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19/04/2016 12:20 CEST | Aktualisiert 20/04/2017 07:12 CEST

Der integrierte Muslim

Eugenio Marongiu via Getty Images

„Wir müssen dafür sorgen, dass die Menschen sich nicht fremd fühlen im eigenen Land", so Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier. Ein Satz, der Mut machen soll.

Bouffier möchte den deutschen Bürgern, die Angst nehmen und so Symphatie für die CDU gewinnen. Die CDU sei eine Partei, die immer noch an ihren Werten festhält. Der darauffolgende Satz sorgt aber für alles andere, als mir Mut zu machen, lieber Ministerpräsident!

Der klare Kurs, der nach Bouffier gefahren werden muss, lautet: Wir sind kein islamisches Land und werden auch keins!

Was ist denn dieses "islamische Land?"

Jetzt stelle ich mir die Frage, was ist denn dieses sogenannte „islamische Land"? Sprechen wir an dieser Stelle von einem politisch motivierten, barbarischen Regime, wie zum Beispiel dem Islamischen Staat (IS)?

Denn wenn wir davon sprechen, dann stimme ich Ihnen vollkommen zu, Herr Bouffier! Wir werden nie ein Land sein, das Terrroristen, Salafisten oder Radikalität in irgendeiner Form unterstützt. Nein, wir wollen nicht mehr dahin zurück, wo wir einmal aus Trümmern aufgestiegen sind.

Die Akteure

in diesem „Islamischen Staat" sind keine Muslime. Das sind Mörder, Terroristen und

Schänder.

An dieser Stelle wäre es aber unangebracht von einer Religion zu reden, denn die Akteure in diesem „Islamischen Staat" sind keine Muslime. Das sind Mörder, Terroristen und Schänder.

Wenn nicht eine terroristische Gewalt damit angesprochen wird, ist dann von einem Staat, wie Saudi Arabien, mit sogenannten „islamischen Gesetzen" die Rede? Ein Land, das kaltherzig Gesetze erlässt, mordet und wirtschaftliche, sowie politische Ziele unter dem Deckmantel des Islam verfolgt? Von einer Scharia spricht, als wäre das gedrucktes Gesetz und von Gott persönlich legitimiert?

Oder spricht er von einem „islamischen Land", in dem die Mehrheit von den Muslimen gebildet wird? Mit dem Flüchtlingsstrom sind tausende Muslime nach Deutschland gekommen, in der Hoffnung hier in Europa, in Deutschland, ein neues Leben aufzubauen. Von vorne zu beginnen. Sprechen sie von diesen Menschen, Herr Bouffier?

Wenn Sie so eine Aussage machen, denken sie an die zirka vier Millionen Muslime, die auch ein Teil von Deutschland sind? Der Prozentanteil der Muslime liegt in Deutschland immer noch bei einer Minderheit. Ist es richtig, eine Minderheit auszuschließen, wenn es um Wohlgefallen in Deutschland geht?

Integration ist nicht gleich Assimilation

Wovon spreche ich, wenn ich von „Deutschen" in Deutschland rede? Gehöre ich als muslimisches Mädchen mit Migrationshintergrund, geboren in Deutschland, mit deutschem Pass und Studentin an einer deutschen Universität nach Deutschland? Immer wieder hört man in der Politik das Wort „Integration". Integration ist überall und bei jedem groß geschrieben.

„Aber ganz wichtig sei es, die Sprache zu können, aber hallo!", hört man die Leute an der Straßenecke murmeln. Wenn ich mit meinem Kopftuch in den nächsten Supermarkt gehe, kommt es immer wieder zum Blickaustausch und grimmigem Gesicht verziehen.

Doch oh weh, was ist denn das? Dieses Mädchen mit Kopftuch, das so komisch fremd aussieht, das kann ja deutsch. Bei intensiverem Gesprächsaustausch erfährt man auch, dass sie Germanistik studiert. Die nächste Fangfrage: Aber wieso trägst du dann Kopftuch?

Ein riesiges Missverständnis, das in vielen Köpfen mittlerweile festgefahren und unveränderlich erscheint, ist das Thema Integration. Häufig kommt es zur Gleichsetzung von Integration und Assimilation. In einer Demokratie, wie in Deutschland, sollte es möglich sein, die Religion, die Kultur, dementsprechend die eigenen Interessen und Vorlieben ungehindert auszuleben.

Eine völlige Anpassung an eine Kultur ist für mich keine Integration! Ja, die Sprache ist wichtig. Doch der ein oder andere spürt in dieser Debatte keine Empathie. Jemand, der die arabische, türkische oder irgendeine Sprache von Kindheit auf erlernt hat, plötzlich in ein anderes Land, mit einer völlig anderen Sprache kommt, stößt anfangs auf viele Schwierigkeiten.

Ein Mensch kann bis zu seinem vierzehnten Lebensjahr, eine Sprache akzentfrei erlernen, danach wird es schwierig. Eine Person, die nun mit Mitte oder Ende dreißig nach Deutschland kommt, wird auch gerne die Sprache lernen wollen. Ob das auf Anhieb funktioniert, ist eine andere Sache.

Bin ich nur deutsch, wenn ich mein Kopftuch ablege?

Bin ich nur deutsch, wenn ich mein Kopftuch ablege? Wenn ich ausgelassen feiern kann? Wenn ich trinke? Bin ich deutsch, wenn ich zum Christentum konvertiere oder die Religion ganz vergesse? Gehöre ich dazu, wenn ich aufhöre, mich für meine Religion einzusetzen? Wenn ich nicht mehr türkisch auf der Straße spreche? Wenn ich nicht mehr Putin unterstütze und Amerika anhimmle? Wie kann ich ein „integrierter Muslim" für euch sein?

Diese Fragen gehen nicht an eine Partei oder eine Strömung, die gegen eine „Islamisierung" ist. Diese Fragen gehen an meine deutschen Mitbürger.

Sind wir mittlerweile nicht mehr so tolerant, dass wir von der Kulturenvielfalt profitieren wollen? Wollen wir uns verschließen vor dem „Unbekannten"? Oder wollen wir diese Mauer aus Angst, Wut und Hass endlich herunter reißen und zusammen „Deutschland" sein?

Lasst uns zusammen die Demokratie, die Religionsfreiheit und die Toleranz aufrechterhalten! Wohin führt das denn, wenn wir eine Partei unterstützen, die laut verkündet: Der Islam ist nicht mit dem Grundgesetz vereinbar! Aber halt, der integrierte Muslim ist es schon.

Frauke Petry, möchte „integrierte" Muslime sehen. So liebe AfD, bin ich integriert genug?

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Dieses Land möchte den Islam als offizielle Staatsreligion abschaffen

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