und der EU verstossen zu werden - trotz ihres lauten NEINs am Sonntag.


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