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22/03/2016 10:07 CET | Aktualisiert 23/03/2017 06:12 CET

Wie uns Angst zu unmündigen Bürgern macht

dpa

Eine sehr platte Wahrheit ist der Titel des Filmes von Rainer Werner Fassbinder aus dem Jahr 1974: „Angst essen Seele auf".

Dies soll heißen: Angst ist irrational; sie hilft nicht weiter, sondern zerstört und schafft noch mehr Probleme. Angst meint mehr als bloße Furcht vor etwas Konkretem - denn Furcht kann im Alltag nützlich sein, um die Sinne zu schärfen.

Angst dagegen ist unscharf, hat keinen klaren Bezug und benötigt keine Fakten und keine Wahrheit: Sie hemmt Inklusion, schürt Vorurteile.

Vor allem jedoch hilft sie nicht bei der Bewältigung echter Probleme, sondern verstärkt sie schlimmstenfalls.

Wenn sie in einer Gesellschaft fußfassen kann, werden Freiheit und Eigenständigkeit gehemmt: Ein Zustand einer gesellschaftlichen Psychose, in der wirkliche Probleme nicht erkannt und gelöst werden.

Der „besorgte Bürger" ist ein Stichwort unserer Zeit: Diese „Besorgnis" wird sehr unterschiedlich ausgelegt - zu oft auch, um Rassismus und Fremdenfeindlichkeit ein legitimes Gesicht zu verleihen.

Die prominenteste Gruppe von Bürgern, die vorgeben, einfach nur besorgt zu sein, ist wahrscheinlich die PEGIDA-Bewegung mit allerlei Ablegern.

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Wer sich heute dieser oder ähnlichen Bewegungen anschließt und dies nicht aus seiner politischen Gesinnung heraus tut, lässt sich scheinbar von diffusen, irrationalen Angstvorstellungen leiten.

Geschäft mit der Angst - Pakt mit dem Teufel?

Die Frage stellt sich: Wer oder was schürt diese Angst?

Im Raum steht, dass mittlerweile eine ganze Industrie davon lebt, Angst in Deutschland zu schüren, zu nähren und daraus Profit zu erwirtschaften.

Menschen unter dem Einfluss von Angst lassen sich leichter führen und fragen weniger, werden manipulierbar. Angst vor Flüchtlingen, vor Überfremdung, vor dem Islam oder Islamismus, vor Gefahren für Frauen und Kinder kann sich verbreiten: Bald schon ist unklar, ob gesellschaftliche Angst aus der Stimmung in Deutschland heraus entstanden ist - oder ob die gesäte Angst selbst diese Stimmung erzeugte.

Trotz aller Eigendynamik ist eine bewusste, gewinnorientierte Stimmungsbeeinflussung oberhalb von Meinungsbildung denkbar: In diesem Fall ginge die Potenzierung gesellschaftlicher Angst mit Klickzahlen, Wählerstimmen oder Absatzzahlen von Pfefferspray und Einbruchsicherungen einher, um bei gemäßigten Beispielen zu bleiben.

Dieses Problem ist nicht ganz neu: Bereits 1987 schrieb Helmut Schmidt, dass stimmungsdemokratische Politik problematisch wird, wenn sie keine Grenzen kennt. (H. Schmidt: Menschen und Mächte, 1987, S. 330ff.)

Dann würde Politik zu stark unter dem Einfluss medialer Ausschlachtung leiden, die nicht nur Meinungsbildung anspricht. In solchen Darstellungen sind komplexe Probleme oft zu vereinfacht: Populismus kann wachsen, wenn nur genug Menschen daran glauben, einfache Lösungen radikal durchzudrücken zu können.

Die Lust an der Aufregung.

In einem solchen Klima können inszenierte Falschmeldungen dienlich sein, die Stimmung noch zu verschlimmern: Sie werden in sozialen Netzwerken verbreitet, ohne den eigentlichen Inhalt zu prüfen - nicht der Fakt wird diskutiert, sondern die Aufregung wird zum Hit; Aktionismus kann wachsen.

Hierfür ist egal, ob es um die Höhe von Geldern für Flüchtlinge oder die vermeintlichen Folgen einer insgeheim verfolgten Gender-Agenda einer bösen Homolobby geht.

Erst im Februar zeigte eine bewusst inszenierte Falschmeldung, gedacht zur Bloßstellung, wie bizarr einfach vermeintliche Fakten verbreitet werden, wenn sie die Angst und die Aufregung nähren können.

Es ist also notwendig, Wege zu entwickeln, um sich gesellschaftlicher Angst zu widersetzen.

Ein Schlüssel hierzu findet sich bereits in der alten Rede Buddhas mit dem Titel „Furcht steckt an": So hängt es erstens von unserem eigenen Handeln ab, wie viel Hass und Boshaftigkeit in unserer Gesellschaft fußfassen. Zweitens ist das völlig ungeprüfte Verbreiten von stimmungsbefeuernden Nachrichten der Weg in die eigene Unfreiheit.

Man könnte mit Blick auf das, was uns Nazideutschland oder auch Morton Rhues „Die Welle" leeren, ein Drittes ergänzen: Gefahr droht, wo Meinung und Handlung nur noch mit der Gruppe verbunden werden. Darf Verantwortung immer an die Gruppe abgetreten werden?

„Wer auf andere mit dem ausgestreckten Zeigefinger zeigt, der deutet mit drei Fingern seiner Hand auf sich selbst." (Gustav Heinemann)

Der wirkliche Feind ist die eigene unreflektierte Reaktion

Was sich in unserer Gesellschaft verbreiten muss, ist ein Hang zur aufgeklärten Eigenständigkeit und Mündigkeit: „Mündig ist, wer weiterdenkt [...] und sich letztlich auch nicht durch Eruptionen von allen Menschen, die Meinung und Aufwiegeln verwechseln, wie ein Windspiel in eine gewisse Richtung abdrängen lässt. Mündigkeit steht der Selbstaufgabe durch billige Hasstiraden entgegen und zeugt von Mut und Verantwortungsbewusstsein [...]." (Robert Ziegler, Die Mauer muss weg!", 2015, S. 4)

Dazu gehört das Verständnis, dass die Überwindung fremdauferlegter Angst neue Wege ebnet: Angst und Hass projizieren Auslöser blind auf jemand anders und hemmen die Fähigkeit zur Problemlösung und zum klaren Denken.

Der wirkliche Feind ist die eigene unreflektierte Reaktion, auf den Zug der Angst aufzuspringen, und zu übersehen, was eine Situation bietet.

Dies sind Grundüberlegungen, die in den Wurzeln der abrahamitischen Religionen Christentum, Judentum und Islam zu finden sind - und davon unabhängig in jeden moralischen Kodex gehören.

Natürlich ist jeder selbst in der Pflicht, sich mit den Inhalten, die er gespiegelt bekommt und selbst weiterspiegelt, hinreichend sachlich auseinanderzusetzen. Dennoch muss der Politik wesentliche Verantwortung zuteilwerden, Ängste zu nehmen und sie nicht zu schüren.

Politik muss den Bürgern näherkommen.

Politik muss Meinungsbildung ebenso stärker im Visier haben, um die Schwämme übersteigerter „Besorgnis" zu verringern. Sie muss glaubwürdiger werden für die, die sich abgehängt fühlen.

Lokal bedarf es hierzu einer fühlbaren Bürgernähe fernab von Überheblichkeit, Kleinreden und Grenzen: Politik muss mit ihren Fühlern Sympathie und Klarheit ausstrahlen, um mit Fakten und Argumenten zu überzeugen - und um letztlich Hetze und Häme zu beseitigen.

Dies muss, gut angelegt, zu einer gewissen Stimmungsrobustheit und Gelassenheit gegenüber jenen Diskurs-Eruptionen führen, die immer möglich sind. Auch dies ist Kennzeichen von Kontinuität und innenpolitischer Stabilität.

Auch auf weit überregionaler Ebene benötigen wir Voraussetzungen: Helmut Schmidt spricht davon, dass die geistigen und spirituellen Führer dieser Welt ihren Anhängern die notwendige Bildung zukommen lassen müssen, damit diese sich zur Handlung verantwortlich fühlen. (H. Schmidt: Religion in der Verantwortung, 2012, S. 164)

Dies muss bis in jede kleinste lokale Ebene fortgeführt werden, um Kräfte sinnvoll zu investieren. Auch dies gehört scheinbar zur Lösung internationaler Krisen: Die Lösung der Krise in den Köpfen.

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