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08/02/2017 12:35 CET | Aktualisiert 09/02/2018 06:12 CET

Hochaktuell und teils brandgefährlich: Was von Vergleichen zwischen der Antike und heute zu halten ist

Remo Casilli / Reuters

Sie machen derzeit oft Schlagzeilen: Vergleiche zwischen der Antike und heute, und darauf aufbauende Prognosen, wie es weitergehen könnte mit unserer Gesellschaft.

So hat etwa der Brüsseler Althistoriker David Engels kürzlich in der Huffington Post erklärt, warum seiner Ansicht nach die EU untergehen werde wie einst die Römische Republik.

Auch wir sind Historiker - und warnen ganz ausdrücklich vor solchen Vergleichen. Denn so einfach ist es nicht.

Rom und die Gegenwart

Was aus unserer Sicht stimmt: Rom beeinflusste die Welt, in der wir leben, nachhaltig. Die Entwicklung unseres Rechtssystems, unsere Kultur und Architektur, die Bedeutung der antiken Literatur und Philosophie sind Beispiele dafür.

Da drängt sich die Frage natürlich auf: Wenn wir Roms Erben sind, teilen wir dann nicht auch ein gemeinsames Schicksal? Es ist eine Frage, die uns nicht erst jetzt umtreibt. In Europa und Amerika gibt es eine lange Tradition, die Gegenwart durch Elemente der römischen Geschichte zu erklären. Aber dabei muss man bedenken:

1. Die Gesellschaft hat sich gewandelt

Man kann die Gesellschaften von damals und heute nicht gleichsetzen, es gibt heute andere technische Möglichkeiten, die Bevölkerung ist gewachsen, es gibt andere Transportmöglichkeiten, moderne Medien und vieles mehr. Kurz: Viele Regeln und Begrenzungen, die für die Antike galten, gelten heute nicht mehr.

2. Die Vergangenheit ist immer Interpretationssache

Die Vorstellungen von der Vergangenheit sind von der jeweiligen Gegenwart abhängig. Folgende Beispiele zeigen das:

Während der Aufklärung im 18. Jahrhundert erblickte man im Römischen Reich Rationalität, Recht und ein gerechtes, stabiles politisches System. Im 19. Jahrhundert diente dann Rom als Rechtfertigung für Eroberungen, koloniale Herrschaft und kulturelle Überlegenheit. Die totalitären Regime des vergangenen Jahrhunderts wiederum fanden Bilder von Stärke und Ordnung, sie orientierten sich für ihre Propagandabauten an römischer Architektur.

Heute jedoch dominiert die Furcht: Donald Trump vergleichen manche mit populistischen („popularen") Politikern der römischen Republik wie Catilina und Caesar oder gar mit den Paradebeispielen von Tyrannen, wie den Kaisern Nero oder Caracalla. Die römische Geschichte liefert so Bilder von Stummfilmschurken und die Essenz von Dekadenz und Tyrannis. Und am Ende der römischen Geschichte findet sich dann ein anderes Schreckbild: Wilde barbarische Horden sollen die befestigten Grenzen überrannt und einer hochentwickelten Zivilisation den Todesstoß versetzt haben. Nicht nur einmal wurde das Ende Roms dabei mit den Flüchtlingsströmen unserer Tage in Beziehung gesetzt.

Wiederholt sich Geschichte?

Unser Bild auf Rom wird also von Projektionen geprägt. So unterschiedliche Autoren wie Arnold J. Toynbee, Oswald Spengler und Francis Fukuyama bieten - bei aller nötigen und berechtigten Kritik - theoretische Erklärungsmodelle für eine Wiederholung historischer Momente.

Aber dann müssen sich die angeblichen Parallelen auch belegen lassen. Der Historiker David Engels prognostizierte vor wenigen Tagen an dieser Stelle bürgerkriegsähnliche Zustände und Verfallserscheinungen in Europa. Er ist weder Journalist noch Sozialwissenschaftler noch ein politischer Provokateur, der mittels einiger weniger Klischees aus dem Schulunterricht oder dem Film „Gladiator" den Austritt Großbritanniens aus der EU rechtfertigen will. Trotzdem lässt sich seine These aus unserer Sicht nicht halten.

Engels arbeitet sich an einer Liste mit seiner Meinung nach vergleichbaren Elementen ab: Arbeitslosigkeit, Familienzerfall, Individualismus, Niedergang traditioneller Konfessionen, Globalisierung (also „Romanisierung"), Bevölkerungsniedergang, Fundamentalismus, Migration, Verarmung, „Brot und Spiele", Kriminalität, politische Polarisierung.

Das Ausmaß und den Charakter der genannten Probleme im Europa der Gegenwart zu beurteilen, ist eine persönliche (und sehr pessimistische) Meinungsäußerung. Die Behauptung, das antike Rom habe unter diesen Phänomenen gelitten, ist zumindest fragwürdig und nicht eindeutig belegbar. Engels gibt hier nicht die Mehrheitsmeinung seiner Fachkollegen wieder.

Ob in den letzten Jahrzehnten der Republik die Verbrechensrate anstieg, ist völlig unklar, und dies gilt auch für häufigeren Familienzerfall. Es gibt hierfür schlicht keine Quellen. Ob es einen Bevölkerungsrückgang gab ist umstritten, und wenn, dann jedenfalls nur in Italien und nicht im ganzen Reich. Es stimmt zwar, dass viele der genannten Motive in Schriftquellen genannt werden, allerdings stammen diese aus der Regierungszeit des Augustus und hatten offensichtlich zum Ziel, ein neues Regime als die Rettung aus Chaos und Zerfall zu preisen. Die Klagen über den Verlust traditioneller Werte und religiöser Praktiken deutet man heute als rhetorische Figuren, nicht als Fakten. Das politische System der Römischen Republik brach zweifelsohne zusammen, es wurde in langen kriegerischen Auseinandersetzungen gewaltsam gestürzt - diese Ereignisse jedoch als das Ergebnis eines gesellschaftlichen und kulturellen Verfalls zu deuten, übersteigt bei Weitem die Aussagekraft unserer Quellen.

Aber selbst wenn wir manche Parallelen akzeptieren, die Engels postuliert, lassen sich die enormen wirtschaftlichen, politischen, kulturellen und technologischen Unterschiede zwischen der Antike und dem 21. Jahrhundert nicht ausblenden.

Das ist keine Wertung oder eine Feststellung, dass unser System stabiler wäre: Es ist schlicht anders. So ergibt es wenig Sinn, einfach zu behaupten, Ereignisse würden sich wiederholen.

Tatsächlich muss man sich den Verlauf der Geschehnisse im 1. Jahrhundert vor Christus einmal konkret vor Augen führen, die sich, wie Engels behauptet, auch in unserer Gesellschaft unausweichlich wiederholen sollen:

Die Römische Republik zerfiel, weil sich über mehr als ein Jahrhundert hinweg eine kleine Zahl mächtiger Individuen die Loyalität von Teilen der Armee sichern konnte. Die Bürgerkriege dauerten so lange an, bis Octavian der einzige noch handlungsfähige Akteur war und als „Augustus" eine Alleinherrschaft errichten konnte, die Züge einer Militärdiktatur trug.

Es bräuchte also schon eine paneuropäische Armee, die in verfeindete Teile zerfällt und einzelnen Anführern folgt, um die Parallele plausibel zu machen. Engels prognostiziert aber einen „europäischen Bürgerkrieg" bis ein charismatischer, friedensbringender Anführer (die Parallele zu Augustus) den Kontinent wieder vereinen wird.

Anders gesagt, sollte Europa in wenigen Jahrzehnten tatsächlich ein vereinigter und autokratisch regierter Staat sein, so müsste der Weg dorthin sehr verschieden vom alten Rom gewesen sein.

Aber wenn schon die Voraussetzungen und Mechanismen der historischen Entwicklungen derart verschieden sind, mit welchem Grund sollte man dann annehmen dürfen, dass sie zum selben Ende gelangen werden?

Steht der Untergang durch Einwanderung bevor?

Engels und seine Warnung vor einer Wiederholung der römischen Geschichte sind allerdings kein Einzelfall. In ähnlicher Weise wurde in den letzten Monaten immer wieder eine andere angebliche Parallele beschworen: das starke Bild einer das Römische Reich hinwegfegenden barbarischen Invasion, einer Völkerwanderung, in der barbarische Migranten die antike Zivilisation zerstört hätten.

Zwar gibt es in der Tat Historiker, die Angriffe durch hunnische und germanische Gruppen für den Untergang des Weströmischen Reiches verantwortlich machen. Doch inzwischen stellt diese in der Öffentlichkeit sehr sichtbare Gruppe innerhalb der Fachwissenschaft eine Minderheit dar.

In der neueren Forschung werden stattdessen immer öfter Entwicklungen im Imperium selbst für die Vorgänge verantwortlich gemacht: Ähnlich wie am Ende der Republik kam es schon im 3. Jahrhundert zu heftigen Bürgerkriegen und Abspaltungen ganzer Regionen.

Die von Augustus begründete Ordnung hatte von Anfang an unter einem Mangel an Legitimität gelitten und geriet nun in eine schwere Krise, nach 395 eskalierten die Machtkämpfe. Den Zerfall der westlichen Reichshälfte im 5. Jahrhundert hat der Althistoriker Henning Börm dabei mit jenem des Alexanderreichs verglichen: Bürgerkriege und Machtkämpfe, an denen in der Spätantike allerdings fremde Kriegerverbände beteiligt waren, führten schließlich zum Kontrollverlust der Zentralregierung und zur Zergliederung der westlichen Provinzen in Nachfolgereiche.

Diese Truppenverbände, manche in der Größe kampfstarker Armeen, begannen in oft chaotischen Situationen auf eigene Rechnung zu operieren, und sie übernahmen schließlich die Macht in einzelnen Regionen. Die meisten von ihnen waren aber nicht als Eroberer oder Flüchtlinge in das Imperium gekommen, sondern die Römer hatten sie als Söldner angeworben, um für sie in ihren inneren und äußeren Kriegen zu kämpfen. Nach diesem Erklärungsmodell übernahmen sie die Macht erst, als die Römer sie selbst aus der Hand gegeben hatten. Indem nun die überregionalen Strukturen zusammenbrachen, schwanden auch der Wohlstand und die Lebensqualität, die das Römische Reich ermöglicht hatte.

Nicht äußere Angriffe, sondern innerer Streit und die strukturelle Instabilität der kaiserlichen Herrschaft gelten daher heute vielfach als entscheidende Gründe für den politischen Niedergang Westroms. Dieser wäre zudem wohl vermeidbar gewesen, denn in der Osthälfte des Reiches gelang die Stabilisierung.

Über einen Kulturbruch am Ende der Antike lässt sich trefflich streiten. Zweifellos war die Geschichte des 5. Jahrhunderts von Gewalt und Zerstörung geprägt. Doch wäre dieser Bruch so massiv gewesen, würden wir dann in unseren Schulen noch Latein lernen? Gelehrte Mönche überlieferten uns die antike Literatur. Aus der antiken entstand die europäische Hochkultur des Mittelalters, das Europa, dessen Zerfall nun in Aufstiegs- und Niedergangsszenarien befürchtet wird. Es ist heute keine in der Fachwelt akzeptierte historische Tatsache, „Einwanderer" hätten das Römische Reich zerstört.

Und nun?

Wir können aus der römischen Geschichte lernen, wenn wir bedachtsam vorgehen. Ein Vergleich zwischen Einst und Jetzt ist aber nur dann produktiv, wenn er ebenso auf Unterschiede wie auf Gemeinsamkeiten achtet, um uns dabei zu helfen, die Eigentümlichkeiten unserer eigenen Situation besser zu begreifen.

Das römische Modell der Staatsbürgerschaft und das Nebeneinander verschiedener Sprachen und Kulturen wären solche Möglichkeiten zum Vergleich; die enormen Besitzunterschiede zwischen einer kleinen Gruppe der Elite und dem Rest der Bevölkerung und die dadurch bedingten Spannungen ebenso.

Unsere persönliche Haltung zur EU

Und was die EU angeht: Natürlich hat sie viele Probleme, nicht zuletzt ihre Austeritätspolitik. Aber ein wieder erstarkender Nationalismus wäre eine viel schlechtere Alternative - vor allem in einer Welt, die gefährlicher und instabiler wird.

Wir fühlen uns als Europäer.

Lesen Sie auch die Antwort von David Engels: https://www.huffingtonpost.de/david-engels/rom-geschichte-historiker_b_14717976.html

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