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27/08/2017 13:25 CEST | Aktualisiert 27/08/2017 13:25 CEST

Erfolgreiche Energiewende: Made in Kasachstan

RenatMansurov via Getty Images

Wer durch die Expo 2017 in Astana läuft, kann sich nur darüber wundern, wie sehr sich die Stadt verändert hat, seitdem sie 1997 zur Hauptstadt von Kasachstan wurde. Die Bezeichnung „post-sowjetisch" ist passé und wird der Stadt nicht gerecht.

Vorbild für Astana ist Dubai. Astana präsentiert vom Expo-Standort über die Pyramide des Friedens und der Eintracht bis zur Khazret-Sultan-Moschee, einer der größten Moschee Zentralasiens, stolz seine Ambitionen und seine Zuversicht.

Wenn man etwas anmerken wollte, dann vielleicht, dass Dubai noch immer einen Vorsprung hat, doch die Stadt Astana holt schnell auf und geht ihren eigenen Weg - und das sollte sie auch.

Abgesehen von seiner futuristisch anmutenden Architektur, gehört Kasachstan zu der Handvoll an Ländern, die der Welt Einblick gewähren, wie vollständige Energieeffizienz aussehen könnte. Mit der neuntgrößten Landfläche auf unserem Planeten und einer Bevölkerung von gerade einmal 18 Millionen Menschen ist das Land randvoll mit allem was mit der Energieerzeugung zu tun hat.

Es ist eines von nur zwei Ländern, in denen theoretisch alle Mineralien des Periodensystems der Elemente vorkommen. Das zweite Land ist die Demokratische Republik Kongo - die von dem belgischen Geologen René-Jules Cornet als „geologischer Skandal" bezeichnet wurde, als er Ende des 19. Jahrhunderts den Mineralreichtum des Landes entdeckte.

Nicht dass sich jemand in Kasachstan beschweren würde. Mit förderbaren Reserven von 13 Millarden Ölfässern ist Kashagan, mitten im kaspischen Meer, eines der größten Ölfelder, die in den vergangenen 30 Jahren entdeckt wurden. Öl, Gas, Kohle, Uran - wenn es um das Thema Energie geht, kann Kasachstan mit allem dienen.

Auch wenn andere Länder große Mengen an Öl oder Gas besitzen, haben diese aufgrund ihrer wachsenden Bevölkerung oft nur wenige Möglichkeiten, zu entscheiden, wie sie ihr Land mit Energie versorgen möchten. Angesichts der in Kasachstan in Hülle und Fülle vorhandenen natürlichen Rohstoffe und der relativ geringen Bevölkerungszahl, mit einer Bevölkerungsdichte von sechs Menschen pro Quadratkilometer, hat das Land die „Qual der Wahl". Ohne sich dabei allerdings quälen zu müssen.

Mit seiner windgepeitschten Steppe war das Land einst ein Ort des Schreckens für alle, die beim Zaren oder dem Politbüro der Sowjetunion in Ungnade gefallen sind. Heute ist der Wind eine wertvolle Ressource, die stärker genutzt werden sollte.

Mit etwas weniger als einer Million Einwohnern hat Astana eine wachsende, aber doch überschaubare Bevölkerung. In seinem Bestreben, sich von den Wüstenmonarchien am Golf abzugrenzen, könnte Kasachstan das Thema erneuerbare Energien weiter vorantreiben. Die Bezeichnung „erste nur mit erneuerbaren Energien versorgte Hauptstadt der Welt" geht einem leicht von der Zunge und ist bei weitem kein Hirngespinnst.

Den Wind, der kontinuierlich mit etwa acht Metern pro Sekunde um die Stadt herum weht, nutzend, könnte Astana dem Vorbild von Norwegen folgen, das mithilfe seines Ölreichtums eine nachhaltige Energiezukunft finanziert.

Mit seiner Strategie 2050 beabsichtigt Kasachstan mindestens 50 Prozent seiner Energie aus erneuerbaren und alternativen Energiequellen zu gewinnen. Die Expo bietet dem Land die Möglichkeit seine Ambitionen zu demonstrieren und verdeutlicht, mit welchem Ernst die Regierung dieses Ziel erreichen möchte.

Dabei unternimmt das Land mit der Eröffnung der Yereimentau Windfarm durch Samruk-Energo, das Teil des staatlichen Fonds ist, bereits Schritte in diese Richtung. Es ist auch schon von einer nächsten Phase die Rede.

Windenergie bedeutet auf Kohle zu verzichten, ohne dass die Lichter ausgehen. Die Lungen der Einwohner von Kasachstan werden es sicherlich danken. Das Land gehört zu den zehn Ländern der Welt mit den meisten Kohlenreserven und ist beim Verbrauch unter den Top 15. 87 Prozent der Elektrizität stammen aus fossilen Brennstoffen, nur 1 Prozent wird aus Wind- oder Solarenergie gewonnen. Dieses Verhältnis muss sich ändern.

Die Stadtentwicklung ist eine weitere große Herausforderung. Als ehemalige Sowjetrepublik gibt es in dem Land eine große Anzahl an unattraktiven, veralteten Plattenbauten und zahlreichen Bausünden. Doch der Ölreichtum des Landes könnte sich auch hier als Trumpf erweisen. Zwischen 2010 und 2015 verdiente Kasachstan mit seinen Bodenschätzen 160 Milliarden USD.

Dieses Geld könnte verwendet werden, um den Bildungssektor und das Gesundheitswesen zu verbessern. Zudem sollte man in die Steigerung der Energieeffiziens für die breite Masse investieren. Astana könnte als Vorbild dafür dienen, wie eine Stadt zu einem Organismus mit eigenem Stoffwechsel wird. Dabei könnte Smart Design zu einer erheblichen Reduzierung des Energieverbrauchs und der Energiekosten führen.

Das Verkehrsmanagement in Astana ist ein weiterer Bereich, der dringend überarbeitet werden muss. Die Regierung hat mit einem Schnellbahnnetz, das im kommenden Jahr seinen Betrieb aufnehmen soll, bereits erste Maßnahmen ergriffen. Die Stadt sollte stärker bei den „kostenlosen" Parkplätzen durchgreifen, durch die Milliarden an Einnahmen verloren gehen.

Während der Expo sagte Olzhas Sartayev, CEO von Astana Innovations, auf einer Konferenz, dass das Drängen auf Nachhaltigkeit eine große Herausforderung sei. Das gilt nicht nur für Astana, sondern auch für die anderen Städte des Landes.

Dieses Drängen auf Nachhaltigkeit wird auch dazu beitragen, die Probleme, die mit dem Klimawandel einhergehen, in den Griff zu bekommen. Astana könnte zum Vorreiter der Energie- und Stadtentwicklung des Landes werden, indem es neue Richtlinien und Methoden austestet, die anschließend im ganzen Land umgesetzt werden können.

Gelingt es den Behörden und der Bevölkerung die Bedeutung der Energieeffizienz, vor allem während der rauen Winter des Landes, zu vermitteln, kann bei schlechtem Wetter dringend gebrauchte Energie eingespart werden und, was noch wichtiger ist, ein Exempel für die künftige Generation statuiert werden. Die „neue Normalität" sollte Nachhaltigkeit heißen, Punkt.

Wichtig sind diesbezüglich der Erfahrungsaustausch und die Kenntnis anderer Theorien und Praktiken der Städteplanung, die über das sowjetische Denken hinausgehen. Inklusivere Ideen, wie ein am öffentlichen Nahverkehr orientierter Wohnungsbau, reduzieren nicht nur die Umweltfolgen, sondern steigern auch die Lebensqualität.

Wenn die Regierung von Kasachstan sich in den kommenden Jahren eine Frage zu Herzen nehmen sollte, dann ist es diese: Wie lebenswert sind unsere Städte? Eine smarte Energieauswahl, intelligentere Städteplanung und schärfere Regulierung können enorm dazu beitragen, die Lebensqualität zu erhöhen. Dieses Ziel kann und sollte die Regierung in Angriff nehmen.

Richard R. Dion war Fulbright Senior Specialist in Kasachstan und ist vor kurzem nach Deutschland zurückgekehrt. Er ist auch Direktor der Entwicklung des Brückenmuseums in San Francisco, dem weltweit ersten Museum, das strukturellen und konzeptionellen Brücken gewidmet ist.