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01/02/2017 10:04 CET | Aktualisiert 02/02/2018 06:12 CET

Am meisten sorge ich mich um das Leben unserer Senioren

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Seit drei Jahren steht der Unternehmer Albert Duin dem bayerischen Landesverband der FDP vor. Seine Wahl war damals eine faustdicke Überraschung. Der 63-Jährige hat sich seither mit seinem konsequenten Einsatz für die Meinungsfreiheit einen Namen gemacht.

Unter anderem fuhr er zur saudischen Botschaft nach Berlin, um einen Teil der Peitschenhiebe für den verurteilten saudischen Blogger Raif Badawi zu übernehmen. Seine größte aktuelle Sorge gilt jedoch der demografischen Entwicklung. Ramin Peymani sprach mit dem verheirateten Vater von zwei Söhnen und einer Tochter.

Herr Duin, Sie führen den Landesverband der FDP in Bayern seit 2013. Ihre Wahl galt damals als faustdicke Überraschung, als Sieg eines Newcomers über das politische Establishment. 2015 wurden Sie wiedergewählt. Sind Sie nun auch Teil des Establishments?

Albert Duin: Ja, verrückte Geschichte. Sicher bin ich zu einem ganz kleinen Teil vereinnahmt worden, aber der Rebell in mir wehrt sich permanent dagegen. Ich habe einige Zeit gebraucht, um zu lernen wie man politische Ansichten artikuliert und durchsetzt. Dabei hat mir aber meine Erfahrung in meinen eigenen Betrieben sehr geholfen. Zuhören, nachdenken, eigene Ideen einfließen lassen und daraus eine politische Haltung entwickeln, ohne seine Überzeugungen über Bord zu werfen.

Sie haben sich in der FDP den Ruf eines konsequenten Liberalen erworben. Dennoch sehen Sie sich immer wieder Anfeindungen sogenannter Linksliberaler ausgesetzt. Hand aufs Herz: Wie viel Spaß macht die Arbeit als Landesvorsitzender da noch?

Albert Duin: Auch ich bin ein Mensch mit Harmoniebedürfnis. Klar macht es mir zu schaffen, wenn ich Kritik an meiner Einstellung und meiner Haltung höre. Dann ist es am besten, wieder in die Partei einzutauchen und mal rumzuhören, wie denn die Basis, auf die ich große Stücke halte, so denkt. Meistens sieht dann vieles anders aus, als von den Kritikern, die glauben die Meinungshoheit zu besitzen, gedacht. Viele Parteimitglieder denken der Vorsitzende müsste alle Meinungen vertreten und seine eigene Meinung zurückstellen. Das kann und will ich nicht. Ich sage immer wieder zu den Menschen um mich herum: Wer nach allen Seiten offen ist, ist nicht ganz dicht. Nichts desto trotz vergaloppiere auch ich mich manchmal, dann habe ich auch kein Problem damit Fehler einzugestehen. Also klare Antwort zur Frage ob es noch Spaß macht: Ja. Manchmal könnte ich einige Leute an die Wand klatschen, aber die mich sicher auch.

Als erfolgreicher mittelständischer Unternehmer haben Sie bereits eine beachtliche Vita vorzuweisen. Was hat Sie bewogen, sich ehrenamtlich in der führenden Politik zu engagieren? Oder etwas salopp gefragt: Warum tun Sie sich das an?

Albert Duin: Meine Beweggründe sind ganz einfach. Ich merke, dass in der Politik vieles schief läuft. Da sitzen so viele Theoretiker in den Reihen der Parlamente, die sich überhaupt keine Gedanken über Ihre Entscheidungen machen bzw. es fehlt ihnen an praktischer Erfahrung. Am schlimmsten ist für mich die Gleichgültigkeit der Abgeordneten die einfach abstimmen nur weil die Führungsspitzen der Partei es so wünschen. Unverantwortlich finde ich so etwas. Ich will etwas bewegen. Und zu Ihrer zweiten Frage: Es macht mir höllischen Spaß, etablierte Politiker vorzuführen.

Eines Ihrer Steckenpferde ist die Gesundheitspolitik. Sie machen sich dabei auch Gedanken über eine immer älter werdende Gesellschaft. Wo sehen Sie die größten Herausforderungen? Was müssen wir als Gemeinschaft tun, um unser Land fit für den demografischen Wandel zu machen?

Albert Duin: Ich habe viele Steckenpferde. Eine gesunde Wirtschaftspolitik, ausgezeichnete Bildung - und hier spreche ich nicht von Fachidiotie, sondern von Allgemeinwissen, das im heutigen Schulsystem vollkommen auf der Strecke bleibt -, Bürokratieabbau (speziell zu dem Thema kann ich mittlerweile Bücher schreiben), Meinungsfreiheit, Bürger- und Menschenrechte und so weiter.

Um aber mal ein Thema herauszustellen, über das ich bisher zu wenig Worte verloren habe: Der Abschnitt des Lebens, um den ich mich am meisten sorge, ist das Leben unserer Senioren. Klar, die Gesellschaft hat sich verändert. Meistens haben Kinder nicht mehr die Möglichkeiten ihre Senioren selber zu betreuen oder zu pflegen. Dafür gibt es viele Gründe. Fehlende finanzielle Mittel, Platzmangel, keine Zeit, weil der eigene Lebensunterhalt verdient werden muss, fehlende Pflegequalifikation, teilweise auch rein egoistische Gründe. Durch moralistische Eingebungen lässt sich dies nicht verändern. Also müssen Seniorenresidenzen her.

Fast drei Millionen Menschen sind aktuell über 80 Jahre alt, deutschlandweit leben rund 2,46 Millionen Menschen in 11.000 Pflegeheimen - Tendenz steigend. Bis zum Jahr 2030 wird der Bedarf an Pflegeheimen um 50 % wachsen. Außerdem werden ca. 20.000 ambulante Pflegedienste am Markt bestehen, die ebenfalls eine steigende Nachfrage verzeichnen. Der Berufsstand der Altenpfleger ist allerdings unterbezahlt, stressig und körperlich belastend. Bei vielen ist nach gewisser Zeit auch die Psyche angeknackst. Die Fluktuation unter den Beschäftigten ist aus den genannten Gründen sehr groß. Die Anerkennung in der Gesellschaft, gelinde gesagt, einfach miserabel.

Hier muss etwas getan werden. In den Heimen fehlt es an qualifiziertem Personal, teilweise an altengerechten Einrichtungen und Hilfsmitteln, an Betreuung und am so wichtigen menschlichem Zuspruch. Das liegt oft an der zu dünnen Personaldecke und am Zeitmangel der Pflegekräfte. Minutentaktung bei der Wäsche und beim Ankleiden der Alten - das ist doch menschenunwürdig! Immer wird von Solidarität geredet, doch wo ist der Zusammenhalt der Gesellschaft, wenn es um die Senioren geht? Klar müssen wir nach vorne schauen, um uns weiterzuentwickeln, aber haben wir vergessen, dass diese Generation unseren Wohlstand erst möglich gemacht hat? Ich mache mir Sorgen.

Für die FDP geht es in diesem Jahr um alles. Was muss sich bis zum 24. September noch tun, damit die Partei weniger stark um den Einzug in den Bundestag zittern muss? Welche Weichen können Sie in Bayern dazu konkret stellen?

Albert Duin: Bayern ist ein sehr starkes Bundesland. Wir bayerischen Freien Demokraten kämpfen für die gesamte FDP. Was uns noch fehlt, sind Bühne und Reichweite. Es ist verständlich, dass nicht alle existierenden Parteien medial die gleiche Aufmerksamkeit bekommen, aber ich denke, das wird sich zumindest für die FDP im Laufe des Wahlkampfes noch ändern. Wir Bayern werden im März unsere Liste aufstellen. Dabei ist es wichtig ein ausgewogenes Verhältnis jung zu alt und zwischen den verschiedenen Politikfeldern und deren Akteuren in der Partei herzustellen. Mit dieser Reihung, die mit ziemlicher Sicherheit von Daniel Föst, unserem hervorragendem Generalsekretär, angeführt werden wird, und alle Bereiche der Politik umfasst, werden wir dann richtig loslegen.

Herr Duin, ich danke Ihnen für das Gespräch.

 

Lesen Sie mehr von Ramin Peymani in der Liberalen Warte. Sein aktuelles Buch "Das Grauen" ist im Handel erhältlich.

Das Grauen

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