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21/12/2016 09:59 CET | Aktualisiert 22/12/2017 06:12 CET

Islamisten und Rechtspopulisten spielen sich gegenseitig in die Hände

Tobias Schwarz / Reuters

Die erste Welle der Übelkeit überkam mich gestern Abend beim Nachrichtenlesen. Erst ein Toter, dann neun, spätnachts zwölf am Breitscheidplatz - wie ein Schlag auf den Solarplexus. Übelkeit. Schwindel. Mein Blick fiel auf einen Tweet „Zum Kotzen. Was für eine kranke Welt".

Er kam von einem FDP-Abgeordneten, mit dem ich mir sonst gern verbale Kabbeleien liefere. Und jetzt sprach er mir für den Moment aus der Seele. Ich retweetete. Und las viele weitere Tweets voll aufrichtiger Erschütterung und Anteilnahme.

Aber dann: „Gutmenschengejaule". Wer so etwas schreibt, muss ich nicht mehr sagen und will es auch nicht mehr. „Die ignorieren wir noch nicht mal", sagt man im Norden dazu. Zweite Welle der Übelkeit.

Extremismus gefährdet unsere Gesellschaft, egal woher er kommt

Aus diesem einen Wort spricht Hohn den Opfern, Hohn allen, die ihnen nahe standen, Hohn dem Mitgefühl, Hohn der Menschlichkeit. Dieses eine Wort zeigt, was unsere freie Gesellschaft gefährdet: Extremismus, gleich woher er kommt.

Es ist die gleiche Verachtung, die dem terroristischen Islamismus, dem Rechtsextremismus, ja jeder Form von extremistischer Ideologie innewohnt.

Islamisten und Rechtsideologen spielen sich gegenseitig in die Hände. Wir wissen noch nicht, wer in Berlin für den Anschlag verantwortlich ist. Die Debatten der nächsten Wochen lassen sich aber schon jetzt vorhersehen.

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Die Forderungen nach Verschärfung von Sicherheitsgesetzen, von Asylgesetzen, nach schnellerer, härterer Abschiebung, gern als Abschiebe-TV mit live-Demütigung vor der Kamera, werden laut werden.

Aufwind für jene, die das Ende des Doppelpasses fordern, das Burka-Verbot, all das ist bekannt. Und keinem, keinem der Opfer von Berlin ist damit geholfen. Wer die Freiheitsrechte verteidigt, wird als Weichei abgestempelt.

Eine Gesellschaft, die Gesellschaft als Errungenschaft missachtet

Die Extremisten treiben uns in eine autoritäre, vor Angst erstarrte Gesellschaft hinein, eine, die die Gesellschaft als Errungenschaft selbst zunehmend missachtet. Und das, was sie ausmacht: Freiheit.

Freiheit meint immer auch die des anderen, und das setzt etwas Grundlegendes voraus - Respekt und Vernunft. Es sind die Werte der Aufklärung, die hier verraten werden: von den Terroristen auf blutige Weise, von den Hetzern schreiend, von anderen leise, von wieder anderen ungewollt.

Das scheinbare Ende der Aufklärung muss ihr Anfang sein

Die Spannungslinie dieser Zeit verläuft zwischen Autorität und Liberalität, zwischen Verachtung und Anstand. Auf den Anschlag von Berlin, gibt es keine konkrete politische Antwort, die heute hilft. Aber worum es geht, ist, die liberalen, humanen Kräfte in der Mitte zu sammeln und daraus eine gemeinsame Stärke zu schöpfen.

Wir brauchen eine Bewegung für unsere Gesellschaft, die frei und lebenswert ist. Machen wir es den Extremisten nicht so leicht, das zu zerstören. Lassen wir das Ende der Aufklärung nicht zu. Fangen wir die Aufklärung wieder an.

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Solarplexus - das ist das Geflecht „sympathischer Nervenbahnen" über unserer Magengrube. Wörtlich übersetzt heißt es Sonnengeflecht.

Licht und Aufklärung müssen unser Leib- und Magengefühl werden, sie müssen unsere Gesellschaft durchdringen. Und der Schwindel (sic!) ein Auftrag. Das scheinbare Ende der Aufklärung muss ihr Anfang sein.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Robert Habecks persönlichen Blog.

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