BLOG
24/09/2016 07:56 CEST | Aktualisiert 25/09/2017 07:12 CEST

Erschreckende Entwicklung: Der krankhafte Narzissmus steigt bei Kindern und Jugendlichen unaufhaltsam an

Amy Guip via Getty Images

Der krankhafte wie der grenzwertige Narzissmus steigt bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen seit den Achtzigerjahren unaufhaltsam an, insbesondere in der westlichen Welt.

In der bedeutendsten Studie von Jean Twenge, Psychologieprofessorin an der San Diego State University, die mit ihrem Team von 1979 bis 2006 etwa 17 000 Studenten beobachtet und befragt haben, kann man klar feststellen, dass es über die Jahre am Narcissistic Personality Inventory (siehe Anhang) zu einem regelrechten Hinaufschnellen der Narzissmuswerte kam.

Im Jahr 2006 sind zwei Drittel der Studenten über dem Durchschnitt der Jahre 1979 bis 1985 - das ist eine 30-prozentige Zunahme. Der Anstieg der Narzissmuswerte geht einher mit einer ebensolchen Zunahme an Selbstbewusstsein, Durchsetzungskraft, Selbstwertgefühl und Extraversion.

Die Ursachen des Narzissmus waren bis vor wenigen Jahren umstritten. Ist er genetisch determiniert und bekommt man ihn schicksalhaft wie die Augenfarbe, die Körpergröße und den Haarausfall? Oder ist er erworben - durch Erziehung, Umstände oder eigene Erfolge?

Die Umwelt kann nur prägen, was von Natur aus da ist

Auf die Temperamente, die wie gesagt mit Narzissmus nichts zu tun haben, hat Erziehung bekanntlich relativ wenig Einfluss: Die Umwelt kann nur prägen, was von Natur aus - also genetisch bestimmt - schon da ist. Keine Erziehung kann ein cholerisches Kind phlegmatisch machen.

Sicherlich können Eltern aber ein melancholisches Kind durch übermäßige, ängstliche Kontrolle in die Zwanghaftigkeit treiben oder es andererseits durch eine klare und gelassene Erziehung lehren, mit seinem Temperament richtig umzugehen, um an Freiheit zu gewinnen.

Gleichermaßen können die Eltern das sanguinische Kind Wahrhaftigkeit und Nüchternheit lehren oder es andererseits durch übermäßige Bewunderung in die Selbstdarstellung treiben.

Der norwegische Psychologe Svenn Torgersen kommt nach Analyse aller vorhandenen Zwillings- und Adoptionsstudien zum Schluss, dass beim Narzissmus nur ein recht kleiner Anteil an Erblichkeit bestehen dürfte.

Temperament großenteils genetisch determiniert

Dieser kann schon allein wegen der enormen Zunahme in den letzten 25 Jahren nicht allzu groß sein. Gene ändern sich nicht so schnell - die gesellschaftlichen Einflüsse allemal.

Cloninger sieht das Temperament großenteils genetisch determiniert und damit als Konstante der menschlichen Persönlichkeit. Dort ist der Narzissmus bekanntlich nicht zu finden. Den Charakter hingegen definiert Cloninger als "what people make of themselves intentionally" - also was Menschen ganz bewusst aus sich selbst machen.

Das überzogene Selbstwertgefühl, die Neigung zur Fremdabwertung und die Selbst­immanenz sind bei Cloninger Teil des Charakters, also der Veränderlichkeit durch willentliche Selbstprägung durchaus zugänglich.

Cloninger zitiert in diesem Zusammenhang gern Immanuel Kant, der sagte: "Es kommt nicht auf das an, was die Natur aus dem Menschen, sondern was dieser aus sich selbst macht; denn das Erstere gehört zum Temperament (wobei das Subjekt größtenteils passiv ist), und nur das Letztere gibt zu erkennen, dass er einen Charakter habe."

In wenigen Punkten ist sich die Narzissmusforschung so einig wie in der Einschätzung, dass Narzissmus keine genetische Erbkrankheit ist - sondern großenteils erworben. Gut, man wird also nicht narzisstisch geboren. Aber wie wird man dann narzisstisch?

Freud und seine aufmüpfigen Schüler

Man kommt doch immer wieder auf Sigmund Freud, besonders beim Thema Narzissmus. Er unterschied einen »primären Narzissmus« beim Säugling von einem »sekundären Narzissmus« des Erwachsenen, der definitiv pathologisch, gesellschaftsschädlich und therapiewürdig ist.

Ersterer wird im Normalfall durch eine gesunde Mutter- und später Elternbindung überwunden, also durch Beziehung, der zweiten Dimension des Charakters. Freud sieht eine natürliche Tendenz des heranwachsenden und erwachsenen Menschen, in den sekundären, pathologischen Narzissmus hineinzukippen.

Dabei - so Freud - zieht der Mensch seine sexuelle Energie von äußeren Objekten (also von anderen Menschen, vom Du) wieder ab und richtet die Libido erneut auf sich selbst. Anders ausgedrückt: Freud sieht im Narzissmus in Eigenliebe umgelenkte Libido, die mit dem Verlust der Liebesfähigkeit zu anderen Menschen einhergeht.

Dieser Zustand ist bei Freud ein beklagenswerter Rückschritt ("Regression"). Das Konzept des primären Narzissmus deckt sich interessanterweise mit der Beobachtung praktisch aller Weltreligionen, dass dem Menschen von Anfang an ein natürlicher Hang zur gesteigerten Selbstliebe innewohnt.

Affenliebe der Eltern und Bezug zum primären Narzissmus

Sigmund Freud philosophierte schon 1914 in seinem epochalen Werk Zur Einführung des Narzissmus mit brillanter Phänomenologie über die Affenliebe mancher Eltern und setzte sie in Bezug zum primären Narzissmus (Originaltext zwecks besserer Lesbarkeit gekürzt):

"Wenn man die Einstellung zärtlicher Eltern gegen ihre Kinder ins Auge fasst, muss man sie als Wiederaufleben des eigenen Narzissmus erkennen. Das gute Kennzeichen der Überschätzung beherrscht, wie allbekannt, diese Gefühlsbeziehung. So besteht ein Zwang, dem Kinde alle Vollkommenheiten zuzusprechen, wozu nüchterne Beobachtung keinen Anlass fände, und alle seine Mängel zu verdecken und zu vergessen.

Es besteht aber auch die Neigung, alle kulturellen Erwerbungen, deren Anerkennung man seinem Narzissmus abgezwungen hat, vor dem Kinde zu suspendieren und die Ansprüche auf längst aufgegebene Vorrechte bei ihm zu erneuern.

His Majesty the Baby, wie man sich einst selbst dünkte. Es soll die unausgeführten Wunschträume der Eltern erfüllen, ein großer Mann und Held werden anstelle des Vaters, einen Prinzen zum Gemahl bekommen zur späten Entschädigung der Mutter. Der heikelste Punkt des narzisstischen Systems, die von der Realität hart bedrängte Unsterblichkeit des Ichs, hat ihre Sicherung in der Zuflucht zum Kinde gewonnen."

Wir werden noch sehen, dass seine Einschätzung nach vielen Irrwegen von der empirischen Forschung des 21. Jahrhunderts wiederentdeckt wurde.

"His Majesty the Baby" - da haben wir ein humorvolles Freud-Zitat, das bis heute die Runde macht. Den Text kann man als Problematisierung und Pathologisierung normaler elterlicher Liebe verstehen, aber auch einen Hinweis auf elterliche Überbewertung des Kindes herauslesen. Die spätere Psychoanalyse ging jedoch andere Wege.

Narzissmus des Kindes ist Verteidigungsreaktion

Der österreichisch-amerikanische Analytiker Otto F. Kernberg gründete eine Tradition, der die meisten Analytiker folgten. Er stufte die Eltern des Narzissten als kalt, streng oder sogar feindselig ein und erklärte den Narzissmus des Kindes als Verteidigungsreaktion.

Die lieblosen Eltern können bei dieser Theorie vom Kind nicht idealisiert werden, sodass das Kind sich nicht mit ihnen identifiziert; damit versäumt es die Gelegenheit, zu reifen und zu erstarken und über die ursprüngliche naive Grandiosität hinauszuwachsen; das narzisstische Kind bleibt auf sich allein gestellt.

Heinz Kohut hingegen, ein anderer US-Psychoanalytiker österreichischer Herkunft, vermutete, dass die Eltern des Narzissten es versäumen, dem Kind ein gesundes Maß an Frustration zuzumuten, die ihm hilft, aus der kindlichen Grandiosität nach und nach zu einem realistischen Selbstbild zu finden.

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png

Der US-Psychologe Theodore Millon wiederum - immerhin 2008 von der amerikanischen Psychologenvereinigung mit dem "Gold Medal Award For Life Achievement" ausgezeichnet - postulierte, dass Narzissten von ihren Eltern daran gewöhnt worden seien, von anderen Menschen Ergebenheit erwarten zu dürfen.

Hinsichtlich der Frage, ob elterliche Überbehütung und Bewunderung die Entstehung narzisstischer Persönlichkeitsstörungen begünstigen oder im Gegenteil verhindern, sind sich die Analytiker bis heute weitgehend uneinig.

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch "Männlicher Narzissmus. Das Drama der Liebe, die um sich selbst kreist" von Dr. Raphael M. Bonelli. Es ist erschienen beim Verlag Kösel.

Hier könnt ihr das Buch bei amazon kaufen.

2016-09-22-1474534504-7509597-Cover_Bonelli_Maennlicher_Narzissmus_168948.jpg

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2016-07-11-1468249306-1333267-umfrage.jpg

Hier geht es zur Umfrage.

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.