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05/07/2015 07:17 CEST | Aktualisiert 05/07/2016 07:12 CEST

Die Medien sind nicht Schuld am Scheitern der Tsipras-Regierung

Seit Sokrates ist bekannt: die Wahrheit liegt auf dem Marktplatz: wer die Zuhörer nicht überzeugt, packt seine Sachen. Ob als Lehrer, der nicht genügend zahlende Schüler für sich einnehmen konnte oder als Politiker.

Seit mehr als 2000 Jahren hat sich an diesem Grundprinzip der Demokratie nichts geändert. Wenn dieser Tage Alexis Tsipris und Yanis Varoufakis die Finger auf alle in Europa richten, dann wissen sie doch, dass sie allein versagt haben: trotz weltweitem Auditorium gelang es ihnen nicht, Mehrheiten für ihre Positionen zu gewinnen.

Dabei waren sie mit viel besseren Bedingungen gestartet als manch andere Vertreter von Minderheiten-Positionen: in der Regel müssen diese um Wahrnehmung kämpfen. Doch Tsipras erhielt von der ersten Minute an nicht nur die Titelseiten der Weltmedien, sondern dies anfangs verbunden mit einem überraschenden Good-Will.

Wer die Gesichter von Martin Schulz über Jean-Claude Juncker bis hin zu Wolfgang Schäuble am Wahlabend in Athen Ende Januar studierte, bemerkte ein ungläubiges Staunen: seit dem Einzug der Grünen in den Bundestag in den 80iger Jahren erhielt keine Aussenseiter-Gruppe so schnell ein günstiges Medienklima. Obwohl den Journalisten von BBC über TF1 oder RAI bis zur ARD klar war, dass die Positionen von Tsipras keine Schnittmengen mit den Konzepten in Brüssel hatten, gaben die meisten Medien in Europa den „Neuen" fast unbegrenzten Kredit.

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Dieses Wohlwollen führte dazu, dass der common sense in Brüssel ausgesetzt wurde - trotz aller positiven Signale, die nach volkswirtschaftlichen Kriterien nun auch Griechenland auf einen langsamen, aber stetigen Weg sahen, ebenfalls wie Irland, Portugal und Spanien wieder die Wende zum ökonomisch stabilen Wirtschaften zu schaffen. Tsipras und Varoufakis versprachen einen alternativen Weg: warum ihnen nicht Gehör schenken? Dies war über die Landesgrenzen hinweg der neue Cantus Firmus.

Seitenlange Portraits erschienen, um den Mann als neuen Finanzminister vorzustellen, der bis dahin auf keinem Kontinent eine nationalökonomische Fakultät so von seiner Theorie hätte überzeugen können, dass sie ihm einen dauerhaften Lehrstuhl gaben. Und was ihm an den Universitäten über Jahrzehnte nicht gelang, schaffte er nun nach 5 Monaten auch nicht gegenüber den ihm wohlwollenden Medien: zu überzeugen.

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Natürlich hätten die Medien früher offene Fragen klären können: warum sollte in Griechenland nicht gelingen, was in Irland, Portugal und Spanien funktionierte? Warum haben die Medien ihr Interesse an Irland, Portugal und Spanien verloren, sobald diese nicht mehr als Failed-States galten? Und vor allem: warum sollte Griechenland für Europa noch ein Problem darstellen, wenn nach gültigen Bilanz-Regeln doch alle Engagements in Griechenland spätestens mit den Geschäftsberichten von 2011 auf Null gestellt werden mussten?

Und nicht zuletzt angesichts der nun im Raum stehenden 90 Milliarden, die ein Grexit die deutschen Steuerzahler kosten sollte - was kann daran ein Problem sein, wenn der deutsche Haushalt seit Ausbruch der Krise mindestens um 100 Milliarden entlastet worden ist, weil die Zinsen für deutsche Schulden nicht mehr so hoch sind wie vor Ausbruch der Krise?

Eine mehr an Fakten orientierte Berichterstattung auf allen Seiten hätte viele Krisengipfel erspart. Dennoch bleibt: Alexis Tsipras und sein Team hat vielfältigen Chancen zur Überzeugung nicht genutzt und auch dafür gibt es seit langem eine klare Lösung: Als vor Jahrzehnten die Europäer ausgerechnet zwei Deutsche auswählten, die mit ihrem Text und der Musik am besten den Charakter und die Empathie in Europa zum Ausdruck gebracht hatten, ging es nicht allein um das Motivierende der „Ode an die Freude": zentral war der Grundgedanke der sich bestärkenden Freundschaft.

Friedrich Schiller und Ludwig van Beethoven haben congenial die Basis jeder funktionierenden Gesellschaft definiert. Aber in der letzten Strophe singen alle Europäer eben auch: „Und wem's nie gelingt (eines Freundes Freund zu sein): der stehle weinend sich aus diesem Bund".


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